Das Gute im Bösen

Über die Erweiterung des Funktionalismusbegriffs, lässt sich nun endlich auch die Verwirrung über den Erfolg der Bauhaus-Merchandising-Objekte auflösen: Ihre Funktion liegt nicht im Gebrauch. Der Impuls zum Erwerb eines Bauhaus-Radiergummis ist sicherlich nicht über einen akuten Bedarf an Korrekturmöglichkeit zu erklären. Es geht nicht um den Radiergummi. Es geht um den Spannungsabbau.

Das Bauhaus-Gebäude wird als auratischer Ort inszeniert und vom überwiegenden Teil der Besucher als solcher wahrgenommen. Hier wurde einst die Zukunft gestaltet! Hier lebten und arbeiteten Visionäre! Das Bauhaus-Gebäude ist mit Bedeutung und Geschichte(n) aufgeladen und ruft bei vielen Menschen Ehrfurcht hervor. Es ist ein Ereignis, diesen geschichtsträchtigen Ort nicht nur besichtigen, sondern auch betreten zu dürfen, durch die gleichen Gänge zu gehen, in denen einst Gropius und andere wandelten. Manch einer lässt verstohlen die Finger an der Wand entlang streifen, viele machen Fotos. Es entsteht das Bedürfnis, die Kluft zwischen dem Ehrfurcht Einflößenden und sich selbst zu schließen. Man möchte berühren, Kontakt herstellen und etwas mitnehmen, sich das Bewunderte aneignen. Nun bietet die auf das Wesentliche reduzierte Architektur wenig Möglichkeiten, »etwas mitzunehmen«, kaum jemand traut sich, mit dem Fingernagel ein wenig Putz abzukratzen. In den Ausstellungsräumen verschärft sich die Situation, das Berührungs- und Fotografierverbot unterbindet jeden Versuch der Aneignung. Es entsteht ein Bedürfnisstau. In häufig abgedunkelten Räumen werden – gerne durch Spotlights angestrahlt – Artefakte geradezu sakral inszeniert. Hilfestellungen zur intellektuellen Aneignung werden in Form von Beschriftungen und Erläuterungen angeboten, doch findet diese Aneignung auf körperlicher Ebene keine Resonanz. Die Folge sind vor den Werken gestikulierende Besucher, die mit ihren Händen die Grenzen der Alarmsicherung entlangfahren – und prosperierende Museumsshops. Im Museumsshop ist das Berührungsverbot aufgehoben, es darf nach Belieben angetatscht, hochgehoben, gewendet, weggelegt werden. Man ist nicht mehr zur Bewunderung gezwungen, muss sich angesichts des eigenen Unverständnisses nicht mehr fragen, ob man das Werk nicht begriffen hat.[26] Es darf gelacht, geredet und hemmungslos beurteilt werden. Während die Exponate in den Ausstellungen unberührbar und unbezahlbar sind, haben die Besucher hier die freie Auswahl. Für jeden Geschmack, für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Neben ihrer Fähigkeit zum Spannungsabbau befriedigen Merchandising-Objekte auch das Memorialbedürfnis. Ein Kühlschrankmagnet erinnert seine Käufer jeden Tag an das besondere Erlebnis, »am Bauhaus« gewesen zu sein. Andenken aktualisieren die Erinnerung. Merchandising-Artikel ermöglichen es, ein kleines Stück Bauhaus zu kaufen und den Besuch unvergessen zu machen. Sie entlasten, sie helfen, sie erfreuen, sie kommunizieren. Wer würde diesen kleinen Wunderdingen Böses unterstellen?

Selbstverständlich profitieren sowohl die Shop-Inhaber als auch die sammlungsführenden Institutionen, die Teile ihrer Räume an erstere verpachten, vom Verkauf der Merchandising-Produkte. Selbstverständlich kann man Mobiles und Schneekugeln als überflüssig erachten, als Arbeitskraft-, Arbeitszeit- und Materialverschwendung, als umweltverschandelnden, uns Geld aus der Tasche ziehenden Tand.

Es ist jedoch – wie die Krise des Funktionalismus und die sich an die Askese anschließende Phase der Überkompensation durch Entwurf und Konsum postmoderner, lautstark Aufmerksamkeit einfordernder Objekte zeigen – wenig zielführend, die Bedürfnisse und Ursachen, die dem Konsum »böser« Objekte zugrunde liegen, zu ignorieren oder zu verurteilen.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 11, Herbst 2017