Böse Objekte am guten Bauhaus?

Neben diesen erwartbaren und anerkannten Formaten gibt es eine Form der Bauhaus-Huldigung, die heute noch so stark spaltet, wie es damals das historische Bauhaus vermochte: Merchandising-Produkte. Sie werden – insbesondere wenn sie in Gefilden der Hochkultur gesichtet werden – schnell als »Kommerzialisierung« diskreditiert. Sie gelten als überflüssiger, umweltverschandelnder, uns Geld aus der Tasche ziehender Tand. Diese Haltung lässt sich stichhaltig begründen und ist nicht zuletzt in den Diskussionen um Wege in eine Post-Wachstumsgesellschaft weiterhin relevant. Mit Bauhaus-beflissener-Miene könnte zudem wahlweise naserümpfend oder entrüstet hinzugefügt werden, dass der exponentielle Anstieg von Merchandising-Produkten und der rapide Bedeutungsgewinn der Museumsshops im Kontext des Bauhauses in besonderem Maße überrascht. Ging es am Bauhaus nicht um Funktionalismus? Zweckmäßigkeit? Die Reduktion auf das Wesentliche? Wurde Askese nicht emphatisch zelebriert? Der Vorkursleiter Johannes Itten verzichtete auf Kopfbehaarung, Mahlzeiten wurden um Gewürze reduziert, man entsagte Ornamenten ebenso wie Großbuchstaben und Serifen.

Diesen medial immer wieder heraufbeschworenen Bildern der Abstinenz zum Trotz nimmt der Bauhaus-Shop in der Stiftung Bauhaus Dessau mit seinen auf rund 250 Quadratmetern feilgebotenen, dekorativen und dekorierten Nutzlosigkeiten in etwa die gleiche Fläche ein wie die darüber liegenden Sonderausstellungen – und viele Besucher widmen seinem Besuch ähnlich viel Zeit. Neben Postkarten, Radiergummis, Bleistiften und bedruckten Jute-Beuteln finden sich dort Stempel-Sets mit Bauhaus-Bauten, ein Mobile, das den Schriftzug des Gebäudes in Dessau in Bewegung bringt, ein Putzlappen verkündet »Less dirt is more fun« und von minimalistisch gestalteten Buttons hallen Sprüchen wie »In Bauhaus we trust«, »God is in the detail« und »Form Follows Function«. Ähnlich verhält es sich in Weimar und Berlin. Dort kann man sich je nach Charakter und Stimmung entscheiden, wie man seine Bauhaus-Affinität und -kenntnis von nun an kund tun möchte. Für die Zeigefreudigen werden Anstecker angeboten, auf denen der Vorname eines Bauhäuslers zu lesen ist. Auf diese Weise kann die eigene Sachkenntnis öffentlich kommuniziert und das Ausmaß des eigenen Wissens unterstrichen werden, denn die Gruppe derjenigen, die beim Namen »Walter« sofort ans Bauhaus denkt, ist deutlich kleiner als die Gruppe derjenigen, die durch »Gropius« auf die richtige Spur gelenkt werden. Für weniger Offensive werden Espresso-Tassen mit Dreieck, Quadrat und Kreis-Aufdruck bereitgestellt, die es ermöglichen, entweder im privaten Rahmen durch Bauhaus-Anekdoten zu glänzen oder sich völlig unabhängig von Anderen am Morgen der eigenen Geisteshaltung zu versichern. Am stimmungsvollsten werden die Erinnerungen an den Besuch der Wiege des Bauhauses zweifellos bei den Käufern einer der im Weimarer Shop erhältlichen Bauhaus-Schneekugeln wachgehalten.[4]

Wie ist diese Diskrepanz zwischen Bauhaus-Huldigung und gleichzeitiger demonstrativer Ignoranz der von den bewunderten Bauhäuslern proklamierten Zielsetzung zu begreifen? Geradezu reflexhaft werden eingeschworene Bauhaus-Kenner mit zuerst großen Augen und dramatisch gestikulierend, anschließend die Augenlider niederschlagend und resignierend den Kopf schüttelnd erklären, es handele sich um die Schattenseite der Popularisierung des Bauhauses. Zu viele Menschen mit Halbwissen schlichen ahnungslos durch die heiligen Hallen und beschleunigten auf diese Weise die Abnutzung der aufwendig und sachkundig restaurierten Fußböden. Insbesondere der spezielle, schon am Geruch erkennbare, schwarze Boden in Walter Gropius’ Dessauer Direktorenzimmer, den er in gewohnt weiser Voraussicht verlegen ließ, sei gefährdet (infolge der architektonisch exponierten Situierung des Direktorenzimmers im als frei schwebende Brücke konzipierten Verbindungstrakt war es fußkalt). Doch diese elitäre Argumentation greift zu kurz, selbst bekennende Asketen lassen sich im sich unweit des Direktorenzimmers befindlichen Shop zum Kauf von Nutzlosigkeiten hinreißen.

