Den gradlinigen Effizienz-Fetischisten wurde vorgeworfen, elementar menschliche Bedürfnisse zu ignorieren – eine Anschuldigung, der sich die Vertretern der »guten« Form von Beginn an und mit zunehmender Reduktion der Form verstärkt ausgesetzt sahen. Symptomatisch dafür sind einige in der Zeitschrift »Simplicissimus« veröffentlichte Karikaturen. 1929 wird ein minimalistisches Interieur inklusive lesender Dame mit den Worten untertitelt: »Die Deutschen lesen nur noch Frontromane und bevorzugen Schützengräben mit Bauhausmöbeln als Wohnungen.«[17] Mit ähnlicher Stoßrichtung wird in dem 1928 erschienenen Text »Neue Sachlichkeit« der Besuch bei Benno Schwarz, »dem berühmten Architekten und Innenraumkünstler, dem Pionier der modernen Wohnung«, geschildert. Nachdem einige Zeit im Wohnzimmer – einer »Sinfonie von Stahl, Glas, Licht, Zweckmäßigkeit und Hygiene« – auf »elastischen Stahlrohrstühlen« sitzend Konversation betrieben worden war, wird der Hausherr »unruhig und verlässt mit einer kurzen Entschuldigung das Zimmer«. Wenig später verirrt sich der Gast (die Toilette suchend) im Haus und findet ungewollt die hinter mehreren Schutztüren verborgene »gute Stube«. Dort erblickt er neben »Gardinen und Portieren, rote[m] Plüschsofa mit geschwungener Lehne, […] Säulen, Ziertischchen, […] unglaublich vielen Nippes, Sessel, gestickte Deckchen« und in einem der Sessel sitzend der Hausherrn, der erklärt: »Man will doch schließlich einen Raum in seinem Hause haben, in dem man sich wohl fühlt.«[18]

Im Weihnachtsheft des Jahres 1930 findet sich die Zeichnung eines bitterlich weinendes Kindes. Es sitzt auf einem Stahlrohr-Freischwinger vor einem formal stark reduzierten Tisch, auf dem zentral platziert eine einzige, lange, brennende Kerze steht. Darunter ist zu lesen: »Aus der wirklich modernen Wohnung wird der Christbaum als unsachlicher Kitsch verbannt.«[19] Die Eltern blicken das Kind verständnislos-vorwurfsvoll an. Ein anderer Vater ging angeblich noch weiter: »Im konsequenten Kampf gegen das Ornament hat ein Dessauer Architekt sich und seiner ganzen Familie die Ohren abgeschnitten.«[20] Die Vertreter der »guten Form« werden als bösartige, unmenschliche Sadisten dargestellt. Das Gute wird als zu kalt, zu streng empfunden. Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit wird dabei – wie oben beschrieben – das Kindliche und die Natur als Kontrastfolie genutzt. »Nur nichts anpflanzen um das Haus herum, Herr Meyer – die Natur hinkt nach, sie hat meinen Stil noch nicht begriffen«[21], heißt es in einer Karikatur. In einer weiteren entrüstet sich eine blasierte Dame über die Ignoranz der Vögel, die statt in dem extra für sie entworfenen kubischen Vogelhäuschen lieber »in ihrem selbstgebauten Kitsch« brüten wollen.[22] Selbstredend schreit die Behauptung »natürlicher« Bedürfnisse nach einer ebenso kritischen Befragung und Verortung wie die Festlegung von »gut« und »böse«.

Funktionalismus in der Krise

Die Gegner der »guten Form« gewannen an Boden, als die stummen Diener in den 1960er Jahren immer stummer wurden und letztlich ihre Leistung verweigerten. Die Idee schlichter, sachlicher Gestaltung überreizend, entstanden endlose Reihen gleichförmiger, lieblos und rein auf ökonomische Aspekte hin geplante Gebäude, die später als »Bauwirtschaftsfunktionalismus« etikettiert und für die »Unwirtlichkeit unserer Städte« verantwortlich gemacht wurden.[23] Die 1953 in der Tradition des Bauhaus gegründete Hochschule für Gestaltung Ulm erklärte Gestaltung zur Wissenschaft und brachte an Sprödigkeit kaum zu übertreffende Entwürfe hervor. Der Funktionalismus und mit ihm die »gute Form« waren in der Krise. Verbraucher und Gestalter sehnten sich nach »sprechenden« Objekten statt »stummen Dienern«. Die Ideale der Moderne hinter sich lassend hüpften sie auf aufblasbaren Möbeln herum, formten antike Säulen und Kakteen aus Schaumstoff, entwarfen Sofas in Baseball-Handschuh- oder Kussmund-Form und kullerten mit Sitzsäcken durch Wohnlandschaften. Sie umarmten das »Böse« und stellten fest, dass es warm, weich und witzig war.

