Essay

Vom Versagen der Vermittler

Über das öffentliche Missverständnis der Naturwissenschaften

Jetzt fei­ern sie wie­der, die Nobel­preis­trä­ger, deren Namen im Okto­ber bekannt wur­den, und sie wer­den es ver­dient haben. Und des­halb darf man sich über die Pro­gno­se wun­dern, dass kein Mensch mehr einen der Lau­rea­ten kennt, wenn sie im Dezem­ber nach Stock­holm rei­sen, um ihre Medail­len und die Schecks ent­ge­gen zu neh­men. Bereits wäh­rend die For­scher in den Medi­en vor­ge­stellt wer­den, huscht das Inter­es­se über sie hin­weg, denn die Ver­mitt­ler der Wis­sen­schaft erwei­sen sich als hilf­los, dem Publi­kum zu erklä­ren oder gar schmack­haft zu machen, was das Nobel-Komi­tee als preis­wür­dig erkannt hat. Man bekommt den Ein­druck, dass vie­le Ver­mitt­ler selbst nicht ver­ste­hen, wor­um es geht und was sie schrei­ben. Dies zei­gen Bei­spie­le, die mit der Medi­zin beginnen.

Der Preis ist 2013 ver­ge­ben wor­den für Arbei­ten, die mit dem Ando­cken von Trans­port­ves­ik­eln an Zell­hül­len zu tun haben, und so wird erst von Cal­ci­um-Ionen pala­vert, die Mem­bran­fu­sio­nen zeit­lich prä­zi­sie­ren, dann fol­gen Hin­wei­se auf Krank­hei­ten wie Epi­lep­sie, bei denen das Trans­port­sys­tem feh­ler­haft zu funk­tio­nie­ren scheint, ohne dass zu erken­nen ist, was die Lau­rea­ten dazu bei­getra­gen haben. Und über­haupt steht in kei­nem Bei­trag, was die Arbei­ten von ande­ren unter­schei­det, dass gera­de sie den Nobel­preis ver­die­nen. Über­haupt fehlt ins­ge­samt eine per­sön­li­che Note in der Bericht­erstat­tung, die mehr den Pres­se­text der Nobel­stif­tung und weni­ger die Hand­schrift des Ver­mitt­lers erken­nen lässt.

Der Phy­sik­preis ist 2013 für das ver­ge­ben wor­den, was die Pres­se schon län­ger als Higgs-Teil­chen fei­ert, ohne erläu­tern zu kön­nen, was damit gemeint ist. Nun erfährt der Leser zum x-ten Mal, dass es sich um ein Got­tes­teil­chen han­delt, »das schlüs­sig erklärt, wie die Ele­men­tar­teil­chen ihre Mas­se erhal­ten«, wie eine Zei­tung mel­det, die das sicher aus dem Pres­se­text der Nobel­stif­tung abge­schrie­ben hat. Wenn Fach­leu­te sich zum Higgs-Boson äußern, schwär­men sie von »der Ära der ska­lier­ten fun­da­men­ta­len Fel­der«, die jetzt beginnt und in der sich das Schick­sal des Uni­ver­sums ent­schei­det – aber viel­leicht nur, wenn es dort jeman­den gibt, der die­sen Satz ver­stan­den hat.

Der Che­mie­preis 2013 ist für Arbei­ten ver­ge­ben wor­den, die es erlau­ben, »gro­ße Mole­kü­le mit dem Com­pu­ter wirk­lich­keits­ge­treu dar­zu­stel­len«, was es unter ande­rem fest­zu­stel­len erlaubt, dass sich gan­ze Atom­grup­pen von Eiweiß­mo­le­kü­len ver­nach­läs­si­gen las­sen, wenn man deren Fal­tung ver­ste­hen möch­te, wie zu lesen ist. War­um jemand die­sen Satz und die ange­spro­che­ne Fal­tung ver­ste­hen soll­te, bleibt eben­so ver­bor­gen wie der Sinn von »wirk­lich­keits­ge­treu«, wenn man das Wort auf ein dyna­mi­sches Mole­kül bezieht, des­sen Wirk­lich­keit sich selbst den Nobel­preis­trä­gern nicht erschließt.

Mythen des Alltags

Das Grün

Über die Vermarktung einer Farbe

Sam­tig grü­ne Blät­ter, Moos oder tau­fri­sches Gras – die Natur kennt vie­le Abstu­fun­gen der Far­be Grün. Pflan­zen erlan­gen ihre grü­ne Far­be durch Chlo­ro­phyll-Mole­kü­le. Der Begriff »Chlo­ro­phyll« lei­tet sich her von den alt­grie­chi­schen Wor­ten »chlo­ros« (hell­grün) und »phyl­lon« (Blatt). Da vie­le Pflan­zen Chlo­ro­phyll ent­hal­ten, ist Grün in der Natur eine häu­fi­ge Far­be. Pflan­zen die­nen Men­schen und Tie­ren als Nah­rungs­quel­le, rei­ni­gen die Luft und pro­du­zie­ren Sau­er­stoff. Nicht umsonst wird der Regen­wald die »grü­ne Lun­ge der Erde« genannt. Grün steht für Leben, Wachs­tum und Natur – aber auch für Zufrie­den­heit und Glück. Mit dem ers­ten Grün im Früh­jahr lässt die Son­ne auch die Lebens­freu­de neu auf­kei­men. Eines der bekann­tes­ten Glücks­sym­bo­le ist grün: das Klee­blatt. Grün beru­higt, ist Bal­sam für die See­le – die Natur bie­tet Ruhe und Erho­lung vom stres­si­gen All­tag. Im Früh­ling und Som­mer bil­det sie ein grü­nes Meer aus Far­ben und For­men. Grün ist die Far­be, die all das zusam­men­hält, es ist die Grund­far­be der Natur.

