Tagung »text | text | text« | Vortrag

Zwischen den Zeilen, zwischen den Texten

Wechselwirkungen, Vielstimmigkeiten, Bezüge und Bildung

Von Volker Friedrich


Im Rahmen der Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« trug Volker Friedrich am 10. Juni 2016 das untenstehende Manuskript als Eröffnungsvortrag vor.

Verehrte Damen, werte Herren,

wenn man in solch einem Begrüßungsreigen der letzte ist, dann hat man es mit der Situation zu tun, die Karl Valentin auf den Punkt gebracht hat: »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.« Als Direktor des Institutes für professionelles Schreiben an der Hochschule Konstanz, kurz IPS, heiße auch ich Sie herzlich willkommen zu unserer Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität«.

Nachdem wir vom IPS 2009 mit den Schweizer Kollegen aus Winterthur gemeinsam eine Tagung hier in Konstanz organisiert hatten, wollten wir gern die Zusammenarbeit über die nahe Grenzlinie hinweg fortsetzen und fanden im »Forum wissenschaftliches Schreiben« dafür gute Partner. Für die gute Zusammenarbeit an dieser Stelle schon einmal besten Dank.

(…)

Wenn man den Auftakt-Vortrag zu einer Tagung hält, dann hat man inhaltlich nicht mit dem Satz von Karl Valentin zu kämpfen, noch ist noch nicht alles gesagt – welch große Freiheit wird mir zuteil. In diesem Zustand größtmöglicher Freiheit lief ich über Monate herum und schrieb mir zuerst einmal einen möglichst freien Titel über den Vortrag, den ich nun halte, nämlich: »Zwischen den Zeilen, zwischen den Texten. Über Wechselwirkungen, Vielstimmigkeiten, Bezüge und Bildung.« Das machte keinen geringen Eindruck auf mich, und auch im Ankündigungstext schrieb ich freiweg das eine und andere Versprechen hinein. Und nun stehe ich hier, alle Freiheit ist dahin, ich sollte halten, was ich versprach. Ich hoffe, in Ihnen gute Kantianer zu finden, meinte doch Immanuel Kant, allein der gute Wille zähle. Den, das bitte ich Sie mir zu glauben, habe ich.

Wenn Sie gestatten, werde ich mich weniger zu Details der Schreibforschung äußern, sondern von zweien meiner Bezugspunkten her, der Philosophie und der Rhetorik, einige Gedanken, Gedankensplitter Ihnen zu Gehör bringen, alles eher vom Mut zum Fragmentarischen getragen, als vom Willen zur strengen Systematik.

Es ist schon recht kühn oder recht naiv, über solch eine Tagung einfach »text | text | text« zu schreiben, wenn man sich klarmacht, welche Diskussionen allein dieses eine Wort »Text« ausgelöst hat. Nun wollen wir an diesen beiden Tagen aber auch »Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« behandeln. Ob wir es schaffen, alles zu sagen?

In den ersten 45 Minuten lässt sich nur weniges davon andeuten, nur streifen. Oder in ein paar Bilder fassen. Machen wir uns also ein Bild von der

Welt als Text

Stellen Sie sich vor, eines Nachts brechen Sie auf zu einer gewagten Expedition. Sie schnallen sich eine Stirnlampe um und verschaffen sich Zutritt zu einer riesigen, schönen, alten Bibliothek. In ihr können Sie alle Bücher und Texte der Welt finden, aus allen Zeiten, von allen Autoren, in allen Sprachen und Versionen. Sie sind der einzige Mensch dort, und aus Respekt schreiten Sie ganz leise durch die Säle und Regale, streifen manchmal ehrfürchtig mit der Zeigefingerkuppe über einen Buchrücken, können sich gar nicht entscheiden, welchen Folianten, welchen Band Sie zuerst herausnehmen und lesen mögen, es sind so viele. Und so setzen Sie sich nach einer langen Wanderung erschöpft, ohne Buch, an einen Leseplatz, schnaufen durch und kommen allmählich zur Ruhe. Und dann hören Sie es, erst ganz leise, kaum vernehmlich, aber Sie schärfen Ihren Hörsinn, folgen diesem Geräusch so lange, bis Sie es zuordnen, bis Sie es entschlüsseln können: Sie hören ein Gemurmel, vielstimmig, tiefe alte, weise Stimmen mischen sich mit jungen, rotzfrechen; Männerbässe werden von weiblichen Altstimmen umrankt; noch fällt es Ihnen schwer, Genaues zu vernehmen, aber mit der Zeit können Sie einzelne Worte ausmachen, Sätze, Zusammenhänge, und Sie beginnen zu verstehen: Sie lauschen dem Gespräch, dass die Bücher, die Texte untereinander führen. Sie stellen fest, dass sich Gruppen zum Austausch zusammengefunden haben, manche unterhalten sich in trauter Zweisamkeit, manche führen ein leises, manche ein klagendes Selbstgespräch. Bald schwirrt Ihnen der Kopf vor lauter Worten, Gesprächen, Austausch, Wechselreden, Abwägungen, Vorwürfen und Anklagen, Lobgesängen und Artigkeiten, Spöttereien und Boshaftigkeiten, Anspielungen, Verweisen, Umschreibungen, Zuschreibungen, Abschreibungen, Vor- und Nachschriften, Kopien und Anleihen, Fälschungen und Inspirationen, vorgetragen in Monologen, Dialogen, Polylogen.