Mythen des Alltags

Die Tastatur

Eine elektronische Klaviatur der Sprache

Von Mareike Riemann


Die Computertastatur wird definiert als ein elektronisches Gerät zur Eingabe von Daten oder zum Auslösen bestimmter Funktionen. Ein flaches Brett auf dem, in mehreren übereinanderliegenden Reihen, eine variable Anzahl an Tasten angeordnet sind. 29 dieser beschrifteten Tasten sind den Buchstaben des Alphabetes vorbehalten: 21 Konsonanten, fünf Vokale, drei Umlaute. Einige Tasten sind durch hohes Frequentieren blank gebohnert, während die übrigen von einem dünnen Schmutzfilm bedeckt sind. Letzteres betrifft tendentiell die am Rande angeordneten, etwas abgelegeneren, mit Ziffern, Zeichen der Interpunktion und mit Funktionen belegte Tasten, denen die fleißigen Finger seltener einen Besuch abstatten.

Im Vergleich zu ihrer Vorgängerin, der Schreibmaschine, ist die Tastatur mit der technischen Neuerung ausgestattet, dass keine Eingabe endgültig ist: Einzelne Buchstaben oder sogar ganze Absätze können – ohne Zuhilfenahme von Tipp-Ex – entfernt werden. Befehle können, anders als im richtigen Leben, einfach rückgängig gemacht werden. »Strg« und »Z« sind die Zauberformeln der modernen Welt.

Die Tastatur ist ein Sprachbaukasten. Mit ihrem Tastenangebot lassen sich alle denkbaren Themen behandeln, und jeder Buchstabe ist beliebig oft verfügbar. Mit eingeübten Bewegungen fliegen die Hände über die Tasten hinweg, erzeugen eine Melodie aus »Klicken« und »Klacken«. Stets am unteren Rand des Blickfeldes, wird sie höchstens mit flüchtigen Blicken bedacht, damit die Finger, auch bei hoher Geschwindigkeit, präzise herabschnellen und zustoßen. Wer beim Schreiben aber noch nach den richtigen Worten sucht, der wird vielleicht bedächtig über die glatten Plättchen streichen, mit den Fingerkuppen für einen Moment auf ihnen verweilen, sie testhalber antippen, oder mit den Fingern beschwörende Bewegungen über ihnen ausführen. Haben die Hände einmal die schwebende Position über dem Eingabegerät eingenommen, verlieren die übrigen Objekte auf dem Schreibtisch unweigerlich an Aufmerksamkeit. So ist der – wohlwissend – in Sicht- und Reichweite platzierte Kaffee beim nächsten Schluck längst erkaltet.

Seit dem Vormarsch der Computer gehört die Tastatur zum täglichen Leben. Kaum einmal legt sich eine dünne Staubschicht über sie, lassen wir sie unter dieser Decke der Untätigkeit friedlich schlummern. Das Arbeiten an einem Computer ist ohne Tastatur schwer vorstellbar, momentan noch vorwiegend Hardware, wird sie womöglich schon bald durch Touch-Screen-Tastaturen abgelöst. Doch auch wenn sie ihre Materialität verliert und Platz auf dem Schreibtisch macht, dürfte die Tastatur als solche Bestand haben, solange es zwei Dinge gibt: den Computer und das geschriebene Wort.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016