Essay

Böse Objekte oder böses Bauhaus?

Über Mythen, Moral und Merchandising

Von Julia Meer


Bald ist es soweit. Es steht vor der Tür. Das gro­ße Jubi­lä­um. 2019. 100 Jah­re Bau­haus. Zwei­fel­los ist dies ein pas­sen­der Anlass für zusam­men­fas­sen­de Rück­schau­en. Im Fol­gen­den soll jedoch nicht zusam­men­ge­fasst, son­dern viel­mehr auf­ge­drö­selt und dif­fe­ren­ziert wer­den. Das »gute Bau­haus« wird gegen die »bösen Din­ge« aus­ge­spielt und im Zuge des­sen am Funk­tio­na­lis­mus-Begriff gerüt­telt.

In Bewun­de­rung ver­eint

Ken­ner der Bau­haus-Geschich­te dürf­te die ein­stim­mi­ge Vor­freu­de anläss­lich des anste­hen­den Jubi­lä­ums ver­wun­dern: Aus­ge­rech­net die Kunst­schu­le, die wäh­rend ihrer Exis­tenz von 1919 bis 1933 angeb­lich die Mei­nun­gen in beson­de­rem Maße spal­te­te, wird heu­te ein­ver­nehm­lich beju­belt. Wäh­rend das his­to­ri­sche Bau­haus vor allem kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ker, Gestal­ter und Jour­na­lis­ten zu wort­ge­wal­ti­gen Anfein­dun­gen ver­an­lass­te, bean­sprucht heu­te die FDP, eben­so in der Tra­di­ti­on des Bau­hau­ses zu ste­hen, wie Grü­ne, SPD und CDU.[1] Post­mo­der­ne Gestal­ter bezie­hen sich eben­so auf das Bau­haus wie moder­ne, und kri­ti­sche Pres­se­stim­men wer­den von der ste­tig wach­sen­den Grup­pe der Bau­haus-Anhän­ger als Aus­druck fahr­läs­si­ger Unwis­sen­heit dis­kre­di­tiert.

Der Name »Bau­haus« ist längst nicht mehr nur in Archi­tek­ten- und Desi­gner­krei­sen ein geflü­gel­tes Wort. Neben Möbel­lä­den und Fer­tig­haus-Anbie­tern bezie­hen sich in ihrer Namens­ge­bung auch Cafés, Buch­lä­den, Fri­seu­re, diver­se, meist asia­ti­sche Mode­la­bel, eine Rock­band, eine Braue­rei, eine Invest­ment­bank sowie ein Solar­kon­gress auf das Bau­haus. Letz­te­rer recht­fer­tigt die Namens­an­eig­nung über die pro­gres­si­ve Hal­tung gegen­über inno­va­ti­ven Tech­no­lo­gi­en, die Bau­haus und Solar­ener­gie­bran­che ver­bin­de. Die bri­ti­sche Rock­band »Bau­haus« rekur­riert nach eige­ner Aus­sa­ge mit der Namens­ge­bung auf die kol­lek­ti­ve Arbeits­wei­se am Bau­haus. Das japa­ni­sche Mode­la­bel gibt an, die Jugend­lich­keit der Bau­häus­ler sei aus­schlag­ge­bend für die Namens­über­nah­me gewe­sen.

Eben­so breit gefä­chert ist die Grup­pe der­je­ni­gen, die sich auf die Ästhe­tik des Bau­hau­ses bezieht und am Bau­haus ent­wor­fe­ne und »ori­gi­nal­ge­treu« re-edi­tier­te Pro­duk­te erwirbt.[2] Hedo­nis­ti­sche Ber­lin-Mit­te-Hips­ter koket­tie­ren auf Frei­schwin­gern lüm­melnd mit ihren von geo­me­tri­schen For­men gezier­ten Jute-Beu­teln, T-Shirts und ent­spre­chend täto­wier­ten Ober- und Unter­ar­men, wäh­rend in der Tra­di­ti­on des Bil­dungs­bür­ger­tum ste­hen­de Gym­na­si­al­leh­rer ihre Ver­bun­den­heit mit dem Bau­haus durch den Erwerb der soge­nann­ten Bau­haus-Leuch­te mani­fes­tie­ren und die­se unter abs­trak­ten Male­rei­en renom­mier­ter Bau­häus­ler plat­zie­ren. In der Bezug­nah­me auf das Bau­haus sind dis­pa­ra­te, teils wider­sprüch­li­che Posi­tio­nen ver­eint.

