Mythen des Alltags

Das Grün

Über die Vermarktung einer Farbe

Von Esther Bartkowski


Samtig grüne Blätter, Moos oder taufrisches Gras – die Natur kennt viele Abstufungen der Farbe Grün. Pflanzen erlangen ihre grüne Farbe durch Chlorophyll-Moleküle. Der Begriff »Chlorophyll« leitet sich her von den altgriechischen Worten »chloros« (hellgrün) und »phyllon« (Blatt). Da viele Pflanzen Chlorophyll enthalten, ist Grün in der Natur eine häufige Farbe. Pflanzen dienen Menschen und Tieren als Nahrungsquelle, reinigen die Luft und produzieren Sauerstoff. Nicht umsonst wird der Regenwald die »grüne Lunge der Erde« genannt. Grün steht für Leben, Wachstum und Natur – aber auch für Zufriedenheit und Glück. Mit dem ersten Grün im Frühjahr lässt die Sonne auch die Lebensfreude neu aufkeimen. Eines der bekanntesten Glückssymbole ist grün: das Kleeblatt. Grün beruhigt, ist Balsam für die Seele – die Natur bietet Ruhe und Erholung vom stressigen Alltag. Im Frühling und Sommer bildet sie ein grünes Meer aus Farben und Formen. Grün ist die Farbe, die all das zusammenhält, es ist die Grundfarbe der Natur.

Seit einiger Zeit taucht die Farbe vermehrt in der Werbung, auf Konsumprodukten und Verpackungen auf. Im Supermarkt gibt es Regale nur mit grünen Produkten. Es gibt grüne Läden, die ausschließlich grüne Produkte verkaufen. Grün hat hier eine doppelte Bedeutung: Auf der einen Seite steht es für die Farbe an sich als visuell wahrnehmbaren Reiz – manche Produkte werden zum Beispiel mit einem grünen Biosiegel gekennzeichnet. Auf der anderen Seite vermittelt die Farbe Werte und eine Philosophie. Auch Marken und Unternehmen wird zunehmend ein grüner Anstrich verpasst. Das gelbe »M« von McDonalds war von einem Tag auf den anderen vor einem grünen Hintergrund zu sehen. Die Bahn brachte eine grüne Bahncard heraus und durchbrach damit das eigene Corporate Design. Grün ist nicht irgendein Trend. Trends kommen und gehen – sie haben keine Bedeutung. Grün ist ein Statement. Es soll signalisieren: Seht her, wir stehen für Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Daher funktioniert diese Farbe offenbar auch als Ergänzung zu einem bereits bestehenden Farbcode. Grün ist in der heutigen Gesellschaft überall präsent. Begonnen hat das »grüne Zeitalter« mit dem zunehmenden Bewusstsein für die Umwelt. Seither gibt es grüne Parteien und Organisationen – Greenpeace trägt die Farbe im Namen, genauso wie »Bündnis 90 / Die Grünen«. Mitglieder dieser Partei werden »Die Grünen« genannt, was die Frage beantwortet, ob es auch grüne Menschen gibt. Im großen Stil industrialisiert und kommerzialisiert wurde die Farbe mit der wachsenden Diskussion über die Klimaerwärmung. Die Bedeutung der Farbe wurde erweitert durch die Begriffe »nachhaltig« und »klimafreundlich«. Daher kann grün auch auf etwas Abstraktes und nicht Sichtbares wie Energie angewendet werden: Es gibt grünen Strom.

In der Konsumwelt eingesetzt, vermittelt die Farbe an sich keine Tatsachen und macht keine Versprechen. Die Farbe ruft lediglich Assoziationen hervor: Grün wird in der Regel mit etwas Gutem assoziiert. Hierin birgt sich die Gefahr, als Konsument blind auf die Farbe zu vertrauen. Bevor es dazu kommt, sollte man hinterfragen, was sich hinter dem Grün verbirgt.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 3, Herbst 2013