Rezension

Party machen

Schlau ist, wer weiß, wann er dumm sein kann

Von Jonathan Regler


Es ist laut. Leute schreien sich an, Menschen zappeln. Manche sind benommen, andere haben schlechtes Benehmen. Mit einem Bier in der Hand und einer Zigarette zwischen den Fingern steht man gepflegt neben sich und feiert ausgelassen. Die Stimmung ist gut.

Für gewöhnlich arbeiten sie von Montag bis Freitag und sind Teil der Leistungsgesellschaft. Sie verbringen ihre Zeit damit, Geld zu verdienen, sich Wissen einzuverleiben und zu üben. Klüger und reicher zu werden, ist allerdings genau das Gegenteil von dem, was man erreicht, wenn man hier ist. Meist wird davon der Geist schwerer und der Geldbeutel leichter. So gesehen ist es kontraproduktiv, sich zu berauschen, und mag es eine noch so lange Tradition haben.

Seid über 6000 Jahren kultiviert der Mensch Opium, seid Jahrtausenden braut er Alkohol. Pilze, Kräuter und Wurzeln wurden nicht nur als Medizin eingesetzt oder bei speziellen Ritualen – es soll vorgekommen sein, dass Menschen sich nur aus Spaß berauscht haben sollen. Sinnfrei Spaß zu haben ist womöglich so alt wie die Menschheit.

Hedonisten haben den Spaß zum Sinn erklärt, und doch schleicht sich ein befremdliches Gefühl ein, sieht man ausgelassene Menschen in der Gruppe. Sie wirken alberner in der Masse, primitiver, wenn sie sich zusammengerottet haben. Schwarmintelligenz ist nicht der erste Begriff, der einem in den Sinn kommt, sieht man feiernde Menschen auf einer Party.

Es könnte allerdings auch daran liegen, dass man es bedauert, zuzuschauen, wie andere Spaß haben, und sich dabei nur schlau und alleine vorkommt.

Trotz alledem ist es schön zu feiern, nicht nachzudenken, wie man ist, sondern einfach ist – und vielleicht ist man auch ein bisschen ungehobelt und albern. Vielleicht freut man sich, etwas dumm sein zu dürfen? Für kurzen Momente taucht der einzelne unter und wird Moment. Dann denken wir darüber nach und es ist weg, einfach …


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013