Strich für Strich

Die Welt in der Sprechblase

Das große Reden in Schwarzweiß

Wir erre­den und erschrei­ben uns die Welt, so machen wir sie uns, wie es uns gefällt – so las­sen es Tho­mas Fuchs‹ Illus­tra­tio­nen vermuten …

Mythen des Alltags

Die Schokolade

Auch ein Aphrodisiakum muss entkleidet werden

Kul­ti­viert liegt sie in ihrer gol­de­nen Hül­le auf dem Glas­tisch, ein­ge­schweißt und edel-glän­zend. Wer sie kos­ten möch­te, begibt sich auf eine Rei­se durch edles Mate­ri­al hin zum exqui­si­ten Kern.

Kein ande­res Lebens­mit­tel ist so mühe­voll ver­packt. Dem gol­de­nen Pfeil auf der Folie fol­gend, rollt sich die Lasche um die Scho­ko­la­de und knis­tert dabei herr­lich wie ein lodern­des Feu­er im Kamin. Die trans­pa­ren­te Umhül­lung raschelt beim Abstrei­fen durch einen leich­ten Sog. Schwer und ein­drucks­voll liegt die gan­ze Tafel Scho­ko­la­de in den Hän­den, die sie wen­den und nach der nächs­ten Öff­nung absu­chen. An eini­gen Stel­len erhebt sich die Form zu einem Reli­ef und deu­tet auf das Fabri­kat oder weist den Ein­gang. An einer Schlau­fe geht es wei­ter. Gleich­mä­ßig rat­ternd öff­net sich die Per­fo­ra­ti­on der Schach­tel und klappt sich auf. Umman­telt mit Per­ga­ment schmiegt sich ihr gehalt­vol­ler Kör­per pass­ge­nau in die Ver­pa­ckung. Wert­vol­ler Inhalt in einer Schmuck­scha­tul­le, doch gewiss nicht so halt­bar wie Dia­man­ten. Kaum traut man sich, die akku­ra­te Falt­kunst zu zer­stö­ren. Ent­klei­det gibt die Süßig­keit den Blick auf ihre Prä­gung preis und zeigt stolz, was sie wert ist. Die fili­gra­ne Gra­vur lässt an ein anti­kes Schnitz­werk den­ken und gemahnt an die tra­di­ti­ons­rei­che Herkunft.

Ursprüng­lich ließ sich Scho­ko­la­de als bit­te­res und süßes cre­mi­ges Getränk genie­ßen. Ver­edelt und noch völ­lig unbe­rührt ist sie ein Genuss­stück der beson­de­ren Art. Vor­sicht, jetzt beim Anhe­ben, sie schmilzt in war­men Hän­den. Ent­hüllt liegt sie zwi­schen den Fin­gern, schwebt über ihrer Ver­pa­ckung. Das ele­gan­te Aro­ma erfüllt den Raum schon beim ers­ten Bre­chen des kakao­hal­ti­gen Blocks. Leicht uneben zeigt sich die Abbruch­stel­le und es blät­tern klei­ne Ras­peln her­un­ter. Der Genuss lässt nicht mehr lan­ge auf sich war­ten. Schon bevor der Mund die Scho­ko­la­de fühlt, lässt sich der Hauch von Kakao durch das Ein­at­men schme­cken. Auf der Zun­ge nun ent­fal­tet sie ihr gan­zes geschmack­li­ches Volu­men. In der woh­li­gen Wär­me des Mun­des wan­delt sich ihre ecki­ge Form in einen Zun­gen­schmeich­ler. Alle Geschmacks­knos­pen sau­gen und  durch­stö­bern die geschmei­di­ge Deli­ka­tes­se nach neu­en gust­a­to­ri­schen Erfah­run­gen. Zart­schmel­zend liegt sie da – vergänglich.

Designt von Kopf bis Fuß bie­tet sie dem, der sich dar­auf ein­lässt, ein Lebensgefühl.

Mythen des Alltags

Ein Parfüm

Durch die Straßen geht und weht ein Duft

Die Stra­ße erwacht lang­sam, Schau­fens­ter­be­leuch­tun­gen der vie­len Bou­ti­quen erhel­len zuneh­mend die Rue de Rivoli.

Tak, tak, tak – rot­blon­des, wal­len­des Haar bewegt sich auf und ab im Rhyth­mus der Schrit­te, ein plis­sier­tes pink­far­be­nes Kleid betont die schlan­ke Sil­hou­et­te. Blas­ser Teint wird durch das Make-up dezent, aber per­fekt betont. Ledig­lich die rosa­nen Apfel­bäck­chen ver­ra­ten eine fri­sche Jugend­lich­keit. Die Augen bli­cken leicht ver­spielt, unschul­dig, aber doch dis­kret her­aus­for­dernd. Spie­lend hüpft sie, trotz der rosa­far­be­nen Pfen­nig­ab­sät­ze, über eine Baum­wur­zel, die den Asphalt etwas auf­ge­wor­fen hat. Der laue Wind ver­teilt einen ver­trau­ten Duft: Jas­min? Citrus? Es ist mehr. Er unter­streicht die Leb­haf­tig­keit der jun­gen Frau, signa­li­siert Unbe­küm­mert­heit, ist femi­nin, sinn­lich und char­mant. Der Duft ver­teilt sich wie eine Dro­ge. Er ist bekannt. Der pud­ri­ge Effekt des wei­ßen Moschus bedeckt zart die Haut, das Gefühl von spru­deln­der Fri­sche pri­ckelt. Bit­ter­oran­ge und Bon­bon legen sich auf den Gau­men. Man riecht nicht nur, man schmeckt.– Das Fruch­ti­ge, Sprit­zi­ge und auch Pikan­te umwe­ben die Frau. Die Schrit­te ver­lie­ren sich im Dun­keln. Es bleibt ein Rausch bun­ter Pastellfarben.

