Tagung »text | text | text« | Vortrag

Was ist hybride Literatur?

Über Erkenntnisformen und Herrschaftskritik

Von Martin Hielscher


Im Rahmen der Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« trug Martin Hielscher am 11. Juni 2016 das untenstehende Manuskript vor.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte im Folgenden den Begriff der hybriden Literatur, der vor allem aus der Theorie des Postkolonialismus stammt und unterschiedliche Definitionen kennt, als eine Art regulative Idee nutzen, um bestimmte Phänomene in der Geschichte des Romans zu betrachten. Ausgehend von einigen Werken und Autoren der internationalen Gegenwartsliteratur und älteren Autoren möchte ich den Blick auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur lenken. Schließlich möchte ich auf die Anfänge des modernen Romans zurückschauen. Dabei geht es mir um die folgenden Punkte: Hybridität als »dritter Raum«, in dem verschiedene Codes, Sprachen, Identitäten, Diskurse und Themen miteinander in Verbindung treten, ohne sich restlos zu vermischen oder zu amalgamieren. Hybridität als Subversion und implizite Kritik an Reinheits- und Identitätsmodellen und -konzepten. Hybridität als Herrschaftskritik. Hybridität als ein Ingrediens, das dem Roman womöglich schon früh innewohnt – allerdings nur bestimmten Werken. Schließlich geht es mir um Literatur als Erkenntnisform.

Der indische Literaturwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus Homi Bhabha verwendet den Begriff der Hybridität an verschiedenen Stellen seines Werkes »The Location of Culture«[1] Er definiert und verwendet diesen Begriff letztlich in einem politischen Kontext, als Kategorie für eine Art fundamentaler Verschiebung beim Zusammenprall des Herrschaft ausübenden Verwaltungsapparates der Kolonialmacht mit den zu beherrschenden Subjekten und ihren eigenen Strukturen. In der Konsequenz bedeutet diese Verschiebung, dass selbst dort, wo sich der Kolonisierte die Sprache der Kolonisatoren und ihr Wissen, ihren Apparat, ihre Denkformen und kulturellen Codes aneignet, was durchaus auch als ein Akt der Befreiung und Emanzipation gesehen werden kann, er sie nicht »rein« und bruchlos verwenden wollen und können wird. Denn seine eigene Sprache, Geschichte und Kultur waren in diesem Code nicht mitgedacht. Es wird immer eine Differenz, einen Riss, eine Umformung und Vermischung geben, die aber nicht einfach in einem neuen Code, einer neuen Sprache, einem neuen kulturellen Produkt verschwindet, sondern als Verschiebung und Entstellung sichtbar bleibt.

Auf der sprachlichen Ebene wird der Begriff »hybrid« oder »Hybridität« im Zusammenhang mit Übersetzungen verwendet, und in der Literatur kann man sich die Entstehung hybrider Werke unter anderem auch als einen Vorgang der Übersetzung erschließen. Besonders deutlich wird, was gemeint ist, an der englischen Literatur des Commonwealth, etwa aus Indien, oder an den frankophonen oder Englisch schreibenden Autorinnen und Autoren Afrikas, inzwischen immer klarer überall dort, wo Migrantenautoren schreiben, wo eine nomadische Weltliteratur entsteht.

Es geht um einen Gegenentwurf zum Machtanspruch der Kolonialherrschaft mit ihrer Sprache bzw. der Hegemonialsprache, den Formen der Gewaltausübung, Ausbeutung, Züchtigung, Strafe und Verwaltung. Dieser Gegenentwurf, eher ein Text, ein Narrativ, ganz gleich, welcher Form, des Kolonisierten, wird selbst dort, wo die Unterwerfung unter die Herrschaftssprache beabsichtigt war, wie gesagt, nicht vollständig gelingen. Sondern etwas Drittes, gewissermaßen ein Ausschreiten jenes »dritten Raums«, wird entstehen, weder der alte Raum der Herrschaft, noch der der Befreiung – die gibt es noch nicht, weil man schon unterworfen, gezeichnet worden ist und selbst als unabhängig gewordener Ex-Kolonisierter die Zeichen der Unterwerfung in der Form der erlernten Sprache der anderen in sich und mit sich trägt. Man muss sich den anderen verständlich machen; und wenn man in ihrer Welt, einer Welt der Weltsprachen und Weltwährungen, bestehen will, lernt man ihre Sprache, aber damit lernt man auch eine Geschichte, eine Historie und eine Story, die nicht von einem selbst gemacht worden ist. Hybride Texte sind auch nicht Sklavensprache, sondern man hat den Raum der Herrschaft betreten, zu einem Teil in Besitz genommen, man spricht ihre Sprache. Und doch mischt sich in diese Sprache, wie gesagt, eine andere, eine Verformung, eine Differenz, die nicht vollständig mit der angenommenen Sprache der Herrschenden verschmilzt, sondern als Spur des Anderen sichtbar bleibt. Es geht also nicht um ein bruchlos harmonisches Drittes, sondern um eine Mischung, in der durch eine Art Spannung zwischen den ursprünglichen Ordnungen, Sprachen, Modellen und Machtstrukturen eine neue Bedeutung entsteht.