Mythen des Alltags

Einkaufszettel

Über die Poesie von Listen

»2 Schnit­zel, Wurst/Schinken, 1 Milch. Ana­nas«, geschrie­ben auf einem Apo­the­ken-Zet­tel. Wer hat die­sen Ein­kaufs­zet­tel geschrie­ben? Jemand der Nah­rungs­mit­tel als Medi­zin wahr­nimmt? Ein Fleisch­lieb­ha­ber mit Hang zu Exo­ti­schem? Ein ande­rer Zet­tel, auf dem anfäng­lich sehr säu­ber­lich geschrie­ben steht: »Zuc­chi­ni, Joghurt, Camem­bert, Ruco­la, Zuta­ten für Rata­touille, Oran­gen, 8 But­ter, Clo­pa­pier, Kütü.« Nach den Oran­gen wird die Schrift hek­tisch und bizarr. Wer braucht so viel But­ter, und was wird damit wohl gemacht? Was pas­siert plötz­lich mit der Recht­schrei­bung und was bit­te ist »Kütü«?

Auf einem ande­ren, nicht les­ba­ren Zet­tel, hat der Ver­fas­ser bei sei­nem Ein­kauf die ein­zel­nen Wör­ter wild durch­ge­stri­chen. Der Zet­tel gleicht einem kunst­vol­len Schrift­stück, des­sen hef­ti­ge Nutz­spu­ren den Ein­druck erwe­cken, als käme es aus einer ande­ren Zeit.

Wenn es um Ein­kaufs­zet­tel geht, legen die meis­ten Men­schen offen­bar kei­nen Wert auf Ästhe­tik, Sorg­falt und Recht­schrei­bung. Schnell wird etwas auf Papier gekrit­zelt, Haupt­sa­che der Ver­fas­ser kann das lesen. Lite­ra­tur, die qua­si nur für einen selbst ver­fasst wurde.

Der Ein­kauf im Super­markt ist je nach Tag und Uhr­zeit eine äußert freud­lo­se Ange­le­gen­heit. Wer ein­mal die Woche ein­kau­fen geht, ver­bringt durch­schnitt­lich 168 Stun­den im Jahr damit.[1] Für man­chen Ein­käu­fer ist die­se Pro­ze­dur mit Stress ver­bun­den, da wäh­rend des Gan­ges durch den Markt unzäh­li­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den müs­sen, das fällt nicht immer leicht. Die meis­ten Men­schen gehen abends nach der Arbeit ein­kau­fen, um die ein­kau­fen­den Mas­sen am Wochen­en­de zu mei­den. Aller­dings herrscht am Ende eines Tages oft eine gewis­se Ent­schei­dungs­mü­dig­keit, daher schrei­ben sehr vie­le Men­schen ihren Ein­kaufs­plan auf einen Zet­tel, um es sich leich­ter zu machen. Man trifft die Ent­schei­dun­gen im Vor­aus. Und ein guter Ein­kaufs­zet­tel kann dabei hel­fen, den eige­nen Kon­sum ein­zu­schrän­ken und, salopp gesagt, sei­ne Sin­ne bei­sam­men zu halten.

Das Inter­es­san­te an Ein­kaufs­zet­teln ist, dass – sobald der Ein­kauf getä­tigt wur­de – die Zet­tel schnell aus dem Gedächt­nis und aus dem eige­nem Leben ver­schwin­den. Sie wer­den weg­ge­schmis­sen oder am Ort des Gesche­hens zurück­ge­las­sen und vom Ver­fas­ser nie mehr wie­der beach­tet. Ist je ein Ein­kaufs­zet­tel mehr als ein Mal benutzt wor­den? Zusam­men­ge­knüllt im Ein­kaufs­korb oder ein­ge­klemmt zwi­schen den Metall­stan­gen des Kin­der­sit­zes im Ein­kaufs­wa­gen, sind die­se Zet­tel klei­ne Hin­wei­se auf den ehe­ma­li­gen Besit­zer, und wenn man einen fin­det, soll­te man einen Moment inne hal­ten und die­sem Beach­tung schen­ken. Ein­kaufs­zet­tel ande­rer Men­schen kön­nen äußerst kuri­os und amü­sant sein. Ein Ein­kaufs­zet­tel ermög­licht einen win­zig klei­nen, jedoch äußerst authen­ti­schen Ein­blick in die Per­sön­lich­keit eines Men­schen. Gleich­zei­tig ent­ste­hen vie­le Fra­gen, wenn man sich den Kon­sum ande­rer Per­so­nen ansieht: Bezie­hungs­sta­tus, bevor­ste­hen­de Ver­ab­re­dun­gen, gesund­heit­li­che Ver­fas­sung oder sogar der Intel­li­genz­quo­ti­ent sind durch die klei­nen Lis­ten zu erah­nen. Manch­mal ist die Mischung aus Nah­rungs­mit­teln und nicht ess­ba­rer Kon­sum­gü­ter so skur­ril, dass man sich fragt, was wohl im Leben des Autors gera­de los ist.

Der Fern­seh­mo­de­ra­tor Wigald Boning war so begeis­tert von den klei­nen Schrift­stü­cken, dass er sogar ein Buch über sei­ne Samm­lung von Ein­kaufs­zet­teln schrieb.[2] Ein Stu­die[3] ver­rät ganz kon­kre­te Fak­ten über die klei­nen Zet­tel. Zum Bei­spiel, dass die Mehr­heit der Ein­käu­fer mit Ein­kaufs­zet­teln weib­lich ist und Kon­su­men­ten ohne Ein­kaufs­zet­tel häu­fig kei­ne Kin­der haben. Das Ber­li­ner Insti­tut für Inno­va­ti­ons­for­schung hat in einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge[4] her­aus­ge­fun­den, dass 83 % aller Kon­su­men­ten ihre Lis­te noch auf Papier schrei­ben. Apps für Ein­kaufs­lis­ten sind jedoch stark im Kom­men und wer­den vor allem von der jün­ge­ren Gene­ra­ti­on genutzt. Scha­de. Ein digi­ta­ler Ein­kaufs­zet­tel lässt sich nur sehr schwer fin­den. Es gibt da aller­dings noch eine ande­re inter­es­san­te Fund­sa­che im Super­markt – ver­ges­se­ne, lie­gen gelas­se­ne oder ver­lo­re­ne Kas­sen­bons. Seit­dem es ab dem Jahr 2020 eine gene­rel­le Bon­pflicht gibt, wird man die­se wahr­schein­lich in Zukunft häu­fi­ger fin­den. Und die­se Zet­tel ver­ra­ten uns dann die gan­ze unge­schmink­te Wahr­heit über den Kon­sum eines Menschen.