Der Duft beflü­gelt die Sin­ne. Hal­lu­zi­na­tio­nen? Eksta­se? Ein Cha­os an Gefüh­len. Duft und Geschmack ver­dich­ten sich. Die edle qua­dra­ti­sche Form des Fla­kons mate­ria­li­siert sich lang­sam, Leich­tig­keit umgibt ihn. Durch sei­ne Trans­pa­renz schim­mert der Sprüh­kopf sil­bern durch. Die tra­pez­för­mig ange­leg­te Ver­schluss­kap­pe umgibt ihn wie ein Tre­sor, der sei­nem Juwel Sicher­heit und Schutz bie­tet. Die bekann­ten Initia­len am Kopf des Fla­kons wachen über die Tra­di­ti­on, sichern und garan­tie­ren die alt­be­währ­te Qua­li­tät. Der Duft erklimmt die Abstu­fun­gen der Ober­kan­te. Die Schlei­fe an der Ver­schluss­kap­pe, zen­tral gekno­tet, zur einen Sei­te wie zu einem Schwal­ben­schwanz geformt, ver­leiht Ele­ganz, Leich­tig­keit und lockert die stren­ge Geo­me­trie auf. Der Blick auf den Boden durch die glän­zen­de, leicht grün­lich schim­mern­de Flüs­sig­keit, trotz der rosa­far­be­nen Pfen­nig­ab­sät­ze zeigt ein ver­trau­tes Mus­ter: Hahnentritt.

Rot­blond, plis­siert, mit schlan­ker Sil­hou­et­te. So beein­dru­ckend, allen Sin­nen schmei­chelnd kann nur ein Duft sein: Dior.

Rezension

Party machen

Schlau ist, wer weiß, wann er dumm sein kann

Es ist laut. Leu­te schrei­en sich an, Men­schen zap­peln. Man­che sind benom­men, ande­re haben schlech­tes Beneh­men. Mit einem Bier in der Hand und einer Ziga­ret­te zwi­schen den Fin­gern steht man gepflegt neben sich und fei­ert aus­ge­las­sen. Die Stim­mung ist gut.

Für gewöhn­lich arbei­ten sie von Mon­tag bis Frei­tag und sind Teil der Leis­tungs­ge­sell­schaft. Sie ver­brin­gen ihre Zeit damit, Geld zu ver­die­nen, sich Wis­sen ein­zu­ver­lei­ben und zu üben. Klü­ger und rei­cher zu wer­den, ist aller­dings genau das Gegen­teil von dem, was man erreicht, wenn man hier ist. Meist wird davon der Geist schwe­rer und der Geld­beu­tel leich­ter. So gese­hen ist es kon­tra­pro­duk­tiv, sich zu berau­schen, und mag es eine noch so lan­ge Tra­di­ti­on haben.

Seid über 6000 Jah­ren kul­ti­viert der Mensch Opi­um, seid Jahr­tau­sen­den braut er Alko­hol. Pil­ze, Kräu­ter und Wur­zeln wur­den nicht nur als Medi­zin ein­ge­setzt oder bei spe­zi­el­len Ritua­len – es soll vor­ge­kom­men sein, dass Men­schen sich nur aus Spaß berauscht haben sol­len. Sinn­frei Spaß zu haben ist womög­lich so alt wie die Menschheit.

Hedo­nis­ten haben den Spaß zum Sinn erklärt, und doch schleicht sich ein befremd­li­ches Gefühl ein, sieht man aus­ge­las­se­ne Men­schen in der Grup­pe. Sie wir­ken alber­ner in der Mas­se, pri­mi­ti­ver, wenn sie sich zusam­men­ge­rot­tet haben. Schwarm­in­tel­li­genz ist nicht der ers­te Begriff, der einem in den Sinn kommt, sieht man fei­ern­de Men­schen auf einer Party.

Es könn­te aller­dings auch dar­an lie­gen, dass man es bedau­ert, zuzu­schau­en, wie ande­re Spaß haben, und sich dabei nur schlau und allei­ne vorkommt.

Trotz alle­dem ist es schön zu fei­ern, nicht nach­zu­den­ken, wie man ist, son­dern ein­fach ist – und viel­leicht ist man auch ein biss­chen unge­ho­belt und albern. Viel­leicht freut man sich, etwas dumm sein zu dür­fen? Für kur­zen Momen­te taucht der ein­zel­ne unter und wird Moment. Dann den­ken wir dar­über nach und es ist weg, einfach …

Mythen des Alltags

Die dreikantige Wolfsmilch

Das schnelle Ende der Euphorbia

Da steht sie, im Wohn­zim­mer, nahe bei Licht und Wär­me, in einem über­di­men­sio­nal gro­ßen Topf. Sie füllt die Zim­mer­ecke kom­plett aus, stellt ihre benach­bar­ten Topf­pflan­zen pro­blem­los in den Schat­ten. Sie ist der Boss. Die drei­ecki­gen Trie­be, eigent­lich nur drei an der Zahl, stre­ben der hohen Decke des Alt­baus ent­ge­gen. Ihrem Wachs­tum sind kei­ne Gren­zen gesetzt. Hoch rei­chen die Fens­ter des Alt­baus hin­auf, schaf­fen die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für den Ehr­geiz der soge­nann­ten drei­kan­ti­gen Wolfs­milch: Wei­ter, schnel­ler und hier beson­ders auch höher, das ist ihr Mot­to. Doch wie im mensch­li­chen Leben droht für sol­chen Hoch­mut der tie­fe Fall: Irgend­wann wird sie ster­ben. Ein­fach zusam­men­bre­chen. Ohne Vor­war­nung und ohne eine Mög­lich­keit, sie zu retten.

Ihre mensch­li­chen Züge sind stell­ver­tre­tend für vie­le von uns: hager, ste­chend und gif­tig. Liegt es viel­leicht dar­an, dass sie sich allein gelas­sen und ein­ge­pfercht fühlt und dadurch den ihr ein­zig mög­li­chen Bewe­gungs­drang aus­lebt: sich zur Decke zu stre­cken? Braucht sie auch des­halb ab einer bestimm­ten Grö­ße Stüt­zen, die an die Geh­stö­cke eines alten Man­nes erinnern?

