Gleich­zei­tig erhal­ten die­se visu­el­len Arte­fak­te durch ihre unpro­fes­sio­nel­le Mach­art eine gewis­se Authen­ti­zi­tät, Unmit­tel­bar­keit und einen rebel­li­schen Cha­rak­ter. Die sug­ge­rier­te Ama­teur­men­ta­li­tät und die damit ver­bun­de­ne Unschuld und Arg­lo­sig­keit kon­tras­tie­ren jedoch aufs Schärfs­te mit der Bru­ta­li­tät des Vor­ge­hens die­ser bei­den Gruppen.

Ein ande­res Bild zeigt sich heu­te in den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en der isla­mis­ti­schen Ter­ror­grup­pen Isla­mi­scher Staat (IS) und Al-Qaida.

Abbildung 5: Doppelseite aus dem englischsprachigen IS-Magazin »Dabiq«, Nr. 8, März 2015, S. 20 f. (http://jihadology.net/2015/03/30/al-ḥayat-media-center-presents-a-new-issue-of-the-islamic-states-magazine-dabiq-8/)

Abbil­dung 5: Dop­pel­sei­te aus dem eng­lisch­spra­chi­gen IS-Maga­zin »Dabiq«, Nr. 8, März 2015, S. 20 f. (http://jihadology.net/2015/03/30/al-ḥayat-media-center-presents-a-new-issue-of-the-islamic-states-magazine-dabiq-8/)

Vie­le Unter­schie­de las­sen sich dabei sicher­lich auf die viel­fäl­ti­gen neu­en Her­stel­lungs- und Dis­tri­bu­ti­ons­mög­lich­kei­ten wie etwa die breit ver­füg­ba­ren digi­ta­len Gestal­tungs­werk­zeu­ge und das Inter­net zurück­füh­ren. Neben den vie­len Vide­os, die offi­zi­ell oder inof­fi­zi­ell von die­sen Grup­pie­run­gen über das Inter­net ver­brei­tet wer­den und die sehr unter­schied­li­che Ela­bo­ra­ti­ons­gra­de auf­wei­sen, ste­chen vor allem die eben­falls online (als PDF) dis­tri­bu­ier­ten Maga­zi­ne in Eng­li­scher Spra­che auf: Sie schei­nen dar­auf abzu­zie­len, Per­so­nen aus der nicht-isla­mi­schen Welt zu erreichen.

Obschon gestal­te­risch nicht immer auf höchs­tem Niveau, ori­en­tie­ren sich die Maga­zi­ne »Dabiq« (IS, seit 2014) und »Inspi­re« (Al-Qai­da, seit 2010) ganz offen­sicht­lich an west­li­chen Nach­rich­ten­ma­ga­zi­nen, inklu­si­ve der pro­fes­sio­nel­len Anmu­tung, die sich etwa in der Anwen­dung eines Gestal­tungs­ras­ters, der Reduk­ti­on der Stil­mit­tel, der bewuss­ten Ver­bin­dung von Bild und Text, der gestal­te­ri­schen Klar­heit und dem geziel­ten Ein­satz von Weiss­raum zeigt. Beson­ders in der for­ma­len Ent­wick­lung des Maga­zins »Dabiq« seit sei­nen frü­hes­ten Aus­ga­ben lässt sich eine deut­li­che Ten­denz zur gestal­te­ri­schen Ela­bo­riert­heit und Per­fek­ti­on erkennen.

Glaub­wür­dig­keit wird hier offen­bar nicht durch die Unmit­tel­bar­keit der Imper­fek­ti­on zu errei­chen ver­sucht, son­dern durch Per­fek­tio­nie­rung und Imi­ta­ti­on eines dem west­li­chen Medi­en­nut­zer ver­trau­ten Stils: Indem die Dar­stel­lungs­mo­di geläu­fi­ger Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne kopiert wer­den, soll den Betrach­ten­den ver­mut­lich Objek­ti­vi­tät und Serio­si­tät sug­ge­riert werden.

