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»Warum können Sie keine Designtheorie?«
Claudia Gnädinger über neue Anforderungen an Designer
Dass ein Designer alles gestalten kann, sei ihren Auftraggebern längst bekannt. In ihrem Designbüro werden immer häufiger Theorie- und Beratungsleistungen angefragt, berichtet Claudia Gnädinger. Die visuelle Umsetzung komme erst an dritter Stelle, beobachtet die vielseitige Designerin. Ständig wechselnde Inhaber seien der Grund, warum Analysen des Unternehmens und Begründungen des Designs in schriftlicher Form immer gefragter werden.
Auch aus gestalterischer Sicht gäbe es neue Anforderungen an den Designer von heute. Durch den technischen Fortschritt habe sich der Fokus der Arbeit auf die »Mobilität der Gestaltung« gelegt. Ein Logo zum Beispiel, müsse sich »in allen Größen, Weiten, Tiefen bewegen können«, so Claudia Gnädinger.
Was sich im Laufe der Zeit dennoch nicht verändert habe, sei der Appell an die Emotionen. Gute Gestaltung müsse im Kopf und im Herzen wahrgenommen werden – und bleiben.
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»Man muss das Material konzeptionell verstehen«
Benedikt Groß über »Speculative Design«
Wie ein Schreiner die Maserung eines Holzes kennen sollte, sollte ein Designer die Materialität von Software verstehen. Benedikt Groß ist zudem der Meinung, dass in Zukunft weitere Kompetenzen im Design bedeutsam sein werden: Vor allem wäre eine breite Allgemeinbildung von Vorteil.
Im Interview geht Groß auf den Begriff »Speculative Design« ein. Es ist die Idee, das Wünschenswerte vorwegzunehmen und gesellschaftliche Debatten zu generieren. Dabei spielt der Designer die Rolle des Vermittlers zwischen neuen Technologien und der Gesellschaft.
Mythen des Alltags
Der Wecker
Eine tickende Zeitbombe mit »Snooze-Funktion«
Piep. Piep. Piep. Ganz langsam dringt das nervtötende Signal ins Unterbewusstsein. Die Sinne erwachen schleppend. Plötzlich wird die Ursache erkannt: der Wecker. Aufstehen? Keine Lust. Zum Glück gibt es die »Snooze-Taste«. Sie teilt die Menschen in zwei grundverschiedene Arten: Es gibt diejenigen, die sofort aufstehen, wenn der Wecker klingelt, und diejenigen, die den Start in den Tag immer wieder hinausschieben.
Viele verschiedene Arten von Weckern werden am Markt angeboten, die Hersteller haben ihrer Fantasie, was Farbe, Form und Akustik angeht, freien Lauf gelassen. Leider ändert es nichts an dem chronischen Problem, das Langschläfer mit dem frühen Aufstehen haben. Wahrscheinlich haben Menschen aus diesem Grund diese Schlummertaste erfunden, auch Snooze-Taste genannt. Wie man sie nennt, ist egal, wichtig ist: Diese Taste spielt eine sehr wichtige Rolle im Leben vieler Menschen, hilft ihnen, langsam aufzuwachen und aus dem kuschligen Bett herauszukommen. Sie und ihr Gerät sind offenbar sogar so wichtig, dass der Wecker auch in unserer Online-Kommunikation seinen Platz gefunden hat, ob als Meme oder Hashtag.
»Ich stelle in meinem Handy gleich drei Wecker im Abstand von zehn Minuten ein. Ich stehe dann natürlich immer mit dem letzten Wecker auf«, schreibt dazu jemand auf Twitter. Ein Anderer muss eigentlich erst um sechs aufstehen, stellt den Wecker aber schon um fünf Uhr, um dann alle zehn Minuten die Schlummertaste zu drücken.
Piep. Piep. Snooze. »Ach, er nervt!«
Ja, schon klar. Er macht nur seinen Job, damit wir etwas mit unserem Tag anfangen. Das ist selbst für ein Gerät, das technisch auf dem neuesten Stand ist, nicht einfach. Jeden Morgen fünf Wecker klingeln zu lassen, dürfte eine Tortur sein. Aber Morgenmuffel machen solchen Quatsch nicht, weil es ihn Spaß macht, sondern nur, um beim Aufwachen das schöne Gefühl der Erleichterung zu haben, dass es ja noch gar nicht soweit ist. Man könnte sich weit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass die Snooze-Taste dem Menschen auch ermöglicht, das zu behalten, was ihm am wichtigsten ist: die Kontrolle über sein Leben. Denn wie oft der Wecker auch klingelt, wann man dann wirklich aufsteht, wird immer noch von einem selbst bestimmt.
Piep. Aus. »Jetzt aufstehen, aber wirklich!«
Mythen des Alltags
Turnschuhe
Über Sportbekleidung im Büro
Wer heute seine Lederherrenschuhe durch schicke, blitzblank geputzte Sneakers ersetzt, zeigt sportlichen Erfolg. Mit dem richtigen Armani-Anzug oder Bleistiftrock kombiniert wird außerdem Sinn für Mode demonstriert. In Weiß oder auch in knalligem Flipflop-Effekt erlösen Sneakers die angestrengte Karrierefrau, die in grauer Vorzeit mit ihren Absätzen über Pflastersteine stolperte. High Heels, die zur idealisierten weiblichen Silhouette führen, erscheinen heute neben den Allrounder-Schuhen überholt und unnötig. In unbequeme Schuhe müssen sich Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer immer seltener zwängen. Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer sind agil und jung und zeigen mit ihren Tretern Kampf- und Teamgeist. Sneakers sind die Verbildlichung des Wortes »Flexibilität« in jedem Bewerbungsbogen.