Mythen des Alltags

Kleider-Stuhl

Die Ergänzung des Kleiderschranks

Jeans aus, Jog­ging­ho­se an — Blu­se aus, kusche­li­gen Pull­over an. Und nun? Wohin mit der Jeans, die in der Mit­tags­pau­se einen klei­nen Kaf­fee­klecks abbe­kam. Eigent­lich nicht mehr frisch, aber der Fleck ging ja raus. In die Wäsche muss sie noch nicht. Und die Blu­se, die heu­te Mor­gen frisch gewa­schen aus der Schub­la­de des fein­säu­ber­lich auf­ge­räum­ten Klei­der­schranks kam? Riecht etwas nach Kan­ti­ne, aber ein­mal anzie­hen und dann wie­der in die Wäsche, wäre doch schade.

Ein leich­tes Schmun­zeln brei­tet sich aus, als ihr Blick auf ihren Stuhl fällt. Wie konn­ten all ihre Kla­mot­ten im Lau­fe der Woche bloß wie­der auf ihrem Schreib­tisch­stuhl lan­den? Und war­um macht sie sich die Mühe, die­sen gro­ßen Hau­fen an »halb­fri­scher« Klei­dung täg­lich vom Stuhl aufs Bett umzu­la­den, sobald sie sich auf den Stuhl set­zen möch­te und andersherum?

Es ist Frei­tag, und schon wie­der wan­dern die noch nicht defi­nier­ten Kla­mot­ten der Woche vom soge­nann­ten »Klei­der-Stuhl« sys­te­ma­tisch in den Wäsche­korb oder in den Klei­der­schrank zurück. Aber war­um nicht gleich so? War­um wer­den sie wöchent­lich erneut auf dem Schreib­tisch­stuhl zwi­schen­ge­parkt oder auf dem Bal­kon von Essens­ge­rü­chen aus­ge­lüf­tet, um im End­ef­fekt dann doch wie­der »nur« im Wäsche­korb zu lan­den oder, als »nicht mehr ganz fri­sches« Klei­dungs­stück abge­stem­pelt, nur noch zuhau­se getra­gen zu wer­den? Und woher kommt die­se schein­bar gewoll­te »Unord­nung«?

Jeder Mensch defi­niert Ord­nung indi­vi­du­ell.[1] Ter­mi­ne wer­den in Kalen­dern orga­ni­siert, Kla­mot­ten nach Far­ben im Klei­der­schrank arran­giert, und der Wochen­ein­kauf wird mit­hil­fe einer gut orga­ni­sier­ten Ein­kaufs­lis­te erle­digt.[2] Auch Umber­to Eco befass­te sich in sei­nem Buch »Die unend­li­che Lis­te«[3] mit gro­ßen Wer­ken der Welt­li­te­ra­tur, der Kunst und der Phi­lo­so­phie und setz­te sich mit dem Begriff der Lis­te aus­ein­an­der. Dabei wur­de ihm wäh­rend sei­ner Recher­che bewusst, wie schwin­del­erre­gend groß die Aus­beu­te an Lis­ten ist und dass die­se nie­mals voll­kom­men erfasst wer­den kön­nen. Eine Viel­zahl an Lis­ten exis­tiert auf­grund der Mei­nung von Men­schen, dass mit Ord­nung und Auf­lis­tung Ver­ständ­nis ein­her­geht — was jedoch oft nicht der Fall ist.[4]

Die­se Denk­wei­se liegt an der Funk­ti­ons­wei­se unse­res Gehirns. Es ist dar­auf pro­gram­miert, in neu­en Umge­bun­gen eine men­ta­le Land­kar­te anzu­le­gen. Das pas­siert mit allem, sei es beim Lesen von Tex­ten, beim Betrach­ten von Bil­dern oder eben beim Blick in den Klei­der­schrank. Das Gehirn wird immer ver­su­chen, Infor­ma­tio­nen in pas­sen­den Kar­ten abzu­spei­chern, um sie spä­ter leich­ter abru­fen zu kön­nen.[5] Auch im Tier­reich kommt die­ses Phä­no­men vor. Eich­hörn­chen sor­tie­ren Eicheln, Hasel­nüs­se, Wal­nüs­se und Man­deln und bewah­ren die­se getrennt von­ein­an­der auf. Und so geschieht es auch bei uns, dass wir unse­re »halb­fri­sche« Klei­dung in men­ta­len Land­kar­ten orga­ni­sie­ren – auf dem Kleiderstuhl.

Aber woher kommt nun das Phä­no­men des »Klei­der-Stuhls«? Der Ursprung lässt sich auf den dama­li­gen »Her­ren­die­ner«, auch »stum­mer Die­ner« genannt, zurück­füh­ren. Er wur­de dafür kon­zi­piert, Klei­dung für den nächs­ten Tag bereits am Vor­abend her­zu­rich­ten. Der Platz war haupt­säch­lich auf Jackett, Hose, Kra­wat­te, Schu­he und Hemd des Man­nes begrenzt.[6] War­um der »stum­me Die­ner« jedoch nicht bis heu­te über­leb­te, lässt sich zum einen auf die nur begrenz­ba­re Men­ge an Klei­dung zurück­füh­ren. Was bringt die­ser Auf­be­wah­rungs-Gegen­stand, wenn er nur limi­tier­ten Platz für wenig Klei­dungs­stü­cke zulässt? Von der Kipp­ge­fahr bei Über­la­dung ganz zu schwei­gen. Zum ande­ren scheint die­ses erst­mals für Män­ner­klei­dung kon­zi­pier­te Möbel­stück wei­test­ge­hend aus der Mode gekom­men zu sein, denn hier­für kann eben­falls ein nor­ma­ler Klei­der­stän­der mit Bügeln oder eben doch unser »Klei­der-Stuhl« ver­wen­det werden.

