Mythen des Alltags

20.15 Uhr

Wie eine Uhrzeit unsere Medien-Gewohnheiten geprägt hat

Von Bettina Schröm


Wer diese Uhrzeit liest, denkt ans Fernsehen. Wir können nicht anders, zumindest diejenigen nicht, die vor »Netflix« und »Youtube« geboren wurden. 20.15 Uhr, da beginnt der »Tatort«. Spätestens da hatte man als Kind aus dem Wohnzimmer verschwunden zu sein, außer natürlich am Samstag, wenn man frisch gewaschen teilhaben durfte am Ereignis der Woche: der Samstagabend-Show. Auf diesen Moment war der Alltag getaktet, das Abendessen war erledigt, das Geschirr weggeräumt.

Eigentlich kurios, diese unrunde Zeit. Schuld an allem sind die 20-Uhr-Nachrichten, die ihrerseits ihren Beginn jahrzehntelang mit tickendem Zeiger pünktlich auf die Sekunde zelebriert haben. Dennoch: 20 Uhr ist nur eine Uhrzeit, 20.15 Uhr ein deutscher Fernseh-Mythos, der die Franzosen einst bei der Gründung des gemeinsamen Fernsehsenders »arte« sehr irritiert haben soll. Man könne in Deutschland keinen Spielfilm um neun Uhr beginnen lassen, so das Argument der deutschen Redakteure. Da sei das Publikum schon vergeben. Die Franzosen haben verständnislos die Köpfe geschüttelt und geschmunzelt. Diese Deutschen. Schauen sogar pünktlich fern. Soziologen könnten vermutlich untersuchen, wie sehr dieser flächendeckende Beginn des Fernseh-Hauptprogramms deutsche Gewohnheiten und Rituale geprägt hat.

Doch der Mythos verschwindet. Wer streamt, schaut, was er möchte, wann er möchte. Verschwinden werden damit bis auf wenige Ausnahmen auch jene grandiosen kollektiven Fernseh-Erinnerungen: stundenlange Quizsendungen, unglaublich kitschige Weihnachtsserien, Sportereignisse und natürlich jener »Tatort«, letztes Highlight im Wochenende der Erwachsenen. Ja, das WM-Finale, das werden wir noch alle gleichzeitig anschauen und zwar »public«, im großen Stil. Das meiste andere eher nicht. Und unsere Enkel werden mit dieser Uhrzeit vermutlich nichts Besonderes mehr anzufangen wissen.

Dabei geht gleichzeitig ein weiteres Kuriosum verloren: die Illusion einer Gemeinschaft, die alleine auf dem heimischen Sofa stattfindet. Ältere kennen es vielleicht, dieses Gefühl, wenn man vom Fernsehprogramm auf ein Video wechselt: nicht mehr »dabei« zu sein. Egal auf welchem Kanal, fernsehen, das fühlt sich irgendwie echter an, irgendwie doch »live«. Und in wenigen Ausnahme-Momenten war das ja auch so, nämlich dann, wenn eine Nachricht von so großer Wichtigkeit war, dass alle Programme ihretwegen unterbrochen wurden.

Wer jedenfalls in einem Bus sitzt oder in einer U-Bahn oder tatsächlich im Wohnzimmer einer Durchschnittsfamilie und sieht, wie jedes Familienmitglied auf einen eigenen kleinen Bildschirm starrt, in sich versunken, ohne die anderen auch nur eines Blickes zu würdigen, dem wird der gemeinsame Beginn des Fernsehabends um 20.15 Uhr fast wie eine kulturelle Errungenschaft erscheinen, ein soziales Eldorado: geteiltes Programm, geteilte Aufmerksamkeit, geteilte Chips.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 11, Herbst 2017