Seit eini­ger Zeit taucht die Far­be ver­mehrt in der Wer­bung, auf Kon­sum­pro­duk­ten und Ver­pa­ckun­gen auf. Im Super­markt gibt es Rega­le nur mit grü­nen Pro­duk­ten. Es gibt grü­ne Läden, die aus­schließ­lich grü­ne Pro­duk­te ver­kau­fen. Grün hat hier eine dop­pel­te Bedeu­tung: Auf der einen Sei­te steht es für die Far­be an sich als visu­ell wahr­nehm­ba­ren Reiz – man­che Pro­duk­te wer­den zum Bei­spiel mit einem grü­nen Bio­sie­gel gekenn­zeich­net. Auf der ande­ren Sei­te ver­mit­telt die Far­be Wer­te und eine Phi­lo­so­phie. Auch Mar­ken und Unter­neh­men wird zuneh­mend ein grü­ner Anstrich ver­passt. Das gel­be »M« von McDo­nalds war von einem Tag auf den ande­ren vor einem grü­nen Hin­ter­grund zu sehen. Die Bahn brach­te eine grü­ne Bahn­card her­aus und durch­brach damit das eige­ne Cor­po­ra­te Design. Grün ist nicht irgend­ein Trend. Trends kom­men und gehen – sie haben kei­ne Bedeu­tung. Grün ist ein State­ment. Es soll signa­li­sie­ren: Seht her, wir ste­hen für Umwelt­be­wusst­sein und Nach­hal­tig­keit. Daher funk­tio­niert die­se Far­be offen­bar auch als Ergän­zung zu einem bereits bestehen­den Farb­code. Grün ist in der heu­ti­gen Gesell­schaft über­all prä­sent. Begon­nen hat das »grü­ne Zeit­al­ter« mit dem zuneh­men­den Bewusst­sein für die Umwelt. Seit­her gibt es grü­ne Par­tei­en und Orga­ni­sa­tio­nen – Green­peace trägt die Far­be im Namen, genau­so wie »Bünd­nis 90 / Die Grü­nen«. Mit­glie­der die­ser Par­tei wer­den »Die Grü­nen« genannt, was die Fra­ge beant­wor­tet, ob es auch grü­ne Men­schen gibt. Im gro­ßen Stil indus­tria­li­siert und kom­mer­zia­li­siert wur­de die Far­be mit der wach­sen­den Dis­kus­si­on über die Kli­ma­er­wär­mung. Die Bedeu­tung der Far­be wur­de erwei­tert durch die Begrif­fe »nach­hal­tig« und »kli­ma­freund­lich«. Daher kann grün auch auf etwas Abs­trak­tes und nicht Sicht­ba­res wie Ener­gie ange­wen­det wer­den: Es gibt grü­nen Strom.

In der Kon­sum­welt ein­ge­setzt, ver­mit­telt die Far­be an sich kei­ne Tat­sa­chen und macht kei­ne Ver­spre­chen. Die Far­be ruft ledig­lich Asso­zia­tio­nen her­vor: Grün wird in der Regel mit etwas Gutem asso­zi­iert. Hier­in birgt sich die Gefahr, als Kon­su­ment blind auf die Far­be zu ver­trau­en. Bevor es dazu kommt, soll­te man hin­ter­fra­gen, was sich hin­ter dem Grün verbirgt.

Mythen des Alltags

Das Mountainbike

Von der Aura der Bergbezwinger

Der Weg ist stei­nig, und er ist nicht das Ziel. Manch einer wür­de ihn zu Fuß kaum bewäl­ti­gen, Fahr­zeu­ge müs­sen an ihm schei­tern. Nicht so das Moun­tain­bike: Es erlaubt sei­nem Besit­zer, auf zwei Rädern die Welt zu erobern, auch da, wo Mut­ter Erde sich sehr uneben zeigt. Es hat die Vor­stel­lung von dem ver­än­dert, was einst als Fahr­rad bekannt war. Frü­her gab es Men­schen, die radel­ten, und dann noch ganz weni­ge – Ver­zei­hung, in Ita­li­en und Frank­reich waren es etwas mehr – die Renn­rad fuh­ren. Gera­delt wird aber kaum mehr in der Welt der Breit­rei­fen und Feder­ga­beln. Und das Renn­rad ist nach den Doping­sün­den der Tour-de-France-Sie­ger in Ver­ruf geraten.

Moder­ne Men­schen, die mit sport­li­cher Ambi­ti­on Fahr­rad fah­ren, gehen »biken«, eine Tätig­keit, die sich als aus­ge­spro­chen schweiß­trei­bend erweist. Auf Pfa­den vol­ler Hin­der­nis­se und mit beträcht­li­chen Stei­gungs­win­keln quä­len sie sich nach oben, aus­ge­rüs­tet mit Helm, Bril­le, syn­the­ti­scher Klei­dung. Es ist kei­ne zweck­freie Fahrt. Genießt der Rad­ler das Radeln an sich, will der Biker ankom­men, will den Gip­fel mit­samt der anschlie­ßen­den Abfahrt.