Sie ent­wi­ckelt sich aus einem klei­nen Steck­ling, der mit viel Lie­be und Sorg­falt gepflegt wird, in der Hoff­nung, gut zu gedei­hen. Anfäng­lich ver­brei­tet die Pflan­ze Freu­de, Gemüt­lich­keit und Wär­me. Ein „grü­ner Dau­men“ ist eigent­lich nicht nötig, wenn genü­gend Wär­me und Licht vor­han­den sind. Wie ein Baby ist sie zu Beginn, but­ter­zart, die Sta­cheln sind noch weich, rosa­ro­te Blü­ten unter­strei­chen die noch vor­han­de­ne Unschuld. Erst spä­ter tritt der wah­re Cha­rak­ter her­vor: Wenn sie sticht, droht Gefahr durch den gif­ti­gen Saft. Ein unzu­gäng­li­ches Geschöpf: Die Sta­cheln ver­weh­ren jeg­li­chen Zugriff auf das Gewächs. In der Gärt­ne­rei wird gera­ten, es erst gar nicht auf dem Fens­ter­brett zu ver­su­chen, da der Wei­ter­trans­port in die Zim­mer­ecke sehr müh­sam und gefähr­lich sei. Die Pflan­ze ent­wi­ckelt eine Art Eigen­le­ben. Rühr‹ mich nicht an und ich tu‹ dir nichts, ist ihre Bot­schaft. Und auch trotz der viel­fäl­ti­gen Ver­zwei­gun­gen ver­liert sie ihre schlan­ke, auf­stre­ben­de Form nicht.

Die Ver­hol­zung am Boden, ihre knor­ri­gen Ver­wach­sun­gen deu­ten auf das Alter. Die Trie­be hin­ge­gen sind von hell­grü­ner Fri­sche, ver­brei­ten Leben. In ursprüng­lich lebens­feind­li­cher Natur wach­send hat die Wolfs­milch im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de Über­le­bens­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt: Der­be Pflan­zen­haut, die Hit­ze abhält und im inne­ren Feuch­tig­keit spei­chert. Die Kan­ten sind mit spit­zen har­ten Sta­cheln ver­se­hen, um durs­ti­ge Tie­re abzu­hal­ten. Sie kann sich zur Wehr setzen.

Ursprüng­lich behei­ma­tet in tro­pi­schen Gebie­ten Asi­ens und Afri­kas kann man sie auch in gemä­ßig­ten Brei­ten immer häu­fi­ger antref­fen. Dort ursprüng­lich als Hecken­pflan­ze ein­ge­setzt, ziert sie hier Wohn- und Bade­zim­mer. Der Schutz­me­cha­nis­mus wird durch den gif­ti­gen Milch­saft ver­stärkt, der ihr bei der Abgren­zung von Grund­stü­cken, der Abwehr von unge­be­te­nen Besu­chern hilft. Ihrer ursprüng­li­chen Hei­mat beraubt, sind ihre Blü­ten ver­küm­mert, nicht mehr bunt und fal­len als blatt­för­mi­ge bis zu zwei Zen­ti­me­ter lan­ge Struk­tu­ren auf. An der Außen­sei­te röt­lich gefärbt, an der Innen­sei­te dun­kel­grün. Fal­len sie ab, so blei­ben die Sta­cheln übrig. Bei art­ge­rech­ter Hal­tung (Tem­pe­ra­tur, Licht) kann sie bis zu drei Meter hoch wer­den. Die drei­kan­ti­ge Wolfs­milch wird oft mit einem Kak­tus ver­wech­selt. Zur Unter­schei­dung die­nen die Art und Form der Sta­cheln, die beim Kak­tus büschel­wei­se aus fil­zi­gen Pols­tern her­aus­ra­gen. Bei der Wolfs­milch sind nur die Kan­ten mit Sta­cheln besetzt.

Auf den ers­ten Blick scheint der Ver­gleich weit her­ge­holt, aber der Lebens­zy­klus der Wolfs­milch­pflan­ze ähnelt der einer Lawi­ne. Die­se wird grö­ßer — die Pflan­ze höher; die Schnee­wand bricht – die Pflan­ze eben­falls; die Lawi­ne rast zu Tal – die Pflan­ze fällt zu Boden. Ver­hin­dern kann man das alles nicht – nur in Deckung gehen.

Mythen des Alltags

Die Büroklammer

Soldaten im Dienste der Ordnung

Seit Wochen seh­nen sie sich nach dem einen Tag. Der Tag der Ent­schei­dung. Es geht an die Front. Wel­chen Auf­trag wer­den wir bekom­men? Wo wird unser Ein­satz sein?

Hät­ten Büro­klam­mern einen Ver­stand, stell­ten sie sich wahr­schein­lich genau die­se Fra­gen. Doch Büro­klam­mern kön­nen nicht den­ken. Büro­klam­mern sind aus Metall. Doch eines ist sicher: Die Ein­satz­be­rei­che von Büro­klam­mern sind so unter­schied­lich wie die der Metal­le. Rei­he an Rei­he, Glied an Glied war­ten die klei­nen Sol­da­ten auf ihren Einsatz.

Plötz­lich ist es soweit. Der Appell wur­de gespro­chen. Die Ent­schei­dung ist gefal­len. Kunst­stoff­be­schich­tet, ver­kup­fert, ver­mes­singt oder ver­zinkt wer­den sie in ihr Ein­satz­ge­biet geschickt. Ihr Auf­trag: Ord­nung schaf­fen und Hil­fe leis­ten. Die häu­figs­te Mis­si­on lau­tet: Papie­re zusam­men­hal­ten. Klam­mern sind bekannt für ihre Ver­bun­den­heit und ihren star­ken Zusammenhalt.

Sind die klei­nen Hel­fer an ihrem Bestim­mungs­ort ange­kom­men, gibt es zwei Mög­lich­kei­ten, wie ihr Leben wei­ter ver­läuft. Ers­tens: Die Büro­klam­mer bleibt ein Leben lang an der­sel­ben Front. Das bedeu­tet ein Leben ohne Abwechs­lung, aber mit dem immer­wäh­ren­den Ziel, Ord­nung zu hal­ten. Zwei­tens: Die Klam­mer kehrt in die Hei­mat zurück. Dies kann aus zwei Grün­den gesche­hen. Ent­we­der der Sol­dat wur­de ver­wun­det oder der Sol­dat konn­te sei­nen Auf­trag erfolg­reich abschlie­ßen. Zurück in der Hei­mat, gibt es nur eines: war­ten auf den nächs­ten Einsatz.

