Mythen des Alltags

Postkarte

Kleines Medium mit großer Wirkung

Im Brief­kas­ten: Wer­bung, Rech­nung, Buß­geld­be­scheid – die Lau­ne könn­te nicht tie­fer sin­ken. Aber unter den vie­len wei­ßen Umschlä­gen ragt ein bun­tes, glän­zen­des Kärt­chen her­vor. Vor­ne: Strand, Pal­men, Meer – ein Para­dies. Hin­ten, hand­schrift­lich: »Mit son­ni­gen Urlaubs­grü­ßen aus Cos­ta Rica!« 

Eine Post­kar­te ist das idea­le Bei­spiel für eine klei­ne Ges­te mit gro­ßer Wir­kung. Beson­ders der Über­ra­schungs­ef­fekt macht aus dem hand­ge­schrie­be­nen Gruß etwas viel Grö­ße­res. Die Post­kar­te ist ein »emo­tio­na­les Luxus­gut«.[1] Sie ver­mit­telt dem Emp­fän­ger, einen hohen Stel­len­wert bei dem Absen­der zu haben. Statt in einer schnell­le­bi­gen, ent­ma­te­ria­li­sier­ten Welt eine wei­te­re digi­ta­le Nach­richt zu erhal­ten, spürt man bei einer Post­kar­te ech­te Mensch­lich­keit. Man stellt sich vor, wie der Absen­der durch einen die­ser Metall-Dreh­stän­der in einem Aller­lei­la­den such­te, um eine pas­sen­de Kar­te zu fin­den. Urlaubs­er­in­ne­run­gen kom­men hoch, mit etwas Phan­ta­sie kann man sogar den Duft die­ser klei­nen Läden rie­chen: eine Melan­ge aus Kaf­fee, Gela­to, Gebäck, gemischt mit Son­nen­creme und Waschpulver.

»Wer hat uns denn eine Post­kar­te geschickt?!« Anhand der Motiv­wahl kön­nen bereits Rück­schlüs­se auf den Ver­sen­der gezo­gen wer­den. Das Design von Post­kar­ten reicht von einer for­mat­fül­len­den Foto­gra­fie über col­la­ge­ar­ti­ge Über­la­ge­run­gen ver­schie­de­ner Moti­ve bis hin zu wil­den Zusam­men­stel­lun­gen aus Schrift, Illus­tra­tio­nen und Bil­dern. Die meis­ten Post­kar­ten tei­len jedoch einen gewis­sen Grad an Kitsch und viel Pho­to­shop. Und sie lösen Erin­ne­run­gen und Gefüh­le aus. Beat Schlat­ter schreibt in sei­nem Buch »Post­cards«: »Eine Post­kar­te (…) kur­belt das Fern­weh an und stillt vor­über­ge­hend die Sehn­sucht.«[2] Wer das öfter erle­ben möch­te, kann sich bei der Inter­net­platt­form »Post­crossing« anmel­den. Das im Jahr 2005 gegrün­de­te Pro­jekt funk­tio­niert nach einem simp­len Prin­zip. Man ver­sen­det eine Post­kar­te an einen Nut­zer und im Gegen­zug erhält man von irgend­wo auf der Welt einen Gruß zurück.[3] Laut Veit Didc­zu­neit vom »Muse­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on Ber­lin« macht näm­lich auch der Aspekt, dass die Kar­te »den Weg phy­sisch gegan­gen« ist, das Phä­no­men Post­kar­te aus.[4] Alex­an­der Eden­ho­fer, der Spre­cher der »Deut­schen Post«, ergänzt, dass Post­kar­ten nach­hal­ti­ger sei­en, denn Emp­fän­ger behal­ten sie län­ger.[4] Nicht ohne Grund fin­det man in Kis­ten voll Erin­ne­rungs­stü­cke oft auch die eine oder ande­re Postkarte. 

