Mythen des Alltags

Das Typometer

Über eine aussterbende Art

Von Volker Friedrich


Gibt es noch Orte, wo es genutzt, gar gebraucht wird? Oder gibt es bereits ein Museum, das eine Sammlung ausstellt – zeitgemäß nach den Credos der Museumspädagogik dargeboten und mit virtuellen Anfass-Scheinerlebnissen garniert?

Der Autor dieser Zeilen wird seine beiden Exemplare diesem Museum nicht hinterlassen. Das günstigere der beiden Modelle hat eine Farbe angenommen wie die Gläser einer hellbraungelbroten Sonnenbrille und ist ein Begleiter seit Jahrzehnten. Das feinere ist noch ungetrübt, gut durchsichtig, klar. Auch bieten beide Modelle Unterschiedliches zu messen an. Als Lineal sind sie beide gut zu nutzen …

Ob als durchsichtiges oder vergilbtes Kunststoff-Metermaß oder in seinen älteren, aus Bleisatz-Zeiten stammenden Varianten aus Neusilber, Messing oder Stahl – sie alle haben anscheinend ausgedient, Grafikstudenten wissen selten noch, was es mit diesem Messinstrument auf sich hatte, dass damit Schriftgrade festzustellen waren, Kegelhöhen, Zeilenlängen und der Durchschuss, auch Rasterweiten und Linienstärken zeigten modernere an. Oder dass sie dem Redakteur dazu dienten, abzuzählen, was den Zeilenschindern, die er für sein Blatt schuften ließ, zu bezahlen sei, indem er sie an die Spalten anlegte, die Zeilen zählte und Summen bildete, die dann mit Zeilengeld – meist jämmerlich – entgolten wurden.

Mit dem klarsichtigen Stulle-Modell wird ab und an in Seminaren gewinkt, den Studenten melancholisch gepredigt, wie wichtig das Instrument sei, auch für sie – obgleich ihre digitale Welt schon längst keine Verwendung mehr dafür weiß. Der Prediger fühlt sich in solchen Momenten alt, aus der Zeit gefallen. Aber es macht ihm nichts mehr aus, er fällt gern. Vielleicht findet er für den freien Fall aus der Zeit ja die richtige Maßeinheit auf einem seiner Begleiter für lange und vergangene Zeiten, den Typometern.

Aber die Begleiter sind still geworden … Der Mensch sei das Maß aller Dinge, lehrte der Rhetoriker Protagoras. Das Maß aller Typografie ist das Typometer – gewesen? In der Typografie stecken die griechischen Begriffe »typoi« und »grapho«, »Spuren« und »einritzen«; der Typograf hinterlässt also Spuren. Das Typometer hat diese Spuren vermessen. Der Wandel der Zeit nimmt den Spuren das Maß.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 5, Herbst 2014