Kurzerhand wurde der Funktionalismusbegriff erweitert. »Gute« Gestaltung zielte nicht länger allein auf hohen Gebrauchswert, auf Zweckmäßigkeit, sondern auch auf einen hohen Symbolwert, auf klare Zeichenhaftigkeit.[24] Es wurde erkannt, dass Dinge weit mehr als Gebrauchsgegenstände sein können. Sie dienen der Unterstreichung der eigenen Persönlichkeit und Einstellungen, der Erinnerung, der ästhetischen Erbauung, der Erheiterung und vielem mehr.[25]

  1. [17] Was erwarten wir vom Frühling? Zeichnung von Olaf Gulbransson. In: Simplicissimus, Jg. 33, Heft 52, 1929, S. 679. Online verfügbar auf: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/33/33_52.pdf (24.8.2017). In ähnlicher Manier psychologisiert Bertolt Brecht in »Nordseekrabben oder Die moderne Bauhaus-Wohnung« die Wohnvorlieben als Folge von Kriegstraumata; vgl. Brecht, Bertolt: Nordseekrabben – Geschichten und Gespräche.Berlin 1979, S. 31—44.
  2. [18] hs: Neue Sachlichkeit. In: Simplicissimus, Heft 8, Jg.33, 1928, S.102. Online verfügbar auf: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/33/33_08.pdf (24.8.2017).
  3. [19] Moderner Christbaumschmuck. Zeichnung von Olaf Gulbransson. In Simplicissimus, Jg.35, Heft 39, 1930, S.459. Online verfügbar auf: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/35/35_39.pdf (24.8.2017).
  4. [20] Sachlichkeit! Zeichnung von Thomas Theodor Heine. In: Simplicissimus, Jg. 33, Heft 24, 1928, S.303. Online verfügbar auf: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/33/33_24.pdf (24.8.2017).
  5. [21] Der Architekt. Zeichnung von Marcel Frischmann. In: Simplicissimus, Jg.34, Heft 14, 1929, S.171. Online verfügbar auf: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/34/34_14.pdf (24.8.2017).
  6. [22] »Mein Mann hat den Singvögeln …« Zeichnung von Thomas Theodor Heine. In: Simplicissimus, Jg.33, Heft 8, 1928, S.103. Online verfügbar auf: http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/33/33_08.pdf (24.8.2017).
  7. [23] vgl. Mitscherlich, Alexander: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Frankfurt am Main 1965.
  8. [24] Spitzfindig könnte darauf hingewiesen werden, dass der Erfinder der penetrant perpetuierten Phrase »Form Follows Function« den Symbolwert bereits als zentrale Funktion definiert hatte. Vgl. Sullivan, Louis H.: The tall Office Building Artistically Considered. In. Lippincott’s, March 1896. Wiederabgedruckt in: Fischer, Florian (Hg.): Ursprung und Sinn von form follows function. Leipzig, o. J., S. 9—32.
  9. [25] Diese Funktion erfüllen übrigens auch viele der auf Zweckmäßigkeit reduzierten Gegenstände, etwa der Barcelona-Sessel, der LC2 oder auch die Bauhaus-Leuchte. Letztere gilt als funktional, ist dies aber nur im Sinne einer Zeichenhaftigkeit. Als Schreibtisch- oder Leseleuchte eignet sie sich nicht, wohl aber als Distinktionsmerkmal und Bekenntnis zur Geisteshaltung »des« Bauhauses: »Wenn ich die Lampe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sehe – und das tue ich oft –, fühlt man eine innere Verwandtschaft: Ach, die auch. Gut«, berichtet die Besitzerin einer solchen Leuchte. Vgl. dazu den Film »Die Bauhaus-Leuchte«, online verfügbar auf: http://aufsiemitgebruell.de/bauhausleuchte/ (24.8.2017).