Wie kann nun aber dem wöchent­li­chen Pro­blem des über­frach­te­ten »Klei­der-Stuhls« effek­tiv vor­ge­beugt wer­den? Ist eine scho­nen­de Wäsche nach jedem Tra­gen die Lösung? Oder soll­te doch eine extra Klei­der­stan­ge für halb­fri­sche Klei­dung ange­schafft wer­den? Eine Lösung bie­tet der soge­nann­te Dampf­rei­ni­ger, der sich zum Auf­fri­schen und Bügeln eig­net und dar­über hin­aus Gerü­che bekämpft. So wird das Par­ken auf dem Klei­der-Stuhl umgan­gen, die Kla­mot­ten haben die Mög­lich­keit, die Woche unbe­schwert im Schrank neben all den ande­ren fri­schen Klei­dern zu ver­brin­gen. Wer das nicht will, muss ver­su­chen, sein Gehirn vor der Bil­dung men­ta­ler Land­kar­ten zu bewah­ren, damit eine Sepa­rie­rung der Klei­dung bewusst nicht mehr statt­fin­det. So ent­las­tet er den Stuhl von den Zusatz­funk­tio­nen des Ent­lüf­tens und der Auf­be­wah­rung zurück zur Funk­ti­on »ein­fach mal nur sitzen« …

Mythen des Alltags

Abwasch

Thema eines jeden Haushalts

An sich weiß jeder, was zu tun ist, wenn die Rede vom Abwa­schen ist – in der Aus­füh­rung meint jedoch jeder etwas ande­res. Gibt es eigent­lich eine Defi­ni­ti­on für den Abwasch? Im Duden fin­det man:

Abwasch, der
Bedeutungen:
1) das Abwaschen
Bei­spie­le: den Abwasch über­neh­men, erle­di­gen - machst du den Abwasch?
Wen­dun­gen, Redens­ar­ten, Sprich­wör­ter: das ist ein Abwasch; das geht, das machen wir in einem Abwasch (Auf­wasch)
2) zu spü­len­des bzw. gespül­tes Geschirr
Bei­spiel: wir las­sen den Abwasch im Becken ste­hen
[1]

Beim Abwa­schen geht es dar­um, benutz­te Geschirr­tei­le zu rei­ni­gen – logisch, nur ist das schon wie­der rela­tiv, denn jeder hat eine ande­re Vor­ge­hens­wei­se und mit­un­ter eine ande­re Vor­stel­lung von Sau­ber­keit. Da gibt es einer­seits den Typ Wenn wir’s machen, dann aber rich­tig. Der Typ lässt zuerst das war­me Was­ser ins Spül­be­cken lau­fen, um anschlie­ßend einen Schuss Spül­mit­tel hin­zu­zu­fü­gen. In einem schö­nen Schaum­bad wer­den dann die ein­zel­nen Geschirr­tei­le nach und nach mit dem »Rei­ni­gungs­ele­ment« vom Schmutz befreit. Bevor das jewei­li­ge Teil dann zum Trock­nen abge­stellt wird, wird es noch ein­mal mit hei­ßem Was­ser abge­spült, um mög­li­che Res­te oder Schaum schluss­end­lich zu besei­ti­gen. Die­ser Abwasch-Typ ist also äußerst gründ­lich unterwegs.

Ganz ande­rer Mei­nung ist der Abwasch-Typ Ach, so dre­ckig ist das doch gar nicht. Er ist der Über­zeu­gung, dass es aus­reicht, die Sachen unter flie­ßen­dem Was­ser mal eben und ganz fix abzu­spü­len. An guten Tagen huscht dann viel­leicht doch mal ein »Rei­ni­gungs­ele­ment« samt Spül­mit­tel über die Geschirr­tei­le und zack – fer­tig. Da wer­den die Außen­sei­ten von Tas­sen, Schüs­seln oder Pfan­nen schon mal ver­nach­läs­sigt, und Spül­mit­tel gilt oft­mals als über­be­wer­tet – war ja eh nur innen benutzt und auch gar nicht so dreckig.

Nicht ganz unwich­tig ist die Wahl des »Rei­ni­gungs­ele­ments«. Da gibt es einer­seits die Ver­fech­ter des Schwamms – schließ­lich kann man mit ihm selbst die hart­nä­ckigs­ten Ver­schmut­zun­gen gut weg­schrub­ben – so sieht’s der Abwasch-Typ Schrub­ber. Es gibt aber auch die Abwa­scher, die ein Schwamm­tuch oder Lap­pen bevor­zu­gen, mit dem man dann ganz fein­füh­lig über die Geschirr­tei­le wischen kann – der Abwasch-Typ Vor­sicht ist die Mut­ter der Por­zel­lan­kis­te. Und zu guter Letzt glaubt ein wei­te­rer Abwasch-Typ, Der pure Finger(-nagel) regelt das. Er pult mit blo­ßen Fin­gern die Res­te von den Tel­lern, schließ­lich kön­ne man die Ver­schmut­zung des Geschirrs im direk­ten Kon­takt, Haut auf Por­zel­lan, am bes­ten spü­ren und besei­ti­gen. Übri­gens, »nur 4 % der Deut­schen spü­len gern«.[2]

Die tat­säch­li­che Sau­ber­keit des Geschirrs mal außen vor gelas­sen, stellt sich die Anschluss­fra­ge: abtrock­nen oder an der Luft trock­nen las­sen? Auch hier schei­den sich die Geis­ter: Man­che sind der Ansicht, dass Abtrock­nen ver­ta­ne Lebens­zeit wäre und die Sachen schon auto­ma­tisch tro­cken wer­den. Ande­re wie­der­um trock­nen ihre Hab­se­lig­kei­ten ab und polie­ren das Sil­ber so gut es nur geht, damit man bloß kei­ne Was­ser­fle­cken sieht.

Eine letz­te wich­ti­ge Fra­ge ist die nach dem Zeit­punkt: Gleich nach dem Essen abwa­schen oder doch spä­ter? Gleich-Abwa­scher oder Wir-sam­meln-erst­mal-und-machen-das-spä­ter-Abwa­scher? An sich sind bei­de Posi­tio­nen ver­ständ­lich – kri­tisch wird’s, wenn sich im auf dem dre­cki­gen Geschirr eige­ne Lebens­wel­ten entwickeln …

Abwa­schen geht aber auch anders: In Deutsch­land besit­zen mitt­ler­wei­le 73 % aller pri­va­ten Haus­hal­te eine Spül­ma­schi­ne.[3] Sie nimmt nicht nur die Arbeit des Spü­lens ab, son­dern ver­braucht dabei durch­schnitt­lich 50 % weni­ger Was­ser und 28 % weni­ger Ener­gie als das Spü­len von Hand.[4] Was für ein super Teil! Man stellt die benutz­ten Sachen ein­fach rein – manch eher pin­ge­lig ver­an­lag­ter Ein­räu­mer spült die ein­zel­nen Ele­men­te unter dem Was­ser­hahn noch kurz vor (was übri­gens laut Stu­di­en und Tests eigent­lich gar nicht not­wen­dig ist) – und dann kann’s auch schon los­ge­hen mit dem Spül­gang. Eh man sich ver­sieht, ist alles sau­ber und so gut wie tro­cken. Aber so traum­haft das klin­gen mag, auch die Spül­ma­schi­ne wirft Fra­gen auf: Wer räumt sie ein? Wer räumt sie aus? Räumt man sie direkt ein, oder parkt man die Sachen erst mal auf der Arbeits­flä­che dar­über? Wie räumt man sie ein? Darf das über­haupt in die Spül­ma­schi­ne? Geht man noch mal mit einem Geschirr­tuch über die gespül­ten Sachen? Ach, und muss sie nicht auch mal gerei­nigt werden?