Beson­ders aus­ge­bil­de­te Büro­klam­mern bekom­men regel­mä­ßig einen Spe­zi­al­auf­trag als Super-Werk­zeu­ge. Die Eli­te­klam­mern wur­den spe­zi­ell dazu aus­ge­bil­det, Mini-Reset- und Not-Aus­wurf-Tas­ten zu drü­cken. Magne­ti­sche Eli­te­klam­mern, bekannt als Daten­kil­ler, wur­den häu­fig zur Zeit der Dis­ket­te zum Ein­satz gerufen.

Wird die Klam­mer nach mona­te- oder jah­re­lan­gem Gehor­sam aus dem Dienst ent­las­sen, ist es noch lan­ge nicht vor­bei. Die Büro­klam­mer bekommt die höchs­te Aus­zeich­nung, die ihr je zuge­spro­chen wer­den kann: Sie wird zu Kunst verarbeitet.

Mythen des Alltags

Der Bilderrahmen

Über Geschmacksfragen beim Verkuppeln

Ein Bild in einen pas­sen­den Rah­men zu set­zen, ist eine Kunst. »Pas­send« ist inter­pre­ta­ti­ons­be­dürf­tig, liegt immer im Auge des Betrach­ters und ist daher nichts­sa­gend. Es beginnt die Suche nach einem pas­sen­den Rah­men, um die erwähl­te Abbil­dung in »ange­mes­se­nem Rah­men« zu prä­sen­tie­ren. Hin­ter einer Glas­plat­te – oder im weni­ger ele­gan­ten Fall – einem Plas­ik­schutz ver­sie­gelt, wird das Bild der Wahl in sei­nen reprä­sen­ta­ti­ven Rah­men gesetzt. Nun hängt das Schmuck­stück dort – Bild und Rah­men als Ein­heit. Die gute Absicht wirft die Fra­gen auf: Wel­ches Objekt schmückt wel­ches? Der Bil­der­rah­men das Bild? Das Bild den Bil­der­rah­men? Oder sind bei­de nun, nach lan­ger Suche zum pas­sen­den Pen­dant, ver­eint, wirkungslos?

Die eine Woh­nung: rah­men­ver­han­ge­ne Wän­de. Ein wah­res Feu­er­werk visu­el­ler Ein­drü­cke pras­selt auf die Augen des Besu­chers ein – stets mit der guten Absicht, das Aus­ge­wähl­te her­vor­zu­he­ben, einen Blick­fang zu erzeu­gen. Und nun? Wo bleibt der Blick des Betrach­ters hän­gen? Ah! Dort – end­lich! Eine ein­zel­ne wei­ße Wand. Welch eine Ruhe, welch eine Erho­lung. Mit ihrem fein struk­tu­rier­ten Rauh­fa­se­rü­ber­zug lässt sie die Augen des Besu­chers von der visu­el­len Rase­rei pausieren.

Die ande­re Woh­nung: Unmit­tel­bar nach Betre­ten der vier Wän­de wird der Besu­cher von die­sen ange­schwie­gen. Völ­li­ge Lee­re schlägt ihm ent­ge­gen, opti­sche Stil­le, pures Weiß. Wo ist der Dia­log? Wo sind die gerahm­ten Beweis­stü­cke? Nein, sie spre­chen nicht, die Wän­de; sie geben mit kei­nem Wort eine Ver­mu­tung über die Fami­li­en­ver­hält­nis­se, die kul­tu­rel­len Vor­lie­ben oder Farb­fai­bles des Bewoh­ners preis. Die Besu­cher­augen tas­ten Wän­de ab, und vor ihnen erscheint ein Fra­ge­zei­chen: Iden­ti­tät? Doch dann – im nächs­ten Raum befin­det es sich. Dort hängt das Uni­kat an der Wand. Adäquat zum Wohn­stil und der übri­gen Wand­ge­stal­tung wird das Schmuck­stück in vor­neh­mer Zurück­hal­tung präsentiert.

So unend­lich wie die Form- und Farb­viel­falt von Bil­der­rah­men selbst, sind die zu rah­men­den Bil­der, Gemäl­de, Kunst­dru­cke, Foto­gra­fien, Pla­ka­te, Ein­tritts­kar­ten oder Denk-posi­tiv-Weis­hei­ten. Jeder Bil­der­rah­men mit sei­nem Mix aus Mate­ri­al, Dekor, Form und Far­be ist eine Per­sön­lich­keit. Jedes Inne­re eines Rah­mens hat Cha­rak­ter. Es ent­steht eine beson­de­re Situa­ti­on, wenn zwei Indi­vi­du­en auf­ein­an­der­tref­fen. Ob sich aus die­ser Kon­stel­la­ti­on eine Ein­heit bil­det, es bei einem Ver­kupp­lungs­ver­such bleibt oder sogar ein Kon­kur­renz­kampf in der Senk­rech­ten aus­ge­tra­gen wird, hängt vom Blick des Betrach­ters ab.

Alles muss im Rah­men bleiben.

Buchbesprechung

»Was als ein Bild gilt …«

Matthias Bruhn über Theorie, Geschichte und Praxis von Bildern

Was kön­nen Desi­gner mit einem Buch für Kul­tur­wis­sen­schaft­ler anfan­gen? Nichts? Falsch. Solan­ge es sich um das The­ma Bild han­delt, kön­nen die einen von den ande­ren mit Sicher­heit etwas lernen.

So schafft es das Buch »Das Bild. Theo­rie – Geschich­te – Pra­xis« von Mat­thi­as Bruhn, den Bogen zwi­schen bei­den Dis­zi­pli­nen zu schla­gen. Das Buch ist zwar in ers­ter Linie für Stu­den­ten der Kul­tur­wis­sen­schaft geschrie­ben, aber auch Desi­gner kön­nen Nut­zen dar­aus zie­hen. Beson­ders die Kapi­tel 1, 4, 9 und 10 sind für Gestal­ter sehr interessant.

