Mythen des Alltags
Wohngemeinschaften
Zwischen Putzplan und Demokratie
Vorgeschichte
Die richtigen Klamotten rausgelegt? Check.
Eigene Stärken und Schwächen analysiert? Check.
Rückfragen vorbereitet? Check.
Das WG-Casting steht an.
Innerhalb einer Stunde gilt es, die eigene Persönlichkeit vor den potenziellen Mitbewohnern in spe ins beste Licht der WG-Küche zu rücken. Während des Gesprächs verhält man sich allseits interessiert und lässt die mitgebrachte Mikrowelle immer wieder verführerisch aufblitzen … Und natürlich ist man eher der »saubere Typ«, treibt regelmäßig Sport und hat neben Job und Studium immer Zeit für einen gemeinsamen WG-Abend.
WG-Plätze sind in Universitätsstädten heiß begehrt und die Preise, die Studierende bereit sind dafür zu zahlen, immer höher. 790 Euro für ein WG-Zimmer in München.[1] Wer sich das nicht leisten kann, muss nach Alternativen suchen: In Münster beispielsweise übernachteten 80 Studienanfänger in den ersten Tagen des Semesters in einer Turnhalle.[2]
Doch in diesem Szenario läuft es anders. Beim Casting eines erschwinglichen WG-Zimmers hat man einen guten Eindruck hinterlassen und das Objekt der Begierde steht zum Einzug bereit. Voller Vorfreude packen sich die Koffer wie von selbst und plötzlich steht man da: in einer neuen Wohnung, vor drei Fremden, in einer unbekannten Stadt.
Und los.
In den ersten Tagen bemerkt man, dass bei der Beschreibung des WG-Zustands doch der ein oder andere Euphemismus dabei war. Alle leben irgendwie anders, als man es von zu Hause gewohnt ist. Doch genau das macht den Charme der schönsten Form des Zusammenlebens im jungen Erwachsenenalter aus. Charaktere lernen sich kennen, die sich sonst wohl nie begegnet wären oder es zumindest auf kein Wiedersehen angelegt hätten.
Im »Ökosystem WG« beeinflussen sich die Bewohner ständig gegenseitig. Das passiert bewusst: indem man von neuen Gerichten erfährt oder bemerkt, dass sich die Dusche gar nicht von selbst putzt. Und unbewusst: Menschen sind zwar von Natur aus soziale Wesen, soziales Verhalten ist jedoch kein Attribut, das bei der Geburt mitgegeben wird. Es muss erlernt werden [3], durch ein Leben in Gesellschaft.[4] Der Alltag in einer Wohngemeinschaft, in dem gleichberechtigte Individuen mit unterschiedlichsten Lebenskonzepten aufeinandertreffen, eignet sich dafür perfekt. Sowohl durch harmonische als auch konfliktreiche Phasen des Zusammenseins schulen Mitbewohner sich in Kompromissbereitschaft, Empathie und Verantwortungsgefühl [5] [6]. Eigenschaften, die unsere Welt dringend braucht.
In den ersten (nicht ganz) eigenen Wänden bekommt man das schöne Gefühl, allein auf eigenen Beinen stehen zu können, ohne dabei allein sein zu müssen. Die Schnittmenge aus individueller Freiheit und demokratischer Gesellschaft.
Wohngemeinschaften schaffen es, aus Fremden Freunde zu machen, aus einem kaputten Hängeschrank ein »Projekt für Bastler« und aus einem hässlichen Wand-Tattoo den Beweis für Sozialkompetenz.
- [1] Moses Mendelssohn Institut: Hochschulstädtescoring Wintersemester 2024/2025. https://moses-mendelssohn-institut.de/aktuelles/hochschulstaedtescoring-wintersemester-2024-2025/ (Stand: 10.10.2024).
- [2] Brönstrup, Petra: Wohnungsnot in Münster: Studierende müssen in Turnhalle übernachten. https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/erstsemester-notquartier-turnhalle-100.html (Stand: 10.10.2024).
- [3] Hobmair, Hermann; Altenthan, Sophia; Betscher-Ott, Sylvia; Dirrigl, Werner; Gotthardt,Wilfried; Ott, Wilhelm: Psychologie. 3. Auflage, korrigierter Nachdruck. Troisdorf:Bildungsverlag EINS 2003.
- [4] Faix G., Werner; Laier, Angelika: Soziale Kompetenz. Wiesbaden 2012.
- [5] Carrere, Juli, Reyes, Alexia, Oliveras, Laura et al.(2020): The effects of cohousing model on people’s health and wellbeing: a scoping review. In: Public Health Rev, 41, Artikel 22
- [6] Wang, Jingjing; Hadjri1, Karim; Bennett Stephen; Morris, David (2020): The role of cohousing in social communication and sustainable living environments. In: WITPress, 193, 247—258.