Mythen des Alltags

Der Wecker

Eine tickende Zeitbombe mit »Snooze-Funktion«

Von Ayanna Baldeo


Piep. Piep. Piep. Ganz lang­sam dringt das nerv­tö­ten­de Signal ins Unter­be­wusst­sein. Die Sin­ne erwa­chen schlep­pend. Plötz­lich wird die Ursa­che erkannt: der Wecker. Auf­ste­hen? Kei­ne Lust. Zum Glück gibt es die »Snoo­ze-Tas­te«. Sie teilt die Men­schen in zwei grund­ver­schie­de­ne Arten: Es gibt die­je­ni­gen, die sofort auf­ste­hen, wenn der Wecker klin­gelt, und die­je­ni­gen, die den Start in den Tag immer wie­der hin­aus­schie­ben.

Vie­le ver­schie­de­ne Arten von Weckern wer­den am Markt ange­bo­ten, die Her­stel­ler haben ihrer Fan­ta­sie, was Far­be, Form und Akus­tik angeht, frei­en Lauf gelas­sen. Lei­der ändert es nichts an dem chro­ni­schen Pro­blem, das Lang­schlä­fer mit dem frü­hen Auf­ste­hen haben. Wahr­schein­lich haben Men­schen aus die­sem Grund die­se Schlum­mer­tas­te erfun­den, auch Snoo­ze-Tas­te genannt. Wie man sie nennt, ist egal, wich­tig ist: Die­se Tas­te spielt eine sehr wich­ti­ge Rol­le im Leben vie­ler Men­schen, hilft ihnen, lang­sam auf­zu­wa­chen und aus dem kusch­li­gen Bett her­aus­zu­kom­men. Sie und ihr Gerät sind offen­bar sogar so wich­tig, dass der Wecker auch in unse­rer Online-Kom­mu­ni­ka­ti­on sei­nen Platz gefun­den hat, ob als Meme oder Hash­tag.

»Ich stel­le in mei­nem Han­dy gleich drei Wecker im Abstand von zehn Minu­ten ein. Ich ste­he dann natür­lich immer mit dem letz­ten Wecker auf«, schreibt dazu jemand auf Twit­ter. Ein Ande­rer muss eigent­lich erst um sechs auf­ste­hen, stellt den Wecker aber schon um fünf Uhr, um dann alle zehn Minu­ten die Schlum­mer­tas­te zu drü­cken.

Piep. Piep. Snoo­ze. »Ach, er nervt!«

Ja, schon klar. Er macht nur sei­nen Job, damit wir etwas mit unse­rem Tag anfan­gen. Das ist selbst für ein Gerät, das tech­nisch auf dem neu­es­ten Stand ist, nicht ein­fach. Jeden Mor­gen fünf Wecker klin­geln zu las­sen, dürf­te eine Tor­tur sein. Aber Mor­gen­muf­fel machen sol­chen Quatsch nicht, weil es ihn Spaß macht, son­dern nur, um beim Auf­wa­chen das schö­ne Gefühl der Erleich­te­rung zu haben, dass es ja noch gar nicht soweit ist. Man könn­te sich weit aus dem Fens­ter leh­nen und sagen, dass die Snoo­ze-Tas­te dem Men­schen auch ermög­licht, das zu behal­ten, was ihm am wich­tigs­ten ist: die Kon­trol­le über sein Leben. Denn wie oft der Wecker auch klin­gelt, wann man dann wirk­lich auf­steht, wird immer noch von einem selbst bestimmt.

Piep. Aus. »Jetzt auf­ste­hen, aber wirk­lich!«


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 12 und 13, Herbst 2018