Mythen des Alltags

Paleo-Diät

Alles, was schmeckt, wird verboten

Von Melanie Laudin


Die Steinzeitmenschen als kulinarisches Vorbild: Was im ersten Moment absurd klingt, ist auf den zweiten Blick der letzte Schrei bei Diätverfechtern. Keine Pizza, keine Pasta und kein Kuchen – je länger man den Speiseplan der Paleo-Diät studiert, umso klarer wird es: Alles, was schmeckt, ist hier verboten. Wie auch sonst, Familie Feuerstein speiste eben noch nicht unbedingt auf dem kulinarischen Niveau, auf dem wir uns heute bewegen.

Paleo (nach deutscher Orthographie eigentlich Paläo) leitet sich von dem fachsprachlichen Terminus Paläolithikum ab, was soviel heißt wie Altsteinzeit. Die sogenannte Steinzeitdiät bedient sich der vermuteten Ernährungsform unserer Urahnen, die vor etwa 10 000 Jahren lebten. Das Grundgerüst der Diät sieht folgendermaßen aus: Es darf alles gegessen werden, was schon unsere an Mammutknochen nagenden Vorfahren verschlungen haben. Lebensmittel, die aus Getreide gewonnen werden, sowie Zucker, Alkohol und Milchprodukte sind nicht erlaubt. Adieu Käsespätzle und auf Wiedersehen Kartoffelsalat: Für Paleoaner stehen nur noch Gerichte auf dem Speiseplan, die Jäger und Sammler vor tausenden Jahren verzehrten. Selbst bei großen Tageszeitungen, wie der »New York Times« ist der Paleo-Trend angekommen: Laut deren Einschätzung arbeitet der urbane Höhlenmensch in der Kreativbranche und spaziert in seiner Mittagspause barfuß um den Häuserblock.[1]

Doch warum sollte man sich wie in der Steinzeit ernähren, als die Menschen sowieso nur maximal 40 Jahre alt wurden? Dahinter steht der Gedanke, dass der menschliche Körper genetisch nicht an die moderne Kost angepasst sei, sondern lediglich an steinzeitliche Ernährungsformen. Deshalb fördere die heutige Zivilisationsernährung vermehrt Erkrankungen. De facto gibt es bei der Theorie mehr Hypothesen als wissenschaftliche Beweise.

Die wenigsten Anhänger der Diät dürften diese Ernährungsform wirklich als idealistische Ansage gegen die heutige Industriekost sehen. Die meisten Paleoaner gehören der Kategorie der diätfanatischen Möchtegern-Trendsetter an. Für die Industrie eröffnet sich ein weiterer Nischenmarkt, aus dem Geld gemacht werden kann. Letztlich ist die Paleo-Diät nur ein Beispiel dafür, wie besessen moderne Menschen vom Abnehm-Wahn sind. Low-Carb, »Schlank im Schlaf« oder »Abnehmen, passend zur Blutgruppe«: Keine noch so paradox klingende Diät ist mehr unmöglich. Menschen, die normal essen, werden grundsätzlich schief angesehen. Du bist, was du isst – die alte Volksweisheit gewinnt an Bedeutung. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, sich auch über Ernährung zu profilieren. Essen wird immer mehr zum Instrument der Selbstverwirklichung.

Eines ist sicher: Abnehmen war früher kein Trend, und Menschen in der Steinzeit waren auch keine Paleo-Diät-Verfechter. Sie hatten schlicht und einfach keine andere Wahl.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 11, Herbst 2017