In Kapi­tel 1 »Das Bild vom Bild: Seh­wei­sen, Rede­wei­sen« ver­sucht der Autor, einen gro­ben Über­blick zu geben. »Was als ein Bild gilt und wahr­ge­nom­men wird, hat gesell­schaft­li­che wie indi­vi­du­el­le Hin­ter­grün­de, hängt von intel­lek­tu­el­len und psy­cho­lo­gi­schen Fak­to­ren […] ab.« In Kapi­tel 4 »For­men, Wahr­neh­mun­gen« geht es um ver­schie­de­ne Anschau­ungs- und Deu­tungs­wei­sen, den Kon­text, die Emp­fin­dung und die unter­schied­li­chen Gestal­tungs­for­men. In Kapi­tel 9 »Iko­nen, Urbil­der, Vor­bil­der« wird das The­ma der Bild­se­mio­tik und der Foto­gra­fie näher erläu­tert. In Kapi­tel 10 »Bild neben Bild: Ver­gleich, Kom­bi­na­ti­on, Über­sicht« geht es um die Ver­än­de­rung, Inter­pre­ta­ti­on und Wir­kung des Bildes.

Mat­thi­as Bruhn beleuch­tet den Begriff Bild von allen Sei­ten. Dabei tre­ten meh­re­re Aspek­te in den Vor­der­grund: Bil­der haben unter­schied­li­che Funk­tio­nen. Bil­der infor­mie­ren, erzeu­gen Wis­sen, reflek­tie­ren und för­dern das Ver­ste­hen. Ein Bild kann unter­schied­lich inter­pre­tiert und gedeu­tet wer­den. Bil­der ste­hen immer in einem Kon­text. Bil­der wer­den unter­schied­lich ver­wen­det und haben immer einen ande­ren Nutzen.

Dabei geht Bruhn auf his­to­ri­sche Gege­ben­hei­ten ein, eben­so berück­sich­tigt und the­ma­ti­siert er aktu­el­le For­schungs­er­geb­nis­se. Die­se Mischung ver­stärkt die Aktua­li­tät und den wis­sen­schaft­li­chen Wert sei­ner Arbeit. Bruhn bezieht sich auf Bil­der aus allen erdenk­li­chen Berei­chen und aus allen Epo­chen der Geschich­te. Alte Gemäl­de fin­den genau­so Beach­tung wie moder­ne Wand­bil­der, Zei­tungs­fo­tos, Film-Stills oder Fotos von Plas­ti­ken eben­so wie Rönt­gen­bil­der oder Com­pu­ter­to­mo­gra­fien. Bild­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ist in Kunst, Unter­hal­tung oder Wer­bung eben­so rele­vant wie in Natur­wis­sen­schaf­ten, im Ver­lags­we­sen oder in Nachrichtenagenturen.

Schnell wird dem Leser klar, dass Bruhn einen sehr offe­nen Bild­be­griff ver­tritt. Eine ein­deu­ti­ge Defi­ni­ti­on gibt es nicht, dafür sind Bil­der in all ihren Erschei­nungs­for­men zu verschieden.

Dr. phil. Mat­thi­as Bruhn ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter und Lei­ter der Abtei­lung »Das Tech­ni­sche Bild« des Her­mann-von-Helm­holtz-Zen­trums für Kul­tur­tech­nik an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin. Bruhn stu­dier­te Kunst­ge­schich­te und Phi­lo­so­phie. Er publi­zier­te zu unter­schied­li­chen The­men­schwer­punk­ten wie bei­spiels­wei­se zu Kunst­ge­schich­te, Foto­ge­schich­te und Fach­kom­mu­ni­ka­ti­on. Eben­falls hat er meh­re­re Wer­ke zur Bild­wis­sen­schaft, Bild­wirt­schaft und Bild­for­schung ver­fasst. Das Lehr­buch »Das Bild. Theo­rie – Geschich­te – Pra­xis« von 2008 ist sein ers­tes Ein­füh­rungs­buch zum The­ma »Bild« für Studenten.

Jedes Kapi­tel beginnt mit zwei Bil­dern und einem Text­ab­schnitt, der die Bil­der beschreibt. Jedes der 14 Kapi­tel schließt mit Fra­gen und Anre­gun­gen, eben­so mit Lek­tü­re­emp­feh­lun­gen. Am Rand des Fließ­tex­tes befin­den sich zahl­rei­che Stich­wör­ter. Sie die­nen zur Ori­en­tie­rung und sind ein Instru­ment zur schnel­len Erfas­sung des Absatz­in­hal­tes. Am Ende des Buches befin­det sich ein aus­führ­li­cher Ser­vice­teil mit einem Sach­re­gis­ter, Lite­ra­tur­hin­wei­se – nach Kate­go­rien geord­net – oder Ver­wei­se auf Inter­net­res­sour­cen wie Insti­tu­te, Netz­wer­ke und Blogs.

»Das Bild« ver­fügt über kei­ne Zusam­men­fas­sung oder Ein­lei­tung des The­mas. Das Buch beschreibt kei­ne Ent­wick­lung des Bil­des in der Geschich­te – statt­des­sen ist es the­ma­tisch auf­ge­baut. Wich­ti­ge Per­so­nen wer­den genannt, gehen aber oft­mals im Lese­fluss unter. Der Inhalt wird an man­chen Stel­len erschwert begrif­fen und auf­ge­nom­men, da das Buch eine enor­me Stoff­fül­le wiedergibt.

In der Sum­me ist Bruhns Buch durch­aus emp­feh­lens­wert – beson­ders für alle, die sich mit der Mate­rie Bild inten­si­ver beschäf­ti­gen möch­ten, Kul­tur­wis­sen­schaft­ler oder eben­so Designer.

Buchbesprechung

»Gute Gestaltung ist nicht männlich oder weiblich«

Ein oppulenter Band zum Berufsbild der Grafikdesignerin

Auch in einer Insti­tu­ti­on wie dem Bau­haus, dem Vor­zei­ge­bei­spiel für gleich­be­rech­tig­tes Ler­nen, hat­ten Frau­en sehr viel här­ter zu kämp­fen und waren zu eini­gen Kur­sen per se erst gar nicht zuge­las­sen. Dies sind die Ergeb­nis­se jüngs­ter wis­sen­schaft­li­cher For­schung[1] , und den­noch sehen vie­le in der Fra­ge nach Gleich­be­rech­ti­gung im Design heu­te eher ein Tabu­the­ma. Die Geschlech­ter­fra­ge wirkt auf vie­le ange­staubt und über­reizt. Da wirkt die all­ge­mei­ne Geschichts­ver­dros­sen­heit, auch und gera­de in den Design­dis­zi­pli­nen, wie ein Kata­ly­sa­tor auf die Bekräf­ti­gung eta­blier­ter Bilder.

