Buchbesprechung

»Design hat so viel zu erforschen«

Eine Einführung in die Designtheorie und -forschung

Eine Rezension von Shayenna Misko


Wer sich mit dem Thema Designforschung auseinandersetzen möchte, hat im großen Bücherregal des aktuellen Buchmarktes bisher nur eine relativ eingeschränkte Auswahl. Noch schwerer wird es, eine allgemeine Einführung zu finden. In der UTB-Lehrbuchreihe erschien im Jahr 2009 eine Einführung in die »Designtheorie und Designforschung«, geschrieben und herausgegeben von Experten aus der Disziplin: Uta Brandes, Michael Erlhoff und Nadine Schemmann. Allesamt aus der Riege der »Köln International School of Design« (KISD). Nadine Schemmann, Absolventin der KISD, ist heute als Grafikerin und Illustratorin international tätig. Uta Brandes, inzwischen emeritiert, war bis August 2015 an der KISD Professorin für Gender und Design. Michael Erlhoff, Gründungsdekan des »Kölner Fachbereich Design« (heute: KISD) war von 1991 bis 2012 Professor für Designtheorie und -geschichte. Brandes und Erlhoff veröffentlichten in ihren Fachgebieten bereits zahlreiche Werke. So ist das »Wörterbuch Design«, das Michael Erlhoff zusammen mit Tim Marshall publizierte, vermutlich vielen Designern ein Begriff.

Die Autoren kündigen bereits im Vorwort an, dass das Lehrbuch keiner starr belehrenden Funktion nachgehen soll, sondern dazu geschrieben wurde, um »auf ein Studium im Kontext von Design-Forschung und Design-Theorie[1]« (S. 8) vorzubereiten, »Intentionen und Gedanken und auch Einblicke in theoretische Streitigkeiten« (S. 8) zu vermitteln. Letztendlich soll es dazu anregen, »sich intensiver mit Design-Forschung und Design-Theorie auseinanderzusetzen« (S. 8). Den Lesern wird mit dieser Lektüre ein grober Überblick über die wichtigsten Eckpfeiler, Aspekte und Methoden der Designtheorie und -forschung verschafft.

Design und Theorie

Zum Einstieg werden die Grundbegriffe des Buchtitels zunächst in ihre einzelnen Bedeutungen zerlegt. »Theorie«, »Forschung« und »Design« werden etymologisch hergeleitet und beschrieben. Designtheorie und Designforschung unterscheidet von älteren Disziplinen, dass sie Methoden und Theorien anderer Wissenschaften aufnehmen. Deshalb werden im ersten Abschnitt des Buches, der sich mit »Design und Theorie« befasst, diejenigen Theorien beschrieben, die eng mit Gestaltung und Design verbunden sind: die Harmonie-Lehre, Ästhetik, Wahrnehmung, die Bauhaus-Lehre etc. Anschließend werden sogenannte »multidisziplinäre Theorie-Gebäude« angeführt, die für das Design »brauchbar« sein können oder es beeinflussen: die Hermeneutik, Semiotik, Rhetorik, Psychoanalyse. Ein Großteil dieser Theorien könnte den meisten Lesern bereits aus Studium oder Alltag geläufig sein. Die Autoren zeigen dabei auf, wie die Zusammenhänge innerhalb der Theorien zu verstehen sind und welche Aspekte der jeweiligen Theorie für das Design eine wichtige Rolle spielen.

Design und Forschung

Der zweite Teil des Lehrbuches befasst sich mit Designforschung. Es werden Unterscheidungen zwischen der Forschung »im«, »über«, »mit und durch Design« hervorgehoben, quantitativer von qualitativer Forschung unterschieden und die Entstehung der empirischen Forschung erläutert – eben all das, was ein Student für den Einstieg in den Bereich der Designforschung grundsätzlich wissen sollte. Im letzten Abschnitt des Teils über Designforschung wird eine alphabetische Sammlung von Designforschungsmethoden aufgeführt, die – ähnlich den Designtheorien – ursprünglich aus anderen Disziplinen stammen. Vor allem aus den Sozial- und Kulturwissenschaften habe sich die Designer einiges abgeschaut.

Von A wie Aktionsforschung über Grounded Theory und Trendforschung bis zu W wie Wicked Problems werden 30 Designforschungsmethoden beschrieben, deren Durchführung erklärt und ihre Ursprünge und Entstehung erläutert. Die Methodensammlung ist auf farblich abgehobenen Seiten gedruckt und kann somit beim Nachschlagen leichter gefunden werden.

Design-Theorie und Design-Forschung studieren

Auf den letzten Seiten des Lehrbuches befindet sich ein hilfreiches Verzeichnis von Hochschulen im deutschsprachigen Raum, die Designtheorie oder -forschung in ihrem Curriculum anbieten. Auch ein weiteres Verzeichnis von aktuellen Webadressen deutschsprachiger
Institutionen im Bereich der Designforschung ist vorhanden.

Wie bereits erwähnt wurde, ist die optische Abhebung der Designforschungsmethoden sehr nutzerfreundlich gestaltet. Die Ausführungen der Autoren sind jedoch häufig umständlich und unpräzise geschrieben. Beachtet man darüber hinaus die Zielgruppe dieses Buches – Designer, die oft großen Wert auf Ästhetik legen, und die Gestalter unter ihnen, deren Herz für Typografie schlägt –, so tragen zwar die Illustrationen jeder Doppelseite zu einer guten visuellen Unterstützung der Inhalte bei, durch diverse Schreibfehler und typografische Fauxpas allerdings könnten die Autoren bei den Lesern schnell in Ungnade fallen. Da wäre zum Beispiel ein durch den Blocksatz verursachter, viel zu geringer Wortabstand, der den Leser fast dazu zwingt, die Zeile als zusammenhängendes Wort zu sehen (z. B. S. 60, 3. Abschnitt) – und das nicht nur einmal. Eine ausgefeiltere Überschriften-Hierarchie wäre ebenfalls nützlich für eine leichtere Unterscheidung der Textrelevanz, was zwangsläufig auch zu einer besseren Orientierung im Buch führte.

Fazit

»Designtheorie und Designforschung« zeigt auf, warum ein wissenschaftlicher Ansatz des Designs längst überfällig war und welche Potentiale sich in dieser jungen Disziplin verbergen: »Das Design hat so viel zu erforschen – und darin, so müssen wir festhalten, auch viel nachzuholen.« (S. 192) Völlig ohne Vorkenntnisse ist dieses Buch allerdings schwer zu lesen, da Einsteiger durch die abstrakten Ausführungen der Autoren in Verbindung mit dem komplizierten Schreibstil schnell überfordert werden können. Ein klarer und einfacher Schreibstil wäre für eine Neuauflage also sehr wünschenswert und würde vor allem der Zielgruppe junger Designstudenten entsprechen.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016