Fra­gen über Fra­gen, die es wohl schon genau so lan­ge gibt wie die Spül­ma­schi­ne an sich – näm­lich seit 1929. Damals brach­te »Mie­le« den ers­ten Geschirr­spü­ler Euro­pas auf den Markt, und seit den 1960er-Jah­ren ist sie auch in mehr und mehr pri­va­ten Haus­hal­ten als tat­kräf­ti­ge Unter­stüt­zung mit am Start.[5] Des­halb gel­ten »Spül­mi­chel«, »Spül­fred« oder »Spüls­a­bi­ne«, wie sie lie­be­voll genannt wer­den, den meis­ten Haus­hal­ten als unver­zicht­bar. Gibt es die ulti­ma­ti­ve Lösung für den Abwasch? Das ist Typ-Sache …

Mythen des Alltags

Sinfonie vorm Fenster

Wenn die Fußgängerzone zum Resonanzkörper wird

Klack, klack, klack, klack
bruuuub - tipp, tipp - bruuuub - tipp.
Dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong.
»ICH HAAB KEINEE GEBÄÄÄHRMUTTER MEEEHR!!!«
»Die Bes­ten Hits von heute!«
raaa -- rumms … raaa -- rumms … raaa- …- rumms.
---
Dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong,
klirr.

Die ers­te Zeit in einer neu­en Woh­nung ist oft des­halb so auf­rei­bend, weil alte Gewohn­hei­ten auf­ge­bro­chen wer­den und neue erst ent­ste­hen. Das Kli­ma ist ein ande­res, es riecht unge­wohnt und die Räu­me müs­sen noch mit Leben befüllt wer­den. Etwas, das uns beson­ders viel über die Umge­bung, den Stand­ort und die Leu­te in unmit­tel­ba­rer Nähe ver­rät, sind die Umge­bungs­ge­räu­sche. Ein zur Fuß­gän­ger­zo­ne aus­ge­rich­te­tes Fens­ter kann dabei Fluch und Segen zugleich sein. Unge­fil­tert dringt alles, was der Reso­nanz­kör­per einer eng bebau­ten Gas­se ver­spricht, in das Inne­re der Wohnung.

Wenn man die vie­len akus­ti­schen Sze­na­ri­en jedoch nicht als Stör­fak­tor, son­dern als Tei­le des Gesam­ten, als Kapi­tel eines Hör­buchs, als Sät­ze eines Kon­zer­tes auf­nimmt, so bekom­men die dar­in vor­kom­men­den Akteu­re einen ganz ande­ren Stel­len­wert. Die Stra­ße wird zur Kon­zert­hal­le, das Fens­ter zur Tri­bü­ne, die Fuß­gän­ger zu Musi­kern. Jeden Mor­gen beginnt aufs Neue eine ein­ma­li­ge Vor­stel­lung, zu der jeder Bewoh­ner der Stra­ße ein­ge­la­den ist. Im Lauf des Tages ent­steht eine Sin­fo­nie, geformt von einem Orches­ter das sich sei­ner Rol­le gar nicht bewusst ist. 

Der Vor­hang geht auf. 

Ers­ter Satz.
Das Kla­ckern und Trap­peln von vie­len Schuh­paa­ren auf dem Kopf­stein­pflas­ter wird lang­sam lau­ter. crescendo.
Die Klän­ge ver­ra­ten den Schau­platz der Hand­lung: Wir befin­den uns in einer Alt­stadt. Ohne vie­le Wor­te kom­men die Men­schen mit­ein­an­der aus, es ist noch früh am Mor­gen. Die Tau­be tritt auf die Büh­ne. Mit ihren Füß­chen kratzt sie laut gur­rend und unrhyth­misch über das metal­le­ne Fens­ter­brett. Ihr skur­ri­ler Tanz lässt das Orches­ter in den Hin­ter­grund treten. 

Zwei­ter Satz.
Kir­chen­glo­cken schla­gen zwölf Mal. Sie läu­ten den dyna­mi­schen Teil des Stü­ckes ein. fortissimo.
»ICH HAAB KEINEE GEBÄÄÄHRMUTTER MEEEHR!!!« schreit der Solist vor­wurfs­voll kla­gend aus sei­ner hei­se­ren Män­ner­keh­le. Etwas ent­fern­ter hört man eine auf­ge­reg­te Radio­stim­me das nächs­te Lied ankündigen.
Ein lau­tes, schnell wum­mern­des Schep­pern unter­bricht es nach den ers­ten zwei Sekun­den. Es klingt, als wür­de Metall auf Stein klop­fen; ein tie­fer Bass und ein grel­les Klir­ren schmet­tern ein Duett. Moto­ren­ge­räu­sche wer­den lau­ter. Tür auf - Tür zu, Tür auf - … irgend­wo klin­gelt es, - Tür zu, wie­der der Motor. Vie­le Instru­men­te set­zen ein, bis es fast uner­träg­lich hek­tisch und laut auf der Büh­ne ist. 

Drit­ter Satz.
Dann plötz­lich: Stil­le. piano.
Nur ein ein­zel­nes Paar Schu­he ent­fernt sich dumpf.
Acht Glo­cken­schlä­ge. Ein hohes Klir­ren von sich berüh­ren­den Glas­fla­schen. Im ers­ten Stock wird aus Gemur­mel Stim­men, aus Stim­men Gelächter.
Es klin­gelt an der Tür.
An mei­ner Tür!
Ich schlie­ße das Fens­ter, mache den Vor­hang zu und betre­te die Bühne.