»Und was steht hin­ten noch drauf?!« Nach einer Umfra­ge von »mypo­st­card«, steigt die Zahl an Men­schen, die regel­mä­ßig Post­kar­ten ver­sen­den, seit den letz­ten Jah­ren wie­der an.[5] Man könn­te Kur­se im Post­kar­ten­schrei­ben anbie­ten, sofern man die Über­zeu­gung einer Münch­ner Post­kar­ten­samm­le­rin teilt: Sie fin­det, es könn­ten auf einer ganz klei­nen Flä­che, einem klei­nen Stück Papier, rie­sen­gro­ße Geschich­ten erzählt wer­den.[6] Egal ob die­ses Poten­zi­al aus­ge­schöpft wird oder ob die meis­ten Absen­der bei einem Ein- bis Zwei­zei­ler und son­ni­gen Grü­ßen blei­ben, die Haupt­aus­sa­ge einer Post­kar­te bleibt gleich: Man befin­det sich an dem auf der Vor­der­sei­te abge­bil­de­ten Ort und man hat an den Emp­fän­ger gedacht. Oder wie der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jac­ques Der­ri­da sehr roman­tisch sag­te: »Im Grun­de liegt der Post­kar­te (…) eine ein­fa­che For­mel zugrun­de, näm­lich ›Ich lie­be dich‹«.[7]

Buchbesprechung

Control the narrative”

Ellen Lupton über »Storytelling« im Design

Von Rebekka Taplick


Jedes Design­pro­dukt erzäh­le eine Geschich­te, so der Stand­punkt der Autorin Ellen Lup­t­on und der Aus­gangs­punkt ihres Buches »Design is Sto­rytel­ling«. Im Buch unter­sucht die Autorin die Psy­cho­lo­gie der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on aus Sicht des »Sto­rytel­lings« und regt an, »Sto­rytel­ling« im Design zu nut­zen. »Design is Sto­rytel­ling« ist eine Inspi­ra­ti­on und Samm­lung für krea­ti­ves Den­ken, das zeigt, wie mit nar­ra­ti­ven Tech­ni­ken bedeu­ten­de Gra­fi­ken, Pro­duk­te, Dienst­leis­tun­gen und Erleb­nis­se gestal­tet wer­den können.

Das Buch »Design is Sto­rytel­ling« ist in die Berei­che »Action« (S. 3), »Emo­ti­on« (S. 3) und »Sen­sa­ti­on« (S. 3) geglie­dert. Im ers­ten Kapi­tel, »Action«, wird das Grund­ge­rüst des »Sto­rytel­lings« beschrie­ben. Anhand lite­ra­ri­scher Geschich­ten wer­den der sche­ma­ti­sche Auf­bau einer Geschich­te erklärt und ver­schie­de­ne Stra­te­gien zum Fest­le­gen einer Nar­ra­ti­on gezeigt. Bei­spie­le aus dem Design unter­stüt­zen das Geschrie­be­ne. Das zwei­te Kapi­tel, »Emo­ti­on«, han­delt von der Aus­ge­stal­tung einer Geschich­te. Hier geht es um die Emo­tio­nen, die mit bestimm­ten gestal­te­ri­schen Mit­teln beim Betrach­ter aus­ge­löst wer­den sol­len. Das drit­te Kapi­tel des Buches, »Sen­sa­ti­on«, ist der Wahr­neh­mung gewid­met. Man erfährt, wie ein Mensch Din­ge wahr­nimmt und wie man die­se Wahr­neh­mungs­mus­ter für die Gestal­tung eines Design­pro­duk­tes nut­zen kann. Am Ende des Buches gibt es zusätz­li­che Hil­fe­stel­lun­gen, die die erlern­ten »Tools« (S. 12) ergänzen.

Im ers­ten Kapi­tel, »Act 1: Action« (S. 15), wird der Hand­lungs­auf­bau einer Geschich­te ver­an­schau­licht. Am Bei­spiel des klas­si­schen Mär­chens »Die drei klei­nen Schwein­chen« macht Lup­t­on den Auf­bau eines Erzähl­bo­gens sicht­bar und zeigt, anhand der Raum­ge­stal­tung von »Ikea« und ver­schie­de­nen Aus­stel­lungs­räu­men, wie der »Nar­ra­ti­ve Arc« (S. 22) im Design genutzt wird und wel­che unter­schied­li­che Wir­kun­gen beim Kun­den her­vor­ge­ru­fen wer­den kön­nen. Der Kun­de soll zum Held der Geschich­te wer­den, die der Desi­gner ent­ste­hen lässt: »con­trol the nar­ra­ti­ve« (S. 31). “Sounds, Mate­ri­als, and gra­phics add atmo­sphe­re and build dra­ma­tic ten­si­on.” (S. 33) Meh­re­re Illus­tra­tio­nen ver­bild­li­chen das Beschrie­be­ne. Wie sich die Wich­tig­keit die­ser »expe­ri­ence eco­no­my« (S. 66) von der Ver­gan­gen­heit bis hin zur Gegen­wart ent­wi­ckelt hat, wird im zwei­ten Kapi­tel the­ma­ti­siert. In der zwei­ten Hälf­te des ers­ten Kapi­tels wer­den Tech­ni­ken genannt, mit denen man den Erzähl­bo­gen im Design­pro­zess abbil­den kann. Mit dem »Sto­ry­board« (S. 34) soll man die Sze­nen eines Films und den Nut­zer­ver­lauf von inter­ak­ti­ven Medi­en dar­stel­len kön­nen, die »Rules of Threes« (S. 40) hel­fe bei der Ent­wick­lung über­ra­schen­der Geschich­ten, und »Sce­na­rio Plan­ning« (S. 44) und »Design Fic­tion« (S. 50) erwei­tern das Wis­sen zur Gestal­tung von Geschichten.

