Mythen des Alltags

Die Socken

Auch für Kopfmenschen unverzichtbare Begleiter

Von Friederike Lorenz


Sie treten stets als Paar auf, folgen einander auf Schritt und Tritt. Der eine ist ohne den anderen wertlos. Sie sind stille Helden des Alltags, so alltäglich, dass es der Magie eines Harry Potter bedarf, um uns wieder klarzumachen, dass in ihrer Simplizität Genialität steckt und sie uns Freiheit, Sicherheit und mehr als warme Füße schenken können.

Das Wort »Socke« hat sich vom lateinischen »soccus« abgeleitet, das einen leichten Schuh beschreibt, der vor allem von römischen Schauspielern getragen wurde. Es gibt nicht viele Gegenstände, die seit Jahrhunderten dem täglichen Leben so nahe sind und sich dabei in ihrer Form so wenig verändert haben wie die Socken. Im Kleiderschrank gleicht die Socke dem Nautilus, dieses fossiliengleiche Meeresgeschöpf im Schneckenhaus, fast unverändert seit seiner Entstehung vor Millionen Jahren. Sogar ihre Form erinnert an das tunnelartige Gehäuse, in das sich das Tier wie auch unsere Füße zurückziehen können.

Apropos Kopffüßler: »Fara« und »Fu« heißen zwei Strumpfpuppen, mit deren Hilfe an manchen Grundschulen Kinder lesen lernen. Ja, selbst im Kampf gegen den Analphabetismus kommt die wunderbar wandelbare Socke zum Einsatz. Wer A sagt, muss auch B sagen – und wo L drauf steht, muss es auch ein R geben.

Heutzutage gibt es die verrücktesten Sockenvariationen: Stopper-Socken, Seidenstrümpfe, Zehensocken, Barfußschuhe, Probiersöckchen aus Nylon, Exemplare aus Plüsch, aus Baumwolle, aus Kaschmir und selbst gestrickt. Es gibt sie in unterschiedlicher Länge: Füßlinge, kurze Socken, Tennissocken, Stützstrümpfe, Kniestrümpfe, Strümpfe mit Strumpfband oder Strumpfhosen. Es gibt sie für jeden Anlass und jede Gemütslage. Immer sind sie für uns da und schenken uns saubere, warme Füße in der Farbe unserer Wahl.

Trotzdem denken wir fast nie über unsere Socken nach. Wie alles Angenehme, das uns selbstverständlich geworden ist, nehmen wir auch unsere Socken erst dann zur Kenntnis, wenn etwas schief läuft: Löcher, Laufmaschen, eindringende Feuchtigkeit. Aber am schlimmsten ist es, wenn nach der Wäsche auf einmal eine Socke ihren Partner verloren hat. Meist trifft dieses Schicksal ausgerechnet unsere Lieblingsstrümpfe. Die bunten mit den Teddybären, die nur dann angezogen werden, wenn man es sich daheim gemütlich macht. Hat die Einzelsocke Glück, wird sie vielleicht noch als Handyhülle »upgecycelt« – jede andere fristet den Rest ihres Daseins in finsteren Ecken von Schränken oder Lumpensammlungen.

Haben sie das verdient? Nein. Doch die Socke ist ein bescheidenes Wesen, das keine großen Ansprüche stellt. Ab und zu einmal durchgewaschen zu werden, reicht ihr. Dabei sind wir gerade erst dabei, ihr volles Potenzial zu entdecken. Im Rahmen der Smart-Home-Fortschritte werden derzeit auch Socken entwickelt, die durch Sensoren die Schritte ihrer Träger analysieren, um zum Beispiel Fehlstellungen auszugleichen oder Stürze zu verhindern.

Sie sind unverzichtbar.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 10, Frühjahr 2017