Mythen des Alltags

Verniedlichung

Der Säugling ist kein Sauger

Wir ver­wen­den täg­lich Ver­nied­li­chungs­for­men ohne dar­über tie­fer nach­zu­den­ken, geschwei­ge denn dar­über zu reflek­tie­ren. »Na, mein Bär­chen? Mau­si, Schnucki, Lieb­ling, Häs­chen, Schat­zi, Dar­ling, Spatzl …« und so wei­ter und so fort. So wol­len sich Paa­re Zunei­gung zei­gen. Sobald jedoch der rich­ti­ge Vor­na­me des ande­ren vom Part­ner aus­ge­spro­chen wird, kann sich das bereits wie eine Bedro­hung anhö­ren. Psy­cho­lo­gisch betrach­tet sind dies Auto­ma­tis­men, auf die schon in der Kind­heit zurück­ge­grif­fen wur­den, z. B. als die Mut­ter Kose­na­men benutz­te, um ihre Lie­be auszudrücken.

Wenn die Ver­nied­li­chungs­form genau betrach­tet wird, so kann der Kon­text ad absur­dum geführt wer­den. Bei­spiels­wei­se kann jemand sich die Ohr­läpp­chen rei­ben, wenn ihm kalt sein soll­te, damit die Durch­blu­tung ange­regt und es etwas wär­mer wird. Der Begriff »Ohr­läpp­chen« ist in unse­ren Sprach­ge­brauch ein­ge­gan­gen und hat sich ver­selbst­stän­digt. Kaum jemand wird sei­nen Ohr­lap­pen rei­ben wol­len; das Wort »Ohr­lap­pen« weckt eher die Vor­stel­lung einer Abnor­ma­li­tät, die unter­halb unse­res Gehör­gangs her­aus­wächst und unäs­the­tisch aus­se­hen könnte …

Alles, was wir als klein und süß emp­fin­den, wird von uns ver­nied­licht. Bei allem, was uns nah und ver­traut ist, ver­mi­schen wir des­sen Iden­ti­tät mit unse­rem emo­tio­na­len Ein­druck und ver­än­dern so auch unse­re Spra­che über die­se Din­ge, sei­en es Men­schen, Tie­re, Beob­ach­tun­gen oder Ein­drü­cke. Wir wür­den nicht dar­auf kom­men, den »Säug­ling« als »Sau­ger« zu bezeich­nen. Die Asso­zia­ti­on mit dem Wort »Sau­ger« ent­spricht nicht einem klei­nen Baby – schon eher einem Staub­sauger oder einem recht sper­ri­gen, indus­tri­el­len Ding, das meh­re­re Ton­nen Flüs­sig­kei­ten von einer Stel­le zur ande­ren trans­por­tiert. Wir kön­nen uns mit der Bezeich­nung »Säug­ling« für das Neu­ge­bo­re­ne bes­ser arran­gie­ren, weil das zu unse­rer sub­jek­ti­ven Emp­fin­dung eher passt und weil wir unse­ren instink­ti­ven Gefüh­len dem Baby gegen­über somit sprach­lich zum Aus­druck ver­hel­fen können.

Ver­nied­li­chen­de Wör­ter, von der Sprach­wis­sen­schaft »Dimi­nu­tive« genannt, ver­klei­nern oder ver­rin­gern etwas. Ein Dimu­ni­tiv ist die Ver­klei­ne­rungs­form eines Sub­stan­tivs und lässt sich aus vie­len Wör­tern als Kose­form oder Abwer­tung bil­den. Wird aus einem gro­ßen »Haus« ein »Häus­chen«, fin­det eine Sil­ben­dopp­lung mit Kür­zung des ursprüng­li­chen Sub­stan­tivs statt. Gleich­zei­tig wird ein ver­nied­li­chen­des Suf­fix ange­han­gen, in die­sem Fall »-chen«. Die­ses gram­ma­ti­ka­li­sche Prin­zip funk­tio­niert im Deut­schen auch mit ande­ren Wör­tern: Aus einem »Hund« wird ein »Hünd-chen« oder »Hund-i«. Im Deut­schen wird im Zuge der Ver­nied­li­chung der Vokal des ursprüng­li­chen Sub­stan­tivs oft­mals zum Umlaut: Aus einem »Sack« wird ein »Säck­chen«.

Aber nicht nur im gegen­wär­ti­gen Sprach­ge­brauch stößt man auf Ver­klei­ne­run­gen, auch bei unse­ren Urah­nen, die sich auf ihren Instinkt ver­las­sen muss­ten, um das gro­ße Brül­len von dem klei­nen Piep­sen zu unter­schei­den. Hat sich damals ein klei­nes harm­lo­ses Tier im Gebüsch ver­steckt, so war der klei­ne Laut, den es von sich gege­ben hat, nicht wei­ter gefähr­lich. Befand sich ein gro­ßes Raub­tier in der Nähe, konn­te schnell das Wei­te gesucht wer­den. Anschei­nend kön­nen wir auch instink­tiv ent­schei­den, was groß oder klein sein kann. Den schrift­sprach­lich von uns fest­ge­hal­te­nen Tier­laut »pieps« ver­bin­den wir wohl eher mit einem klei­nen zwit­schern­den Vogel, ein »roaar« dage­gen mit einem gro­ßen brül­len­den Löwen.

Müs­sen sich alle klei­nen Din­ge klein anhö­ren und Gro­ße groß? In einem Gedicht spielt Micha­el Ende damit, dass beim »Lind­wurm« und beim »Schmet­ter­ling« die zuge­hö­ri­gen Objek­te nicht zur klang­li­chen Ebe­ne der Wor­te pas­sen und macht aus dem Dra­chen einen »Schmet­ter­wurm« und aus dem Insekt einen »Lind­ling«. Die Ety­mo­lo­gie des Wor­tes »Schmet­ter­ling« erklärt der »Duden« so: »Das ursprüng­lich ober­säch­si­sche Wort (16. Jahr­hun­dert) hat sich erst seit dem 18. Jahr­hun­dert in der Schrift­spra­che aus­ge­brei­tet, in der es heu­te neben Fal­ter steht. Es gehört wohl zu ost­mit­tel­deutsch Schmet­ten (Sah­ne), einem Lehn­wort aus gleich­be­deu­tend tsche­chisch sme­ta­na. Nach altem Volks­glau­ben flie­gen Hexen in Schmet­ter­lings­ge­stalt, um Milch und Sah­ne zu steh­len (daher auch mund­art­li­che Bezeich­nun­gen des Schmet­ter­lings wie »Mol­ken­dieb« und »But­ter­vo­gel« und alt­eng­lisch butor­flē­ge, eng­lisch but­ter­fly).«[1] Damit wird deut­lich, dass der Schmet­ter­ling in frü­he­ren Zei­ten eher als eine Bedro­hung und nicht wie heut­zu­ta­ge als hüb­scher Fal­ter wahr­ge­nom­men wur­de. Wie sich ein Wort ver­än­dert, ist, bei ety­mo­lo­gi­scher Betrach­tung, eine span­nen­de Rei­se in die Vergangenheit.