Da nun jedoch die nor­ma­ler­wei­se in west­li­chen Nach­rich­ten­ma­ga­zi­nen als schreck­lich gezeig­te Rea­li­tät in den isla­mis­ti­schen Maga­zi­nen gera­de als anstre­bens­wer­tes Ziel hin­ge­stellt wird (z.B. Kin­der­sol­da­ten und die von ihnen getö­te­ten Opfer, Mord­an­schlä­ge auf Pri­vat­per­so­nen in ihrem Zuhau­se), erhält die offen­bar­te Welt etwas Sur­rea­les, Unbe­greif­li­ches. Wie genau die beab­sich­tig­te Wer­te­um­kehr beim west­li­chen Betrach­ter bewirkt wer­den soll, lässt sich nicht leicht beant­wor­ten: Wird hier Wider­stand demons­triert durch die Aneig­nung »deka­den­ter« Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien? Oder erhofft sich der IS eine Akzep­tanz der dar­ge­stell­ten Gewalt durch Gewöh­nung und Abnutzung?

Kon­ter­ka­riert wer­den die ver­meint­lich objek­tiv doku­men­tie­ren­den Dar­stel­lungs­mo­di in »Dabiq« und »Inspi­re« von Bild­sei­ten mit nahe­zu hol­ly­woo­des­ker Anmu­tung, in denen Bild­fil­ter, Spe­zi­al­ef­fek­te und visu­el­le Heroi­sie­rungs­tech­ni­ken inten­siv genutzt werden.

Abbildung 6: Titelseite des englischsprachigen Al-Qaida Magazins »Inspire«, Nr. 15, Mai 2016. (http://jihadology.net/2016/05/14/new-issue-of-al-qaidah-in-the-arabian-peninsulas-magazine-inspire-15/)

Abbil­dung 6: Titel­sei­te des eng­lisch­spra­chi­gen Al-Qai­da Maga­zins »Inspi­re«, Nr. 15, Mai 2016. (http://jihadology.net/2016/05/14/new-issue-of-al-qaidah-in-the-arabian-peninsulas-magazine-inspire-15/)

Bei die­sen ist die Absicht durch­schau­ba­rer – es scheint um eine Ein­la­dung zur »Action« und die Aus­sicht auf Hel­den­sta­tus zu gehen. Den­noch lässt sich aus der Tat­sa­che, dass die west­li­che Leser­schaft bru­ta­le Action­fil­me oder Video­ga­mes zu Unter­hal­tungs­zwe­cken anschaut bzw. spielt, kei­nes­wegs ablei­ten, dass sie die dar­in dar­ge­stell­te Gewalt auch im All­tag erle­ben oder aus­üben will. Genau die­se Ebe­nen­ver­mi­schung zwi­schen Gewalt­fik­ti­on und der Akzep­tanz oder Bereit­schaft zu ech­ter Gewalt hin­ter­lässt den »nor­ma­len« Leser per­plex. Unter­liegt der IS der para­do­xen Hoff­nung, der Wes­ten möge so maro­de sein, dass sei­ne Bewoh­ner nicht mehr zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät unter­schei­den kön­nen, d. h. möch­te der IS ernst­haft Men­schen für sich gewin­nen, die sich in einem Action­thril­ler oder Sni­per­spiel wähnen?

Der Absen­der IS gibt hier offen­bar den Anspruch an Authen­ti­zi­tät selbst preis, indem sich sein Vor­ha­ben ent­we­der als Kunst­pro­dukt erweist oder aber dem IS jeg­li­che Mensch­lich­keit und mora­li­sche Inte­gri­tät abge­spro­chen wer­den muss.

Lite­ra­tur

Aris­to­te­les: Rhe­to­rik. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Ger­not Kra­pin­ger. Stutt­gart 2005. (Aris­tot. rhet.)

Berne­cker, Roland: Aphe­leia. In: Ueding, Gert (Hg.): His­to­ri­sches Wör­ter­buch der Rhe­to­rik, Bd. 1. Tübin­gen 1992. Sp. 769—772.

Cice­ro, Mar­cus Tul­li­us: De ora­to­re. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Harald Mer­k­lin. Zürich, Düs­sel­dorf 2014. (Cic. de orat.)

Cice­ro, Mar­cus Tul­li­us: Ora­tor. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Bern­hard Kytz­ler. Düs­sel­dorf, Zürich 1998. (Cic. orat.)

Deme­tri­os: Vom Stil. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Emil Orth. Saar­brü­cken 1923. (Deme­tr. eloc.)

Quin­ti­lia­nus, Mar­cus Fabi­us: Aus­bil­dung des Red­ners. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Hel­mut Rahn. Darm­stadt 1995. (Quint. inst.)


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 10, Frühjahr 2017