Dabei wäre die sach­li­che Betrach­tung der Geschich­te und Gegen­wart wich­tig in einem Berufs­feld, in dem über­durch­schnitt­lich vie­le Frau­en von selbst­stän­di­ger Arbeit leben und zum Erfolg der Bran­che bei­tra­gen. Mit dem Buch »Women in Gra­phic Design | Frau­en und Gra­fik-Design – 1890—2012« wol­len die bei­den Her­aus­ge­be­rin­nen Ger­da Breu­er und Julia Meer Licht ins Dun­kel brin­gen. Ihre wis­sen­schaft­li­che Arbeit wid­met sich aus­schließ­lich Frau­en im Gra­fik-Design, auch weil die weni­gen Unter­su­chun­gen, die es zu die­sem The­ma gab, sich größ­ten­teils mit Desi­gne­rin­nen im Pro­dukt-Design befasst haben.

In vier Haupt­ka­pi­teln wid­met sich das Buch Gestal­te­rin­nen, die im Lau­fe der Geschich­te zu Unrecht in Ver­ges­sen­heit gerie­ten. Die Grün­de dafür sind so viel­fäl­tig wie die unzäh­li­gen Bio­gra­fien, die die bei­den Her­aus­ge­be­rin­nen recher­chiert haben. Nach der sehr dich­ten Ein­lei­tung, die eine detail­lier­te Über­sicht zum The­ma »Gen­der« im All­ge­mei­nen und im Design gibt und die Beweg­grün­de und Zie­le der Her­aus­ge­be­rin­nen offen beschreibt, befas­sen sich zwölf Autorin­nen und Autoren in wis­sen­schaft­li­chen Essays mit dem The­ma. Bedeu­ten­de Pla­kat­ge­stal­te­rin­nen wer­den vor­ge­stellt, eben­so eine der ers­ten Art Direk­to­rin­nen oder die Frau­en, die die rus­si­sche Avant­gar­de mit­ge­stal­tet haben. Das Ungleich­ge­wicht in der Betrach­tung des Desi­gner-Paa­res Ray und Charles Eames wird beleuch­tet, aber auch gesell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge, wie in einer Unter­su­chung zu Design-Paa­ren in der DDR. Die Autorin­nen stam­men aus ganz unter­schied­li­chen Dis­zi­pli­nen und brin­gen damit eine abwechs­lungs­rei­che und inter­es­san­te Viel­falt in die Betrach­tung des The­men­fel­des mit. Da wären neben Gra­fik-Design Kunst- und Kul­tur­ge­schich­te, Sozi­al- und Wirt­schafts­ge­schich­te, Aus­stel­lungs­de­sign, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­so­zio­lo­gie, Typo­gra­fie, Kunst und Phi­lo­so­phie und eini­ge mehr.

Im zwei­ten Kapi­tel wer­den erfolg­rei­che Desi­gne­rin­nen der Gegen­wart vor­ge­stellt, die ihre Sicht und Mei­nung schil­dern. Unter ihnen sind Namen wie Irma Boom, Shei­la Lev­rant de Bret­te­ville oder Judith M. Gries­ha­ber. Dabei sind die­se Frau­en vor­ur­teils­frei, wenn sie über ihr Berufs­bild reflek­tie­ren und von ihren Erfah­run­gen als Gestal­te­rin­nen erzäh­len, die mal mehr, mal weni­ger von Geschlech­ter­fra­gen han­deln. Ein biss­chen mehr Viel­falt hät­te man sich, im Hin­blick auf die Her­kunfts­län­der der Gesprächs­part­ne­rin­nen, gewünscht: ein­mal Nie­der­lan­de, zwei­mal USA, ein­mal Schweiz und acht­mal Deutsch­land. Zumal im Vor­wort spe­zi­ell auf die inter­es­san­ten Unter­schie­de zwi­schen den Kul­tu­ren hin­ge­wie­sen wird, wenn es um Gen­der-Fra­gen und das Auf­tre­ten von Desi­gne­rin­nen geht. Der Wunsch, die­sen Unter­schie­den im Buch nach­zu­spü­ren, bleibt lei­der uner­füllt, was den Ein­druck der ein­zel­nen Inter­views aber nicht schmä­lern soll.

Acht pro­gram­ma­ti­sche Tex­te, von Gestal­te­rin­nen geschrie­ben, bil­den das drit­te Kapi­tel und run­den die Sicht aus den vor­an­ge­gan­ge­nen Inter­views ab. Dabei han­delt es sich um Wie­der­dru­cke von Tex­ten, die aus ganz unter­schied­li­chen Jahr­zehn­ten stam­men, zwi­schen 1974 und 2011 erschie­nen sind, und somit den Blick von der Gegen­wart zurück auf die jün­ge­re Design­ge­schich­te wer­fen. Mit den Kurz­bio­gra­fien, die den größ­ten Teil des Buches und das vier­te Kapi­tel ein­neh­men, woll­ten die Autorin­nen den Ver­such unter­neh­men, einen ers­ten Über­blick über erfolg­rei­che Desi­gne­rin­nen in der Geschich­te des Gra­fik-Designs zu lie­fern und einen Anstoß für wei­te­re For­schungs­ar­bei­ten rund um die The­ma­tik zu geben.

Die Ein­lei­tung zu den Kurz­bio­gra­fien ist für all die­je­ni­gen inter­es­sant, die sich über das Buch hin­aus mit dem The­ma »Gen­der« im Gra­fik-Design beschäf­ti­gen oder sogar selbst zum wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs bei­tra­gen möch­ten. Die Autorin­nen zei­gen sehr nach­voll­zieh­bar die Pro­ble­me auf, über die sie wäh­rend ihrer For­schungs­ar­beit gesto­ßen sind und nach wel­chen Kri­te­ri­en die Aus­wahl der Kurz­bio­gra­fien auf­ge­stellt wur­de. Da wären z. B. die vie­len Quel­len, die nicht aus­ge­wer­tet wer­den konn­ten: aus Zeit­grün­den, wegen Sprach­bar­rie­ren oder der schie­ren Zahl her­aus­ra­gen­der Desi­gne­rin­nen, die seit 1890 tätig waren – mit der die Autorin­nen, nach eige­ner Aus­sa­ge, nicht gerech­net hat­ten. Es wird auch expli­zit dar­auf ver­wie­sen, dass haupt­säch­lich Quel­len aus dem deutsch- und eng­lisch­spra­chi­gen Raum aus­ge­wer­tet wur­den; viel Raum für wei­te­re For­schungs­ar­beit also.