Denn unmit­tel­bar nach der Ankunft zieht es ihn wie­der hin­ab. In wag­hal­si­gem Tem­po stürzt er sich »downhill«, ger­ne auch auf eigens ange­leg­ten Stre­cken, die der Natur zu ihrer eigent­li­chen Bestim­mung ver­hel­fen: Par­cours zu sein für einen Par­force-Ritt, der dem Adre­na­lin­schub des Ein­zel­nen dient. Wer her­un­ter­kommt, außer Atem, dreck­ver­spritzt, ver­schrammt, der hat sich und den Berg über­wun­den – und der Welt etwas bewiesen.

Nicht jeder setzt sich sol­chen Stra­pa­zen aus. Vie­le aber möch­ten etwas abha­ben von der Aura der Berg­be­zwin­ger, von ihrem Mut, ihrer Aus­dau­er, ihrer Gestählt­heit. Der Sport als eine der letz­ten Domä­nen, in denen es noch Hel­den gibt, muss her­hal­ten für die Hel­den des Alltags.

Und das Moun­tain­bike hat sich so neben den Ber­gen ein Ter­rain erobert, für das es nicht gedacht war: die Innen­städ­te. Dort ist es das fahr­rad­ge­wor­de­ne Pen­dant zum Gelän­de­wa­gen und zur Trek­king­ho­se. Mit­ten im Gewühl kli­ma­ti­sier­ten Kon­sums ist die Aus­rüs­tung für Auf­ent­hal­te in Ber­gen und Wäl­dern zum Sta­tus­sym­bol einer Lebens­hal­tung gewor­den, die sich natur­ver­bun­den gibt. Ein All­rad­an­trieb ist im Park­haus der City eben­so wenig not­wen­dig wie eine Feder­ga­bel auf dem Asphalt der ver­kehrs­be­ru­hig­ten Zonen. Und auch der schnel­le Griff zum Jagd­mes­ser ist im Ein­kaufs­zen­trum nur sel­ten vonnöten.

Den­noch signa­li­sie­ren Men­schen, die sich in »Outdoor«-Kleidung durch Innen­städ­te bewe­gen, dass sie gerüs­tet sind, dass sie archai­schen Kämp­fen und Natur­ge­wal­ten stand­hal­ten, dass auch in ihnen ein Rest Hel­den­mut schlum­mert. In klei­ner Über­set­zung und auf brei­ten Rei­fen fährt man vors Kauf­haus – und benutzt dann doch lie­ber die Rolltreppe.

Buchbesprechung

… never seen anything quite like it before”

Robert Kinross erinnert an das Wirken von Marie Neurath

Marie Neu­r­a­th war eine star­ke, intel­li­gen­te Frau. Viel wird über Ihren Mann Otto Neu­r­a­th geschrie­ben, den berühm­ten Sozio­lo­gen und Aus­stel­lungs­ma­cher, und sogar über den ande­ren Haus-Gra­fi­ker: Gerd Arntz. Aber Marie Neu­r­a­th bleibt weit­ge­hend unbe­kannt. Das Buch von Robin Kin­ross und Marie Neu­r­a­th »The trans­for­mer, prin­ci­ples of making Iso­ty­pe charts« von Hyphen Press (2009) ist das ers­te Buch, das aus­führ­lich ihr gewid­met ist.

Robin Kin­ross stu­dier­te an der Uni­ver­si­ty of Rea­ding in Eng­land, wo Marie Neu­r­a­th hin und wie­der unter­rich­te­te und wo der gesam­te Otto-Neu­r­a­th-Nach­lass archi­viert ist. Kin­ross erzählt von sei­nem Neid auf Stu­den­ten in höhe­ren Semes­tern, die Marie Neu­r­a­ths Unter­richt genie­ßen dürf­ten: “The first occa­si­on that I can remem­ber is of her moving around a stu­dio at the Typo­gra­phy Unit (as it was then) at the Uni­ver­si­ty of Rea­ding. After she had given the mate­ri­als of the ‘Otto and Marie Neu­r­a­th Iso­ty­pe Coll­ec­tion’ to the Uni­ver­si­ty, she came regu­lar­ly to hold a semi­nar about Iso­ty­pe with third-year stu­dents of typo­gra­phy. I was then only in the second year: that I could not go to the semi­nar (and that a ‘ad hoc’ stu­dent from the Net­her­lands sit­ting next to me could) was the source of con­sidera­ble frus­tra­ti­on and jea­lou­sy.” (S. 117)

Erst Jah­re spä­ter, als er sei­ne Mas­ter­ar­beit den The­men »Iso­ty­pe« und »Neu­r­a­th« wid­me­te, lern­te er sie ken­nen. Der Haupt­text von »The trans­for­mer« wur­de von Marie Neu­r­a­th auf Deutsch ver­fasst [1] und von Kin­ross ins Eng­li­sche über­setzt und sodann von Marie Neu­r­a­th gegen­ge­le­sen. Es erzählt aus ers­ter Hand von der Arbeit von Otto Neu­r­a­th und sei­nem Team. Obwohl ein klei­ner schlan­ker Band, bie­tet das Buch vie­le Abbil­dun­gen von bespro­che­nen Wer­ken, die sonst unbe­kannt sind. Neben den bekann­ten Info­gra­fi­ken über Bevöl­ke­rung und Arbeits­sta­tis­tik gibt es wun­der­ba­re Kar­ten, Abbil­dun­gen von kom­ple­xe­ren Abläu­fen und Arbei­ten nach Otto Neu­r­a­ths Tod. Die Abbil­dun­gen beglei­ten die Nar­ra­ti­on und ergän­zen sie immer an Ort und Stel­le – es macht eine Freu­de, den Band zu lesen.

