Mythen des Alltags

Die Gardine

Unser (Vor)Hang zur Privatsphäre

Von Melissa Rogg


Wer ein Zim­mer in einem obe­ren Stock­werk bewohnt, ohne direkt gegen­über­lie­gen­de Behau­sung glei­cher Höhe, emp­fin­det es viel­leicht nicht als not­wen­dig, eine zu besit­zen. Den­noch: Ist es nicht fas­zi­nie­rend, wie sich die­ses Deko­ra­ti­ons- und Wohn­ob­jekt durch alle Gesell­schafts­schich­ten zieht und in wel­cher Viel­falt sie auf­taucht, obgleich ihre Funk­ti­on immer die­sel­be ist: ver­ste­cken. Der Duden berei­chert unse­re All­ge­mein­bil­dung mit dem Wis­sen, dass das Wort ursprüng­lich aus dem Nie­der­deut­schen bezie­hungs­wei­se Nie­der­län­di­schen stammt (gor­di­jn) und ursprüng­lich einen Bett­vor­hang beschrieb.

Mög­lichst weiß, mög­lichst auf­wen­dig, mög­lichst blick­dicht und trotz­dem licht­durch­läs­sig – das waren die Kri­te­ri­en vor etwa 40 Jah­ren, als die Gar­di­ne ihre Hoch­zeit hat­te und in jede gut­bür­ger­li­che Woh­nung gehör­te. Die Intim­sphä­re war das höchs­te Gut. Doch die rück­läu­fi­gen Geschäfts­zah­len ein­schlä­gi­ger Gar­di­nen­her­stel­ler wie Ado (»Die mit der Gold­kan­te«) zei­gen, dass der Son­nen­ein­strah­lung­dämp­fer auf dem Rück­zug ist. Dabei ist er so viel mehr als das!

Wer schon ein­mal in einem mehr­stö­cki­gen Wohn­haus sei­ne Zeit gefris­tet hat, weiß, dass schein­bar im Grund­ge­setz ver­an­kert ist, eine ergrau­te und mephis­to­be­schuh­te Dame im Erd­ge­schoss beher­ber­gen zu müs­sen, deren Inter­es­se aus­schließ­lich in den Gewohn­hei­ten ande­rer Haus­par­tei­en liegt. Die Anwe­sen­heit die­ser Dame ist meist nur durch das leich­te Wehen jener Baum­woll­wol­ken zu erken­nen. Sie hat wohl nur die geblüm­te Tee­tas­se zurück auf die eben­so geblüm­te Unter­tas­se gestellt und ansons­ten seit mor­gens um acht ihre exzel­len­te Obser­va­ti­ons­po­si­ti­on nicht ver­las­sen. Sie weiß, wann die Bewoh­ner zur Arbeit gehen, in wel­chem Super­markt sie ein­kau­fen, ob die Kra­wat­te sorg­fäl­tig gebun­den ist und wen sie wann und in wel­chem Zustand mit nach Hau­se brin­gen. Und das alles kann sie nur, weil sie sich in ihrer Pri­vat­sphä­re nicht gestört füh­len muss. Sie hat an ihren Schei­ben jene Blick­ver­hin­de­rer, die ihr tages­fül­len­des Hob­by unsicht­bar wer­den las­sen.

Wer sein Domi­zil mit Gar­di­nen aus­ge­stat­tet hat, kommt wenigs­tens ein­mal im Jahr nicht umhin, sei­nen Früh­jahrs­putz auch auf die­se aus­zu­deh­nen und sie zu waschen. Die größ­te Her­aus­for­de­rung ist dabei, die Gar­di­nen unfall­frei ab- und spä­ter mög­lichst knit­ter­frei wie­der auf­zu­hän­gen. Dabei gibt es unter­schied­li­che Schwie­rig­keits­stu­fen, je nach Auf­hän­gung der Gar­di­ne. Han­delt es sich um eine Stoff­bahn, die nur die unte­re Hälf­te des glä­ser­nen Licht­ein­las­ses bedeckt, ist die Unfall­ge­fahr recht gering. Die Fall­hö­he beträgt nicht mehr als die eige­ne Kör­per­grö­ße und auf den eige­nen Füßen steht es sich doch recht sicher. Hier trägt die Auf­hän­gung eher zum Unmut bei, da die Haft­kraft der Kle­be­strei­fen durch unter­schied­lichs­te Umwelt­fak­to­ren nach­lässt und oft­mals ein simp­les Ent­fer­nen der schma­len, mit wei­ßem Kunst­stoff über­zo­ge­nen Gar­di­nen­stan­ge schon ein Ablö­sen bedingt, das auch mit erneu­tem, kräf­ti­gen Andrü­cken nicht mehr rück­gän­gig zu machen ist. Hier hilft nur eines: Sekun­den­kle­ber. Oder der nächs­te Bau­markt, der zu fin­den ist.

