Essay

Schreib Bilder Writing Pictures

Beitrag I aus dem Katalog zur »Plakartive 2015«

Von Gerhard Johann Lischka


Schreiben ist festhalten, fixieren, vorschreiben. Aus einer Tätigkeit, aus Geschichten und Ideen wird in einem Medium eine Abstraktion sichtbar und je nach dem lesbar. In welcher Form das auch sei: Für den Schreibenden und den Lesenden muss eine beide vereinigende Mitte als Übereinkunft getroffen worden sein. Wie viele sich diesem Code und dessen Aufzeichnungsformen anschließen und ihn gebrauchen, gestaltet Völker, Nationen ja den gesamten globalen Zeichenfluss als erdumspannende Kommunikation.

Dabei gibt es noch über den entsprechenden Daten die diese in einen größeren Kontext stellenden Meta-Daten, die Zusammenhänge und Richtlinien sichtbar und verstehbar machen. Diese Ebene hat meistens mit Verwaltung, Organisation und Macht zu tun, was heißt, dass sie die Ökonomie, die Politik, den Glauben und die Künste so darstellen, wie es die gesellschaftlichen Übereinkünfte gestatten.

Wenn Schamanen auf weißen Tüchern BuchenStäbe durcheinander schüttelten und dazu geheimnisvoll raunten und den Sinn der Konstellationen zu eruieren versuchten, so wurden aus diesen Ritualen Elemente geformt, die frei kombinierbar als RunenSchrift allgemein verständlich wurden. Sind wir heutzutage global vernetzt mit digitalen Codes, die Bild, Text und Ton von überall her überall hin in Sekundenschnelle verschicken lassen, ersehen wir zwar die Botschaft, wie sie aber zustande kommt, ist eine Black Box, wie nur den »Schreibern« im alten Ägypten und den »Schriftgelehrten« im Mittelalter vertraut. Hier wird ersichtlich, dass die Basis der »Schrift«, die allen zugeeignet ist, die in der entsprechenden Gemeinschaft vertraute Muttersprache ist, die von der Mutter implantierten Töne, die langsam vertraut zum eigenen Sprechen führen.

Und je mehr wir uns an Wörtern und deren Bedeutung aneignen, desto raffinierter wird unser WissensSchatz und unsere Fähigkeit im spielerischen Umgang mit Texten, Tönen und Bildern. Haben wir nun sogar die Möglichkeit, unilaterale Kommunikationswege in ein riesiges Netz kollateraler Bezüge zu erweitern und den Austausch von Ideen multimedial in Echtzeit um die Welt zu schicken, sind wir zu atopischen Knoten in von Strom generierten Energieknäueln geworden. Sie sind direkt an unser Selbst angedockt und generieren die fast unzähligen Selfies einer unaufhörlichen Massenkommunikation.

In diesen Knäueln werden die klassische HandSchrift, das Buch, das Theater, Film und TV digital zu einer audiovisuellen ZeichenSprache, die dermassen komplex und disponibel ist, dass sich endlos Hybride bilden, welche klare Zuordnungen in einer ständig sich verändernden EnergieBündelung performativer Art aufscheinen lassen.

Die Zeichen im Performativ werden – wie könnte es anders sein – aus einer gewissen Stabilität ins Instabile getrieben. Sie gehen Kombinationen ein, die sich der Geschwindigkeit ihrer Wahrnehmung anpassen und sogar die Beschleunigung evozieren. Folgen wir beim Lesen der Reihenfolge der Buchstaben, was eine gewisse Zeit benötigt, sehen und hören wir durch die elektronisch funktionierenden Displays ihrer Disponibilität entsprechend eine auf uns einstürmende Bild-, Text- und Ton-Variabilität, welche die üblicherweise längeren Textpassagen zwar bedient, Bild und Ton überflügeln diese aber bei weitem.

Wir sind im Videostadium und genießen dessen ErsatzRealität, die unsere Wirklichkeit in ihrer Instantaneität zudem noch dank vieler Tricks und Gags so normal aussehen lässt. Denken wir nur an das Spiegelstadium, das uns die Gegenwart fixieren lässt. Im Videostadium erstürmen alle technischen Gadgets unsere Aufmerksamkeit. Und wir bestimmen instantan wie die jeweilige Viabilität aussieht, welche Einstellung uns besser gefällt und wie lange wir in welchem Bewusstseinszustand welchen Zeichen folgen.

So gesehen sind wir im Bann der HyperRealität, was aber nicht bedeutet, dass wir nicht Unterscheidungen treffen können, durch welche die Medien zu unseren Gunsten funktionieren. Es ist die Kunst, die uns wie in den Alten Medien ebenso in den Neuen Medien die Fähigkeit zur Differenzierung und anderen Akzentuierungen bereitstellt, um die Zeichen der Zeit sowohl zu erkennen als auch zu gestalten. Dabei bündelt sich die Kunst wie zu einem Blitz der Erkenntnis, zu einem von Interesse gefüllten Wohlgefallen oder Erschrecken, das ähnlich einer Hypnose während kurzer oder längerer Zeit den Rezipienten mit der Kunst so verbindet, dass er zum Produzenten der von der Kunst beabsichtigten Idee, Wirkung wird: demnach eine ideale Verbindung herstellt. Ob es sich dabei um Musik handelt, die
uns ja geradezu unterschwellig gefangen nimmt und in Schwingungen versetzt. Ob es Bilder und Räume sind, die uns in sie hineinziehen. Oder schließlich Texte und Ideen, die unsere Gedanken so beflügeln, dass wir in einer Homöostase des Verstehens, Erstaunens und Wohlbefindens Glücksgefühle empfinden.

Bezogen auf Schreib Bilder soll das bedeuten: Wenn wir Worte hören, die unerhört tönen. Wenn wir Texte lesen, die ein Universum an Vorstellungen beschwören. Wenn wir Bilder nicht gesehener Imagination als Erweiterungen unserer Einbildungskraft erörtern. Wenn uns die versammelten Künste für Momente in unseren Vorstellungen utopischer Gegenwärtigkeit begegnen und bestätigen. Dann kann man sagen Mind the Art. Suche und finde die Kunst, die wir in ihrem Kern als verbindendes Element der Erkenntnis empfinden, dass die Zeiten sich als Jetzt konkretisieren. Im Zeichen der Auflösung und Schaffung des Selbst als von der Gesellschaft ermöglichte Alterität.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 6, Frühjahr 2015