Wur­zeln der Viel­falt

Wahr­haft ver­sier­te Bau­haus-Ken­ner wer­den die­sen bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung frap­pie­ren­den Umstand mit Hin­weis auf die his­to­ri­sche Aus­gangs­la­ge selbst­re­dend leicht auf­klä­ren kön­nen: Die Grund­la­ge für die viel­sei­ti­ge Aneig­nung und Aus­deu­tung ist die ästhe­ti­sche und vor allem pro­gram­ma­ti­sche Viel­falt des his­to­ri­schen Bau­hau­ses. Wal­ter Gro­pi­us, der ers­te Direk­tor des Bau­hau­ses, hat Ver­tre­ter viel­fäl­ti­ger Sti­le und Posi­tio­nen ans Bau­haus geholt. Expres­sio­nis­ten, Kon­struk­ti­vis­ten, Neo­plas­ti­zis­ten, jeder Ismus durf­te unter Gro­pi­us’ Füh­rung auf sei­ne Zukunfts­taug­lich­keit hin erprobt wer­den. Er war bemüht, einen Ort zu schaf­fen, an dem vie­le, teils unver­ein­ba­re Posi­tio­nen neben­ein­an­der exis­tie­ren konn­ten. In einer Woche sprach Otto Neurath über das demo­kra­ti­sie­ren­de und auf­klä­re­ri­sche Poten­ti­al uni­ver­sell ver­ständ­li­cher Bild­spra­chen, in der nächs­ten Johan­nes Wei­den­mül­ler über Wer­be­psy­cho­lo­gie und das Poten­ti­al Ratio­na­li­tät unter­lau­fen­der Sug­ges­ti­on. Ver­tre­ter der Nor­mung sta­pel­ten DIN-For­ma­te auf den Schreib­ti­schen wäh­rend auf der Dach­ter­ras­se indi­vi­du­ell geat­met und Emo­ti­on in Aus­drucks­tanz über­setzt wur­de. Yoga und Eso­te­rik gehö­ren eben­so zum Bau­haus wie Ratio­na­li­tät und Klein­schrei­bung.[3] Die­se Viel­falt der am Bau­haus ver­tre­ten­den Posi­tio­nen ermög­licht es, dass heu­te sehr unter­schied­li­che Men­schen eine Bezie­hung zum Bau­haus her­stel­len kön­nen. Schwarztra­gen­de Rocker eben­so wie Trä­ger oran­ge­far­be­ner Filz­schu­he, Lieb­ha­ber poe­tisch-viel­schich­ti­ger Klee-Zeich­nun­gen eben­so wie Anhän­ger radi­kal redu­zier­ter geo­me­tri­scher Kom­po­si­tio­nen. Neo­li­be­ra­le eben­so wie Sozi­al- und Christ­de­mo­kra­ten.

Ent­spre­chend groß wird das Bau­haus-Jubi­lä­um 2019 gefei­ert wer­den. Kei­ne der drei samm­lungs­füh­ren­den Insti­tu­tio­nen in Ber­lin, Des­sau und Wei­mar hat es ver­säumt, die Auf­merk­sam­keit anläss­lich des Jubi­lä­ums zu nut­zen, um Gel­der für Neu­bau­ten ein­zu­wer­ben. Etli­che Publi­ka­tio­nen zum The­ma »Bau­haus« wer­den schon jetzt akri­bisch und von lan­ger Hand vor­be­rei­tet, dar­über hin­aus Aus­stel­lun­gen, Sym­po­si­en, Fern­seh­bei­trä­ge und Vor­trags­rei­hen.