In zwei­ten Kapi­tel, »Act 2: Emo­ti­on« (S. 57), wer­den gestal­te­ri­sche Mit­tel gezeigt, mit denen man den Inhalt einer Geschich­te detail­liert aus­schmü­cken und Emo­tio­nen beim Betrach­ter aus­lö­sen kann, um ihn zur Hand­lung zu Bewe­gen. Zu Beginn des Kapi­tels beschreibt Lup­t­on, wie Emo­tio­nen ent­ste­hen und wel­che Grund­be­dürf­nis­se des Men­schen erfüllt sein müs­sen, um bestimm­te Emo­tio­nen wecken zu kön­nen. Desi­gner sol­len sich zu Beginn des Design­pro­zes­ses über­le­gen, wel­che Emo­tio­nen beim Betrach­ter aus­ge­löst wer­den müs­sen, um ihn zur Hand­lung zu bewe­gen (“Emo­ti­on trig­gers action”, S. 60). Um das Nut­zer­er­leb­nis eines Kun­den nach­voll­zie­hen zu kön­nen, emp­fiehlt Lup­t­on allen Desi­gnern, im Rah­men der »emo­tio­nal jour­ney« (S. 72) eige­ne erfahr­ba­re Situa­tio­nen zu beob­ach­ten und zu bewer­ten. Dadurch soll der Desi­gner fest­stel­len kön­nen, wel­che Aktio­nen ange­nehm waren und wel­che ver­bes­sert wer­den könn­ten. Die­se gewon­ne­nen Erkennt­nis­se sol­len im Ent­wick­lungs­pro­zess eines Design­pro­duk­tes ver­wen­det wer­den. Lup­t­ons belieb­tes Bei­spiel der Mär­chen spielt auch hier wie­der eine Rol­le (“Ima­gi­ne that Cinderella’s fairy god­mo­ther is a digi­tal pro­duct. What ratings would this fic­tion­al app earn for cus­to­mer expe­ri­ence?”, S. 76). Kom­ple­men­tie­ren­de Stra­te­gien wäh­rend des Design­pro­zes­ses sei­en die Erstel­lung von »Per­so­nas« (S. 90) und die Über­prü­fung von Desi­gnideen mit­hil­fe der »Co-crea­ti­on« (S. 82). In »Color and Emo­ti­on« (S. 104) wird über die kul­tu­rell abhän­gi­ge Bedeu­tung von Far­ben gespro­chen und wie in der Design­bran­che die­se unter­schied­li­chen Wahr­neh­mun­gen genutzt wer­den. Und in »Emo­ji« (S. 100) zeigt Lup­t­on anhand meh­re­rer Illus­tra­tio­nen, wel­che Wir­kungs­wei­sen die unter­schied­li­chen Posi­tio­nie­run­gen von ein­fa­chen Stri­chen haben können.

Im drit­ten Kapi­tel, »Act 3: Sen­sa­ti­on« (S. 113), spricht Lup­t­on über die Art, wie das Gehirn Din­ge wahr­nimmt und wie dies für die Gestal­tung genutzt wer­den kann. Hin­ter­legt wer­den die Schil­de­run­gen mit ver­schie­de­nen Stu­di­en. Bei­spie­le, mit denen der Leser die beschrie­be­ne Wahr­neh­mung tes­ten kann, lie­fert Lup­t­on gleich mit. Zudem stellt Lup­t­on Pla­ka­te und Illus­tra­tio­nen vor, bei denen das Wis­sen, in wel­cher Rei­hen­fol­ge das Auge Din­ge wahr­nimmt, genutzt wur­de, um bild­haf­te Hier­ar­chien ent­ste­hen zu las­sen, die zu Geschich­ten wer­den. Dass sich ein Desi­gner nicht nur auf die visu­el­le Gestal­tung kon­zen­trie­ren soll, zeigt Lup­t­on mit dem »Tool« »Mul­ti­sen­so­ry Design« (S. 142). Mit dem Anspre­chen von Geschmacks-, Hör- und Tast­sinn kön­ne ein Design­pro­dukt oder eine Dienst­leis­tung voll­kom­men abge­run­det wer­den – und eine Sen­sa­ti­on entstehen.

