Mythen des Alltags

Flanieren

Der Spaziergang als Forschungsmethode

Von Amelie Kreß


»Fla­nie­ren ist eine Art Lek­tü­re der Stadt, wobei Men­schen­ge­sich­ter, Aus­la­gen, Schau­fens­ter, Café­ter­ras­sen, Bah­nen, Autos, Bäu­me zu lau­ter gleich­be­rech­tig­ten Buch­sta­ben wer­den, die zusam­men Wor­te, Sät­ze und Sei­ten eines immer neu­en Buches erge­ben.«[1]

Fla­nie­ren, Spa­zie­ren, Bum­meln, Pro­me­nie­ren oder Lust­wan­deln – all die­se Begrif­fe beschrei­ben einen ähn­li­chen Vor­gang: Unter frei­em Him­mel an der fri­schen Luft einen Fuß vor den ande­ren set­zen. Meist in einer eher gemä­ßig­ten Geschwin­dig­keit. Allein, zu zweit oder in einer Grup­pe. Der Spa­zier­gang lässt sich auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se gestal­ten. Doch wie unter­schei­den sich die­se Begrif­fe von­ein­an­der? Was unter­schei­det das Fla­nie­ren vom Spa­zie­ren, Bum­meln, Pro­me­nie­ren oder Lustwandeln?

Fla­nie­ren, wie im Zitat von Franz Hes­sel, beschreibt eine ganz bestimm­te Art und Wei­se durch die Land­schaft zu gehen. Einen ganz bestimm­ten Typus Mensch: den Fla­neur. Anders als sein Pen­dant, der Wan­de­rer, oder der Spa­zier­gän­ger, ist der Fla­neur eine lite­ra­ri­sche Figur, die nicht etwa zur Ent­span­nung an die fri­sche Luft geht. Der Fla­neur ist intel­lek­tu­ell, streift ziel­los in der Groß­stadt umher, nimmt nicht Teil an sei­ner Umge­bung und erschafft durch rei­ne Beob­ach­tung einen Pro­zess der Refle­xi­on.[2] Der Fla­neur, als lite­ra­ri­sche Figur, wur­de von Charles Bau­de­lai­re, als jemand, der »in der Mas­se zuhau­se ist, im Wogen­den, in der Bewe­gung, im Flüch­ti­gen und Unend­li­chen«, beschrie­ben.[3] Das Fla­nie­ren hat sei­nen Höhe­punkt im Pari­ser Bou­le­vard-Leben des 20. Jahr­hun­derts. Genau damit beschäf­tig­te sich auch Wal­ter Ben­ja­min in sei­nem »Pas­sa­gen-Werk«. Mit den dama­li­gen ers­ten soge­nann­ten Pas­sa­gen, die Vor­gän­ger der heu­ti­gen Fuß­gän­ger­zo­nen, begann auch die Idee des Fla­nie­rens.[4] Das Fla­nie­ren schärft die Wahr­neh­mung für die Din­ge um uns her­um. Durch Beob­ach­tung set­zen wir Ele­men­te zusam­men und schaf­fen ein ganz­heit­li­ches Bild der Orte, an denen wir uns befin­den. Ein Baum, der sei­ne Blät­ter ver­liert, ein Kau­gum­mi, der auf dem Asphalt klebt, die vom Regen benetz­ten Spinn­we­ben an der Later­ne. Din­ge, die man nur zu Fuß ent­de­cken kann.

In der Pro­me­n­a­do­lo­gie, der Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft, beschreibt man Spa­zier­gän­ge als »Metho­de und Erkennt­nis­mit­tel«.[5] Die Pro­me­n­a­do­lo­gie, oder eng­lisch »Strol­lo­lo­gy« »grün­det sich auf die The­se, dass die Umwelt nicht wahr­nehm­bar sei, und wenn doch, dann auf­grund von Bild­vor­stel­lun­gen, die sich im Kopf des Beob­ach­ters bil­den und schon gebil­det haben.«.[6] Spa­zier­gangs­for­scher fin­den beson­de­res Inter­es­se an der Ästhe­tik des Spa­zie­ren­ge­hens. Es ist nicht etwa nur das Spa­zie­ren, das erforscht wird, das Gehen ist viel­mehr ein For­schungs­in­stru­ment, mit dem wir Men­schen beob­ach­ten und ent­de­cken. Die Spa­zier­gangs­for­schung beschäf­tigt sich vor allem damit, wie sich Land­schafts­bil­der ent­wi­ckeln und wel­chen Sze­nen man als Spa­zier­gän­ger Auf­merk­sam­keit schenkt. Denn unse­re Auf­merk­sam­keit ist – auch beim Spa­zie­ren­ge­hen – nicht immer line­ar. Sie lässt manch­mal nach, kehrt sich nach innen und wird dann wie­der auf etwas Neu­es gelenkt.[7] Spa­zie­ren ist Übungs­sa­che. Laut Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Schmitz sol­le man für bekann­te Wege statt des Autos, das Fahr­rad neh­men.[8] Das sei eine Mög­lich­keit, die eige­ne Wahr­neh­mung zu trai­nie­ren und sich durch Beob­ach­tung einen Raum zu erschlie­ßen.[9]

