Buchbesprechung

»Gute Gestaltung ist nicht männlich oder weiblich«

Ein oppulenter Band zum Berufsbild der Grafikdesignerin

Eine Rezension von Jakob Behrends


Auch in einer Institution wie dem Bauhaus, dem Vorzeigebeispiel für gleichberechtigtes Lernen, hatten Frauen sehr viel härter zu kämpfen und waren zu einigen Kursen per se erst gar nicht zugelassen. Dies sind die Ergebnisse jüngster wissenschaftlicher Forschung[1] , und dennoch sehen viele in der Frage nach Gleichberechtigung im Design heute eher ein Tabuthema. Die Geschlechterfrage wirkt auf viele angestaubt und überreizt. Da wirkt die allgemeine Geschichtsverdrossenheit, auch und gerade in den Designdisziplinen, wie ein Katalysator auf die Bekräftigung etablierter Bilder.

Dabei wäre die sachliche Betrachtung der Geschichte und Gegenwart wichtig in einem Berufsfeld, in dem überdurchschnittlich viele Frauen von selbstständiger Arbeit leben und zum Erfolg der Branche beitragen. Mit dem Buch »Women in Graphic Design | Frauen und Grafik-Design – 1890—2012« wollen die beiden Herausgeberinnen Gerda Breuer und Julia Meer Licht ins Dunkel bringen. Ihre wissenschaftliche Arbeit widmet sich ausschließlich Frauen im Grafik-Design, auch weil die wenigen Untersuchungen, die es zu diesem Thema gab, sich größtenteils mit Designerinnen im Produkt-Design befasst haben.

In vier Hauptkapiteln widmet sich das Buch Gestalterinnen, die im Laufe der Geschichte zu Unrecht in Vergessenheit gerieten. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die unzähligen Biografien, die die beiden Herausgeberinnen recherchiert haben. Nach der sehr dichten Einleitung, die eine detaillierte Übersicht zum Thema »Gender« im Allgemeinen und im Design gibt und die Beweggründe und Ziele der Herausgeberinnen offen beschreibt, befassen sich zwölf Autorinnen und Autoren in wissenschaftlichen Essays mit dem Thema. Bedeutende Plakatgestalterinnen werden vorgestellt, ebenso eine der ersten Art Direktorinnen oder die Frauen, die die russische Avantgarde mitgestaltet haben. Das Ungleichgewicht in der Betrachtung des Designer-Paares Ray und Charles Eames wird beleuchtet, aber auch gesellschaftliche Zusammenhänge, wie in einer Untersuchung zu Design-Paaren in der DDR. Die Autorinnen stammen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und bringen damit eine abwechslungsreiche und interessante Vielfalt in die Betrachtung des Themenfeldes mit. Da wären neben Grafik-Design Kunst- und Kulturgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Ausstellungsdesign, Kommunikationssoziologie, Typografie, Kunst und Philosophie und einige mehr.

Im zweiten Kapitel werden erfolgreiche Designerinnen der Gegenwart vorgestellt, die ihre Sicht und Meinung schildern. Unter ihnen sind Namen wie Irma Boom, Sheila Levrant de Bretteville oder Judith M. Grieshaber. Dabei sind diese Frauen vorurteilsfrei, wenn sie über ihr Berufsbild reflektieren und von ihren Erfahrungen als Gestalterinnen erzählen, die mal mehr, mal weniger von Geschlechterfragen handeln. Ein bisschen mehr Vielfalt hätte man sich, im Hinblick auf die Herkunftsländer der Gesprächspartnerinnen, gewünscht: einmal Niederlande, zweimal USA, einmal Schweiz und achtmal Deutschland. Zumal im Vorwort speziell auf die interessanten Unterschiede zwischen den Kulturen hingewiesen wird, wenn es um Gender-Fragen und das Auftreten von Designerinnen geht. Der Wunsch, diesen Unterschieden im Buch nachzuspüren, bleibt leider unerfüllt, was den Eindruck der einzelnen Interviews aber nicht schmälern soll.