Am Ende des Buches gibt Lup­t­on zusätz­li­che Hil­fe­stel­lun­gen, die die erlern­ten Fähig­kei­ten des »Sto­rytel­lings« ergän­zen sol­len. Mit »Impro­ve your wri­ting« (S. 154) soll man das Schrei­ben von Tex­ten ver­bes­sern kön­nen, mit »Pro­ject Gene­ra­tor« (S. 156) das »Sto­rytel­ling« anhand vor­ge­ge­be­ner The­men üben. Durch die ange­ge­be­nen Kapi­tel, auf die sich die jewei­li­ge Übung bezieht, lässt sich der Inhalt des Buches ver­in­ner­li­chen. Das Buch wird mit einer Check­lis­te zusam­men­ge­fasst, mit der man eige­ne Design­pro­duk­te auf die im Buch beschrie­be­nen Aspek­te des »Sto­rytel­lings« über­prü­fen kann.

Lup­t­ons Buch »Design is Sto­rytel­ling« ist eine Samm­lung hilf­rei­chen Wis­sens und Tech­ni­ken, mit denen man das »Sto­rytel­ling« in sei­ner Design­ar­beit ver­bes­sern kann. Zu jedem The­ma und jeder Gra­fik gibt es Quel­len­ver­wei­se, die ermög­li­chen, sich näher über das jewei­li­ge The­ma zu infor­mie­ren. Nach­dem man den Anfang des ers­ten Kapi­tels gele­sen hat, sind die »Tools« inner­halb der Kapi­tel so unter­teilt, dass sie allei­ne ver­ständ­lich sind und nicht in der ange­ge­be­nen Rei­hen­fol­ge gele­sen wer­den müs­sen. Bei den Ein­tei­lun­gen des Buches hat Lup­t­on Bezeich­nun­gen aus dem Thea­ter über­nom­men. Das Buch wird ein­ge­lei­tet mit “Curtain is clo­sed. Stage is dark” (S. 4) und been­det mit “Curtain clo­se, and house lights come up. Search the area for per­so­nal belon­gings.” (S. 152) Die Kapi­tel sind wie Sze­nen­an­fän­ge beschrie­ben: »Act 1« (S. 15), »Act 2« (S. 57), »Act 3« (S. 113). Lup­t­on spricht also nicht nur im Text über das »Sto­rytel­ling«, es wird auch gestal­te­risch direkt ange­wandt. So hat der Leser das Gefühl, beim Lesen in ein Schau­spiel­stück ein­zu­tau­chen und das »Sto­rytel­ling« selbst zu erleben.

Ellen Lup­t­ons Schreib­stil ist leicht ver­ständ­lich, the­ma­ti­sche Fach­wör­ter wer­den in einem ein­fa­chen Eng­lisch wie­der­ge­ge­ben. Sie spricht den Leser direkt an und sorgt für ein Gefühl des rea­len Gesprä­ches. Der Text ist humor­voll geschrie­ben und ange­nehm zu lesen. Dass Ellen Lup­t­on eine lang­jäh­ri­ge Kura­to­rin für zeit­ge­nös­si­sches Design war, merkt man vor allem bei den Bei­spie­len im Inte­ri­or Design. Die vor­ge­zeig­ten, teils auch sehr bekann­ten, Bei­spie­le und beglei­ten­den Gra­fi­ken unter­stüt­zen das Geschrie­be­ne und beto­nen, dass »Sto­rytel­ling« im erfolg­rei­chen Design schon lan­ge prak­ti­ziert wird. Von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gnern, Pro­dukt­de­si­gnern und Edi­to­ri­al Desi­gnern bis hin zu Mar­ken­stra­te­gen, Stu­den­ten und Kun­den – emp­feh­lens­wert ist das Buch für »anyo­ne inte­res­ted in using design to inspi­re action and stir emo­ti­on« (S. 6).