Soll­te es sich um eine Gar­di­ne han­deln, die an der Decke ihren Ursprung nimmt, so ist hier beson­de­re Vor­sicht gebo­ten. Wer nur über einen han­dels­üb­li­chen Ehe­mann, Sohn, Schwa­ger, Enkel, Schwie­ger­sohn oder Nach­barn ver­fügt, der nicht geschätz­te Zwei­me­ter­zehn groß ist, muss auf eben­so han­dels­üb­li­che Hilfs­mit­tel wie die Lei­ter zurück­grei­fen. Hier ist Vor­sicht gebo­ten! Je nach Kom­ple­xi­tät der Auf­hän­gung sind gro­ßes Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und Kon­zen­tra­ti­on von Nöten, die oft den unsi­che­ren Stand einen Meter ober­halb des frisch geboh­ner­ten Par­kett­bo­dens ver­ges­sen las­sen. Hier gibt es zum einen die klas­si­sche Gar­di­nen­stan­ge aus unbe­han­del­ter Fich­te, über die, mit hei­me­li­gem Klap­pern, die höl­zer­nen Rin­ge rut­schen. Zum Abneh­men der Stoff­wol­ken muss meist eine Schrau­be gelöst wer­den, die dann her­aus­fällt und in den unend­li­chen Win­dun­gen des sich dar­un­ter befin­den­den Heiz­kör­pers ver­schwin­det, um sich zu den ande­ren Schrau­ben mit dem glei­chen Schick­sal zu gesel­len. Auch in so einem Fall scheint der sicher unmit­tel­bar in der Nähe lie­gen­de Bau­markt die bes­te Anlauf­stel­le zu sein. Zwei­te, moto­risch wesent­lich anspruchs­vol­le­re Vari­an­te sind die Plas­tik­vor­hang­ha­ken, die in das ein­ge­näh­te Vor­hang­band fein säu­ber­lich, in gleich­mä­ßi­gen Abstän­den ein­ge­fä­delt wer­den. Genau­so kunst­voll wer­den die Haken dann mit ihren Roll­füß­chen in der drei­läu­fi­gen Vor­hang­schie­ne ein­ge­glie­dert, die mit einem gerif­fel­ten Kunst­stoff­kor­ken sorg­fäl­tig ver­schlos­sen wird, um unbe­ab­sich­tig­tes Her­aus­glei­ten der Häk­chen zu ver­hin­dern.

Die Krux dabei ist, die Auf­hän­ge­uten­si­li­en mit genü­gend Druck zu öff­nen, ohne dabei einen Teil des fili­gra­nen Füß­chens abzu­bre­chen. Ein Vor­ha­ben, das nicht gelin­gen wird und der Bau­markt des Ver­trau­ens freut sich über einen Besuch, denn schließ­lich gibt es immer was zu tun. Als Nächs­tes sicher­lich, die noch nicht voll­stän­dig getrock­ne­ten Gar­di­nen wie­der an ihren Ursprungs­ort zu hän­gen, wobei hier für die Nut­zung der Lei­ter erneut Vor­sicht gilt. Bügeln ist nicht zwin­gend not­wen­dig, da das 2004 von Ste­fa­an Joos und Dani­el Stein­ke paten­tier­te Gar­di­nen­ab­schluss­band am unte­ren Saum die noch feuch­ten Stoff­bah­nen knit­ter­frei trock­nen las­sen.

