Buchbesprechung

“White must be called a design concept”

Kenya Hara designt Design

Eine Rezension von Friederike Lorenz


Weiß, Haptik, Wahrnehmung mit allen Sinnen – das sind Hauptthemen, mit denen sich das Buch »Designing Design« befasst. Und es sind Kennzeichen des makellosen Stils, in dem der Autor selbst das Buch über seine Erfahrungen, Werke und Gedanken gestaltet hat. Vielschichtigkeit und Tiefe kommen in eleganter Schlichtheit sowohl inhaltlich als auch visuell zum Ausdruck. Die Übersetzung und Überarbeitung der original auf Japanisch verfassten Texte wurde 2007 vom Lars Müller Verlag einem englischsprachigen Publikum zugänglich gemacht und in der vorliegenden Ausgabe 2014 neu aufgelegt.

Kenya Hara, geboren 1958, ist Artdirector von Muji und für viele erfolgreiche Ausstellungen verantwortlich. Er lehrt Kommunikationsdesign an der Musashino Art University in Tokio und ist Repräsentant des Nippon Design Center Inc. Von ihm stammen Entwürfe für internationale Großveranstaltungen im asiatischen Raum, wie die Olympischen Spiele in Nagano oder die Expo 2005 in Aichi.

»Designing Design« ist in acht Kapitel unterteilt:

Re-Design
Alltägliches zu hinterfragen – dieser Gedanke steht hinter der gleichnamigen Ausstellung Haras und anderer namhafter japanischer Designer und Architekten. Welche Formen können Maccheroni annehmen und welche Wirkung und Konsequenzen hätte das? Toilettenpapier auf quadratischen Rollen aufgewickelt, sodass ein Widerstand beim Abrollen entsteht – wäre das nicht ökonomischer als runde Rollen, da platz- und ressourcensparender? Hara macht auf die kritische Seite der Gestaltung aufmerksam, denn »from the perspective of daily life, design passes criticism on civilisation.«(S. 28)

Haptic
Eine Lampe mit langen Haaren, Logos für Tast- und Geruchssinn, moosbewachsene Schuhe: Anhand von Beispielen einer weiteren Ausstellung geht Hara auf die unendlichen Möglichkeiten ein, die das Einbinden der Sensorik dem Gestalter bietet. Kritisch behauptet er, je technikorientierter die Menschheit werde, desto mehr verlöre sie ihre Fingerfertigkeiten. Kreative Entwürfe zum Entdecken der Welt durch haptische Eindrücke sollen Anreize geben, mit Design wieder auf Tuchfühlung zu gehen.

Senseware
Das Haptik-Thema wird weitergeführt. Es geht darum, Information mit allen Sinnen erfahrbar zu machen. Als Gestaltungsbeispiel präsentiert Hara Krankenhaus-Signaletik, die er für das Umeda Hospital in der Yamaguchi-Präfektur entwarf. Als Indikator für absolute Sauberkeit im Krankenhaus wurde die Beschilderung auf weiße Leinenbezüge gedruckt, die kissenartig, mit abgerundeten Ecken, Räume und Etage auszeichnen und waschbar sind. Dies wirkt dem sterilen Krankenhauscharakter auf freundliche Art entgegen und sendet gleichzeitig die gewünschte Botschaft der Reinheit. Weitere Praxisbeispiele sind das Programm für die Zeremonien der Olympischen Spiele in Nagano, Orientierungssysteme und visuelle Identitäten.

White
Hara fasst mit »White is not just a color. White must be called a design concept«(S. 213) seine philosophischen Ansätze über die Farbe Weiß zusammen. Weiß sei in der Welt und in der Gestaltung Ruhepol und Orientierung im Chaos. »Chaos is like the world and white is like a map, or a figurative representation. Mapping the world, or generating figurative representations, is graphic design« (S. 221), formuliert er die umfassende Bedeutung die die (Nicht-)Farbe für ihn hat.

Muji
Selbst wenn der Name Kenya Hara in der westlichen Hemisphäre kaum jemandem etwas sagt, so findet sich seine Arbeit doch zunehmend in Europas und Amerikas Städten wieder. Muji, das Label, das keines sein will, wird seit Jahren von ihm als Artdirector geprägt. Hara schreibt über die Vision Mujis der Einfachheit, der Genügsamkeit und der befreienden Leere.

