Buchbesprechung

»Was also geht in unseren Köpfen vor?«

Was Designer wissen sollten, um richtig zu manipulieren

Eine Rezension von Sonja Lauber


Eine Sammlung über »100 Dinge, die jeder Designer über Menschen wissen muss« – so ist das Buch betitelt, und das beschreibt es genau. Es werden 100 Studien, Fakten und Theorien zum menschlichen Verhalten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen präsentiert – zusammengetragen von Susan M. Weinschenk. Überspitzt ausgedrückt: Hier lernt man das Handwerk zum richtigen Manipulieren (Weinschenks neuestes Buch heißt nebenbei erwähnt: “How to get people to do stuff”). Die Autorin nennt es aber in ihrer Einleitung »die Psychologie der Gestaltung« (S. XI), obwohl die 100 Dinge weit mehr Bereiche umfassen als nur Psychologie.

Weinschenk gehört, wie sie selbst sagt, zu den »merkwürdigen Personen, die gerne Forschungsergebnisse lesen« (S. XI). In diesem Buch hat die promovierte Psychologin ihr gesammeltes Wissen über Erkenntnisse aus der Psychologie, Neurologie, Soziologie und Biologie zusammengefasst und erklärt, wie man sie nutzen kann, um bei Menschen Reaktionen auszulösen. Wenn man weiß, wie Menschen funktionieren, dann kann man auch für sie gestalten – so die Theorie.

Tatsächlich liefert »100 Dinge« eine wissenschaftliche Untermauerung für all die gestalterischen Regeln, die man sonst vielleicht mit der Erfahrung und durch die Beschäftigung mit Design und der Zielgruppe lernt. Häufig weiß man aber nicht, wie sie sich begründen. Im Buch wird zum Beispiel erläutert, welche Zeilenlänge am schnellsten und angenehmsten lesbar ist. Man hat vielleicht schon mal von der Faustregel gehört, nicht mehr als 70 Zeichen in eine Zeile zu setzen. Da könnte es manchen vielleicht noch überraschen, dass kurze Zeilen vom Leser offenbar zwar als angenehmer empfunden werden, lange aber trotzdem schneller gelesen werden. Nach der Lektüre weiß man, was die Gründe sind. Es hat mit den »Sakkaden« und »Fixationen« zu tun. Nie gehört? Dafür gibt es Susan Weinschenk, die ohne viel »Fachchinesisch« erklärt, was diese biologischen Begriffe genau mit Gestaltung zu tun haben. Im Buch spiegelt sich nach meinem Eindruck deutlich wieder, dass die Autorin aus den Bereichen »Webdesign« und »User Experience« kommt; insofern eignet sich die Lektüre eher für Webdesigner als für andere Gestalter. Viele der »100 Dinge« beziehen sich vor allem auf interaktives Design. Andere Bereiche, wie beispielsweise Printgestaltung, werden eher vernachlässigt. In ihrem ersten Buch »Neuro Web Design. What makes them click« beschäftigt sich Weinschenk ebenfalls mit dieser Thematik – nur dass der Titel es in dem Fall ganz eindeutig kommuniziert.

»100 Dinge die jeder Designer über Menschen wissen muss« ist in zehn Kapitel unterteilt, die erklären, wie Menschen sehen, lesen, erinnern, denken, sich konzentrieren, fühlen und entscheiden. Außerdem gibt es Kapitel, die sich damit beschäftigen, dass wir Fehler machen, dass wir »soziale Tiere« sind und was uns motiviert. Alles dies Bereiche, die für den Designer eine bedeutende Rolle spielen. Jedes der 100 Dinge wird kurz, meist mit Hilfe von Beispielen, erläutert und oft mit Hintergrundwissen oder weiterführender Literatur ergänzt. Außerdem hat die Autorin jedem Punkt ein Fazit beigefügt, das den direkten Übertrag ins Design liefert. So macht sie es dem Leser vielfach leichter, den direkten Zusammenhang zwischen Design und anderen wissenschaftlichen Disziplinen herzustellen.