Die Bio­gra­fien sind sehr unter­schied­lich in Län­ge und Inhalt, da sie »stark von dem beein­flusst [sind], was über die ent­spre­chen­den Frau­en publi­ziert wur­de«. Den­noch geben sie einen gut struk­tu­rier­ten Ein­blick in das Fremd- und Selbst­bild der Desi­gne­rin­nen zur jewei­li­gen Zeit, und es wird ersicht­lich, wie viel Ener­gie vie­le Frau­en in ihren Beruf gesteckt haben, um Hür­den zu über­win­den und die­sem Beruf nach­ge­hen zu kön­nen. Auch hier wird zum Nach­for­schen und Wei­ter­le­sen ani­miert, indem jede Bio­gra­fie mit mal mehr oder weni­ger umfang­rei­chen Lite­ra­tur­hin­wei­sen auf­war­tet. Zudem tau­chen Quer­ver­wei­se im Text oder als Anhang dort auf, wo Abbil­dun­gen der Desi­gne­rin­nen im Buch ent­hal­ten sind. Dies ermög­licht ein dua­les Durch­stö­bern des Buches: Ent­we­der man lässt sich von den zahl­rei­chen Abbil­dun­gen zu den Bio­gra­fien oder umge­kehrt von einer span­nen­den Kurz­bio­gra­fie zur ent­spre­chen­den Arbeit leiten.

Ein­zig eine Mög­lich­keit, die Per­so­nen in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge zu über­schau­en, mag man beim Durch­blät­tern ver­mis­sen. Es wäre z. B. inter­es­sant gewe­sen zu über­bli­cken, wie vie­le Bio­gra­fien zu den jewei­li­gen Jah­ren, Jahr­zehn­ten oder Epo­chen vor­han­den sind. Man könn­te sich noch die eine oder ande­re Auf­be­rei­tung der Daten vor­stel­len. Aber das hät­te dann sicher­lich den Rah­men des ohne­hin opu­len­ten Werks gesprengt. Es wirft vie­le rich­ti­ge Fra­gen auf, ohne dabei auf­ge­regt zu sein; die unter­schied­li­che Dich­te der Tex­te erlaubt es dem Leser, sich zu ver­lie­ren oder in einer frei­en Minu­te eben mal eine Kurz­bio­gra­fie zu lesen. Ins­be­son­de­re mit den Kurz­bio­gra­fien auf 221 Sei­ten und den vie­len beglei­ten­den Abbil­dun­gen beant­wor­ten Ger­da Breu­er und Julia Meer vie­le Fra­gen nach groß­ar­ti­gen Desi­gne­rin­nen, von denen man zuvor nicht wuss­te, dass man sie gesucht hat.

Buchbesprechung

In der Tat: »eine angewandte Designforschung«

Andreas Koop schreibt über Typografie und Macht

»Wis­sen ist Macht« – irr­te sich der eng­li­sche Phi­lo­soph Fran­cis Bacon? Zumin­dest könn­te man sei­ne Erkennt­nis ergän­zen. Denn Andre­as Koop, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner aus dem All­gäu, zeigt in sei­ner For­schungs­ar­beit »Die Macht der Schrift – eine ange­wand­te Design­for­schung«, in wel­cher Bezie­hung die Typo­gra­fie mit der Reprä­sen­ta­ti­on von Macht steht.

Koop führt seit 1995 ein renom­mier­tes Design­bü­ro. Sei­ne Schwer­punk­te lie­gen im Cor­po­ra­te Design und der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on. An ver­schie­de­nen Hoch­schu­len lehrt er Schrift und Typo­gra­fie. Im Rah­men eines For­schungs­pro­jek­tes am Insti­tut »Design2context« der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te ent­stand sei­ne Arbeit über die Bezie­hung zwi­schen Schrift und Macht. Koop möch­te damit einen Bei­trag zu der noch jun­gen Dis­zi­plin der Design­for­schung leis­ten. Er ver­deut­licht die Poten­zia­le und Chan­cen, die in der For­schung über, für und durch Design lie­gen. Chan­cen nicht für die eige­ne, son­dern auch für ande­re wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­pli­nen. Er leis­tet mit sei­ner Arbeit einen wich­ti­gen Bei­trag zur Aner­ken­nung der Designwissenschaft.

Koop stellt sei­ner Arbeit »Die Macht der Schrift« ein Kapi­tel über die Design­for­schung vor­an. Eigent­lich ist es viel mehr als ein Kapi­tel – es könn­te gar eine eige­ne Ver­öf­fent­li­chung sein. Denn nicht nur vom Umfang fasst es cir­ca die Hälf­te der Publi­ka­ti­on, son­dern auch inhalt­lich hat der Text Gewicht: Es ist ein Plä­doy­er für die Design­for­schung, für eine jun­ge Dis­zi­plin, die ihr Poten­zi­al und ihre Gren­zen noch sucht. Koop greift die wich­tigs­ten Errun­gen­schaf­ten der letz­ten Jah­re auf und fügt sie zu einem diver­gen­ten Gan­zen zusam­men. Ein Abbild von den Anfän­gen, über die ver­schie­de­nen For­schungs­an­sät­ze (For­schung über, für und durch Design), hin zu den Rah­men­be­din­gun­gen, in denen Design­for­schung heu­te betrie­ben wird. Koop beschreibt den Kern – nicht alle Facet­ten und Aus­prä­gun­gen der ein­zel­nen The­men – und schafft somit eine Ein­füh­rung und einen Über­blick über die Dis­zi­plin. Doch fin­det sich trotz die­ser Makro­per­spek­ti­ve im Anschluss ein Blick auf die bereits zur Ver­fü­gung ste­hen­den Metho­den. Hier spricht Koop von der Über­tra­gung der Metho­den aus ande­ren Dis­zi­pli­nen, die aber dann in unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen und Gewich­tun­gen in der Design­for­schung eine Anwen­dung fin­den. Ver­an­schau­licht wer­den die­se aus der Mikro­per­spek­ti­ve mit eini­gen exter­nen Forschungsbeispielen.

