Essay

Das zentrale Kriterium eines guten Entwurfs

Über den Wert des Designs

Von Poonam Choudhry


Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt unsere Zeit die Epoche des »massenhaften self-designings«: Jeder kann am Computer gestalten, was das Zeug hält, ohne je eine Hochschule von innen gesehen zu haben. Führt die Demokratisierung der Gestaltung zum Verlust von Qualität? Ist Design-Kompetenz bereits eine aussterbende Fähigkeit? Welchen Wert messen wir guter Gestaltung heutzutage eigentlich bei?

Das Jahr 1876 war ein folgenreiches für die deutsche Industrie. Der offizielle Berichterstatter der Weltausstellung in Philadelphia sprach von »der schwersten Niederlage Deutschlands«. Man möge doch alles in  Bewegung setzen, damit fortan gute und zeitgemäße Gestaltung dem schlechten Ruf deutscher Industrieerzeugnisse entgegenwirke. Bisher galt: Hauptsache es funktioniert, Erscheinung ist Nebensache. Nun setzte sich die Erkenntnis durch, Formgestaltung sei eine entscheidende Ingredienz für den Erfolg eines jeden guten Produktes. Ein Auftrag des 1907 gegründeten Werkbunds und oberstes Primat des späteren Bauhauses.

Wo aber stehen wir heute? Am scheinbar anderen Ende der damaligen Auffassung. Heute, so scheint es, spielt das Gesicht eines Produkts eine größere Rolle als seine Funktion. Das Erscheinungsbild überstrahlt die Funktion, beeinträchtigt sie oft gar. Der Kunde misst formalästhetischen Merkmalen von sich aus höchsten Wert bei. Nehmen wir zum Beispiel einen Text. Ein Text sollte zwischen den Buchstaben weniger Abstand haben als zwischen den Zeilen, damit man ihn besser lesen kann. Zu dieser erfahrungsgemäßen Formalie kommen die emotional überzeugenden Komponenten, die die Designer liefern können. Wie ordne ich Textblöcke? Wie ist das Bild-Text-Verhältnis? Welche Typografie spricht den Leser an? Versal, fett, farbig? Da die Produkte heute auf einem ähnlichen technischen Stand sind, ist die emotionale Verkleidung sehr wichtig geworden. Sie verspricht Distinktion. das Alleinstellungsmerkmal. Einen Text kann jeder drucken. Ihn richtig zu setzen bleibt die Herausforderung.

Nach wie vor bleibt die Funktion das zentrale Kriterium eines guten Entwurfs. Aber genau dies wird mittlerweile in den Hintergrund gedrängt. Man bewegt sich teilweise auf dem Terrain der totalen Funktionsverfehlung mancher Objekte. In jugendlicher Naivität habe ich einmal die dicke Bertha von Alessi (ja, den Wasserkessel) zum Sperrmüll getan, da sie einfach nur getropft und nicht gegossen hat, wie man das als eine wesentliche Eigenschaft von einem Wasserkessel erwarten dürfte. Vielleicht markiert dies unsere Ära: Das Ineinander-Fließen von Design und Kunst. Eine Vase, die am Computer schief gezogen wurde, soll den Glanz des Spektakulären ins Haus holen und dem Kunden etwas Besonderes vermitteln. Aber allein die Andersartigkeit gibt dem Design nicht das Anrecht, tatsächlich ein gutes Design zu sein. Die Abweichung von der Norm als Selbstzweck ist nicht die Lösung: Wenn man sich die Kreationen des schwedischen Trios »Front« anschaut, fragt man sich, ob ein Stuhl, der am Computer spontan mit Linien gezeichnet ist und dann in ein 3D-Modell übertragen wurde, tatsächlich funktioniert und ob man ihn mit seiner unebenen Sitzfläche überhaupt zum Sitzen benutzen kann. Oder ist hier wieder die Kunst im Spiel? Dann stellt man ihn sich zum Anschauen in die Ecke.