Mythen des Alltags

Schlüsselschüssel

Der einzig wahre Platz für den Schlüssel

Nach einem lan­gen Arbeits­tag kommt man nach Hau­se, parkt das Auto auf der Stra­ße vor dem Wohn­haus, steigt aus, läuft zum Haus, schließt die Haus­tü­re auf, schleppt sich und sei­ne Ein­käu­fe in den 4. Stock, ver­sucht die Woh­nungs­tü­re auf­zu­schlie­ßen, ohne die Ein­kaufs­tü­ten fal­len zu las­sen, schiebt die Tür auf, stellt die Tüten ab, schubst die Türe hin­ter sich zu, streift sich die Schu­he von den Füßen und schmeißt den Schlüs­sel in die Schüssel.

Jeder kennt sie. Vie­le haben eine in in der Woh­nung, im Haus – hin­ter vie­len Haus- und Woh­nungs­tü­ren ist sie zu fin­den: die Schlüs­sel­schüs­sel. Viel­leicht nicht unbe­dingt als Schüs­sel, nicht immer in der glei­chen Vari­an­te oder Art und Form. Aber fast jeder hat einen bestimm­ten Abla­ge­ort für sei­nen Schlüs­sel – ob Schüs­sel, Tel­ler, Brett, eine bestimm­te Stel­le auf einem Schrank, Tisch oder Side­board, ein Haken an der Wand oder ein gekauf­tes Gad­get, extra nur für die­sen einen Zweck: nicht den Schlüs­sel zu ver­lie­ren, zu ver­le­gen oder zu vergessen.

Schlüs­sel sind das Werk­zeug zum Ver­schlie­ßen und Öff­nen eines Schlos­ses, z. B. eines Tür­schlos­ses.[1] Es gibt vie­le Arten von Schlüs­seln, dar­un­ter Bau­schlüs­sel, Bunt­bart­schlüs­sel, Drei­kant­schlüs­sel, Klein­zy­lin­der­schlüs­sel, Nach­schlüs­sel und Zylin­der­schlüs­sel.[2] Der Auf­bau eines Schlüs­sels besteht aus ver­schie­de­nen Kom­po­nen­ten; dazu gehö­ren die Rei­te, das Gesenk, der Halm und der Bart. Frü­her bestan­den Schlüs­sel meist aus Holz, spä­ter - und heu­te aus­schließ­lich - aus Metall. Schon in der Bron­ze­zeit, ab ca. 1300 v. Chr., wur­den Schlüs­sel her­ge­stellt, die­se waren 30 bis 50 cm lang[3], heu­te meist weni­ge Zen­ti­me­ter, um die 5-7 cm. Meh­re­re Schlüs­sel an einem (Schlüssel)Ring erge­ben ein Schlüs­sel­bund. Pro Schloss gibt es im Regel­fall zwei Schlüs­sel, außer bei Woh­nungs­schlüs­sel, da gilt der Grund­satz: so vie­le Schlüs­sel wie Bewoh­ner.[4] Falls mehr Schlüs­sel gebraucht wer­den, kann man zum Schlüs­sel­dienst gehen, wo die Siche­rungs­kar­te[5] vor­ge­legt wer­den muss. Die Siche­rungs­kar­te bekommt der Käu­fer einer Schließ­an­la­ge als Eigen­tums­nach­weis, damit er den Schlüs­sel nach­ma­chen kann. Lie­ber einen Schlüs­sel zu viel, als einen zu wenig. Für den Fall, dass man sich den­noch aus­sperrt, gibt es den Schlüs­sel­dienst, der dabei hilft, wie­der in die eige­ne Woh­nung zu gelan­gen. Lei­der kann dies sehr kost­spie­lig enden. Eine Not­öff­nung kann unter der Woche bis zu 100 €, nachts und am Wochen­en­de sogar bis zu 250 € kos­ten.[6] Beson­ders teu­er wird es, wenn man in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus wohnt, sei­nen Schlüs­sel ver­liert und dar­auf­hin im gesam­ten Gebäu­de alle Schlös­ser aus­ge­tauscht und alle Schlüs­sel erneu­ert wer­den müs­sen. Das Glei­che gilt für öffent­li­che Gebäu­de oder Büro­ge­bäu­de. Gehen wir ein­mal davon aus, jeder Mensch in Deutsch­land besitzt nur drei Schlüs­sel (Haus, Auto und Brief­kas­ten), wären das schon 249600000 Schlüs­sel. Etwa alle 35 Minu­ten geht in Deutsch­land ein Schlüs­sel ver­lo­ren. Das sind 800000 ver­lo­re­ne Schlüs­sel pro Jahr und ein Gesamt­scha­den von 100 Mil­lio­nen Euro.[7]

