Filmbesprechung
“Everybody switch chairs”
Für Perspektivwechsel plädiert »Design & Thinking«
“Why do you need a bridge?” fragt Managerin Sara Beckmann ihre Studenten. Mit einer kleinen Geschichte über einen Kunden, der einen Auftrag für einen Brückenbau vergibt, vermittelt sie das Verstehen und Hinterfragen einer Aufgabe. Die Antwort scheint simpel: “I want to get to the other side.” Doch dafür gibt es auch andere Möglichkeiten: einen Tunnel oder ein Boot. “Why do you need to get to the other side?” – “I have to deliver a message.” Mit dieser Information könne man sich dann auf die wirkliche Lösung der Aufgabe konzentrieren, so Beckman: Was ist der beste Weg, um die Nachricht auf die andere Seite zu bekommen?[1]
Sie illustriert mit diesem Beispiel, worauf es den »Design & Thinking«-Machern ankommt: sich loszulösen vom üblichen Problem- und Lösungsdenken und dafür das Denken in Alternativen zu üben. Die seien dann zu finden, wenn man nicht das Produkt, sondern die Bedürfnisse des Nutzers analysiere. »Design and Thinking« wurde 2012 von Muris Media[2] in Zusammenarbeit mit dem Taipei Design Center U.S. veröffentlicht. Designer, Manager, Ingenieure und Regisseure haben dabei interdisziplinär zusammengearbeitet. Mehrere Auszeichnungen folgten, der Film sei, so steht es auf der Homepage, in 40 Ländern auf 400 Events gezeigt worden, u. a. an der Harvard Universität und bei Microsoft.
»Design & Thinking« ist ein Dokumentarfilm. Es geht um das Konzept eines Gestaltungsprozesses in seiner ganzen Vielfalt. Dabei wird der Gestaltungsprozess aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen werden im Porträt gezeigt und zu Beginn gefragt, was sie selbst unter »Design Thinking« verstehen. Dabei sind unterschiedliche Berufe vertreten: Natürlich Designer, aber auch Geschäftsmänner, Pädagogen, Unternehmer, Fahrradfahrer, Chefköche, Wissenschaftler, Filmemacher etc. Alle erzählen davon, was sie in ihren Berufen gestalten. Den Filmemachern geht es dabei darum zu zeigen, wie Menschen mit ihrem kreativem Denken die Welt verändern können. Und die bunt gewählte interdisziplinäre Mischung legt den Sachverhalt aus der Perspektive von Menschen dar, die den Begriff weiter fassen als der Designer es selber tut.
In 16 Kapiteln wird der Betrachter von der einleitenden Frage »What is design thinking?« in verschiedene Bereiche geführt. Diese behandeln unter anderem »Recherche, Modellbau, Arbeitsumfeld und Teamwork«, aber auch Spezifischeres wie das Thema »Designer in einer Geschäftswelt«.
Der Begriff »Design Thinking« wird dabei breiter definiert als gemeinhin üblich. Ein Beispiel dafür soll hier aufgeführt werden, da es wie das einleitende Brücken-Beispiel von Nicht-Gestaltern gegeben wurde und vielleicht gerade deshalb den Ablauf auf den Punkt trifft. Paul Pangaro beschreibt den Design-Thinking-Prozess sehr simpel, bevor er ihn weiter ausführt: “First you think and then you make.”[3] Er teilt den Prozess in logische Arbeitsschritte: Zuerst müsse man den Benutzer definieren und seine Bedürfnisse verstehen sowie mittels Ethnografie und Beobachtung diese Bedürfnisse genau in Erfahrung bringen. Sein nächster Arbeitsschritt ist ein Brainstorming mit anschließender Auswahl. Zuletzt wird ein Prototyp erstellt, welcher fortlaufend durch Iteration[4] verbessert wird. Allerdings – darin sind sich auch die Filmemacher einig – kann Design nicht auf eine Formel reduziert werden. Es bleiben letztlich unendlich viele Varianten für die Lösung eines Problems. Kreativität soll nicht in Algorithmen übersetzt werden.[5]
Der Film fokussiert darauf, verschiedene Facetten von Kreativität und Erfindergeist zu zeigen. Gestaltung, so die Macher, entwickelt sich weg von der Tätigkeit des klassischen Grafikers hin zu einer Disziplin, die unterschiedliche Fachbereiche einbezieht. Dementsprechend wird der Begriff »Designer« neu definiert. Ziel der Filmemacher ist es, Möglichkeiten zu zeigen, wie man Organisationen dazu bewegen kann, sich Gedanken über das sich verändernde Umfeld von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zu machen. Die Herausgeber beschreiben ihren Film selber als einen Aufruf zu unkonventionellem Denken und interdisziplinärer Zusammenarbeit – und diese Vorstellung haben die Macher selbst beispielhaft umgesetzt. Alle sind Gestalter, jeder gestaltet etwas, das ist die Grundannahme der Regisseure. Die Tätigkeit der visuellen Gestalter mit einer künstlerischen Grundausbildung, wird dabei allerdings weder ausreichend differenziert betrachtet noch einbezogen. Der klassische Grafikdesigner, der inhaltlich sowie optisch gestaltet, kommt so zu kurz.