Der letz­te Teil des Buches beschäf­tigt sich mit den Prin­zi­pi­en der Iso­ty­pe und der Trans­for­ma­ti­on, wie die Neu­r­a­ths es nann­ten. Hier wer­den Ent­wick­lun­gen Schritt für Schritt gezeigt und erläu­tert. Die Ideen der Tran­for­ma­ti­on: Man muss die Daten zei­gen, les­bar machen, aber die Inter­pre­ta­ti­on dem Betrach­ter über­las­sen. Prin­zi­pi­en des effek­ti­ven Men­gen­ver­gleichs sowie Metho­den der Dar­stel­lung von Info­gra­fi­ken oder Welt­kar­ten wer­den erläutert.

War­um wis­sen wir so wenig über Marie Neu­r­a­th? Ers­tens war sie immer Mit­glied eines Teams, in dem Otto Neu­r­a­th der Front­mann war. Zwei­tens: Obwohl sie die Prin­zi­pi­en von Iso­ty­pe mit­ent­wi­ckel­te, ja sogar benann­te, war Marie Neu­r­a­th sehr beschei­den; in »The trans­for­mer« erzählt sie aus­führ­lich von Pro­jek­ten und Teams und nur hin und wie­der von ihrem eige­nen Wir­ken. Marie Neu­r­a­th schrieb über ihre ers­te Begeg­nung mit Otto Neu­r­a­th im Siedlungsmuseum:

Otto saw how impres­sed I was, and asked me if I could per­haps design things of this kind; but what should I say – I had never seen any­thing quite like it befo­re. ‘But,’ he asked, ‘if I star­ted a muse­um whe­re such charts are desi­gned, would you be wil­ling to join in?’ To which I repli­ed, wit­hout qua­li­fi­ca­ti­ons: ‘yes’, and I meant it. Otto went on, more to hims­elf: ‘Now I know that I can do it.’ He star­ted on the pre­pa­ra­ti­ons at once.” (S. 10)

Den Neid von Kin­ross, nicht selbst an Marie Neu­r­a­ths Semi­nar teil­neh­men zu dür­fen, kann man sehr gut ver­ste­hen – man wünsch­te sie wäre da, um Fra­gen zu beant­wor­ten oder eine aktu­el­le Arbeit zu kom­men­tie­ren. Das kön­nen wir nicht haben, aber das Buch kommt so nah wie mög­lich an eine per­sön­li­che Begeg­nung her­an. Es ist für jeden ambi­tio­nier­ten Infor­ma­ti­ons­ge­stal­ter lesenswert.

Buchbesprechung

»… entlang eines Wertesystems visionär denken«

Joachim Kobbus und Michael B. Hardt skizzieren Designzukunft

Wel­chen Stel­len­wert hat das Design in unse­rer Gesell­schaft? Vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen ste­hen zukünf­ti­ge Desi­gner? Wie sol­len sie aus­ge­bil­det wer­den? Und wie sol­len sie den­ken, um die Zukunft erfolg­reich mit­zu­ge­stal­ten? Die­sen Fra­gen wid­men sich Joa­chim Kobus und sein Co-Autor Micha­el B. Hardt in ihrem Buch »Design­zu­kunft den­ken und gestal­ten«, erschie­nen im Bas­ler Ver­lag Birk­häu­ser. »Design­zu­kunft den­ken und gestal­ten« ist bereits das drit­te Buch aus der Rei­he »Erfolg­reich als Desi­gner«. Wäh­rend die zwei vor­an­ge­gan­ge­nen Wer­ke die The­men­ge­bie­te »Grün­dung und Ent­wick­lung von Design Busi­ness«, sowie »Design­rech­te« behan­deln, wid­met sich die­ser Teil den phi­lo­so­phi­schen, psy­cho­lo­gi­schen und sozia­len Aspekten.

Die bei­den Autoren stel­len eine Defi­ni­ti­on von Her­bert Simons an den Anfang ihres Werks: »Design bezeich­net Maß­nah­men, die dar­auf abzie­len, bestehen­de in bevor­zug­te Situa­tio­nen zu ver­än­dern.« (S. 19) Mit die­ser Defi­ni­ti­on wol­len Kobus und Hardt zei­gen, wel­che Mög­lich­kei­ten Desi­gner besit­zen, die Gesell­schaft mit­zu­ge­stal­ten, und wel­chen Bei­trag sie leis­ten kön­nen, um Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren. Dass Ver­än­de­run­gen nötig sind, und zwar mög­lichst bald, zei­gen die Autoren, indem sie im ers­ten Teil »Gestal­tend den­ken« den Leser auf eine zeit­ge­schicht­li­che Rei­se mit­neh­men. Sie zei­gen anhand vie­ler Bei­spie­le, was ver­säumt wur­de, und sind auf der Suche nach den Ver­ant­wort­li­chen. Die Schul­di­gen sind schnell gefun­den. Das Mar­ke­ting ist laut eines Zita­tes von Peter Ulrich »per se ethisch blind (…) es ver­ein­nahmt das Design und beraubt die Gestal­ter ihrer Fähig­keit, ent­lang eines ethisch fun­dier­ten Wer­te­sys­tems visio­när zu den­ken und zu han­deln« (S. 20). Damit mutie­ren Gestal­ter zu Erfül­lungs­ge­hil­fen, die Men­schen dazu ver­füh­ren, sich mit Geld, das sie nicht haben, Din­ge zu kau­fen, die sie nicht brau­chen, um Leu­ten zu impo­nie­ren, die sie nicht lei­den können.

