Mythen des Alltags

Die Sprühfarbe

Von Farbpartikeln und Ideen

Von Emin Hasirci


Einige von ihnen liegen seit mehreren Monaten unbewegt in ihrer Rüstung und warten darauf, zum Einsatz zu kommen. Die Gestaltung ihrer Rüstung verkörpert Tradition und steht darüber hinaus für etwas Professionelles, für eine qualitativ hochwertige Marke. Ungeduldig warten sie auf ihren Zweck, zu einer gewissen Uhrzeit und an einem bestimmten Ort zum Leben zu erwachen. Ihr Geist will wachgeschüttelt werden. Wenn das geschieht, bleiben seine Ideen als Farbpartikel über mehrere Jahre hinweg sicher am Leben.

Ziehen Sprühdosen es vor, mehrere Jahre hinweg unbewegt liegen zu bleiben, ihren Geist einschlafen zu lassen? Wohl kaum, es verkürzte ihre Lebenszeit, sie wirkten alt, rostig und geistig nicht mehr fit. Vor dem Einsatz wollen die tausend Ideenteilchen vorher gut durchgeschüttelt werden, so werden sie zu einer kräftigen Mischung, die das Herz pochen lässt. Das Ventil öffnet sich, ihr Geist kann seinem Zweck in die Augen schauen. Falls dieser Auftakt nicht klappt, handelt es sich um eine Kreislaufstörung. Mit Gewalt käme man dann nicht weit, sie könnten so ihre Berufung nicht erfüllen.

Von ihren Erzeugern werden sie sehr geliebt – ihren farbigen Zauber haben sie vom Vater, der Chemieindustrie, die Mutter ist das Produktdesign.

An einem sonnigen Tag gehen viele von ihnen über die Ladentheke. Für einige schlägt nun die Millisekunde der Wahrheit. Ihre Ideen werden in die Atmosphäre gesprüht und erreichen den Höhepunkt ihres Lebens: Lichtbeständigkeit für die nächsten 17 Jahre, klebefest auf allen Untergründen und wetterfest. Kunstliebhaber bekommen Gesprächsstoff, Flaneure blicken auf.

Mit den Ideen ihrer Artgenossen sind sie farbige Bünde eingegangen – und haben ihr Ziel erreicht: erstarren bis zum Tod.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 4, Frühjahr 2014