Tagung »text | text | text«

Tagung zur Intertextualität mit internationalem Publikum

In Konstanz trafen sich Schreibdidaktiker und Autoren

Von Bettina Schröm


Das Schweizer »Forum wissenschaftliches Schreiben« und das »Institut für professionelles Schreiben« der Hochschule Konstanz hatten gemeinsam zur Debatte um unterschiedliche Bezüge von Texten geladen. In den Vorträgen und Workshops der aus aller Welt angereisten Besucher ging es um unterschiedlichste Inhalte und Formen, vom literarischen Text zur Aktienanalyse, von der didaktischen Übung zum journalistischen Beitrag. Und natürlich ging es um Plagiate, schließlich ist abschreiben streng verboten. Das gilt vor allem in der Welt der Wissenschaften. Doch müssen sich Texte aufeinander beziehen, um überhaupt einen wissenschaftlichen oder wie auch immer gearteten Diskurs zu ermöglichen. Die Teilnehmer haben sich auf die Spuren dieser Bezüge gemacht und zwei Tage lang über Texte diskutiert – und darüber, wie man dem wissenschaftlichen Nachwuchs einen korrekten Umgang mit Zitaten und Bezügen nahebringen kann.

Viele der Tagungsgäste beschäftigen sich in ihrem beruflichen Alltag genau damit: Sie beraten Studenten und geben Seminare in wissenschaftlichem Schreiben. Organisatoren des Treffens waren so die Schreibberater aus dem »Institut für professionelles Schreiben« der Hochschule Konstanz, und schreibdidaktische Themen standen im Zentrum zahlreicher Kurzreferate und Diskussionsrunden. Auch da waren Spektrum und Besonderheiten weit gesteckt, was am Beispiel eines Gastes aus Uganda deutlich wird, der schilderte, wie er Heinrich Bölls »Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral« zum Ausgangspunkt nimmt, um seine Schüler Fortsetzungen schreiben zu lassen – die dann wiederum deutlich afrikanische Prägungen erhalten.

Von Wilhelm Busch zu Aristoteles

Doch Intertextualität ist mehr als eine Frage der wissenschaftlichen Correctness. Ohne die Kenntnis anderer Texte und die Bezüge zu anderen Texten wären Schreiben und Lektüre sehr langweilige Tätigkeiten. Der Austausch erst ermöglicht die Weiterentwicklung, oder wie der Rhetorikprofessor Dr. Gert Ueding es in seinem Vortrag zur Nachahmung und Variation mit Wilhelm Busch sagte: »Gebraucht sind die Gedankensachen schon alle, seit die Welt besteht.«

Ueding war einer von vier Plenarrednern, die mit ihren Vorträgen die Ankerpunkte des Programms bildeten. Durch die Geistesgeschichte schritt der einstige Nachfolger von Walter Jens an der Tübinger Universität dabei so leichtfüßig wie unterhaltsam, von Busch zur Antike, ins 18. Jahrhundert und zurück. Prof. Dr. Volker Friedrich, der als Leiter des Konstanzer Instituts und Gastgeber die Tagung eröffnete, sprach darüber, wie Bezugnahmen gelingen – oder scheitern können. Der Schweizer Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Luginbühl referierte über Intertextualität in Massenmedien und der Prof. Dr. Martin Hielscher, Programmleiter beim C. H. Beck Verlag, spazierte in seinem Vortrag »Was ist hybride Literatur?« aus Europa hinaus in die weite Welt, zu fremden Kontinenten und zeigte wie unterschiedliche Einflüsse sich in neuen Formen des Romans wiederfinden.

Uwe Timm – »ein leidenschaftlicher Wegwerfer«

Literarisch auch der Abschluss: Der Schriftsteller Uwe Timm bezieht sich als Autor nicht nur auf Werke anderer Autoren, sondern hat auch die eigenen Geschichten immer wieder intertextuell verwoben. In der Aula der Konstanzer Hochschule gab Timm nicht nur Kostproben aus »Montaignes Turm« und »Vogelweide«, sondern im Gespräch mit Volker Friedrich und Martin Hielscher auch Einblicke in seinen Schreibprozess: »Ich bin ein leidenschaftlicher Wegwerfer.«


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016