Mythen des Alltags
»Girl Math«
Rechnen für das gute Gewissen
»Geil, der Kaffee ist mal wieder umsonst!«, denkt sich Charlotte, während sie achtlos ein paar Münzen auf den Tresen legt, die sie zufällig in ihrer Jackentasche gefunden hat. Ohne ein schlechtes Gefühl nimmt sie ihren kleinen, schwarzen Kaffee für 8 Euro und startet beschwingt in den Tag.
Egal ob im Café, im Supermarkt oder beim Onlineshopping, viele Menschen denken und handeln bei ihren täglichen Ausgaben wie Charlotte. Besser bekannt als »Girl Math« ist diese Denkweise vor allem durch soziale Medien wie TikTok groß geworden.[1] Tagtäglich posten hier Menschen, meist aus der Generation Z, kurze Videos, in denen sie zeigen, wie viel sie denn heute schon durch »Girl Math« gespart hätten und was sie sich von dem gesparten Geld jetzt gönnen.[2]
Doch warum das alles? Der Psychologe und geschäftsführende Direktor von YMW Advisors, Brad Klontz, erklärt den Trend in einem Interview mit CNBC wie folgt: »›Girl Math‹ ist nur die jüngste Variante, mit der wir versuchen, finanzielle Verhaltensweisen zu rationalisieren, von denen wir wissen, dass wir sie nicht tun sollten.«[3] Mit Mathematik, wie man es angesichts des Begriffs »Girl Math« – zu Deutsch »Mädchen-Mathe« – vermuten könnte, hat das Ganze also nichts zu tun. Vielmehr sind es kreative Gedankenspiele, die die Menschen nutzen, um ihre Konsumausgaben zu verharmlosen und vor sich selbst zu rechtfertigen.[4]
»Girl Math« kann nicht nur wie im Fall von Charlotte dafür sorgen, dass Barzahlungen »umsonst« sind, sondern bietet auch viele andere Möglichkeiten, die Ausgaben schönzurechnen.[5] So wird ein Produkt auch immer günstiger, je öfter es genutzt wird, in dem die Person den Einkaufspreis durch die Anzahl der Tage teilt, an denen sie das Produkt nutzen wird. Ebenso ist ein Artikel im Angebot die perfekte Grundlage, um »Girl Math« anzuwenden. Neben dem gesparten Geld, das der Käufer schon durch das Angebot erhält, bekommt er mit »Girl Math« das gesparte Geld »geschenkt« und kann sich hierfür bedenkenlos wieder etwas Neues kaufen.[6]
Auf den ersten Blick erscheint »Girl Math« weder problematisch noch gefährlich, da der Trend meist sehr übertrieben und scherzhaft in den sozialen Medien dargestellt wird. Wenn diese Ironie jedoch nicht verstanden wird, kann der Internettrend zu einer Gefahr werden. Vor allem junge Menschen, die wenig Erfahrung im richtigen Umgang mit Geld besitzen und sich leicht durch die sozialen Medien beeinflussen lassen, können hier schnell in eine Falle tappen. Da sie das Gezeigte nicht einschätzen können, übernehmen sie das Konsumverhalten, ohne es zu hinterfragen.[7]
Obwohl »Girl Math« ein gewisses Risikopotenzial mit sich bringt, eröffnet der Trend in manchen Situationen auch Chancen, sich selbst etwas Gutes zu tun, ohne dabei das Gefühl zu haben, unnötig Geld ausgegeben zu haben.[8] »Manchmal ist ›Girl Math‹ die perfekte Mathematik«, so Klontz im Interview mit CNBC. Wenn man bedenkt, wie oft man einen Gegenstand benutzen oder tragen wird, hilft das, »den emotionalen Teil des Gehirns zu beruhigen und den rationalen Teil des Gehirns einzuschalten.«[9]
»Girl Math« sollte nicht die Lösung aller Einkäufe sein, kann in manchen Situationen aber das Gewissen entlasten und somit auch den Tag versüßen. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass die Ausgaben trotz der genannten positiven Darstellung getätigt werden und somit auch reale finanzielle Auswirkungen haben. Wenn der kleine schwarze Kaffee 8 Euro kostet, ist das nicht schlimm, sofern man sich des Preises bewusst ist und der die eigenen Mittel nicht übersteigt. Um das Risiko für junge Menschen zu minimieren, empfiehlt es sich, diese über den Internettrend aufzuklären, um sie vor finanzieller Verschuldung zu schützen.
- [1] Klemmer, Franziska: Titel Girl Math: Das steckt hinter dem TikTok-Trend URL: https://www.wmn.de/job/business/geld/girl-math-das-steckt-hinter-dem-tiktok-trend-id730526 (Stand: 13.11.2024)
- [2] Kaindl, Franziska: Schönrechnerei der Gen Z – was steckt hinter dem Begriff „Girl Math“? URL: https://www.merkur.de/leben/geld/beschoenigen-tiktok-trend-girl-math-generation-z-finanzen-ausgaben-zr-92589861.html (Stand: 17.01.2024)
- [3] Klontz, Brad in CNBC, zitiert nach Dickler, Jessica: Shoppers embrace ›girl math‹ to justify luxury purchases — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
- [4] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hinter dem neuen TikTok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
- [5] Kaindl, Franziska: Schönrechnerei der Gen Z – was steckt hinter dem Begriff „Girl Math“? URL: https://www.merkur.de/leben/geld/beschoenigen-tiktok-trend-girl-math-generation-z-finanzen-ausgaben-zr-92589861.html (Stand: 17.01.2024)
- [6] Dickler, Jessica: Shoppers embrace ›girl math‹ to justify luxury purchases — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
- [7] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hinter dem neuen TikTok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
- [8] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hinter dem neuen TikTok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
- [9] Klontz, Brad in CNBC zitiert nach Dickler, Jessica: Shoppers embrace ›girl math‹ to justify luxury purchases — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)