Auch wenn es die Pro­me­n­a­do­lo­gie, die von Luci­us Bur­chardt begrün­det wur­de, erst seit den 1980er-Jah­ren gibt und sie damit eine sehr jun­ge Wis­sen­schaft ist, wur­de das Spa­zie­ren schon viel frü­her zu einer wich­ti­gen Metho­de, die eige­ne Wahr­neh­mung zu schär­fen.[10] Das Spa­zie­ren kam genau­er gesagt schon seit dem 18. Jahr­hun­dert in Mode und zahl­rei­che Künst­ler und Schrift­stel­ler sind fas­zi­niert davon. So ent­stan­den berühm­te Gemäl­de wie Cas­par David Fried­richs »Der Wan­de­rer über dem Nebel­meer«.[11]

Ein Spa­zier­gang muss also kein Ziel haben, um ein Spa­zier­gang zu sein. Wenn man spa­ziert, rein aus der Lust am Gehen, übt man sich dar­in, das eige­ne Umfeld anders zu betrach­ten. Kön­nen wir uns also etwas vom Fla­neur oder den Erkennt­nis­sen der Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft abschauen?

Wie sieht das heu­te aus? Gehen die Men­schen heut­zu­ta­ge eher spa­zie­ren oder fla­nie­ren? Die Grün­de für einen Spa­zier­gang – wie es zu bezeich­nen heu­te gang und gäbe ist – sind viel­fäl­tig. Kör­per­li­che Ertüch­ti­gung nach einem lan­gen Tag im Büro, tief­grei­fen­de Gesprä­che bei einem roman­ti­schen Herbst­spa­zier­gang, ein Ver­dau­ungs­spa­zier­gang, um das Mit­tag­essen zu ver­ar­bei­ten oder ein­fach nur den eige­nen Gedan­ken frei­en Lauf zu las­sen. Spa­zie­ren ist für vie­le Men­schen ein nicht weg­zu­den­ken­der Bestand­teil des All­tags. In ers­ter Linie soll der Spa­zier­gang ent­span­nen oder einen bestimm­ten Ort als Ziel haben. Die meis­ten Anläs­se für einen Spa­zier­gang sind also eher Fla­neur-unty­pisch. Ein alt­mo­di­scher Trend ist das Spa­zie­ren nicht. Der soge­nann­te »Hot Girl Walk«, ein »Tiktok«-Trend aus dem Jahr 2021, beschreibt eine ganz bestimm­te Art des Spa­zier­gangs. Ein »Hot Girl Walk« ist eine Vier-Mei­len-Wan­de­rung, bei der man an drei Din­ge den­ken soll. Die Din­ge, für die man dank­bar ist, die eige­nen Zie­le und wie man sie errei­chen will und wie »hot«, also wie attrak­tiv, man ist. Das Gan­ze ist eine Art Moti­va­tions-Spa­zier­gang, der vor allem Frau­en dabei hel­fen soll, ihr psy­chi­sches und phy­si­sches Wohl­be­fin­den zu ver­bes­sern.[12]

Das Spa­zie­ren oder auch Fla­nie­ren ist also nicht nur das simp­le Gehen oder Lau­fen. Es ist eine Art, sich eine Aus­zeit zu neh­men und zu ent­schleu­ni­gen. Gedan­ken wahr­zu­neh­men, zu reflek­tie­ren und zu sor­tie­ren, bis sie ein kla­res Bild erge­ben. Ob man nun beim Spa­zie­ren forscht, sich mit sich selbst aus­ein­an­der­setzt oder Kon­ver­sa­ti­on betreibt; ein Spa­zier­gang ist immer eine gute Idee, um die Sei­ten eines Buches zu füllen.