- [1] »Design & Thinking« 12:30 Min. von 1:14:11 Min.; Sara Beckman, Faculty Director, Product Management, Programm an der »Haas School of Business«.
- [2] Muris Media wurde von Mu-Ming Tsai und Iris Lai 2011 gegründet, direkt nachdem beide an der »Academy of Art« an der Universität von San Francisco abschlossen. Ihren Masterabschluss machten sie in dem Fachbereich »Motion Pictures and Television« sowie »Advertising«. Muris hat seinen Sitz nun in Taipei, Taiwan.
- [3] »Design & Thinking« 8:50 Min. von 1:14:11 Min., Paul Pangaro, Technischer Geschäftsführer von Cyberneticlifestyles.com.
- [4] Iteration (von lat. iterare – wiederholen) beschreibt einen Prozess, indem die Wiederholung eines Vorganges zu einer Näherung an die Lösung führt.
- [5] »Design & Thinking« 1:04:40 Min. von 1:14:11 Min.; Roger Martin, Dekan der »Rotman School of Management« an der Universität Toronto.
Buchbesprechung
»Eine Schale Tee«
Frank Berzbach regt zur Achtsamkeit im Kreativalltag an
»Wie wollen wir leben?« (S. 14), fragt Frank Berzbach und richtet sich dabei an Kreative, die in einer Branche arbeiten, in der Arbeit oft zu einem großen Teil Lebensform geworden ist und auch weiten Einfluss auf das Privatleben nimmt. Eine Situation, die dann zum Problem werden kann, wenn die Arbeit alle Lebensbereiche bestimmt, das Loslassen immer schwieriger wird und in der Freizeit die vermeintliche Untätigkeit zu Schuldgefühlen führt. (S. 14)
In seinem ersten Buch zum Thema Kreativalltag »Kreativität aushalten, Psychologie für Designer«[1] hat Frank Berzbach einen Katalog von Möglichkeiten vorgestellt, die zu einem erfolgreichen Kreativalltag führen können. In »Die Kunst ein kreatives Leben zu führen, Anregung zu Achtsamkeit« wendet er sich nun an »Menschen, für die Kreativität eine grundsätzliche Lebensform ist« (S. 14), und setzt in den sechs Kapiteln »Das Leben als Atelier«, »Die Kunst zu arbeiten«, »Kreativität ist eine stille Angelegenheit«, »Leben und Leiden«, »Kreativität und Spiritualität« und »Eine Schale Tee« den Fokus auf den Ursprung schöpferischen Handelns und die innere Haltung gegenüber der eigenen Arbeit.
Nur wer als Kreativer unzufrieden mit dem Ist-Zustand einer Sache ist, kann schöpferisch aktiv und gestalterisch tätig werden. Diese Unzufriedenheit kann aber auch zu einem negativen innerlichen Druck heranwachsen (S. 21 ff.) Hinzu kommt der sich selbst auferlegte Anspruch, sich als Person ständig selbst zu definieren, da ein durch die Gesellschaft zugewiesener Platz fehlt (S. 120). Diese Kombination führt im schlimmsten Fall zu Depression und »burnout«.
Als Ursache für den hohen Anspruch an sich selbst sieht der Autor die moderne Leistungsgesellschaft, die eine Unfähigkeit zur Muße hervorgebracht hat. Ohne schlechtes Gewissen könne heute kaum jemand mehr nicht arbeiten. (S. 46) Frank Berzbach wirft die Frage auf, mit welcher inneren Haltung wir unsere Arbeit absolvieren und wie wir Druck im Arbeitsleben begegnen können. Dazu bietet er eine Reihe von Lösungsansätzen an, die eine Anregung zur Beschäftigung mit dem Thema Achtsamkeit sind.