Dass es ein­mal anders war, zeigt der Ver­gleich in Kapi­tel drei. Dort wird die Theo­rie des Cor­po­ra­te Designs, von F. H. K. Hen­ri­on der Mar­ke­ting-Theo­rie von Jero­me McCar­thy gegen­über­ge­stellt – mit ver­hee­ren­den Fol­gen für das Mar­ke­ting. Es wird als Wis­sen­schaft mit »Wis­sen im Nano­be­reich« bezeich­net, »das den Ein­druck erweckt, all­wis­send zu sein« (S. 77). Nicht allein dem Mar­ke­ting, auch der Poli­tik, Umwelt­schüt­zern und den Medi­en wer­den »Ohr­fei­gen« gegeben.

Die Zunft der Desi­gner wird im zwei­ten Teil »Den­kend gestal­ten« infra­ge gestellt. Dass die »gute alte Ästhe­tik« heu­te eine ande­re Bedeu­tung erfährt, als ursprüng­lich defi­niert, und das Wort »infla­tio­när« gebraucht und miss­braucht wird, ist die eine Aus­sa­ge. Dass die Wis­sen­schaft der Zei­chen, die Semio­tik, kaum eine Rol­le in der Desi­gner-Aus­bil­dung spielt, die ande­re. In kla­rer und unkom­pli­zier­ter Spra­che wird der Leser in Berei­che der Phi­lo­so­phie ein­ge­führt und mit zahl­rei­chen Ver­wei­sen ange­regt, sich näher mit den The­men zu beschäf­ti­gen. Theo­rien von Phi­lo­so­phen und Wis­sen­schaft­lern wie Aris­to­te­les, Pla­ton, Hegel, Baum­gärt­ner, Pier­ce, Sauss­u­re und Leib­niz wer­den erklärt, ohne den Leser zu über­for­dern. Dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner wird der Kern­nut­zen »Ori­en­tie­ren, Infor­mie­ren, Inspi­rie­ren« vor Augen geführt, und er wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Gesell­schaft sich in einem Umbruch befin­det und er dabei nicht nur Sta­tist sein soll, son­dern aktiv mit­hel­fen kann, eine neue Welt­ord­nung mitzugestalten.

Wer gestal­tet um des Gestal­tens Wil­len, darf das ger­ne tun, dass Gestal­ten aber auch Pla­nen und Bera­ten heißt und wel­che Kom­pe­ten­zen dafür nötig sind, wird im drit­ten Teil »Gewin­nend den­ken und gestal­ten« ein­ge­hend erläu­tert. Anschlie­ßend wid­men sich die Autoren der Design­aus­bil­dung, machen einen geschicht­li­chen Abriss durch das Bau­haus und die HfG Ulm, bezie­hen sich auf Über­le­gun­gen von Her­bert Simons über Design­aus­bil­dung und stel­len ein Modell vor, das aus den drei Säu­len Wis­sen, Den­ken und Machen besteht.

Den Abschluss eines sehr gelun­ge­nen Buches bil­det eine Inter­view-Serie. Exper­ten wie Micha­el Braun­gart, Hajo Eick­hoff oder Jan Teu­nen – um nur eini­ge zu nen­nen –, geben Ant­wort auf die Fra­ge nach einer mög­li­chen Zukunft der Designberufe.

»Design­zu­kunft den­ken und gestal­ten« ist infor­ma­tiv, weg­wei­send und inspi­rie­rend. Die Inhal­te sind aktu­ell – der Zwang zu han­deln akut. Das Buch bezieht Stel­lung und for­dert Desi­gner aller Fach­be­rei­che dazu auf, Hal­tung in ihrem Han­deln zu zei­gen. Aus die­sem Grund muss es zur Pflicht­lek­tü­re eines jeden Desi­gners wer­den – ob ler­nen­der, leh­ren­der oder prak­ti­zie­ren­der. Aber auch für ande­re Fach­be­rei­che ist es auf­grund zuneh­men­der Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät eine loh­nen­de und über­aus emp­feh­lens­wer­te Lektüre.

Buchbesprechung

»Der Austausch ist notwendig«

Ein Sammelband zur Designforschung

Die Design­for­schung erlangt, vor allem im deutsch­spra­chi­gen Raum, in den letz­ten Jah­ren immer mehr Auf­merk­sam­keit. Aller­dings ist die Dis­zi­plin noch weit davon ent­fernt, die glei­che Aner­ken­nung zu erhal­ten wie ande­re Wis­sen­schaf­ten. »Im Hin­blick auf eine hoch­schul­po­li­ti­sche Stra­te­gie zur Eta­blie­rung der Design­theo­rie und -for­schung in der Aus­bil­dung, wie auch im Hin­blick auf eine schär­fe­re Pro­fil­bil­dung der Dis­zi­plin gegen­über eta­blier­ten Wis­sen­schafts­struk­tu­ren, ist der Aus­tausch beson­ders not­wen­dig und wün­schens­wert. Der vor­lie­gen­de Band ist also auch als ein Schritt zur Selbst­be­schrei­bung zu sehen (…).«