Koop fügt die­sen Beob­ach­tun­gen auch eine per­sön­li­che Note bei, indem er zum Ende die­ses ers­ten Teils den Blick nach vor­ne rich­tet. Er beschreibt, wie durch die Design­for­schung das Design pro­fes­sio­na­li­siert wer­den kann und wie sich auf lan­ge Sicht Stel­len­wert samt Aner­ken­nung stei­gern las­sen. Zudem zeigt er, wel­che Fra­gen die Dis­zi­plin beant­wor­ten und wel­che sie suchen kann. Zu Beginn des zwei­ten Teils, der eigent­li­chen Arbeit »Schrift und Macht«, ver­deut­licht Koop sei­ne Hal­tung, aus der her­aus sei­ne Publi­ka­ti­on ent­stan­den ist. So wird klar, was »Schrift und Macht« zu leis­ten ver­mag und was sei­ne Arbeit in kei­nem Fall beab­sich­tigt. Er plä­diert für Akzep­tanz und Offen­heit von ande­ren Dis­zi­pli­nen. Die Design­for­schung kann Gestal­tung, so sub­jek­tiv (oder auch nicht) sie sein mag, objek­tiv rezi­pie­ren und den Wis­sens­ho­ri­zont viel­leicht nicht ver­tie­fen, aber erweitern.

Der Aus­gangs­punkt sei­ner Arbeit ist die Annah­me, dass es ein Wech­sel­spiel zwi­schen gedruck­ter Schrift und der Prä­sen­ta­ti­on poli­ti­scher Macht gibt. Einen sol­chen Zusam­men­hang sucht Koop durch die Betrach­tung his­to­ri­scher Doku­men­te aus der west­eu­ro­päi­schen Geschich­te. Die gestal­te­ri­sche Per­spek­ti­ve kann hier zu erwei­tern­den Erkennt­nis­sen füh­ren, da die Form an sich in den klas­si­schen Dis­zi­pli­nen nur sehr wenig Beach­tung fin­det. In den dar­auf fol­gen­den Bei­spie­len zeigt Koop, wie sich die Macht­an­sprü­che und Macht­po­si­tio­nen in der Gestal­tung von Doku­men­ten bis hin zu den typo­gra­fi­schen Ent­schei­dun­gen wider­spie­geln. Anhand von Doku­men­ten von Karl dem Gro­ßen bis Adolf Hit­ler wer­den die Insze­nie­run­gen des Macht­an­spru­ches ana­ly­siert. Koop arbei­tet Aspek­te her­aus, die aus den Inhal­ten wei­te­re Erkennt­nis­se gewin­nen und neue Per­spek­ti­ven ermög­li­chen. Die Bedeu­tung der Tra­di­tio­nen in Bezug auf die typo­gra­fi­sche Gestal­tung zeich­net sich bei allen gewähl­ten Bei­spie­len deut­lich ab. Nach der his­to­ri­schen Betrach­tung wid­met sich Koop kon­se­quen­ter­wei­se den typo­gra­fi­schen Erschei­nun­gen von moder­nen euro­päi­schen Staa­ten und ver­gleicht die­se dann im Anschluss mit den Insze­nie­run­gen von pri­va­ten Unter­neh­men. Koop zeigt hier auf, wie sich so man­che Unter­neh­men »staats­män­ni­scher« als ein Staat präsentieren.

In einem eige­nen Kapi­tel wer­den die Par­al­le­len zwi­schen der Rhe­to­rik und der Gestal­tung – im spe­zi­el­len Fall der Typo­gra­fie – unter­sucht. Sei­ne Erkennt­nis­se basie­ren auf den his­to­ri­schen Betrach­tun­gen und wer­den als Teil­ergeb­nis der Arbeit ange­se­hen. Koop ent­wi­ckelt ein Sys­tem, in dem Schrif­ten anhand ihrer Wir­kung kate­go­ri­siert und beschrie­ben wer­den kön­nen. Um sei­ne Erkennt­nis­se zu unter­strei­chen, ver­deut­licht Koop durch Expe­ri­men­te und Metho­den, die im ers­ten Teil der Publi­ka­ti­on beschrie­ben wur­den. Dadurch wird deut­lich, dass nicht nur eine Bezie­hung zwi­schen poli­ti­scher Macht und Typo­gra­fie besteht. Macht wird auch in allen ande­ren Berei­chen der Gestal­tung sichtbar.

Andre­as Koop ist Beob­ach­ter einer noch jun­gen Dis­zi­plin und beschreibt unauf­ge­regt ihre Ent­wick­lung, Poten­zia­le und Gren­zen. Er ver­deut­licht glaub­haft sei­ne Über­zeu­gung vom Poten­zi­al der Design­for­schung. Ihre Daseins­be­rech­ti­gung sieht Koop im Glau­ben an die Ver­än­der­bar­keit und Gestalt­bar­keit der Welt. Auch ist in sei­ner Arbeit spür­bar, dass Design­for­schung ele­men­ta­re Fra­gen beant­wor­ten kann, wo ande­re Dis­zi­pli­nen unver­mö­gend sind. Was an dem Buch sehr gefällt, ist der Per­spek­tiv­wech­sel, den Koop mit dem Leser voll­zieht. Er beschreibt das gro­ße Gan­ze, ohne das Detail zu ver­ges­sen, beschreibt die fei­nen Unter­schie­de und lei­tet somit wie­der auf das Gan­ze – von der Theo­rie in die Pra­xis und wie­der zurück. Er zeigt, wie Design­wis­sen­schaft­ler und Desi­gner for­schen kön­nen – von ande­ren Dis­zi­pli­nen ler­nend und der eige­nen stets treu blei­bend. »Die Macht der Schrift« ist eine her­aus­ra­gen­de und rich­tungs­wei­sen­de Publi­ka­ti­on für die Designforschung.