Essay

Szenografie als rhetorische Disziplin

Ausstellungsgestaltung arbeitet mit persuasiven Strategien

Von Imke Kaufmann


Immer häufiger finden sich in der aktuellen Kulturlandschaft Ausstellungen, die in ihrer Ausgestaltung nicht nur informieren und belehren, sondern vor allem unterhalten wollen. Die recht junge Disziplin der Szenografie[1] hat sich darauf verschrieben, durch multimodale Inszenierungen Umgebungen zu schaffen, die dem Besucher die zu vermittelnden Themen nicht nur darstellen, sondern sie durch ein durchkomponiertes »Storytelling« erzählen. Sowohl inhaltliche Konzeption als auch die kommerzielle Reichweite vieler Ausstellungen lassen hierbei jedoch vermuten, dass es nicht ausschließlich darum geht, einen Inhalt durch narrative Einbettung zugänglicher zu vermitteln. Der deutliche Einfluss werbepsychologischer Mittel sowie das immer größer werdende Angebot an kommerziellen Begleitprodukten zeigen, dass eine derartige Konzeption die Absicht verfolgt, den Besucher nicht nur von der Ausstellung an sich, sondern auch von der dahinter stehenden Marke zu überzeugen. Die Annahme liegt also nahe, die in Planung und Ausformung festgelegte Erscheinungsweise einer Ausstellung als eine Form der Persuasion anzunehmen, was besonders durch die zunehmend zu beobachtende gestalterische Absicht einer emotionalen Stimulierung des Besuchers deutlich wird.

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss gesagt werden, dass diese Perspektive in keiner Weise den kuratorischen und künstlerischen Eigenwert einer Ausstellung herabsetzen möchte, sich jedoch die Frage stellt, mit welchen Mitteln die Szenografie Strategien befördern kann, die einer rhetorischen Betrachtung standhalten und auf welche Weise diese persuasiv funktionieren können.

Wie Räume Geschichten erzählen

Dass mittlerweile selbst grundsätzlich kunstferne Einrichtungen wie Volkshochschulen, Einkaufszentren, Banken oder Vereine Ausstellungen hervorbringen, zeigt, wie sehr sich in den vergangenen Jahrzehnten ein höchst kommunikatives und prestigeförderndes Potenzial dieses Mediums herausgebildet hat. Somit investieren besonders große Konzerne und Wirtschaftsunternehmen, aber auch kapitalstarke Museen immer mehr in Ausstellungen, die den Besucher durch eine eindringliche Inszenierung bewegen und prägen sollen. Im Gegensatz zur klassischen, besonders noch im Kunstmuseum zu findenden Gestaltung, die vorrangig mit der unmittelbaren Darbietung von Originalen operiert, geht es der Szenografie um die Hervorbringung einer illusionserzeugenden Erlebniswelt zur Vermittlung einer speziellen Botschaft. Während es im ersten Fall also besonders um eine angemessene und wirkungsvolle Präsentation der Objekte geht, kümmert sich die Szenografie explizit um den Raum und dessen Inszenierung.

Dabei geht es vor allem darum, die Eigenständigkeit der Dinge aufzulösen und sie in ein übergeordnetes Konzept einzubringen. Eben dies führt zu dem Konzept des »Storytelling«, eine Methode, die das »Atelier Brückner«, eine der international führenden Agenturen für Szenografie, als ihr Kredo formuliert. In der Absicht, »Objekte zum Sprechen zu bringen«, werden Exponate und räumliche Gestaltungselemente vom Szenografen als »Erzähler« und »Dichter«[2] arrangiert und in einen neuen Kontext gebracht, den sich der Betrachter im Raum dialogisch erschließen kann. Das grundsätzlich vorhandene narrative Potenzial einer Ausstellung ist dabei durch die besondere Wahrnehmung des Besuchers im Raum bestimmt, die nicht alleine durch die Objekte und deren Inszenierung, sondern ebenso von den raum-zeitlichen Umständen ihrer Erkundung geprägt wird. Dem »Atelier Brückner« zufolge spricht eine in Erzählform gestaltete Ausstellung eine »archaische (…), tief im menschlichen Urbedürfnis wurzelnde«[3] Neigung zur Weiterreichung von Geschichte(n) und Wissen an, die umso wirkungsvoller ist, als der Adressat durch einen performativen Akt in eine Geschichte integriert und somit selbst Teil dieser Geschichte wird.

Das Besondere an der Ausstellungsnarration ist, im Vergleich zu anderen narrativen Formen, der ständige Anspruch auf Authentizität sowie auf einen verlässlichen Wahrheitsgehalt des Dargestellten. Zwar kann dabei zum Zwecke der nachhaltigen Vermittlung ein gewisser, an unterhaltende oder emotionalisierende Elemente gebundener, geistiger Transfer vom Besucher gefordert werden, dennoch steht dahinter in der Regel eine auf akribisch recherchierten Fakten beruhende Botschaft. Auf diese Weise erlangen die dargestellten Geschichten einen besonderen Reiz, da der Besucher ständig oszilliert zwischen Unterhaltenwerden durch informations- und narrationsbegleitende Inszenierungsmaßnahmen und dem sukzessiven Erfahren von Faktenwissen durch Texte und Exponate.

Bei einem Blick in die aktuelle Ausstellungslandschaft zeigt sich jedoch sowohl in kunst- als auch themenbezogenen Ausstellungen relativ eindeutig, dass der Sinn und Zweck hinter den immer populärer werdenden narrativen Gestaltungsweisen nicht alleine darin bestehen kann, die Besucher mit Geschichten zu unterhalten. Bestätigt wird dies, wenn in Fachbüchern über Ausstellungsgestaltung vom Besucher als »Verbraucher« gesprochen wird, der am Ort des Geschehens möglichst lange aufgehalten werden soll, oder zum Einsatz werbepsychologischer Mittel geraten wird[4]. Die zentrale Motivation der Szenografie besteht somit darin, Wege und gestalterische Methoden zu finden, die den Besucher nicht nur affektieren, sondern nachhaltig prägen. Mit den Worten von Aristoteles ließe sich somit sagen, es gehe den Szenografen darum, »bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenserweckende zu erkennen«[5] und entsprechend gestalterisch herauszuarbeiten.