Die Design­for­schung ist kein geschlos­se­nes Feld, sie steht in Wech­sel­be­zie­hun­gen mit angren­zen­den Wis­sen­schaf­ten wie Sozio­lo­gie oder Kul­tur­wis­sen­schaf­ten. Die­se inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansät­ze »mit­ein­an­der in Bezie­hung zu set­zen und für die Dis­kus­si­on frucht­bar zu machen«, war der Antrieb für die Kon­fe­renz »Ent­wer­fen. Wis­sen. Pro­du­zie­ren«, die die Deut­sche Gesell­schaft für Design­theo­rie und -for­schung (DGFT) im Okto­ber 2009, anläss­lich ihres 6. Jah­res­tags, an der Uni­ver­si­tät der Küns­te in Ber­lin ver­an­stal­tet hat. Das vor­lie­gen­de Buch sam­melt die Bei­trä­ge die­ser Konferenz.

Der Unter­ti­tel »Design­for­schung im Anwen­dungs­kon­text« deu­tet eine viel­sei­ti­ge und aus­führ­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit Design­for­schung an. Dem wird das Buch gerecht, denn die Bei­trä­ge nähern sich die­sem gro­ßen The­ma von unter­schied­li­chen Sei­ten an und beleuch­ten ver­schie­dens­te Aspek­te davon. Das spie­gelt sich auch in der Lis­te der Autoren wie­der, die aus unter­schied­li­chen Dis­zi­pli­nen stam­men; so fin­den sich Bei­trä­ge von Desi­gnern, Design­for­schern und -wis­sen­schaft­lern, Kunst­his­to­ri­kern und Kul­tur­wis­sen­schaft­lern. Die­se Mischung macht das Buch mit jedem Text aufs Neue inter­es­sant und bie­tet in der Gesamt­heit einen viel­schich­ti­gen Blick in die Dis­zi­plin. Der Leser nimmt dabei ver­schie­de­ne Blick­win­kel ein und betrach­tet die Design­for­schung auf immer wie­der neue Weise.

Das Buch lie­fert kei­ne Geset­ze oder Regeln, möch­te dies aber auch nicht. Es geht nicht um die Defi­ni­ti­on von Design­theo­rie und -for­schung, son­dern dar­um, den inter­dis­zi­pli­nä­ren Dis­kurs und den Aus­tausch im deutsch­spra­chi­gen Raum anzuregen.

Die Bei­trä­ge bewe­gen sich alle, sowohl inhalt­lich als auch sprach­lich, auf hohem Niveau und set­zen beim Leser Fach­wis­sen vor­aus oder zumin­dest die Bereit­schaft, sich mit Design­for­schung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Auch bie­ten die Tex­te durch­weg eine sehr hohe Informationsdichte.

»Ent­wer­fen. Wis­sen. Pro­du­zie­ren – Design­for­schung im Anwen­dungs­kon­text« ist ein Buch, das die Auf­merk­sam­keit des Lesers for­dert und zur Refle­xi­on und zur wei­te­ren Beschäf­ti­gung mit dem The­ma auf­for­dert und anregt. Das Buch ist kei­ne Unter­hal­tungs­lek­tü­re, son­dern Fach­li­te­ra­tur für alle, die sich eine aus­führ­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma Design­for­schung erhof­fen und sich in die­sem Bereich bil­den wol­len. Beson­ders inter­es­sant könn­te die­se Samm­lung für Design­stu­die­ren­de im Mas­ter sein. Durch die Glie­de­rung in vie­le ein­zel­ne Bei­trä­ge, mit unter­schied­li­chem Fokus, kann man sich gezielt auf bestimm­te Aspek­te kon­zen­trie­ren oder sich einen Über­blick ver­schaf­fen über den aktu­el­len Stand der Forschung.

Buchbesprechung

»Unternehmensstrategien sind auch Schreibstrategien«

Wie »Schreiben mit System« PR-Texte besser macht

Wer glaubt, schrei­ben habe etwas mit der Muse zu tun, wird vom Buch­ti­tel zunächst abge­schreckt: »Schrei­ben mit Sys­tem« heißt der von Peter Stü­che­li-Her­lach und Dani­el Per­rin her­aus­ge­ge­be­ne Band. Das mutet sehr nüch­tern an. Doch es lohnt die Lek­tü­re, denn auf 230 Sei­ten haben ver­schie­de­ne Autoren ein Kom­pen­di­um für PR-Tex­ter geschaf­fen, das vie­le Aspek­te berück­sich­tigt und für Anfän­ger wie Fort­ge­schrit­te­ne Neu­es birgt.