»Beson­ders bevor­zugt erfolgt eine Her­stel­lung der erfin­dungs­ge­mä­ßen Gar­di­nen­ab­schluss­bän­der auf der Grund­la­ge eines Trä­ger­fa­dens. Auf die­sen Trä­ger­fa­den wer­den ein­zel­ne Beton­ele­men­te in einer Kugel­form oder beson­ders bevor­zugt in einer Ellip­so­id­form kon­zen­trisch um den Faden auf­ge­bracht. […] Durch den Trä­ger­fa­den wer­den sie wie auf einer Per­len­ket­te zusam­men­ge­hal­ten und stel­len damit die Bieg­bar­keit und Fle­xi­bi­li­tät zur Ver­fü­gung, die auch bei den her­kömm­li­chen Blei­bän­dern geschätzt und benö­tigt wird.«[1]

Von den Unzu­läng­lich­kei­ten der Rei­ni­gung sol­cher ehe­ma­li­ger Bett­vor­hän­ge abge­se­hen, ist die Gar­di­ne in ihrer Funk­ti­on doch recht klar zu defi­nie­ren. Sie soll der Pri­vat­sphä­re inner­halb der eige­nen vier Wän­de die­nen und uner­wünsch­ten Bli­cken vor­beu­gen. Außer­dem scheint die Gar­di­ne, nicht nur auf­grund ihres Arti­kels, zutiefst weib­lich zu sein. Das weib­li­che Geschlecht hat in Sachen Woh­nungs­ein­rich­tung wohl gene­rell die Nase vorn und damit auch bei der Gar­di­nen­wahl. Auch die Gar­di­nen­pre­digt ist auf weib­li­chem Mist gewach­sen und wur­de schon im Mit­tel­al­ter als Begriff für eine Stand­pau­ke der wer­ten Gat­tin unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit ver­wen­det. Wer, ob männ­lich oder weib­lich, sei­ne Fens­ter­be­klei­dung in jenem skan­di­na­vi­schen Möbel­haus mit den vier gro­ßen Buch­sta­ben kau­fen möch­te, soll­te beden­ken, dass er oder sie in Zukunft hin­ter schwe­di­schen Gar­di­nen sein Dasein ver­brin­gen wird. Auch wenn sie heut­zu­ta­ge nicht mehr aus schwe­di­schem Eisen geschmie­det sind, wie die sprich­wört­li­che Vari­an­te. Den­noch zeigt die­ser Ver­gleich, dass nicht nur die Sicht in den pri­va­ten Bereich, son­dern auch umkehrt aus der Pri­vat­sphä­re in die rest­li­che Welt behin­dert wird. Womög­lich schafft sich der gar­di­nen­af­fi­ne Mensch frei­wil­lig sei­ne eige­ne Gefäng­nis­zel­le, in der er sich erstaun­lich wohl­fühlt. Ist das der Grund für den Rück­gang der wei­ßen Pseu­do­vor­hän­ge? Sind die bereits beschrie­be­nen rück­läu­fi­gen Ver­kaufs­zah­len ein Indiz für das Abneh­men des Bedürf­nis­ses nach Pri­vat­sphä­re?

Ist die Dis­kus­si­on über Face­book und sei­ne Öffent­lich­keit gar eine Aus­ein­an­der­set­zung über die höchst eige­ne Fens­ter­ver­klei­dung? Soll­te folg­lich Gar­di­nen­be­sit­zern gar der Log-in bei Web­an­ge­bo­ten die­ser Art ver­bo­ten wer­den?

Die alte Dame im Erd­ge­schoss hat sicher kei­nen Face­book-Account. Sie bevor­zugt ihre »gehei­men« Beob­ach­tun­gen und nicht die so frei­wil­lig in das gar­di­nen­freie World Wide Web posaun­ten Kako­fo­ni­en. Weder gegen das eine noch das ande­re kön­nen wir uns in Zukunft weh­ren. Alte Damen und das Inter­net wer­den wohl nicht so schnell aus­ster­ben, wobei die alten Damen wesent­lich län­ge­re Über­le­bens­er­fah­run­gen haben. Die­se Insti­tu­tio­nen blei­ben uns erhal­ten, bis der letz­te Vor­hang fällt.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 1, Herbst 2012X