Mythen des Alltags

Das Falzbein

Eine knochenharte Arbeit

Von Christina Müller


Flach, ein Ende spitz, das andere rund, mit glatter Oberfläche und vollkommen weiß, hebt es sich von den anderen Werkzeugen auf dem Schreibtisch ab, viel genutzt und immer griffbereit. Ein Werkzeug der Papierverarbeitung, manchmal auch der Lederverarbeitung, mit dem sauber – in jeder Hinsicht – gearbeitet werden kann.

Meistens und im klassischen Sinne ist das Falzbein aus einem Stück Rinderbeinknochen gefertigt, früher auch aus Walknochen oder sogar Elfenbein. Knochen als Material eignet sich besonders, zumindest wenn man das Falzbein im traditionellen Sinne nutzen möchte, da selbst Leim leicht abgewaschen werden kann. Inzwischen entstehen jedoch in der Massenproduktion Falzbeine aus Holz, Kunststoff und anderen Materialien. Im asiatischen Raum kommt Bambus oft zum Einsatz. Größe und Form der Falzbeine variieren ebenfalls. So gibt es kleinere, größere, größere mit zwei Rundungen, schmälere (sogenannte Lederfalzbeine), gebogene (genannt Bananenfalzbein oder Sattlerfalzbein) und viele weitere, um jeden potentiellen Besitzer zu überzeugen.

Das Falzbein ist vermutlich so alt wie die Buchbindekunst. So wurde das Falzbein schon im Frühmittelalter von den Buchschreibern verwandt, um Zeilen und Ränder zu ziehen, die auch auf der Rückseite des Pergaments zu sehen waren, damit die geschrieben Zeilen sich deckten.[1] Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Falzbein in der Verarbeitung von Papier zu nutzen. Ernst Wilhelm Greve, Buchbinder und Papparbeiter, zeigt in seinem Buch »Hand- und Lehrbuch der Buchbinde- und Futteralmachekunst«[2] zahlreiche Einsatzmöglichkeiten. »Gieb sorgfältig auf Runzeln und eingeschlagene Ecken acht, und streiche ihn mit den flachen Händen oder einem Falzbein gehörig aus« [3], steht zum Beispiel in der Anleitung zum Umgang mit einem Titelbogen. Der traditionelle Gebrauch des Falzbeins bezieht sich wohl jedoch, wie der Name schon sagt, auf das Falzen von Papier. Dazu wird mit dem spitzen Ende entlang eines Lineals eine Rille in das Papier gezogen. Das Papier lässt sich dadurch an dieser Stelle leicht falten. Zieht man nun die gerade Kante oder das runde Ende des Falzbeins unter leichtem Druck darüber, entsteht ein sauberer und scharfer Falz, wie er ohne Werkzeug nicht möglich wäre. Das abgerundete Ende des Falzbeins wird hauptsächlich zum Glattstreichen von Papier verwendet. Auf Grund dieser sauberen Falttechnik findet das Falzbein oft Verwendung unter Origamikünstlern.

Doch nur die wenigsten Menschen besitzen ein Falzbein – nur die wenigsten wissen überhaupt, was ein Falzbein ist oder wozu es genutzt wird. Bedarf es überhaupt der Exemplare aus der Massenproduktion? Greift derjenige, der weiß, wozu es dient, zu einem Falzbein aus Kunststoff, das sich unter Druck verbiegt und mit seiner Plastiknaht das Papier zerkratzt?

Wer bereits ein knöchernes Falzbein besitzt, weiß, es ist unentbehrlich. Ein Werkzeug, das zum Einsatz kommt, wenn die Hände und Finger nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringen, nicht leisten können, was erfordert wird. Ein Werkzeug, leicht zu handhaben, das das geschätzte Produkt nicht beschädigt. So wird das Falzbein seinem Besitzer schnell ein treuer Freund und durch seine knöcherne Beständigkeit ein lebenslanger Begleiter.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 6, Frühjahr 2015