Die Viel­stim­mig­keit wird hier zum Kon­zept: Vom Geschäfts­be­richt bis zur Rede, von der Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on bis zur Mit­ar­bei­ter­zeit­schrift wer­den unter­schied­li­che For­men des­sen betrach­tet, was unter dem The­ma »PR-Text« ver­stan­den wer­den kann. Viel­stim­mig­keit ist im übri­gen auch der grund­le­gen­de Tenor des Werks, den die bei­den Her­aus­ge­ber in ihrer Ein­lei­tung vor­ge­ben: In Zei­ten media­ler Viel­falt sei es unmög­lich, für jeden Anlass einen eige­nen Bei­trag zu schaf­fen, so die Annah­me. Viel­mehr gehe es dar­um, Kern­aus­sa­gen in so genann­ten Text­par­ti­tu­ren auf­zu­fä­chern. Um im Bild zu blei­ben: Das Orches­ter, das den Text spie­len soll, setzt sich aus unter­schied­li­chen Medi­en und Dar­stel­lungs­for­men zusam­men – Bild, Bewegt­bild, Ton und Inter­net wer­den auf die­se Wei­se ein­be­zo­gen. Eine Sto­ry, vie­le Kanä­le, so könn­te das ver­ein­fach­te Mot­to aus­se­hen, das in der Pra­xis aber doch einer gewis­sen Vir­tuo­si­tät bedarf. Und der Schrei­ber trägt Ver­ant­wor­tung: »Zen­tra­le Unter­neh­mens­auf­ga­ben sind immer auch Schreib­auf­ga­ben, Unter­neh­mens­stra­te­gien sind immer auch Schreib­stra­te­gien, orga­ni­sa­to­ri­sche Rol­len sind Schreib­rol­len« (s. S. 22), so die Herausgeber.

So ist es gut, dass ein­zel­ne The­men doch noch ein­mal genau­er unter die Lupe genom­men wer­den. Der Band, der am Insti­tut für ange­wand­te Medi­en­wis­sen­schaft der Zür­cher Hoch­schu­le Win­ter­thur ent­stan­den ist, wid­met sich sowohl der Stra­te­gie als auch der kon­kre­ten Umset­zung. Es geht ganz all­ge­mein dar­um, wie man über­haupt über Unter­neh­mens­iden­ti­tät schreibt und sie damit in gewis­ser Wei­se kon­sti­tu­iert, und es geht um kon­kre­te For­men, das zu tun. Die Autoren wid­men sich dabei dem geschrie­be­nen und gespro­che­nen Wort, sie berück­sich­ti­gen auch Berei­che wie Poli­tik- und Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on und sogar die Gestal­tung von Tex­ten. Dass sie alle­samt Spe­zia­lis­ten ihrer jewei­li­gen The­men sind, macht das Buch auch für PR-Erfah­re­ne interessant.

Eine über­sicht­li­che Gestal­tung, die Bei­spie­le ein­rückt und am Ende der jewei­li­gen Kapi­tel das Wich­tigs­te noch ein­mal zusam­men­fasst, macht es dem Leser leicht. Wer sich wei­ter ver­tie­fen möch­te, dem bie­ten aus­führ­li­che Anga­ben zur wei­ter­füh­ren­den Lite­ra­tur man­nig­fa­che Anregungen.

Eines wird gera­de in der Sum­me deut­lich. PR-Tex­te sind zwar nicht unbe­dingt auf den Musen­kuss ange­wie­sen, eine Kunst ist das Schrei­ben im Rah­men pro­fes­sio­nel­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on aber durch­aus – aller­dings eine Kunst, die sich sys­te­ma­tisch erler­nen und ver­bes­sern lässt.

Hördatei

»Ideen müssen gefährlich sein«

Lars Harmsen über die Momente, alles zu hinterfragen

Von Simon Baßler


Er ist ein Kind der Pop-Kul­tur und sucht eher die Irri­ta­ti­on als die Pro­vo­ka­ti­on: Der Desi­gner, Design-Jour­na­list und Blog­ger Lars Harm­sen sieht den Gestal­ter nicht aus­schließ­lich in der Rol­le des Dienst­leis­ters. Viel­mehr will er als »Autor« sei­ner Arbei­ten auch eine eige­ne Hal­tung ver­tre­ten. Idea­li­ter geht die­se ein­her mit Far­big­keit, Witz und Intel­li­genz – begrün­den möch­te Harm­sen dabei nicht immer, was er tut.

Lars Harm­sen lehrt an der Fach­hoch­schu­le Dort­mund. Im Inter­view spricht er über Design-Instinkt und die rich­ti­gen Momen­te, alles zu hinterfragen.

Strich für Strich

Das Eckige und das Runde

Vom Denken in Linien

Wenn run­de Männ­chen sich ecki­ge Gedan­ken machen, dann muss es sich bei ihnen nicht um Säu­len­hei­li­ge han­deln – zei­gen Ist­van Niku­tas Illustrationen …

Buchbesprechung

»… eine politische Aufgabe«

Lucius Burckhardt über das Unsichtbare des Designs

Der Titel des Buches ist Pro­gramm: »Design ist unsicht­bar. Ent­wurf, Gesell­schaft, Päd­ago­gik.« Luci­us Bur­ck­hardt, ein akti­ver Werk­bünd­ler und Grün­dungs­de­kan der Fakul­tät Gestal­tung der Bau­haus-Uni­ver­si­tät in Wei­mar, teilt in die­sem Sam­mel­band aus­ge­wähl­ter Tex­te sei­nen Erfah­rungs­schatz und sei­ne Ansät­ze über Design­for­schung- und Aus­bil­dung mit. Sei­ne Tex­te ent­stan­den in den Jah­ren 1965 bis 1999 – sie sind nach wie vor aktu­ell. Sie bezie­hen sich zum größ­ten Teil auf die nicht sicht­ba­ren Aspek­te des Designs – auf Aus­gangs­si­tua­tio­nen und Zusam­men­hän­ge der Gesell­schaft. Das Buch glie­dert sich in die Kapi­tel »Ent­wurf«, »Gesell­schaft« und »Päd­ago­gik«. Der 1980 ent­stan­de­ne Bei­trag »Design ist unsicht­bar« in dem Kapi­tel »Ent­wurf« gab dem Buch sei­nen Namen. Bur­ck­hardt beschreibt gezielt – anhand prä­gnan­ter Bei­spie­le anschau­lich und nach­voll­zieh­bar – die Pro­ble­me gesell­schaft­lich-sozia­ler Systeme.

