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»Warum können Sie keine Designtheorie?«

Claudia Gnädinger über neue Anforderungen an Designer

Von Didem Gezginci, Friederike Lorenz und Sandra Rudolph


Dass ein Desi­gner alles gestal­ten kann, sei ihren Auf­trag­ge­bern längst bekannt. In ihrem Design­bü­ro wer­den immer häu­fi­ger Theo­rie- und Bera­tungs­leis­tun­gen ange­fragt, berich­tet Clau­dia Gnä­din­ger. Die visu­el­le Umset­zung kom­me erst an drit­ter Stel­le, beob­ach­tet die viel­sei­ti­ge Desi­gne­rin. Stän­dig wech­seln­de Inha­ber sei­en der Grund, war­um Ana­ly­sen des Unter­neh­mens und Begrün­dun­gen des Designs in schrift­li­cher Form immer gefrag­ter werden. 

Auch aus gestal­te­ri­scher Sicht gäbe es neue Anfor­de­run­gen an den Desi­gner von heu­te. Durch den tech­ni­schen Fort­schritt habe sich der Fokus der Arbeit auf die »Mobi­li­tät der Gestal­tung« gelegt. Ein Logo zum Bei­spiel, müs­se sich »in allen Grö­ßen, Wei­ten, Tie­fen bewe­gen kön­nen«, so Clau­dia Gnädinger.

Was sich im Lau­fe der Zeit den­noch nicht ver­än­dert habe, sei der Appell an die Emo­tio­nen. Gute Gestal­tung müs­se im Kopf und im Her­zen wahr­ge­nom­men wer­den – und bleiben.

 

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»Man muss das Material konzeptionell verstehen«

Benedikt Groß über »Speculative Design«

Von Ayanna Baldeo, Melanie Fischer und Melanie Laudin


Wie ein Schrei­ner die Mase­rung eines Hol­zes ken­nen soll­te, soll­te ein Desi­gner die Mate­ria­li­tät von Soft­ware ver­ste­hen. Bene­dikt Groß ist zudem der Mei­nung, dass in Zukunft wei­te­re Kom­pe­ten­zen im Design bedeut­sam sein wer­den: Vor allem wäre eine brei­te All­ge­mein­bil­dung von Vorteil.

Im Inter­view geht Groß auf den Begriff »Spe­cu­la­ti­ve Design« ein. Es ist die Idee, das Wün­schens­wer­te vor­weg­zu­neh­men und gesell­schaft­li­che Debat­ten zu gene­rie­ren. Dabei spielt der Desi­gner die Rol­le des Ver­mitt­lers zwi­schen neu­en Tech­no­lo­gien und der Gesellschaft.

 

Mythen des Alltags

Der Wecker

Eine tickende Zeitbombe mit »Snooze-Funktion«

Piep. Piep. Piep. Ganz lang­sam dringt das nerv­tö­ten­de Signal ins Unter­be­wusst­sein. Die Sin­ne erwa­chen schlep­pend. Plötz­lich wird die Ursa­che erkannt: der Wecker. Auf­ste­hen? Kei­ne Lust. Zum Glück gibt es die »Snoo­ze-Tas­te«. Sie teilt die Men­schen in zwei grund­ver­schie­de­ne Arten: Es gibt die­je­ni­gen, die sofort auf­ste­hen, wenn der Wecker klin­gelt, und die­je­ni­gen, die den Start in den Tag immer wie­der hinausschieben.

Vie­le ver­schie­de­ne Arten von Weckern wer­den am Markt ange­bo­ten, die Her­stel­ler haben ihrer Fan­ta­sie, was Far­be, Form und Akus­tik angeht, frei­en Lauf gelas­sen. Lei­der ändert es nichts an dem chro­ni­schen Pro­blem, das Lang­schlä­fer mit dem frü­hen Auf­ste­hen haben. Wahr­schein­lich haben Men­schen aus die­sem Grund die­se Schlum­mer­tas­te erfun­den, auch Snoo­ze-Tas­te genannt. Wie man sie nennt, ist egal, wich­tig ist: Die­se Tas­te spielt eine sehr wich­ti­ge Rol­le im Leben vie­ler Men­schen, hilft ihnen, lang­sam auf­zu­wa­chen und aus dem kusch­li­gen Bett her­aus­zu­kom­men. Sie und ihr Gerät sind offen­bar sogar so wich­tig, dass der Wecker auch in unse­rer Online-Kom­mu­ni­ka­ti­on sei­nen Platz gefun­den hat, ob als Meme oder Hashtag.

