Buchbesprechung

»… eine politische Aufgabe«

Lucius Burckhardt über das Unsichtbare des Designs

Eine Rezension von Uta Schadow


Der Titel des Buches ist Programm: »Design ist unsichtbar. Entwurf, Gesellschaft, Pädagogik.« Lucius Burckhardt, ein aktiver Werkbündler und Gründungsdekan der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität in Weimar, teilt in diesem Sammelband ausgewählter Texte seinen Erfahrungsschatz und seine Ansätze über Designforschung- und Ausbildung mit. Seine Texte entstanden in den Jahren 1965 bis 1999 – sie sind nach wie vor aktuell. Sie beziehen sich zum größten Teil auf die nicht sichtbaren Aspekte des Designs – auf Ausgangssituationen und Zusammenhänge der Gesellschaft. Das Buch gliedert sich in die Kapitel »Entwurf«, »Gesellschaft« und »Pädagogik«. Der 1980 entstandene Beitrag »Design ist unsichtbar« in dem Kapitel »Entwurf« gab dem Buch seinen Namen. Burckhardt beschreibt gezielt – anhand prägnanter Beispiele anschaulich und nachvollziehbar – die Probleme gesellschaftlich-sozialer Systeme.

Lucius Burckhardt bezieht eine klare, designethische Position, zeigt Verantwortung für die Gesellschaft, indem er anmahnt, die Wirkung von Gestaltung stärker in den gestalterischen Prozess einzubeziehen. »Der Glaube, daß durch Gestaltung eine humane Umwelt hergestellt werden könne, ist einer der fundamentalen Irrtümer der Pioniere der modernen Bewegung. Die Umwelten der Menschen sind nur zu einem geringen Teil sichtbar und Gegenstand formaler Gestaltung; zu weit größerem Teil aber bestehen sie aus organisatorischen und institutionellen Faktoren. Diese zu verändern ist eine politische Aufgabe.« (S. 55) Er kratzt nicht an der Oberfläche der Gestaltung, sondern stellt in erster Linie die Funktion von Gestaltung und ihren Nutzen für die Gesellschaft in Frage. Er betrachtet soziale Aspekte und die unsichtbaren Segmente des Designs. Wann ist Design Sinn oder Unsinn? Zeitgemäße Gestaltung muss seiner Meinung nach gesellschaftlich-soziale Forderungen erfüllen. Burckhardt plädiert in »Design ist unsichtbar« dafür, Design nicht nur als hübsche Fassade zu betrachten. Er betont in seinen Texten den Bezug von Gestaltung zur Gesellschaft. Gestalter haben eine Verantwortung und das Potential, Probleme zu lösen oder Lösungswege zu gestalten. Sie sollen Design als Problemlösungswerkzeug verstehen und den Nutzen guter Gestaltung durch positive Erfahrungen für den Nutzer spürbar machen, also die Lebensqualität unserer Gesellschaft erhöhen.

Lucius Burckhardt setzt sich nicht ausschließlich mit sozial-gesellschaftlichen Problematiken auseinander, die von den entwerfenden Disziplinen Planung, Design, Architektur und dem Ingenieurwesen seiner Erfahrung nach oft geschaffen statt gelöst werden. Er hinterfragt und kritisiert auch die Ausbildungskonzepte dieser »entwerfenden Berufe«. Am Beispiel der Ulmer Schule, die er als zu technokratisch bezeichnet, und des Bauhauses, wo seiner Meinung nach nicht projektorientiert gelehrt wurde, sondern konzentrisch. Da sich diese Ausbildungsmethoden seinem Resümee nach heute nicht mehr eignen, gibt er Vorschläge und Ansätze für Ausbildungsperspektiven, die künftige Gestalter auf Aufgaben mit »bösartigem Charakter« (S. 312) in der Berufspraxis vorbereiten.

Seine Vergleiche, Erfahrungsbeispiele – und ab und an eine dezente Hyperbel – benennen Probleme deutlich. Durch Burckhardts Karrikaturen werden dem Leser Problematiken illustrativ, humorvoll und einleuchtend vor Augen geführt. Lucius Burckhardt starb 2003 in Basel. Mit seinem Buch: »Design ist unsichtbar« führt er uns die Breite der Disziplin vor Augen. Seine Texte sind auch für Gestalter primär ein Appell, sich der Wirkung, den Möglichkeiten und der Verantwortung dieses »entwerfenden Berufes« bewusst zu werden und führen die Breite der Disziplin vor Augen. Lucius Burckhardt ist einer der wenigen Designer, der seine unkonventionelle Denkweise und seine Position in Worte fasst. Diese theoretische Publikation über Gestaltung, die voller sprachlicher Bilder steckt, sollte zur Pflichtlektüre für Designstudenten werden.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 3, Herbst 2013