Luci­us Bur­ck­hardt bezieht eine kla­re, desi­gnethi­sche Posi­ti­on, zeigt Ver­ant­wor­tung für die Gesell­schaft, indem er anmahnt, die Wir­kung von Gestal­tung stär­ker in den gestal­te­ri­schen Pro­zess ein­zu­be­zie­hen. »Der Glau­be, daß durch Gestal­tung eine huma­ne Umwelt her­ge­stellt wer­den kön­ne, ist einer der fun­da­men­ta­len Irr­tü­mer der Pio­nie­re der moder­nen Bewe­gung. Die Umwel­ten der Men­schen sind nur zu einem gerin­gen Teil sicht­bar und Gegen­stand for­ma­ler Gestal­tung; zu weit grö­ße­rem Teil aber bestehen sie aus orga­ni­sa­to­ri­schen und insti­tu­tio­nel­len Fak­to­ren. Die­se zu ver­än­dern ist eine poli­ti­sche Auf­ga­be.« (S. 55) Er kratzt nicht an der Ober­flä­che der Gestal­tung, son­dern stellt in ers­ter Linie die Funk­ti­on von Gestal­tung und ihren Nut­zen für die Gesell­schaft in Fra­ge. Er betrach­tet sozia­le Aspek­te und die unsicht­ba­ren Seg­men­te des Designs. Wann ist Design Sinn oder Unsinn? Zeit­ge­mä­ße Gestal­tung muss sei­ner Mei­nung nach gesell­schaft­lich-sozia­le For­de­run­gen erfül­len. Bur­ck­hardt plä­diert in »Design ist unsicht­bar« dafür, Design nicht nur als hüb­sche Fas­sa­de zu betrach­ten. Er betont in sei­nen Tex­ten den Bezug von Gestal­tung zur Gesell­schaft. Gestal­ter haben eine Ver­ant­wor­tung und das Poten­ti­al, Pro­ble­me zu lösen oder Lösungs­we­ge zu gestal­ten. Sie sol­len Design als Pro­blem­lö­sungs­werk­zeug ver­ste­hen und den Nut­zen guter Gestal­tung durch posi­ti­ve Erfah­run­gen für den Nut­zer spür­bar machen, also die Lebens­qua­li­tät unse­rer Gesell­schaft erhöhen.

Luci­us Bur­ck­hardt setzt sich nicht aus­schließ­lich mit sozi­al-gesell­schaft­li­chen Pro­ble­ma­ti­ken aus­ein­an­der, die von den ent­wer­fen­den Dis­zi­pli­nen Pla­nung, Design, Archi­tek­tur und dem Inge­nieur­we­sen sei­ner Erfah­rung nach oft geschaf­fen statt gelöst wer­den. Er hin­ter­fragt und kri­ti­siert auch die Aus­bil­dungs­kon­zep­te die­ser »ent­wer­fen­den Beru­fe«. Am Bei­spiel der Ulmer Schu­le, die er als zu tech­no­kra­tisch bezeich­net, und des Bau­hau­ses, wo sei­ner Mei­nung nach nicht pro­jekt­ori­en­tiert gelehrt wur­de, son­dern kon­zen­trisch. Da sich die­se Aus­bil­dungs­me­tho­den sei­nem Resü­mee nach heu­te nicht mehr eig­nen, gibt er Vor­schlä­ge und Ansät­ze für Aus­bil­dungs­per­spek­ti­ven, die künf­ti­ge Gestal­ter auf Auf­ga­ben mit »bös­ar­ti­gem Cha­rak­ter« (S. 312) in der Berufs­pra­xis vorbereiten.

Sei­ne Ver­glei­che, Erfah­rungs­bei­spie­le – und ab und an eine dezen­te Hyper­bel – benen­nen Pro­ble­me deut­lich. Durch Bur­ck­hardts Kar­ri­ka­tu­ren wer­den dem Leser Pro­ble­ma­ti­ken illus­tra­tiv, humor­voll und ein­leuch­tend vor Augen geführt. Luci­us Bur­ck­hardt starb 2003 in Basel. Mit sei­nem Buch: »Design ist unsicht­bar« führt er uns die Brei­te der Dis­zi­plin vor Augen. Sei­ne Tex­te sind auch für Gestal­ter pri­mär ein Appell, sich der Wir­kung, den Mög­lich­kei­ten und der Ver­ant­wor­tung die­ses »ent­wer­fen­den Beru­fes« bewusst zu wer­den und füh­ren die Brei­te der Dis­zi­plin vor Augen. Luci­us Bur­ck­hardt ist einer der weni­gen Desi­gner, der sei­ne unkon­ven­tio­nel­le Denk­wei­se und sei­ne Posi­ti­on in Wor­te fasst. Die­se theo­re­ti­sche Publi­ka­ti­on über Gestal­tung, die vol­ler sprach­li­cher Bil­der steckt, soll­te zur Pflicht­lek­tü­re für Design­stu­den­ten werden.