Essay

Argumenten auf der Spur

Über Logik und Sinnerzeugung des Visuellen

Von Silke Vetter-Schultheiß


In welcher Verbindung stehen Visuelles und Rhetorik, wenn von einer »Visuellen Rhetorik« die Rede ist? Kann das Visuelle rhetorisch sein und das Rhetorische visuell? Besitzt das Visuelle eine eigene Rhetorik oder unterstützt es lediglich die sprachliche? Das Fazit der Diskussion über »Die Evidenz des Visuellen als Argument« lautete: Eine Möglichkeit, sich diesem Problem zu nähern, besteht darin, den Begriff des Arguments näher in Augenschein zu nehmen.

Zuerst stellt sich die Frage nach den Spezifika des Visuellen. Der Kunsthistoriker Gottfried Boehm bringt dessen Andersartigkeit gegenüber der Sprache präzise zum Ausdruck: »Die Macht des Bildes bedeutet: zu sehen geben, die Augen zu öffnen. Kurzum: zu zeigen[1] Volker Friedrich, Herausgeber von »Sprache für die Form«, beschreibt diese größere Unmittelbarkeit in anderen Worten: Für ihn »spricht sich [das Visuelle] nicht aus, sondern spricht an«[2], es eröffnet damit meist einen weiteren Interpretationsraum als es der Sprache gegeben ist.

Doch bedingt diese Direktheit auch eine »eigene Weise der Sinnerzeugung«[3], und wenn ja, auf welche Art und Weise? Dafür soll zunächst geklärt werden, ob Bildern eine eigene Logik zukommt.

Logik ist traditionell »als Teilgebiet der Philosophie an formale Ausdrücke und Regeln gebunden, die Bildern gerade nicht eigen sind«[4]. Ein weit gefasster Logikbegriff könnte hier weiterhelfen. Gottfried Boehm definiert »Visuelle Logik« als »konsistente Erzeugung von Sinn aus genuin bildnerischen Mitteln«[5]. Sie verfährt zwar nicht prädikativ und richtet sich nicht nach dem sprachlichen Aufbau, so der Kunsthistoriker; sie erfolgt über die Wahrnehmung. Dennoch können Teilaspekte eines eng gefassten Logikbegriffs für eine »Visuelle Logik« in Anschlag gebracht werden, argumentieren die Technikhistorikerin Martina Heßler und der Medienwissenschaftler Dieter Mersch: Das Visuelle kann argumentieren oder beweisen. Diese Sichtweise, die dem Visuellen eine eigene Logik zuschreibt, geht daher auch davon aus, dass diesem eine eigene »epistemische Struktur« innewohnt. Dies meint »ein Strukturelles, das als eine Ordnung des Zeigens ausbuchstabiert wird, wobei wiederum der Begriff der ›Ordnung‹ auf eine Grenze verweist, die dem Bildlichen besondere Fähigkeiten sowohl zuspricht als auch abspricht«[6]. Das Visuelle, als Teil des Erkenntnisprozesses verstanden, formt, ordnet und erzeugt demnach Wissen; gleichzeitig kommuniziert es dieses auch.[7]