Mythen des Alltags

Der Bilderrahmen

Über Geschmacksfragen beim Verkuppeln

Von Uta Schadow


Ein Bild in einen passenden Rahmen zu setzen, ist eine Kunst. »Passend« ist interpretationsbedürftig, liegt immer im Auge des Betrachters und ist daher nichtssagend. Es beginnt die Suche nach einem passenden Rahmen, um die erwählte Abbildung in »angemessenem Rahmen« zu präsentieren. Hinter einer Glasplatte – oder im weniger eleganten Fall – einem Plasikschutz versiegelt, wird das Bild der Wahl in seinen repräsentativen Rahmen gesetzt. Nun hängt das Schmuckstück dort – Bild und Rahmen als Einheit. Die gute Absicht wirft die Fragen auf: Welches Objekt schmückt welches? Der Bilderrahmen das Bild? Das Bild den Bilderrahmen? Oder sind beide nun, nach langer Suche zum passenden Pendant, vereint, wirkungslos?

Die eine Wohnung: rahmenverhangene Wände. Ein wahres Feuerwerk visueller Eindrücke prasselt auf die Augen des Besuchers ein – stets mit der guten Absicht, das Ausgewählte hervorzuheben, einen Blickfang zu erzeugen. Und nun? Wo bleibt der Blick des Betrachters hängen? Ah! Dort – endlich! Eine einzelne weiße Wand. Welch eine Ruhe, welch eine Erholung. Mit ihrem fein strukturierten Rauhfaserüberzug lässt sie die Augen des Besuchers von der visuellen Raserei pausieren.

Die andere Wohnung: Unmittelbar nach Betreten der vier Wände wird der Besucher von diesen angeschwiegen. Völlige Leere schlägt ihm entgegen, optische Stille, pures Weiß. Wo ist der Dialog? Wo sind die gerahmten Beweisstücke? Nein, sie sprechen nicht, die Wände; sie geben mit keinem Wort eine Vermutung über die Familienverhältnisse, die kulturellen Vorlieben oder Farbfaibles des Bewohners preis. Die Besucheraugen tasten Wände ab, und vor ihnen erscheint ein Fragezeichen: Identität? Doch dann – im nächsten Raum befindet es sich. Dort hängt das Unikat an der Wand. Adäquat zum Wohnstil und der übrigen Wandgestaltung wird das Schmuckstück in vornehmer Zurückhaltung präsentiert.

So unendlich wie die Form- und Farbvielfalt von Bilderrahmen selbst, sind die zu rahmenden Bilder, Gemälde, Kunstdrucke, Fotografien, Plakate, Eintrittskarten oder Denk-positiv-Weisheiten. Jeder Bilderrahmen mit seinem Mix aus Material, Dekor, Form und Farbe ist eine Persönlichkeit. Jedes Innere eines Rahmens hat Charakter. Es entsteht eine besondere Situation, wenn zwei Individuen aufeinandertreffen. Ob sich aus dieser Konstellation eine Einheit bildet, es bei einem Verkupplungsversuch bleibt oder sogar ein Konkurrenzkampf in der Senkrechten ausgetragen wird, hängt vom Blick des Betrachters ab.

Alles muss im Rahmen bleiben.


»Sprache für die Form«, Ausgabe Nr. 2, Frühjahr 2013