Man ist wie­der spät dran, eigent­lich soll­te man schon längst unter­wegs sein. Schu­he und Jacke sind ange­zo­gen, die Tasche ist gepackt. Die Hand greift schon auto­ma­tisch in Rich­tung Schlüs­sel­schüs­sel, die Augen dre­hen sich lang­sam hin­ter­her – und kurz bevor die Hand die Schüs­sel erreicht, sehen die Augen, dass die Schüs­sel leer ist. Die Hän­de tas­ten den Kör­per ab – ohne Ergeb­nis. Dann fängt das gro­ße Suchen an. Ist er viel­leicht noch in der Hosen­ta­sche von ges­tern, in die Sofa­ril­le gerutscht, irgend­wo hin­ein­ge­fal­len oder steckt er noch im Auto?[8] Nach lan­gem Suchen, einer noch län­ge­ren Ver­spä­tung fin­det man ihn unterm Bett, weil er beim Aus­zie­hen der Hose ges­tern Abend her­un­ter und dar­un­ter gefal­len ist.

Es wer­den viel Zeit und beson­ders Ner­ven gespart, wenn man sich hin­ter der Ein­gangs­tü­re einen fes­ten Platz für sei­nen Schlüs­sel plat­ziert und die­sen in sei­nen All­tag integriert …

Buchbesprechung

»Notfalls das Konzept überdenken«

Internationales Jahrbuch behandelt angewandte Rhetorik

Mit den Wör­tern ist es wie mit dem Fuß­ball: Am Ende zählt das Ergeb­nis. Bleibt etwas hän­gen? Hat man über­zeugt? Oder sind Leser und Zuhö­rer ein­fach nur froh, wenn der Schluss­pfiff ertönt? Inso­fern kann bezüg­lich der Rhe­to­rik auch eine Fuß­ball-Weis­heit abge­wan­delt her­hal­ten: Die Wahr­heit liegt auf dem Blatt. Und dann, je nach Medi­um, natür­lich auch noch in der Stim­me, der Mimik, der Ges­tik, der Erschei­nung. Seit der Anti­ke sind es die Rhe­to­ri­ker, die sich in Theo­rie und Pra­xis dar­über aus­las­sen, wie all jene Din­ge ein­zu­set­zen sind und wie man die Wör­ter auf dem Blatt so grup­piert, dass sie die gewünsch­te Wir­kung haben. Doch die bei­den Par­tei­en – Theo­re­ti­ker und Prak­ti­ker – sind im Lauf der Jahr­hun­der­te ein wenig aus­ein­an­der­ge­drif­tet, schreibt in sei­nem Vor­wort zum Rhe­to­rik-Jahr­buch (Nr. 41) der Band­her­aus­ge­ber Vol­ker Friedrich. 

Hier eine Annä­he­rung zu schaf­fen, ist eines der Anlie­gen der Publi­ka­ti­on, die sich der »ange­wand­ten Rhe­to­rik« wid­met und ganz unter­schied­li­che Schlag­lich­ter wirft auf rhe­to­ri­sches Han­deln. Zumin­dest in der Leh­re täti­ge Men­schen dürf­ten gleich in meh­re­ren Kapi­teln auf inter­es­san­te Aspek­te tref­fen. Von der Schreib­di­dak­tik an Hoch­schu­len bis zur Rhe­to­rik in Video­kon­fe­ren­zen, von den »Frames« in der Bericht­erstat­tung über künst­li­che Intel­li­genz bis zur Mode­ra­ti­on von Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen: Es geht hier vor­wie­gend um Sprech- und Schreib­an­läs­se, die vie­len Men­schen ver­traut sind. Mat­thi­as Bernstorfs Auf­satz über »Die Trau­er­re­de in öffent­li­chen Deu­tungs­macht­kon­flik­ten« bil­det da fast eine »klas­si­sche« Ausnahme.