So oder so kann es manch­mal beru­hi­gend sein, etwas zu ver­klei­nern, dann wird dar­aus ein Pro­blem­chen, das man nur ab und zu hat …

Mythen des Alltags

Lastenrad

Leiser Transporter mit Muskelkraft und Ökostrom

Wie ein Wal­hai zwi­schen Put­zer­fi­schen glei­tet das üppig bela­de­ne »Cargobike« zwi­schen den ande­ren Fahr­rä­dern auf dem Rad­weg dahin. Es wirkt durch sei­ne Grö­ße eher behä­big, biegt dafür über­ra­schend schnell in eine Stra­ße ein, wo es direkt vor dem Ein­gang einer Kita parkt und drei klei­ne Kin­der aus dem Las­ten­korb klet­tern.– Kein ganz neu­es Bild, aber immer häu­fi­ger zu beob­ach­ten: Las­ten­fahr­rä­der, die das Fami­li­en­au­to erset­zen oder zumin­dest ergän­zen. Bei immer­hin 120 kg Zula­dung kön­nen locker drei Kin­der und der Wochen­ein­kauf ver­staut wer­den. Nicht nur Fami­li­en kom­men auf den Geschmack, eine Kon­stan­zer Fahr­rad­händ­le­rin erkennt ein neu­es Lebens­ge­fühl rund um die »Cargobikes«. Ihre Kun­den sind oft jun­ge, umwelt­be­wuss­te Men­schen, die noch nie ein Auto hat­ten und auch kei­nes wol­len. Sie trans­por­tie­ren ein­fach alles mit den Bikes: Hun­de, Bier­käs­ten, Umzugs­kar­tons, Zim­mer­pflan­zen, Instru­men­te, Matrat­zen — und spä­ter viel­leicht auch mal Kinder. 

Nach­dem Las­ten­rä­der Ende des 19. Jahr­hun­derts ihren ers­ten Hype hat­ten, gerie­ten sie durch die zuneh­men­de Moto­ri­sie­rung des Stra­ßen­ver­kehrs bei­na­he in Ver­ges­sen­heit. In Däne­mark über­leb­ten sie als »Long Johns«[1] und »Chris­tia­na-Bikes«[2], in den Nie­der­lan­den als »Bak­fiet­sen«. Hier sind sie erst seit den 2000ern wie­der im Kom­men. Rich­tig Fahrt auf­ge­nom­men hat die neue »Cargobike«-Begeisterung durch die Aus­stat­tung der Las­ten­rä­der mit Elek­tro­mo­tor. Eine stu­fen­los ein­stell­ba­re Unter­stüt­zung bis 25 km/h macht das Fah­ren von Anfang an sehr leicht und ange­nehm. Feh­len­de Aus­dau­er braucht man so nicht zu fürch­ten. Selbst wenn der Korb mit dem Liebs­ten, einem Pick­nick­korb und zusätz­lich dem dicken Hund bela­den ist, kann man unbe­schwert losbrausen.

Mit einem Las­ten­rad ist man in der Stadt deut­lich unab­hän­gi­ger und güns­ti­ger unter­wegs als mit einem Auto. Zudem fällt die ner­ven­rau­ben­de Park­platz­su­che weg; geparkt wird ein­fach genau da, wo man hin will. Der Akku kann an jeder Steck­do­se gela­den wer­den, vor­zugs­wei­se natür­lich mit grü­nem Strom. Das kos­tet pro Akku­la­dung etwa 20 Cent, Steu­er- und Ver­si­che­rungs­kos­ten fal­len kei­ne an. 

Nur die Anschaf­fung eines Cargobikes ist mit rund 8000 Euro ziem­lich teu­er. Das hin­dert die Deut­schen jedoch nicht dar­an, immer mehr Trans­port­rä­der zu kau­fen: Laut des Zwei­rad-Indus­trie-Ver­bands (ZIV)[3] sind die Ver­kaufs­zah­len von Cargobikes in Deutsch­land im Jahr 2020 auf über 100000 Stück ange­stie­gen. Die oben erwähn­te Fahr­rad­händ­le­rin kann die­sen Trend bestä­ti­gen. Durch die »Lock­downs« wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie sind offen­bar vie­le Men­schen wie­der aufs Fahr­rad gestie­gen, beson­ders Las­ten­rä­der sind beliebt. Sie berich­tet von über­glück­li­chen Men­schen, die gar nicht glau­ben kön­nen, dass sie jemals frei­wil­lig auf das bele­ben­de Fahr­rad­fahr-Gefühl ver­zich­tet haben. Viel­leicht ist das die neue Frei­heit: Fahrt­wind in den Haa­ren und Öko­strom unterm Hintern.

Buchbesprechung

»Design ist politisch, weil …«

Friedrich von Borries über Design und Gesellschaft

Im Ver­gleich zu ande­ren Dis­zi­pli­nen gibt es in der Design­bran­che weni­ge wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen und theo­re­ti­sche Abhand­lun­gen. Fried­rich von Bor­ries, stu­dier­ter Archi­tekt, lehrt das noch jun­ge Fach Design­theo­rie an der Hoch­schu­le für bil­den­de Küns­te in Ham­burg. Er beschäf­tigt sich mit der Bezie­hung von Gestal­tung und gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung. So erschien 2016 sein Buch »Welt­ent­wer­fen – Eine poli­ti­sche Designtheorie«.

Dar­in stellt von Bor­ries ein Bewer­tungs­ras­ter für Design unter poli­ti­schen Aspek­ten vor. Für ihn hat jedes Design heut­zu­ta­ge eine poli­ti­sche Aus­sa­ge: »Design ist poli­tisch, weil Design in die Beschaf­fen­heit der Welt ein­greift.« (S. 31) Bei der Bewer­tung von Design sei­en »poli­ti­sche und ethi­sche Kri­te­ri­en (…) lan­ge abge­lehnt« (S. 34) wor­den. Die­se The­sen könn­ten die Dring­lich­keit und Wich­tig­keit sei­nes Buches unter­mau­ern – aller­dings ist zu erwäh­nen, dass die poli­ti­sche Dimen­si­on von Design durch­aus von bei­spiels­wei­se Vic­tor Papa­nek, den er selbst zitiert (vgl. S.20), betrach­tet wur­de oder auch von Andre­as Koop.– Als wei­te­re Grund­la­ge teilt der Autor mit, dass sei­ne Theo­rie auf Gedan­ken der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten auf­baut. Im Lau­fe des Buches bezieht er sich daher auf Phi­lo­so­phen, Anthro­po­lo­gen oder Sozio­lo­gen wie Mar­tin Heid­eg­ger, Vilém Flus­ser, Arnold Geh­len, Gün­ther Anders, Gior­gio Agam­ben, Imma­nu­el Kant, Jean-Jac­ques Rous­se­au oder Peter Sloterdijk.

