Mythen des Alltags

Die Kuckucksuhr

Stündliches Singen für alle Berufe

Von Evelyn Prochota


Die Kuckucksuhr besteht in der Tat aus zwei Komponenten, nämlich aus einem Kuckuck und der Uhr – im Gegensatz zur »Bahnhofsuhr«. Die erste Uhr mit eingebautem Vögelchen gehörte Kurfürst August von Sachsen und befand sich in Dresden. Seit 1669 wurde der Kuckucksruf für jede volle Stunde eingestellt und danach hauptsächlich im Schwarzwald gefertigt. Sie ist nahezu ein »Muss« für jeden traditionsbewussten, dem Kitsch zugeneigten, trachtentragenden Einwohner unseres Landes. Wurde sie ursprünglich zur Zeitangabe verwendet, wird sie doch jetzt mehr als Sammelobjekt geschätzt. Die Kettenzuggewichte in From von Tannenzapfen müssen je nach Mechanik alle ein bis acht Tage aufgezogen werden. Die Uhr wird jeder Geschmacksrichtung angepasst, so dass im Jagdzimmer des Försters nicht nur das Schrägdach, die Äste, das Eichenlaub und die Jagdgewehre verniedlicht und stilisiert dargestellt werden, sondern als Höhepunkt auch noch der erlegte Hirschkopf mit Geweih, ähnlich einem Übergott, der über allem steht. Im Gegensatz dazu ist die Klappe sehr klein, zu der aus jeder vollen Stunde der Kuckuck erscheint und sein schönes Lied trällert. Das Ziffernblatt ist weiß mit römischen Zahlensymbolen bemalt. Die Zeiger sind den großen Turmuhren nachempfunden. Darunter befindet sich, passend zur Größe des Vogels, das Jagdhorn aus Holz, das die Schreie des Kuckucks verstärken soll. Ein Pulverbeutel schließt das ganze nach unten ab. Da die gesamte nussbaumfarbene Darstellung geschnitzt ist, ist der Pulverbeutel auch nur als Symbol anzusehen.

Wie wohl eine Kuckucksuhr aussehen würde, wenn andere Berufe stilisiert dargestellt werden würden? Bei einem Konditor lässt die Fantasie sicherlich viel Spielraum zu. Gäbe es hier auch noch einen Kuckuck? Oder wäre er schon längst durch eine süße, marzipanhaltige Trompete ersetzt worden? So vielschichtig wie die Form der Uhr wird auch der Kuckuck dargestellt: einzeln, in Gruppen, mit weit geöffnetem Schnabel, mit Federn verziert, aus Plastik geformt oder doch noch aus Holz gefertigt. Er kann farbenfroh auftreten oder im schlichten natürlichen Grau. Die Tonlage seines Weckrufs ist je nach Temperament und Erfahrung des Uhrmachers unterschiedlich. Sein Gesang ertönt immer zur unpassenden Zeit, meistens wenn Nachrichten im Fernsehen beginnen, ein wichtiger Anruf oder eine konzentrierte Arbeit erledigt werden muss. Lärmgeschädigte oder durch das ewige »Kuckuck« Gernervte, können bei moderneren Kuckucksuhren den Kuckuck zeitweise abwürgen, so dass die Schlafruhe ungestört bleibt. Es soll sogar Schläfer geben, die nachts dadurch aufwachen, dass ihnen der stündliche Singen des Vogels fehlt.

Doch sie sind kein Unikat mehr, da die Massenproduktion auch nicht vor den Kuckucksuhren halt macht. Schnell, billig, ohne innere Werte. Die handgeschnitzten Kuckucksuhren werden immer weniger und erreichen dadurch schon fast wieder Kultstatus – allem Kitsch zum Trotz.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 4, Frühjahr 2014