Viewing the World from the Top of Asia
Das Kapitel befasst sich mit Gedanken zur japanischen Kultur und Entwicklung im Design. »Even in Asia, the intentional simplicity of the Japanese culture and the tension generated by an object placed all alone in an empty space are unique« (S. 306), schreibt er und stellt die These auf, dass diese Entwicklung der Reduktion als Gegenstrom zur ornamentalen Ästhetik kontinentaler Kulturen entstanden sein könnte. Er gibt interessante Einblicke in die Sicht, die er als Japaner auf das eigene Land und auf die Welt hat.

Exformation
Haras Theorie, dass wir Bekanntes besser verstehen, wenn wir es uns unbekannt machen, stellt er anhand von experimentellen Feldversuchen seiner Studenten vor. Wissen sei nicht das Ende des Denkprozesses, sondern nichts weiter als ein Einstieg in den solchen. Wie beim Redesign-Projekt, wird auch in diesem Kapitel der Blick auf den Alltag gelenkt und es kommt zu ungewöhnlichen Ansichten, die die Kreativität und das Denken anregen. Exformation ist sein Wort für das Gegenstück zur Information, die uns Unbekanntes bekannter macht.

What is Design?
Im letzten Kapitel stellt er eine eigene Designtheorie im designhistorischen Zusammenhang auf, die seine zuvor geschilderten Ansichten aufgreift.

Die englische Übersetzung liest sich flüssig, wodurch der Zugang zu Haras Gedankenwelt nicht schwerfällt. Dieser Zugang wird zusätzlich durch viele einprägsame visuelle und sprachliche Bildern vereinfacht. Im erzählerischen Stil, einschließlich direkter Ansprachen und rhetorischer Fragen, unterhält Hara den Leser. Wohltuend positiv wertschätzt er seine Kollegen und Studenten, deren Arbeit und Ansichten. Die eigene Arbeit erklärt er ausführlich, klar, mit einer Mischung aus Bescheidenheit und gerechtfertigtem Selbstbewusstsein.

Und das Buch an sich ist ein Kleinod. Kenya Hara, der auch die Artdirektion der Neuauflage innehatte, hat jeder Seite, jedem Bild und jedem Wort eine berührende Ästhetik gegeben. Die verschiedenen hochwertigen weißen Papiere verleiten den Leser dazu, die Nase wortwörtlich ins Buch zu stecken und den angenehmen Geruch zusammen mit dem schmeichelnden Tasterlebnis aufzunehmen. Hara ist bei der Gestaltung seiner Linie voll und ganz treu geblieben.

Designer ziehen häufig Grenzen. Zwischen Grafik- und Industriedesign, zwischen Design und Kunst… Obwohl er selbst die Unterscheidung anspricht, scheint es bei Kenya Haras Arbeit keine solchen Grenzen zu geben. Er ist ein Gestalter, dessen Werke alles vereinen. Sein Design hat seinen Ursprung nicht in einer Disziplin, sondern in der Philosophie. Die Aussage »Verbalizing design is another act of design« (S. 19), zeigt deutlich, dass er davon auch sein Schaffen als Autor nicht ausschließt.

In der Leere sieht er eine große Kraft und ein Hauptmerkmal für japanische Ästhetik. Die Wirkkraft des leeren Gefäß – »the power of the empty vessel«(S. 325) – taucht immer wieder als Symbol in Bildern und als Metapher in seinen Überlegungen auf. »It can accommodate the impression of every individual«(S. 242) – sie könne sich den Vorstellungen und Assoziationen jedes Individuums anpassen und so mit dem gefüllt werden, was dem Betrachter vorschwebt.

Das Buch wird jeden Kreativen begeistern und bietet auch für interessierte Nicht-Gestalter ein Leseerlebnis. Es entführt nach Fernost und zeichnet ein beeindruckendes Bild zeitgenössischen japanischen Designs. Die Gedankengänge sind tiefsinnig und nachvollziehbar. Jedes Thema beinhaltet zwei Ebenen, einmal die der Designer und ihrer Gestaltungsprobleme und dann eine globale Ebene, auf der Hara auch die Konsumgesellschaft, Umweltausbeutung oder Tendenzen in der verbalen Kommunikation kritisiert. In »Designing Design« geht es um viel mehr als Design. Es geht um Wege, die Welt zu sehen, wahrzunehmen und mitzugestalten. Es geht darum, dass wir entscheiden müssen, wie es mit unserem Planeten weitergeht. Es geht aber auch um die kleinen Dinge, den Alltag, die Besinnung auf das Wesentliche und auf sich selbst.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 10, Frühjahr 2017