Anhand der Auseinandersetzung mit Elementen aus der Spiritualität, außerhalb strikter Glaubensstrukturen und fern der Esoterik, gibt Berzbach Anregungen zur Betrachtung des eigenen Lebens. Der Zen-Buddhismus bietet zum Beispiel die Möglichkeit »Meditation« als »Methode« zu nutzen, um »den kreativen Prozess anzuregen« (S. 150). Das Leben im Kloster ist eine Metapher für die Abgeschiedenheit, Ruhe und Bedachtheit, die eine kreative Idee manchmal braucht, um wachsen zu können und sich zu entwickeln. (S. 47)
Achtsamkeit in diesem Kontext ist das »sich ins Gedächtnis (…) rufen, dass man umsichtig und bewusst auf das achtet, was in der unmittelbaren Umgebung geschieht« (S. 99). Der Autor vertritt die Auffassung, »gute Arbeit und gutes Leben gehören zusammen« (S. 67), und regt dazu an, als Kreativer nicht das eigene Ich aus dem Fokus zu verlieren. Am Beispiel des Zelebrierens einer Tasse Tee zeigt er die Möglichkeit auf, durch das Schaffen einer neuen Alltagskultur den Arbeitstag mit Pausen aufzubrechen und sich über sein Handeln bewusst zu werden. Innehalten in der »atemlosen Arbeitskultur« soll man mit Bedacht arbeiten (S. 179 ff.). »Teamfähigkeit, ständige Erreichbarkeit, Großraumbüros, transparente Architektur und zu große finanzielle Unsicherheit sorgen für Konformität und sie sind Gift für kreative Lebewesen.« (S. 74)
Mit Bezug auf Erkenntnisse und Aussagen vieler »Philosophen, Wissenschaftler und Mystiker« (S. 15) wirft der Autor einen gezielten Blick auf die heutigen Arbeitsbedingungen im Kreativbereich und fordert uns heraus, uns damit auseinanderzusetzen, wie wir arbeiten und leben wollen, fern von allgegenwärtigen Begriffen wie »Work-Life-Balance« und »Flow-Zustand«.
»Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen« ist ein Buch, das seine Wirkung erst nach dem Lesen, beim Sich-bewusst-Werden und dementsprechenden Handeln voll entfaltet. Somit ist es für Kreative in den verschiedensten Ausbildungs- und Berufsstadien empfehlenswert und eine Lektüre, die dazu geeignet ist, sie von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu rufen, um bestimmte Abschnitte erneut zu lesen. Eine ausführliche Literaturliste regt zur weiteren Beschäftigung mit den angesprochenen Themen an. Man merkt diesem Buch an, dass es ohne Druck, ohne Deadlines erarbeitet wurde. (S. 6) So ist es selbst ein gutes Beispiel dafür, wie Arbeiten in der Zukunft funktionieren kann.
Illustrationen
Sprache als Motor des Zeichnens
365 Zeichnungen pro Jahrbuch – seit 1990
»Jahrbücher« nennt Dorothea Schulz die Bücher, in denen sie seit 1990 täglich zeichnet. 365 Zeichnungen im Jahr, eine Zeichnung pro Tag. Mitunter virtuos, bisweilen hingabevoll minutiös, widmet sie sich ihrer täglichen Routine, die Minuten oder auch Stunden in Anspruch nehmen kann: “Like there’s no tomorrow.” Die »Jahrbücher« waren in Ausstellungen und Publikationen von Anfang an öffentlich zu betrachten. Es sind keine Tagebücher, die man vielleicht lieber verborgen hielte. Die Inhalte sind, anders als das Buchunikat es nahelegen könnte, bedingt intim. Und doch wird einiges geschrieben in diesen Zeichnungen, Schriften und Texte sind oft integraler Bestandteil: Man sieht und liest viel Mitgehörtes und Mitgerechnetes. Überhaupt bezeichnet Dorothea Schulz die mitgehörte Sprache als Motor ihres Zeichnens, allerdings auch das Zeichnen als Katalysator konzentrierten Zuhörens.
Das Format: 18,5 x 24,5 cm. Die Materialien: Rapidograph (Tusche), Gouache, Aquarell und anderes auf geglättetem Büttenpapier.

































