Mythen des Alltags

Ein Parfüm

Durch die Straßen geht und weht ein Duft

Von Evelyn Prochota


Die Straße erwacht langsam, Schaufensterbeleuchtungen der vielen Boutiquen erhellen zunehmend die Rue de Rivoli.

Tak, tak, tak – rotblondes, wallendes Haar bewegt sich auf und ab im Rhythmus der Schritte, ein plissiertes pinkfarbenes Kleid betont die schlanke Silhouette. Blasser Teint wird durch das Make-up dezent, aber perfekt betont. Lediglich die rosanen Apfelbäckchen verraten eine frische Jugendlichkeit. Die Augen blicken leicht verspielt, unschuldig, aber doch diskret herausfordernd. Spielend hüpft sie, trotz der rosafarbenen Pfennigabsätze, über eine Baumwurzel, die den Asphalt etwas aufgeworfen hat. Der laue Wind verteilt einen vertrauten Duft: Jasmin? Citrus? Es ist mehr. Er unterstreicht die Lebhaftigkeit der jungen Frau, signalisiert Unbekümmertheit, ist feminin, sinnlich und charmant. Der Duft verteilt sich wie eine Droge. Er ist bekannt. Der pudrige Effekt des weißen Moschus bedeckt zart die Haut, das Gefühl von sprudelnder Frische prickelt. Bitterorange und Bonbon legen sich auf den Gaumen. Man riecht nicht nur, man schmeckt.– Das Fruchtige, Spritzige und auch Pikante umweben die Frau. Die Schritte verlieren sich im Dunkeln. Es bleibt ein Rausch bunter Pastellfarben.

Der Duft beflügelt die Sinne. Halluzinationen? Ekstase? Ein Chaos an Gefühlen. Duft und Geschmack verdichten sich. Die edle quadratische Form des Flakons materialisiert sich langsam, Leichtigkeit umgibt ihn. Durch seine Transparenz schimmert der Sprühkopf silbern durch. Die trapezförmig angelegte Verschlusskappe umgibt ihn wie ein Tresor, der seinem Juwel Sicherheit und Schutz bietet. Die bekannten Initialen am Kopf des Flakons wachen über die Tradition, sichern und garantieren die altbewährte Qualität. Der Duft erklimmt die Abstufungen der Oberkante. Die Schleife an der Verschlusskappe, zentral geknotet, zur einen Seite wie zu einem Schwalbenschwanz geformt, verleiht Eleganz, Leichtigkeit und lockert die strenge Geometrie auf. Der Blick auf den Boden durch die glänzende, leicht grünlich schimmernde Flüssigkeit, trotz der rosafarbenen Pfennigabsätze zeigt ein vertrautes Muster: Hahnentritt.

Rotblond, plissiert, mit schlanker Silhouette. So beeindruckend, allen Sinnen schmeichelnd kann nur ein Duft sein: Dior.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013