Buchbesprechung

»Designtheorie … nicht gerade das begehrteste Thema«

Frederic C. Erasmus ruft zum freien Denken auf

Eine Rezension von Claudia Zech


Wer beim Begriff »Designtheorie« nervös mit der Augenbraue zuckt, weil er an ermüdende Lektüre denkt, wird von Frederic C. Erasmus‘ Ausführungen in »no no position« überrascht sein. Wie der Autor selbst bemerkt, handelt es sich um eine Tatsache: »Designtheorie ist für Designer im ersten Moment nicht gerade das begehrteste Thema.« (S. 14). Bereits auf den nächsten Seiten räumt er aber mit den bekannten Vorurteilen auf. Anschaulich erklärt Erasmus, was es mit der Theoriephobie unter Designern auf sich hat und warum wir dieser Angst endlich ins Auge blicken müssen. Unterteilt in die Bereiche »Die Designer«, »Der Designer«, »Das Design« beleuchtet das Werk die Profession, den einzelnen Akteur und die Disziplin selbst.

Erasmus analysiert die Zusammenhänge in sachlicher Weise, untermalt Ausführungen mit bildhaften Beispielen und fügt jeder Erörterung einen persönlichen Standpunkt hinzu. Dabei ist er stets darauf bedacht, den Leser zum selbstständigen Denken anzuregen und Position zu beziehen.

Zur grundlegenden Betrachtung wird die Frage geklärt, was den Designberuf ausmacht. Der Autor befasst sich mit der Vielfalt der Profession, der Problematik der ungeschützten Berufsbezeichnung und erläutert, welche Fähigkeiten den Designer vom Amateur unterscheiden.

Vor allem dem Einfluss sowie der Verantwortung des Designers widmet dieses Buch große Aufmerksamkeit. Kann ein Designer durchweg seine eigene Handschrift anwenden? Zu welchen Teilen ist er Autor des Ergebnisses? Wie viel Mitspracherecht bietet ein Auftrag? Inwieweit kann ein Designer in Inhalte eingreifen? Kann es überhaupt Designer mit reinem Gewissen geben? Anhand dreier Ethikmodelle versucht Erasmus der Moral auf den Grund zu gehen und stellt dabei die Frage nach der Verantwortung. Der Verantwortung für den Erfolg, für die Wahl der Mittel, für die Praktiken der Auftraggeber und für die Auswirkungen der Arbeit. Für eine umfassende Beurteilung wird der Designer im Kontext von Kapitalismus und Konsum, von sozialer Kommunikation, Kultur und der Logik des Marktes betrachtet.

An dieser Stelle kehrt der Autor zurück zu den Vorzügen des reflektierten und methodischen Arbeitens. Als bebilderter Abschnitt steht das niederländische Naaldboom-System im Mittelpunkt des Werkes – entwickelt von Volker van Eizmann, Eljan Reeden und Frederic C. Erasmus selbst. Statt dem Designer direkte Vorgaben aufzuzwingen, legt das System in Nadelbaum-Optik eine Vielzahl von Möglichkeiten offen. Von den Wurzeln bis zur Baumkronenspitze werden dem Designer in fünf übersichtlichen Stufen unter anderem Definitionshilfen, Recherchemethoden, Entwurfstechniken, Gestaltungsprinzipien, Kreativitätstechniken und Bewertungsfilter vorgestellt. Erasmus erklärt die Vorteile des systematischen Arbeitens: »Es macht die Arbeit eines Designers professionell, unterstützt die Team-Arbeit und dient nicht zuletzt dem Selbstbewusstsein.« (S. 206)

Ein Buch über Designtheorie wäre wohl kein Buch über Designtheorie, würde es nicht auf den in der Branche heiß diskutierten Ausspruch »form follows function« eingehen. Darauf aufbauend wird die Frage nach gutem und schlechtem Design gestellt. Dabei mag es zunächst befremdlich wirken, dass Erasmus Bildzeitung, RTL II, Kik und Co als Beispiele für gelungenes Design anführt. »Durch eine bewusst niedrig gewählte Gestaltungshöhe wird die Botschaft richtig dargestellt und der Kommunikationszweck auf ›ehrliche‹ Art und Weise erfüllt.« (S. 216)

Ebenso interessant dürfte für alle Designer die altbekannte Frage nach dem Unterschied zwischen Design und Kunst sein. Anhand verschiedener Kriterien prüft der Autor die Unterschiede auf ihre Allgemeingültigkeit und stellt anschaulich dar, dass die Disziplinen nicht immer klar voneinander trennbar sind. Zur Unterstützung seiner These fügt er zwei Unterscheidungsmodelle an: Die »Kunst-Design-Matrix« nach Danilow und den »Ideenwertcharakter« nach Gernot Fenninger.

Schließlich: Inwiefern kann Design überhaupt beurteilt werden? Spätestens im Designstudium stellt sich die Frage nach einer objektiven Bewertbarkeit. Erasmus ist entschieden gegen das Notensystem. »Noten geben keinerlei Hinweis darauf, was gut war oder besser gemacht werden könnte.« (S. 238) »Noten sollten durch aussagekräftige Bewertungsschreiben ersetzt werden. Die Studenten würden von individuellen Einschätzungen profitieren (…)« (S. 239) Und er geht sogar noch weiter und untersucht, ob Design überhaupt lehrbar ist. Da Erasmus selbst Gastdozent an deutschen und niederländischen Designhochschulen ist, kann er auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und erklärt, was ein Designstudium leisten sollte. Im Vordergrund steht auch hier der reflektierte Designer, der die Komplexität seiner Profession versteht.

»no no position« schließt mit einem Manifest, das sich gegen den Theoriemangel der Designpraxis ausspricht. Gegen Amateurdesign und Dumpingservices. Gegen fehlende Antworten und eine rein technische Designausbildung, die kein tieferes Verständnis vermittelt. Das Manifest plädiert für ein neues Verantwortungsbewusstsein, ein Verständnis des komplexen Kontexts. Für eine reflektierte, engagierte Designpraxis, für die Auseinandersetzung mit offenen Fragen. Für ein Weitertragen des Wissens und der Komplexität und für die Weiterentwicklung der Profession.

Dieses Buch ist mehr als nur eine Sammlung von Wissen. Es aktiviert den Leser, frei und vor allem weiter zu denken. Erasmus gelingt es, auch den letzten Theoriemuffel für dieses Thema zu begeistern, indem er die Wichtigkeit von Designtheorie tiefgründig, spannend und anschaulich vermittelt. Auch wenn »no no position« mit designrelevanten Fachbegriffen aufwartet, kann das Werk bereits zu Beginn des Grundstudiums eine Bereicherung für jeden Designstudenten sein. Kreative in den verschiedensten Ausbildungs- und Berufsstadien werden ebenso von der Lektüre profitieren. Für neue Perspektiven ist es nie zu spät.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016