Und es geht ums Gefühl: Bernd Stein­brink holt das Rhe­to­rik-Hand­werk in Anleh­nung an den ame­ri­ka­ni­schen Psy­cho­lo­gen Robert Cial­di­ni aus dem Ratio­na­len und zeigt, wel­che emo­tio­na­len Mecha­nis­men wirk­sam wer­den – gera­de auch, um den even­tu­el­len Miss­brauch erken­nen zu kön­nen: »Nur die Reflek­ti­on und Ana­ly­se kann davor schüt­zen.« (S. 4) 

Hel­mut Eberl nimmt sich in dem Text »Über Gefah­ren der Aus­drucks­lo­sig­keit und den schö­nen Schein« die Antritts­re­de des aktu­el­len Bun­des­prä­si­den­ten Stein­mei­er ana­ly­tisch zur Brust – und fällt ein recht kri­ti­sches Urteil zur dort gezeig­ten Über­zeu­gungs­kraft des Staatsoberhaupts.

Wie wir Video­kon­fe­ren­zen rhe­to­risch über­zeu­gen­der und kurz­wei­li­ger gestal­ten kön­nen, ist Anlie­gen von Jürg Häu­ser­mann in »Online-Rhe­to­rik«, und wer den Text gele­sen hat, wird sich beim digi­ta­len Mee­ting nicht mehr naiv vor eine x-belie­bi­ge Kulis­se set­zen. Eben­so aktu­ell ist die Unter­su­chung von Ali­cia Som­mer­feld. Sie offen­bart, wel­che Nar­ra­ti­ve rund um das The­ma »KI Made in Euro­pe« die Medi­en­be­richt­erstat­tung bestimmen.

Vik­to­ria Kir­juchi­na und Tho­mas Grund­nigg zei­gen im Bei­trag »Visu­el­le Rhe­to­rik zwi­schen Theo­rie und Pra­xis«, wie die bewuss­te Anwen­dung rhe­to­ri­scher Metho­den Desi­gnern auf die Sprün­ge hel­fen kann – oder bes­ser könn­te, wenn sich die Design­theo­rie stär­ker auf die Rhe­to­rik besin­nen wür­de. In der Tren­nung von »Argu­ment« und »Aus­druck« sehen die Autoren ein ent­schei­den­des Moment, und mit dem Begriff »Über­zeu­gungs­nar­ra­tiv« schla­gen sie eine über­zeu­gen­de Brü­cke zum »visu­al storytelling«.

Moni­ka Oert­ner schil­dert in ihrem Text »Igno­ran­tia doc­torum – Hoch­schul­schreib­di­dak­tik und die Rhe­to­rik­tra­di­ti­on«, wie die Schreib­be­ra­tun­gen an Hoch­schu­len von rhe­to­ri­schen Model­len pro­fi­tie­ren kön­nen und was die Rhe­to­rik zur Schreib­di­dak­tik bei­tra­gen kann.– In einer münd­li­chen Hoch­schul­tra­di­ti­on ste­hen die zahl­rei­chen Debat­tier­clubs, die es unter­des­sen gibt. Eli­sa Schwarz und Daniil Pak­ho­men­ko zei­gen in »Wir müs­sen reden«, dass dort noch nicht alle Poten­zia­le aus­ge­schöpft wer­den und mit Hil­fe eines rhe­to­ri­schen Unter­baus bes­se­re Ergeb­nis­se erzielt wer­den könnten.

Am Ende des Ban­des steht ein Inter­view, das der Her­aus­ge­ber mit Olga Mann­hei­mer geführt hat »Über die Mode­ra­ti­on von Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen«. Mann­hei­mer ist Über­set­ze­rin, Lek­to­rin, Lite­ra­tur­ex­per­tin und erfah­re­ne Mode­ra­to­rin. Ihre Rat­schlä­ge sind kurz­wei­lig und hilf­reich. Abge­se­hen von der Uhr als wich­tigs­tem Werk­zeug eines Mode­ra­tors emp­fiehlt sie: »fle­xi­bel blei­ben und not­falls das Kon­zept über­den­ken« (S. 120) – ein Rat­schlag, den man ger­ne mit ins rest­li­che Leben nimmt.– Ergänzt wer­den die Bei­trä­ge um Rezen­sio­nen aktu­el­ler Fachliteratur.

Datenschutz-Übersicht
Sprache für die Form * Forum für Design und Rhetorik

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.

Unbedingt notwendige Cookies

Unbedingt notwendige Cookies sollten jederzeit aktiviert sein, damit wir deine Einstellungen für die Cookie-Einstellungen speichern können.