Alternativ könnte man erneut den belehrenden Historikerfinger heben und auf die frühen und intendierten Tendenzen zur Kommerzialisierung am historischen Bauhaus hinweisen, etwa auf die Bauhaus-GmbH. Oder auf die bereits ausgeführte programmatische und stilistische Vielfalt. Aber auch die historische Perspektive löst das Rätsel nicht, sondern verstellt den Blick auf weit interessantere Fragen: Wenn Merchandising-Produkte so beliebt sind, warum gelten sie als überflüssig? Wer ist für die negative Konnotation verantwortlich?

Im Kampf gegen Kitsch, Ornament und andere Verbrechen

Die Verunglimpfung des »Überflüssigen« hat eine lange Tradition, sie kann nachgerade als »roter Faden« der (deutschen) Designgeschichte bezeichnet werden. Weit früher als Merchandising-Produkte Kühlschranktüren, Schreibtische und Handtaschen zu erobern begannen, wurde bereits die Grundlage für ihre Herabwürdigung geschaffen.[5] Der österreichische Architekt und Kritiker Adolf Loos verunglimpfte schon um 1900 Ornamente und Modisches als Arbeitskraft-, Arbeitszeit- und Materialverschwendung, der Kunsthistoriker Gustav Pazaurek deklassierte die »bösen Dinge« mit strafrechtlich anmutenden Begriffen als »Materialvergewaltigungen«, »Schmuckverschwendung«, »funktionelle Lügen« oder »Materialtäuschungen« und stellte sie im Landesgewerbemuseum in einer eigens eingerichteten Abteilung als »Geschmacksverirrungen« bloß.[6] Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der seinen Kampf auf breiter personeller Basis unterstützte. Später stimmte eine Reihe Bauhäusler, nach dem Zweiten Weltkrieg eine größere Gruppe von auf dem sogenannten »Kuhberg« an der HfG Ulm ausgebildete Gestalter in das Hohelied der formal reduzierten, langlebigen, nützlichen, kurz: »guten« Form ein.

  1. [4] Recherchen zu den Bauhaus-Shops erfolgten im Rahmen des Projekts »Bildmarke Bauhaus«, angesiedelt am Exzellenzcluster »Bild Wissen Gestaltung« der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam mit Philipp Oswalt wurde das Bauhaus als »koproduzierte, fluide Marke« untersucht.
  2. [5] Die Geschichte des Merchandising wurde – vermutlich infolge der erwähnten Vorbehalte – noch nicht geschrieben. Zu den ersten in hoher Auflage produzierten Merchandising-Artikeln zählen einige mit der Walt-Disney-Figur »Mickey Mouse« bedruckte Objekte. Ihr kommerzielles Potential wurde schnell deutlich: Anfang der 1930er Jahre rettete Mickey Mouse die Uhren-Firma Ingersoll-Waterbury vor dem Bankrott. Im Zusammenhang mit Ausstellungen tauchten Merchandising-Objekte spätestens 1976 anlässlich der Tutanchamun-Ausstellung auf, die während ihrer Tour durch Amerika u. a. in Los Angeles gezeigt wurde. Nicht nur die Museen produzierten »Tut«-Merchandising-Artikel, sondern auch zahlreiche Firmen. Der Whiskey-Hersteller »Michter’s« beispielsweise gab eine Tutanchamun-Whiskey-Flasche heraus. Bereits in den 1920er Jahren hatten Firmen mit dem altägyptischen Pharao der 18. Dynastie für Alkohol, Zigaretten u. a. geworben. (Ich danke Mario Schulze für den amüsanten und bereichernden Dialog über Merchandising-Artikel und hoffe auf eine Veröffentlichung seinerseits zu diesem Thema.)
  3. [6] vgl. dazu den Ausstellungskatalog: Volkers, Imke; Museum der Dinge (Hg.): Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks. Berlin 2009.