Mythen des Alltags

Abwasch

Thema eines jeden Haushalts

Von Caroline Löbmann


An sich weiß jeder, was zu tun ist, wenn die Rede vom Abwa­schen ist – in der Aus­füh­rung meint jedoch jeder etwas ande­res. Gibt es eigent­lich eine Defi­ni­ti­on für den Abwasch? Im Duden fin­det man:

Abwasch, der
Bedeutungen:
1) das Abwaschen
Bei­spie­le: den Abwasch über­neh­men, erle­di­gen - machst du den Abwasch?
Wen­dun­gen, Redens­ar­ten, Sprich­wör­ter: das ist ein Abwasch; das geht, das machen wir in einem Abwasch (Auf­wasch)
2) zu spü­len­des bzw. gespül­tes Geschirr
Bei­spiel: wir las­sen den Abwasch im Becken ste­hen
[1]

Beim Abwa­schen geht es dar­um, benutz­te Geschirr­tei­le zu rei­ni­gen – logisch, nur ist das schon wie­der rela­tiv, denn jeder hat eine ande­re Vor­ge­hens­wei­se und mit­un­ter eine ande­re Vor­stel­lung von Sau­ber­keit. Da gibt es einer­seits den Typ Wenn wir’s machen, dann aber rich­tig. Der Typ lässt zuerst das war­me Was­ser ins Spül­be­cken lau­fen, um anschlie­ßend einen Schuss Spül­mit­tel hin­zu­zu­fü­gen. In einem schö­nen Schaum­bad wer­den dann die ein­zel­nen Geschirr­tei­le nach und nach mit dem »Rei­ni­gungs­ele­ment« vom Schmutz befreit. Bevor das jewei­li­ge Teil dann zum Trock­nen abge­stellt wird, wird es noch ein­mal mit hei­ßem Was­ser abge­spült, um mög­li­che Res­te oder Schaum schluss­end­lich zu besei­ti­gen. Die­ser Abwasch-Typ ist also äußerst gründ­lich unterwegs.

Ganz ande­rer Mei­nung ist der Abwasch-Typ Ach, so dre­ckig ist das doch gar nicht. Er ist der Über­zeu­gung, dass es aus­reicht, die Sachen unter flie­ßen­dem Was­ser mal eben und ganz fix abzu­spü­len. An guten Tagen huscht dann viel­leicht doch mal ein »Rei­ni­gungs­ele­ment« samt Spül­mit­tel über die Geschirr­tei­le und zack – fer­tig. Da wer­den die Außen­sei­ten von Tas­sen, Schüs­seln oder Pfan­nen schon mal ver­nach­läs­sigt, und Spül­mit­tel gilt oft­mals als über­be­wer­tet – war ja eh nur innen benutzt und auch gar nicht so dreckig.

Nicht ganz unwich­tig ist die Wahl des »Rei­ni­gungs­ele­ments«. Da gibt es einer­seits die Ver­fech­ter des Schwamms – schließ­lich kann man mit ihm selbst die hart­nä­ckigs­ten Ver­schmut­zun­gen gut weg­schrub­ben – so sieht’s der Abwasch-Typ Schrub­ber. Es gibt aber auch die Abwa­scher, die ein Schwamm­tuch oder Lap­pen bevor­zu­gen, mit dem man dann ganz fein­füh­lig über die Geschirr­tei­le wischen kann – der Abwasch-Typ Vor­sicht ist die Mut­ter der Por­zel­lan­kis­te. Und zu guter Letzt glaubt ein wei­te­rer Abwasch-Typ, Der pure Finger(-nagel) regelt das. Er pult mit blo­ßen Fin­gern die Res­te von den Tel­lern, schließ­lich kön­ne man die Ver­schmut­zung des Geschirrs im direk­ten Kon­takt, Haut auf Por­zel­lan, am bes­ten spü­ren und besei­ti­gen. Übri­gens, »nur 4 % der Deut­schen spü­len gern«.[2]

Die tat­säch­li­che Sau­ber­keit des Geschirrs mal außen vor gelas­sen, stellt sich die Anschluss­fra­ge: abtrock­nen oder an der Luft trock­nen las­sen? Auch hier schei­den sich die Geis­ter: Man­che sind der Ansicht, dass Abtrock­nen ver­ta­ne Lebens­zeit wäre und die Sachen schon auto­ma­tisch tro­cken wer­den. Ande­re wie­der­um trock­nen ihre Hab­se­lig­kei­ten ab und polie­ren das Sil­ber so gut es nur geht, damit man bloß kei­ne Was­ser­fle­cken sieht.

Eine letz­te wich­ti­ge Fra­ge ist die nach dem Zeit­punkt: Gleich nach dem Essen abwa­schen oder doch spä­ter? Gleich-Abwa­scher oder Wir-sam­meln-erst­mal-und-machen-das-spä­ter-Abwa­scher? An sich sind bei­de Posi­tio­nen ver­ständ­lich – kri­tisch wird’s, wenn sich im auf dem dre­cki­gen Geschirr eige­ne Lebens­wel­ten entwickeln …

Abwa­schen geht aber auch anders: In Deutsch­land besit­zen mitt­ler­wei­le 73 % aller pri­va­ten Haus­hal­te eine Spül­ma­schi­ne.[3] Sie nimmt nicht nur die Arbeit des Spü­lens ab, son­dern ver­braucht dabei durch­schnitt­lich 50 % weni­ger Was­ser und 28 % weni­ger Ener­gie als das Spü­len von Hand.[4] Was für ein super Teil! Man stellt die benutz­ten Sachen ein­fach rein – manch eher pin­ge­lig ver­an­lag­ter Ein­räu­mer spült die ein­zel­nen Ele­men­te unter dem Was­ser­hahn noch kurz vor (was übri­gens laut Stu­di­en und Tests eigent­lich gar nicht not­wen­dig ist) – und dann kann’s auch schon los­ge­hen mit dem Spül­gang. Eh man sich ver­sieht, ist alles sau­ber und so gut wie tro­cken. Aber so traum­haft das klin­gen mag, auch die Spül­ma­schi­ne wirft Fra­gen auf: Wer räumt sie ein? Wer räumt sie aus? Räumt man sie direkt ein, oder parkt man die Sachen erst mal auf der Arbeits­flä­che dar­über? Wie räumt man sie ein? Darf das über­haupt in die Spül­ma­schi­ne? Geht man noch mal mit einem Geschirr­tuch über die gespül­ten Sachen? Ach, und muss sie nicht auch mal gerei­nigt werden?

Fra­gen über Fra­gen, die es wohl schon genau so lan­ge gibt wie die Spül­ma­schi­ne an sich – näm­lich seit 1929. Damals brach­te »Mie­le« den ers­ten Geschirr­spü­ler Euro­pas auf den Markt, und seit den 1960er-Jah­ren ist sie auch in mehr und mehr pri­va­ten Haus­hal­ten als tat­kräf­ti­ge Unter­stüt­zung mit am Start.[5] Des­halb gel­ten »Spül­mi­chel«, »Spül­f­red« oder »Spüls­abi­ne«, wie sie lie­be­voll genannt wer­den, den meis­ten Haus­hal­ten als unver­zicht­bar. Gibt es die ulti­ma­ti­ve Lösung für den Abwasch? Das ist Typ-Sache …


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022