»Ich stel­le in mei­nem Han­dy gleich drei Wecker im Abstand von zehn Minu­ten ein. Ich ste­he dann natür­lich immer mit dem letz­ten Wecker auf«, schreibt dazu jemand auf Twit­ter. Ein Ande­rer muss eigent­lich erst um sechs auf­ste­hen, stellt den Wecker aber schon um fünf Uhr, um dann alle zehn Minu­ten die Schlum­mer­tas­te zu drücken.

Piep. Piep. Snoo­ze. »Ach, er nervt!«

Ja, schon klar. Er macht nur sei­nen Job, damit wir etwas mit unse­rem Tag anfan­gen. Das ist selbst für ein Gerät, das tech­nisch auf dem neu­es­ten Stand ist, nicht ein­fach. Jeden Mor­gen fünf Wecker klin­geln zu las­sen, dürf­te eine Tor­tur sein. Aber Mor­gen­muf­fel machen sol­chen Quatsch nicht, weil es ihn Spaß macht, son­dern nur, um beim Auf­wa­chen das schö­ne Gefühl der Erleich­te­rung zu haben, dass es ja noch gar nicht soweit ist. Man könn­te sich weit aus dem Fens­ter leh­nen und sagen, dass die Snoo­ze-Tas­te dem Men­schen auch ermög­licht, das zu behal­ten, was ihm am wich­tigs­ten ist: die Kon­trol­le über sein Leben. Denn wie oft der Wecker auch klin­gelt, wann man dann wirk­lich auf­steht, wird immer noch von einem selbst bestimmt.

Piep. Aus. »Jetzt auf­ste­hen, aber wirklich!«

Mythen des Alltags

Turnschuhe

Über Sportbekleidung im Büro

Wer heu­te sei­ne Leder­her­ren­schu­he durch schi­cke, blitz­blank geputz­te Snea­k­ers ersetzt, zeigt sport­li­chen Erfolg. Mit dem rich­ti­gen Arma­ni-Anzug oder Blei­stift­rock kom­bi­niert wird außer­dem Sinn für Mode demons­triert. In Weiß oder auch in knal­li­gem Flip­flop-Effekt erlö­sen Snea­k­ers die ange­streng­te Kar­rie­re­frau, die in grau­er Vor­zeit mit ihren Absät­zen über Pflas­ter­stei­ne stol­per­te. High Heels, die zur idea­li­sier­ten weib­li­chen Sil­hou­et­te füh­ren, erschei­nen heu­te neben den All­roun­der-Schu­hen über­holt und unnö­tig. In unbe­que­me Schu­he müs­sen sich Arbeit­ge­ber wie auch Arbeit­neh­mer immer sel­te­ner zwän­gen. Arbeit­ge­ber wie auch Arbeit­neh­mer sind agil und jung und zei­gen mit ihren Tre­tern Kampf- und Team­geist. Snea­k­ers sind die Ver­bild­li­chung des Wor­tes »Fle­xi­bi­li­tät« in jedem Bewerbungsbogen.

Im 19. Jahr­hun­dert lief der Turn­schuh in unser Leben. Sport in der Frei­zeit wur­de für die brei­te Mas­se mög­lich. Ähn­lich lief es in Ame­ri­ka. Auf ein­mal brauch­ten alle jun­gen Leu­te Trai­nings­schu­he. [1] In den 70er-Jah­ren, mit der Ent­ste­hung des Hip-Hop und Rap, sowie sport­li­chen Tes­ti­mo­ni­als in der Wer­bung, eta­blier­ten sich Turn­schu­he zum ers­ten Mal in der Mode­sze­ne. Der Gebrauchs­ge­gen­stand wur­de zu einem Luxus­ob­jekt — beson­ders beliebt bei Under­ground-Bewe­gun­gen ver­schie­de­ner Musikszenen.

Die Schu­he, mit denen Ex-Umwelt­mi­nis­ter Josch­ka Fischer 1985 noch scho­ckie­ren konn­te und Ste­ve Jobs Auf­se­hen erreg­te, sind heu­te kein Augen­zucken mehr wert.

Doch auch wenn die Klei­der-Eti­ket­te locke­rer gewor­den ist, ist das Phä­no­men „Turn­schu­he im Büro tra­gen“ ein ganz beson­de­res. Jeder Turn­schuh ist für eine ganz beson­de­re Sport­art kon­zi­piert, getes­tet und her­ge­stellt wor­den. Er lebt davon, in die­sem Sin­ne benutzt zu wer­den. Ein ordent­li­cher Turn­schuh ist stau­big vom Sport­platz­sand oder dre­ckig von schlam­mi­gen Lauf­pfa­den. Rich­ti­ge Sport­schu­he wer­den getra­gen bis sie vor Über­las­tung wort­wört­lich aus dem Leim fal­len. Das kann dem Turn­schuh im Büro nicht pas­sie­ren. Der Turn­schuh im Büro ver­bringt die meis­te Zeit sit­zend und vor allem sau­ber – qua­si unbenutzt.