Im 19. Jahrhundert lief der Turnschuh in unser Leben. Sport in der Freizeit wurde für die breite Masse möglich. Ähnlich lief es in Amerika. Auf einmal brauchten alle jungen Leute Trainingsschuhe. [1] In den 70er-Jahren, mit der Entstehung des Hip-Hop und Rap, sowie sportlichen Testimonials in der Werbung, etablierten sich Turnschuhe zum ersten Mal in der Modeszene. Der Gebrauchsgegenstand wurde zu einem Luxusobjekt — besonders beliebt bei Underground-Bewegungen verschiedener Musikszenen.
Die Schuhe, mit denen Ex-Umweltminister Joschka Fischer 1985 noch schockieren konnte und Steve Jobs Aufsehen erregte, sind heute kein Augenzucken mehr wert.
Doch auch wenn die Kleider-Etikette lockerer geworden ist, ist das Phänomen „Turnschuhe im Büro tragen“ ein ganz besonderes. Jeder Turnschuh ist für eine ganz besondere Sportart konzipiert, getestet und hergestellt worden. Er lebt davon, in diesem Sinne benutzt zu werden. Ein ordentlicher Turnschuh ist staubig vom Sportplatzsand oder dreckig von schlammigen Laufpfaden. Richtige Sportschuhe werden getragen bis sie vor Überlastung wortwörtlich aus dem Leim fallen. Das kann dem Turnschuh im Büro nicht passieren. Der Turnschuh im Büro verbringt die meiste Zeit sitzend und vor allem sauber – quasi unbenutzt.
Der urbane Sportschuh am Schreibtisch zeigt uns, wie unser Privat- und Berufsleben verschwimmen. Der Körper- und Gesundheitskult macht auch keinen Halt vor unseren Bürotüren und wird Bestandteil unserer Arbeit. Wir achten auf unsere »Work-Life-Balance«, indem wir mehr Wert auf persönliche Faktoren legen, wie gesunde Ernährung und Sport. Oder wir tun zumindest so als ob. Gerade Sport wird zum leistungsorientierten Pflichtprogramm, dessen Erfolg man nach außen transportieren will – bei der Arbeit eignen sich dafür Sneakers.
Turnschuhe im Büro zu tragen und auch überall sonst, ist ein Trend – ganz klar. Wir sehen sie überall, vorzugsweise in strahlendem Weiß. Man könnte sagen, dass unsere Schuhlandschaft eintönig geworden ist. Und doch ist es ein Trend, den uns unsere Füße danken – ein Trend, der so hoffentlich zum Dauertrend wird. Erfüllt der Turnschuh zwar nur seinen maximalen Zweck an Sportlerfüßen, so schmeichelt er doch jedem Fuße. Er verhindert Fußverkrümmungen, Hohlfüße, Plattfüße und lässt einen auf dem Weg zur Arbeit jede Straßenbahn erwischen. Denn solange man sein Schuhpaar anschließend vom Sraßenstaub befreit, kann man Turnschuhe auch getrost bei der Arbeit tragen.
Buchbesprechung
»Lust an Debatten wecken«
Studentische Reden an der der Universität Flensburg
Der Untertitel des Bandes weckt die Neugier: »Rhetorik-Übungen in Schule und Hochschule – Beispiele und Empfehlungen« ist da zu lesen. Wie schön, denkt man sich. Denn gerade dort, in den Bildungseinrichtungen, hat die Rhetorik einen schweren Stand, gilt eher als Disziplin des »Übers-Ohr-Hauens« denn als Mittel der seriösen Überzeugung und wird in der Regel daher weder theoretisch noch praktisch vermittelt. Pädagogische und didaktische Anleitungen zum Thema bleiben so meist auf die gängigen Klischees beschränkt.
Zumindest eine positive Erkenntnis ist aus der Lektüre des Buches gewonnen: An der Europa-Universität Flensburg ist es anders, ganz offenbar pflegt man den rhetorischen Diskurs und das sogar dergestalt, dass Studierende aufgefordert werden, Reden zu selbst gewählten Themen vor dem Plenum zu halten. Beispiele sind im vorliegenden Bands abgedruckt, die Bandbreite der Themen reicht von »Pokémon go« über Tattoos bis hin zur geforderten Abschaffung der Noten in Grundschulen; die Ergebnisse sind durchaus überzeugend und zeigen, wie lohnend es ist, wenn sich Studierende mit der Technik des Argumentierens und der Rhetorik beschäftigen.
Es ist so nicht die Leistung der Studierenden, die den Leser ein wenig enttäuscht zurücklässt, sondern die Erwartung, die der Untertitel des Bandes weckt. Außer einem kurzen Vorwort und einem knapp dreiseitigen Glossar sucht der Leser vergebens die versprochenen Empfehlungen, geschweige denn so etwas wie didaktische Handreichungen, wie mit dem Thema Rhetorik in Schule und Hochschule umzugehen sei.
Eines bleibt als Fazit allemal: die Motivation, es selbst einmal in eigenen Seminaren mit den Reden zu versuchen, um auf diese Art die »Lust an Debatten (…) zu wecken«, wie es sich ganz offenbar auch die Dozenten in Flensburg vorgenommen haben.