Mythen des Alltags

Das Schlüsselloch

Ein Blick darauf, anstatt hindurch

Von Christina Müller


Ein einsamer Raum, Langeweile, während des Wartens. Einzig das große Schlüsselloch an der Tür sorgt für Abwechslung. Groß genug, dass bequem ein Finger hindurchpasste, gewährt es den Blick auf die Außenwelt, auf die Lichtspiele an den Wänden, ab und an sind Menschen im Vorbeigehen zu erkennen. Doch was genau auf der anderen Seite der Türe passiert, bleibt dem Wartenden verborgen, denn trotz des außergewöhnlich großen Schlüssellochs sieht man nicht alles. Ein Gedanke wiederholt sich: »Wie groß der Schlüssel für dieses Schlüsselloch sein muss …«

Dem allgemeinen Sprachgebrauch nach wird der Begriff »Schlüsselloch« als Bezeichnung für ein mechanisches Schloss verwendet, obwohl es eigentlich nur das Loch für den Schlüssel im mechanischen Schloss ist. Schlüssellöcher gibt es in allen Größen und Formen, in Türen, Schubladen, Schränken, Truhen und in Schlössern. Zu jedem Schlüsselloch gibt es den passenden Schlüssel. Es wird in Verbindung gebracht mit dem Öffnen und Verschließen von Truhen und Türen, mit der Sicherheit, die ein verschlossenes Schloss mit sich bringt.

Schon immer barg das Schlüsselloch für Menschen eine gewisse Faszination. Das Schlüsselloch offenbart Geheimnisse für den, der heimlich den Blick hindurch wagt. Im Kindesalter schaut man, obwohl es verboten ist, durch das Schlüsselloch, um zu sehen, ob das Christkind kommt. Für den Wartenden ist der Blick durch das Schlüsselloch die Abwechslung und die einzige Verbindung zu einer Außenwelt. Gibt man »Schlüsselloch« in eine Internetsuchmaschine ein, erscheinen schnell zahlreiche Ergebnisse mit erotischem Kontext. Das Schlüsselloch symbolisiert also auch voyeuristische Gedanken und Spioniererei. Die englischen Übersetzung »keyhole« verweist auf US-amerikanische Spionagesatelliten; der Name bezieht sich auf die Geheimhaltung der Satellitenbilder.

Das Schlüsselloch taucht häufig in der Literatur auf und wird dort metaphorisch eingesetzt. Auch Filmemacher greifen auf das Schlüsselloch in Kameraeinstellungen zurück, um dem Zuschauer den exklusiven Blick auf eine Szene zu gewähren.

Es ist also völlig gleichgültig, ob Häuser oder Autos zunehmend mit elektronischen Verriegelungen ausgestattet werden, bei denen es keiner Schlüssellöcher bedarf: Das Schlüsselloch wird weiterhin als Metapher für mysteriöse und geheimnisvolle Dinge Verwendung finden.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 7, Herbst 2015