Zu Beginn defi­niert von Bor­ries den Begriff »Design« und stellt damit eine gemein­sa­me Basis her. Er ver­steht Design nicht nur als die Gestal­tung von Din­gen oder Gegen­stän­den, son­dern viel­mehr als das Ent­wer­fen von Pro­zes­sen, gesell­schaft­li­chen Sys­te­men und der Selbst­ge­stal­tung. Dabei lehnt er sich an einen bekann­ten Satz Imma­nu­el Kants an: »Ent­wer­fen ist der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner Unter­wor­fen­heit.« (S. 15) Wei­ter­hin erklärt er: »Design kann damit als Aus­druck von Nor­men, aber auch von Ängs­ten und Hoff­nun­gen ver­stan­den wer­den.« (S. 18)

Aus die­ser weit gefass­ten und poli­ti­schen Betrach­tung von Design ent­wi­ckelt von Bor­ries vier Kate­go­rien: Über­le­bens­de­sign, Sicher­heits­de­sign, Gesell­schafts­de­sign und Selbst­de­sign. »Sie ste­hen gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der, tre­ten mit­ein­an­der in Bezie­hung, bau­en auf­ein­an­der auf, um sich schließ­lich inein­an­der auf­zu­lö­sen.« (S. 33 f.) Im Haupt­teil des Buches defi­niert er eben­die­se vier Kate­go­rien und zeigt anhand von aktu­el­len, inter­es­san­ten, gesell­schafts­re­le­van­ten Bei­spie­len auf, wie­so etwas als gut oder schlecht ver­stan­den wer­den kann. Gut bedeu­tet für ihn ent­wer­fen­des Design, das Frei­hei­ten und neue Mög­lich­kei­ten schafft. Schlecht bedeu­tet für ihn unter­wer­fen­des Design, das Zwän­ge kre­iert oder zu Macht­zwe­cken instru­men­ta­li­siert wird. »Ent­wer­fen­dem Design steht unter­wer­fen­des Design gegen­über. Die Gren­zen sind flie­ßend.« (S. 20) Genau die­se Wech­sel­be­zie­hung von Ent­wer­fen und Unter­wer­fen »bür­det Desi­gnern die Ver­pflich­tung auf, sich immer wie­der mit den Ver­wer­tungs­kon­tex­ten (…) ihrer Arbeit aus­ein­an­der­zu­set­zen.« (S. 21) Dar­aus folgt auch von Bor­ries‹ Appell, jeder Desi­gner müs­se sich selbst und sich inner­halb sei­ner Arbei­ten poli­tisch positionieren. 

Das Buch ist ange­nehm for­dernd zu lesen und erweist sich als gute Lek­tü­re für Gestal­ter, die Inter­es­se an poli­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Design-Fra­ge­stel­lun­gen haben. Fried­rich von Bor­ries hat sich umfas­send mit geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur aus­ein­an­der­ge­setzt und stellt span­nen­de, teils bekann­te Brü­cken zwi­schen Design und Poli­tik her. Sei­ne vier gesetz­ten Kate­go­rien ana­ly­siert er Schritt für Schritt und unter­sucht sie nach ent- und unter­wer­fen­den, also nach guten und schlech­ten Aspek­ten. Die Bei­spie­le umfas­sen dabei die Gestal­tung der Was­ser- und Nah­rungs­ver­tei­lung, die Debat­te um die Balan­ce von Frei­heit und Sicher­heit, Pro­ble­me, die sich aus Big Data erge­ben, oder die Fra­ge, wie man Frei­tod kate­go­ri­sie­ren könn­te. Da er selbst – kon­se­quen­ter­wei­se – poli­tisch Posi­ti­on ein­nimmt, baut sei­ne Theo­rie sehr auf sei­ner west­li­chen, libe­ra­len Sicht auf die Din­ge auf.

Schluss­end­lich fol­gert er, dass hin­ter jedem gestal­te­ten Gegen­stand und Pro­zess ein Stück Welt­ent­wer­fen steckt: »Im Anthro­po­zän ist die Welt gleich­zei­tig Gegen­stand und Ergeb­nis von Design.« (S. 119) Und nicht zuletzt lüf­tet er das Geheim­nis um die omi­nö­se Tür­klin­ke, die es auf das Buch­co­ver geschafft hat. Inwie­weit ist ihre Gestal­tung ein poli­ti­scher Ausdruck?

Buchbesprechung

»Die Kunst soll unfrei werden«

Hanno Rauterberg über einen neuen Kulturkampf

In sei­nem Essay »Wie frei ist die Kunst?« zielt Han­no Rau­ter­berg in jedem der sechs auf­ein­an­der auf­bau­en­den Kapi­teln auf die Beant­wor­tung einer Leit­fra­ge ab, die der Fra­ge nach der Kunst­frei­heit unter­ge­ord­net ist. Rau­ter­berg zufol­ge sei schon öfter zu beob­ach­ten gewe­sen, dass die Unfrei­heit der Kunst in Kauf genom­men wird, wenn sich »Min­der­hei­ten (…) auf ihre Ängs­te und ungu­ten Gefüh­le beru­fen« (S. 16), sobald sie sich von der Kunst bedroht oder ein­ge­schränkt füh­len. Die Fra­ge dar­um, wie frei denn die Kunst tat­säch­lich ist, ist laut Rau­ter­berg zu einem »Kul­tur­kampf ent­brannt« (S. 11), in dem nicht nur das »Sag- und Zeig­ba­re« (S. 20), son­dern auch der Frei­heits­be­griff neu defi­niert wer­den muss.