Acht programmatische Texte, von Gestalterinnen geschrieben, bilden das dritte Kapitel und runden die Sicht aus den vorangegangenen Interviews ab. Dabei handelt es sich um Wiederdrucke von Texten, die aus ganz unterschiedlichen Jahrzehnten stammen, zwischen 1974 und 2011 erschienen sind, und somit den Blick von der Gegenwart zurück auf die jüngere Designgeschichte werfen. Mit den Kurzbiografien, die den größten Teil des Buches und das vierte Kapitel einnehmen, wollten die Autorinnen den Versuch unternehmen, einen ersten Überblick über erfolgreiche Designerinnen in der Geschichte des Grafik-Designs zu liefern und einen Anstoß für weitere Forschungsarbeiten rund um die Thematik zu geben.

Die Einleitung zu den Kurzbiografien ist für all diejenigen interessant, die sich über das Buch hinaus mit dem Thema »Gender« im Grafik-Design beschäftigen oder sogar selbst zum wissenschaftlichen Diskurs beitragen möchten. Die Autorinnen zeigen sehr nachvollziehbar die Probleme auf, über die sie während ihrer Forschungsarbeit gestoßen sind und nach welchen Kriterien die Auswahl der Kurzbiografien aufgestellt wurde. Da wären z. B. die vielen Quellen, die nicht ausgewertet werden konnten: aus Zeitgründen, wegen Sprachbarrieren oder der schieren Zahl herausragender Designerinnen, die seit 1890 tätig waren – mit der die Autorinnen, nach eigener Aussage, nicht gerechnet hatten. Es wird auch explizit darauf verwiesen, dass hauptsächlich Quellen aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum ausgewertet wurden; viel Raum für weitere Forschungsarbeit also.

Die Biografien sind sehr unterschiedlich in Länge und Inhalt, da sie »stark von dem beeinflusst [sind], was über die entsprechenden Frauen publiziert wurde«. Dennoch geben sie einen gut strukturierten Einblick in das Fremd- und Selbstbild der Designerinnen zur jeweiligen Zeit, und es wird ersichtlich, wie viel Energie viele Frauen in ihren Beruf gesteckt haben, um Hürden zu überwinden und diesem Beruf nachgehen zu können. Auch hier wird zum Nachforschen und Weiterlesen animiert, indem jede Biografie mit mal mehr oder weniger umfangreichen Literaturhinweisen aufwartet. Zudem tauchen Querverweise im Text oder als Anhang dort auf, wo Abbildungen der Designerinnen im Buch enthalten sind. Dies ermöglicht ein duales Durchstöbern des Buches: Entweder man lässt sich von den zahlreichen Abbildungen zu den Biografien oder umgekehrt von einer spannenden Kurzbiografie zur entsprechenden Arbeit leiten.

Einzig eine Möglichkeit, die Personen in chronologischer Reihenfolge zu überschauen, mag man beim Durchblättern vermissen. Es wäre z. B. interessant gewesen zu überblicken, wie viele Biografien zu den jeweiligen Jahren, Jahrzehnten oder Epochen vorhanden sind. Man könnte sich noch die eine oder andere Aufbereitung der Daten vorstellen. Aber das hätte dann sicherlich den Rahmen des ohnehin opulenten Werks gesprengt. Es wirft viele richtige Fragen auf, ohne dabei aufgeregt zu sein; die unterschiedliche Dichte der Texte erlaubt es dem Leser, sich zu verlieren oder in einer freien Minute eben mal eine Kurzbiografie zu lesen. Insbesondere mit den Kurzbiografien auf 221 Seiten und den vielen begleitenden Abbildungen beantworten Gerda Breuer und Julia Meer viele Fragen nach großartigen Designerinnen, von denen man zuvor nicht wusste, dass man sie gesucht hat.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013