Mythen des Alltags

Wohngemeinschaften

Zwischen Putzplan und Demokratie

Von Marie Schneegaß


Vor­ge­schich­te
Die rich­ti­gen Kla­mot­ten raus­ge­legt? Check.
Eige­ne Stär­ken und Schwä­chen ana­ly­siert? Check.
Rück­fra­gen vor­be­rei­tet? Check. 

Das WG-Cas­ting steht an.

Inner­halb einer Stun­de gilt es, die eige­ne Per­sön­lich­keit vor den poten­zi­el­len Mit­be­woh­nern in spe ins bes­te Licht der WG-Küche zu rücken. Wäh­rend des Gesprächs ver­hält man sich all­seits inter­es­siert und lässt die mit­ge­brach­te Mikro­wel­le immer wie­der ver­füh­re­risch auf­blit­zen … Und natür­lich ist man eher der »sau­be­re Typ«, treibt regel­mä­ßig Sport und hat neben Job und Stu­di­um immer Zeit für einen gemein­sa­men WG-Abend.

WG-Plät­ze sind in Uni­ver­si­täts­städ­ten heiß begehrt und die Prei­se, die Stu­die­ren­de bereit sind dafür zu zah­len, immer höher. 790 Euro für ein WG-Zim­mer in Mün­chen.[1] Wer sich das nicht leis­ten kann, muss nach Alter­na­ti­ven suchen: In Müns­ter bei­spiels­wei­se über­nach­te­ten 80 Stu­di­en­an­fän­ger in den ers­ten Tagen des Semes­ters in einer Turn­hal­le.[2]

Doch in die­sem Sze­na­rio läuft es anders. Beim Cas­ting eines erschwing­li­chen WG-Zim­mers hat man einen guten Ein­druck hin­ter­las­sen und das Objekt der Begier­de steht zum Ein­zug bereit. Vol­ler Vor­freu­de packen sich die Kof­fer wie von selbst und plötz­lich steht man da: in einer neu­en Woh­nung, vor drei Frem­den, in einer unbe­kann­ten Stadt.

Und los.
In den ers­ten Tagen bemerkt man, dass bei der Beschrei­bung des WG-Zustands doch der ein oder ande­re Euphe­mis­mus dabei war. Alle leben irgend­wie anders, als man es von zu Hau­se gewohnt ist. Doch genau das macht den Charme der schöns­ten Form des Zusam­men­le­bens im jun­gen Erwach­se­nen­al­ter aus. Cha­rak­te­re ler­nen sich ken­nen, die sich sonst wohl nie begeg­net wären oder es zumin­dest auf kein Wie­der­se­hen ange­legt hätten.

Im »Öko­sys­tem WG« beein­flus­sen sich die Bewoh­ner stän­dig gegen­sei­tig. Das pas­siert bewusst: indem man von neu­en Gerich­ten erfährt oder bemerkt, dass sich die Dusche gar nicht von selbst putzt. Und unbe­wusst: Men­schen sind zwar von Natur aus sozia­le Wesen, sozia­les Ver­hal­ten ist jedoch kein Attri­but, das bei der Geburt mit­ge­ge­ben wird. Es muss erlernt wer­den [3], durch ein Leben in Gesell­schaft.[4] Der All­tag in einer Wohn­ge­mein­schaft, in dem gleich­be­rech­tig­te Indi­vi­du­en mit unter­schied­lichs­ten Lebens­kon­zep­ten auf­ein­an­der­tref­fen, eig­net sich dafür per­fekt. Sowohl durch har­mo­ni­sche als auch kon­flikt­rei­che Pha­sen des Zusam­men­seins schu­len Mit­be­woh­ner sich in Kom­pro­miss­be­reit­schaft, Empa­thie und Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl [5] [6]. Eigen­schaf­ten, die unse­re Welt drin­gend braucht.

In den ers­ten (nicht ganz) eige­nen Wän­den bekommt man das schö­ne Gefühl, allein auf eige­nen Bei­nen ste­hen zu kön­nen, ohne dabei allein sein zu müs­sen. Die Schnitt­men­ge aus indi­vi­du­el­ler Frei­heit und demo­kra­ti­scher Gesellschaft.

Wohn­ge­mein­schaf­ten schaf­fen es, aus Frem­den Freun­de zu machen, aus einem kaput­ten Hän­ge­schrank ein »Pro­jekt für Bast­ler« und aus einem häss­li­chen Wand-Tat­too den Beweis für Sozialkompetenz.