Der urba­ne Sport­schuh am Schreib­tisch zeigt uns, wie unser Pri­vat- und Berufs­le­ben ver­schwim­men. Der Kör­per- und Gesund­heits­kult macht auch kei­nen Halt vor unse­ren Büro­tü­ren und wird Bestand­teil unse­rer Arbeit. Wir ach­ten auf unse­re »Work-Life-Balan­ce«, indem wir mehr Wert auf per­sön­li­che Fak­to­ren legen, wie gesun­de Ernäh­rung und Sport. Oder wir tun zumin­dest so als ob. Gera­de Sport wird zum leis­tungs­ori­en­tier­ten Pflicht­pro­gramm, des­sen Erfolg man nach außen trans­por­tie­ren will – bei der Arbeit eig­nen sich dafür Sneakers.

Turn­schu­he im Büro zu tra­gen und auch über­all sonst, ist ein Trend – ganz klar. Wir sehen sie über­all, vor­zugs­wei­se in strah­len­dem Weiß. Man könn­te sagen, dass unse­re Schuh­land­schaft ein­tö­nig gewor­den ist. Und doch ist es ein Trend, den uns unse­re Füße dan­ken – ein Trend, der so hof­fent­lich zum Dau­er­trend wird. Erfüllt der Turn­schuh zwar nur sei­nen maxi­ma­len Zweck an Sport­ler­fü­ßen, so schmei­chelt er doch jedem Fuße. Er ver­hin­dert Fuß­ver­krüm­mun­gen, Hohl­fü­ße, Platt­fü­ße und lässt einen auf dem Weg zur Arbeit jede Stra­ßen­bahn erwi­schen. Denn solan­ge man sein Schuh­paar anschlie­ßend vom Sra­ßen­staub befreit, kann man Turn­schu­he auch getrost bei der Arbeit tragen.

Buchbesprechung

»Lust an Debatten wecken«

Studentische Reden an der der Universität Flensburg

Der Unter­ti­tel des Ban­des weckt die Neu­gier: »Rhe­to­rik-Übun­gen in Schu­le und Hoch­schu­le – Bei­spie­le und Emp­feh­lun­gen« ist da zu lesen. Wie schön, denkt man sich. Denn gera­de dort, in den Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, hat die Rhe­to­rik einen schwe­ren Stand, gilt eher als Dis­zi­plin des »Übers-Ohr-Hau­ens« denn als Mit­tel der seriö­sen Über­zeu­gung und wird in der Regel daher weder theo­re­tisch noch prak­tisch ver­mit­telt. Päd­ago­gi­sche und didak­ti­sche Anlei­tun­gen zum The­ma blei­ben so meist auf die gän­gi­gen Kli­schees beschränkt.

Zumin­dest eine posi­ti­ve Erkennt­nis ist aus der Lek­tü­re des Buches gewon­nen: An der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Flens­burg ist es anders, ganz offen­bar pflegt man den rhe­to­ri­schen Dis­kurs und das sogar der­ge­stalt, dass Stu­die­ren­de auf­ge­for­dert wer­den, Reden zu selbst gewähl­ten The­men vor dem Ple­num zu hal­ten. Bei­spie­le sind im vor­lie­gen­den Bands abge­druckt, die Band­brei­te der The­men reicht von »Poké­mon go« über Tat­toos bis hin zur gefor­der­ten Abschaf­fung der Noten in Grund­schu­len; die Ergeb­nis­se sind durch­aus über­zeu­gend und zei­gen, wie loh­nend es ist, wenn sich Stu­die­ren­de mit der Tech­nik des Argu­men­tie­rens und der Rhe­to­rik beschäftigen.

Es ist so nicht die Leis­tung der Stu­die­ren­den, die den Leser ein wenig ent­täuscht zurück­lässt, son­dern die Erwar­tung, die der Unter­ti­tel des Ban­des weckt. Außer einem kur­zen Vor­wort und einem knapp drei­sei­ti­gen Glos­sar sucht der Leser ver­ge­bens die ver­spro­che­nen Emp­feh­lun­gen, geschwei­ge denn so etwas wie didak­ti­sche Hand­rei­chun­gen, wie mit dem The­ma Rhe­to­rik in Schu­le und Hoch­schu­le umzu­ge­hen sei.

Eines bleibt als Fazit alle­mal: die Moti­va­ti­on, es selbst ein­mal in eige­nen Semi­na­ren mit den Reden zu ver­su­chen, um auf die­se Art die »Lust an Debat­ten (…) zu wecken«, wie es sich ganz offen­bar auch die Dozen­ten in Flens­burg vor­ge­nom­men haben.