Er sen­si­bi­li­siert die Leser anhand von rea­len Fall­bei­spie­len für die The­ma­tik und schrei­tet ver­bal die »Front­ver­läu­fe die­ses Kul­tur­kampfs« (S. 12) ab. Dabei nimmt er viel­fäl­ti­ge, authen­ti­sche Blick­win­kel von Prot­ago­nis­ten ein und lässt Stim­men unter­schied­li­cher Akteu­re erklin­gen, deren Beweg­rün­de nach­voll­zieh­bar und plau­si­bel erschei­nen. In der aus­führ­li­chen dar­ge­leg­ten hit­zi­gen Debat­te um das Gemäl­de von Dana Schutz »Open Cas­ket« zeigt Rau­ter­berg deut­lich auf, dass heu­te im Prin­zip »jede dis­kri­mi­nier­te Grup­pe ein Aus­drucks- und Zugriffs­ver­bot ver­lan­gen« (S. 28) kann. Im Fal­le der Künst­le­rin Dana Schutz wur­de ihr prak­tisch das Recht auf »eine ästhe­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der schwar­zen Lei­dens­ge­schich­te« (S. 28) abge­spro­chen, obwohl es doch seit jeher im künst­le­ri­schen Tun auch um das Hin­ein­den­ken in ande­re Men­schen und ande­re Zei­ten geht. Vor allem in den sozia­len Netz­wer­ken »fan­den sich zahl­rei­che Unter­stüt­zer« (S. 32), die – vom »Ver­lan­gen nach Gerech­tig­keit« (S. 33) oder »im Namen der Gleich­be­rech­ti­gung« (S. 35) getrie­ben – sich selbst­ver­ständ­lich für das Ver­bot des Gemäl­des auf Kos­ten der Kunst­frei­heit aussprachen. 

Der Künst­ler Sam Durant soll sogar sei­ne Eigen­tums­rech­te an sei­ner Skulp­tur abge­ge­ben haben, die kurz dar­auf von neu­en Besit­zern »ver­gra­ben« (S. 42) wur­de, so sehr hat­te die Kunst auf­ge­wühlt. Rau­ter­berg deckt aber auch gleich­zei­tig auf, dass erst auf­grund der Bemü­hun­gen um das »Ver­ber­gen (…) die Wer­ke deut­lich« her­vor­tre­ten (S. 85). Der Per­spek­tiv­wech­sel von »Makro- und Mikro­kon­flik­ten« (S. 19) ist kei­nes­wegs stö­rend, viel­mehr betont er die Bri­sanz des The­mas und ver­sucht, die Gesamt­heit zu erfassen.

Rau­ter­berg beleuch­tet für den Leser Hin­ter­grün­de und stellt Moti­ve, Mecha­nis­men und wert­vol­le Kern­wer­te der Debat­te her­aus. Immer wie­der tau­chen erfri­schen­de Umschrei­bun­gen, Meta­phern oder Wort­neu­schöp­fun­gen auf, wie z. B. »Klick­ti­vis­mus« (S. 14) oder »Ent­set­zens­stür­me« (S. 17). Ihm gelingt es, kom­ple­xe The­men anhand von Streit­fäl­len für den Leser auf den Punkt zu brin­gen. Mit­tels die­ser Streit­fäl­le zeigt Han­no Rau­ter­berg gedank­li­che Span­nungs­fel­der auf und gibt immer wie­der Denk­an­stö­ße: »Die Kri­tik an der Künst­le­rin und ihren Wer­ken eben­falls als Angriff zu wer­ten, blieb in dem Kon­flikt undis­ku­tiert.« (S. 57) 

Zwar setzt der Essay von Rau­ter­berg ein grund­le­gen­des Inter­es­se an der Kunst vor­aus, doch er hält das, was er auf dem Klap­pen­text ver­spricht: Er ver­schafft auf 141 Sei­ten einen guten Über­blick über die aktu­el­le Lage der Kunst und ihre hit­zi­ge Debat­te um Moral und Ästhe­tik. Betrach­tet man bei­de Sei­ten, Künst­ler und Min­der­heit, so fin­det auch der Autor in sei­nem Essay noch kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, wer eigent­lich bestimmt, »wes­sen Gefüh­le die ver­letz­te­ren sind.« (S. 44) In einer ver­ständ­li­chen und erfri­schend leb­haf­ten Spra­che führt Rau­ter­berg tief durch­dacht in die­se The­men ein.

Buchbesprechung

»Nehmen Sie den Auftrag an?«

Maren Martschenko über gestaltende Beratung

Die Mar­ken­be­ra­te­rin Maren Mart­schen­ko zeigt in ihrem Werk »Design ist mehr als schnell mal schön«, wie Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner sich zu gestal­ten­den Bera­tern wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen. Sie hat die soge­nann­te »Espres­sostra­te­gie« ent­wi­ckelt. Die soll, wie der ita­lie­ni­sche Kaf­fee, »klein, stark, auf das Wesent­li­che kon­zen­triert« (S. 23) sein. Anhand der vier Schrit­te der »Espres­sostra­te­gie« zeigt Mart­schen­ko, wie die­se Ent­wick­lung aus­se­hen kann. 

Die Wei­ter­ent­wick­lung zur gestal­ten­den Bera­tung ist aus Sicht der Autorin nötig, weil sich Desi­gner aktu­ell in einem »Design-Dilem­ma« wie­der­fin­den. Das Dilem­ma ent­steht zum einen durch demo­kra­ti­sie­ren­de Design-Soft­ware, die ver­meint­lich jeden zum Desi­gner macht. Dadurch hat sich bei Auf­trag­ge­bern der Anspruch nach Design ver­stärkt, das vor allem schnell und bil­lig sein soll. Dazu kommt, dass Desi­gner ihre Arbeit eher als Gesamt­pro­dukt ver­kau­fen, zum Bei­spiel als Cor­po­ra­te Design, und nicht als den zeit­auf­wen­di­gen Design-Pro­zess, der es tat­säch­lich ist. Das führt dazu, dass Design nicht die Wert­schät­zung und nicht die Ent­loh­nung erfährt, die Desi­gner sich wünschen.

Das Buch rich­tet sich an Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner, die es einer­seits satt­ha­ben über Hono­ra­re zu ver­han­deln, und ande­rer­seits nicht mehr mit Auf­trag­ge­bern auf der Ebe­ne von »gefällt« oder »gefällt nicht« über ihre Ent­wür­fe debat­tie­ren möch­ten. Gestal­ten­de Bera­ter haben laut Mart­schen­ko fol­gen­de Vor­tei­le gegen­über Gra­fik­de­si­gnern: Die bera­ten­de Leis­tung wird in Zukunft eher nicht durch KI ersetzt, die Bera­ter wer­den wesent­lich frü­her in den Pro­zess ein­ge­bun­den, nicht erst wenn etwas gestal­tet wer­den soll, sie agie­ren mit den Auf­trag­ge­bern auf Augen­hö­he, die Bezah­lung ist bes­ser und sie »wer­den fürs Den­ken und Fra­gen stel­len bezahlt« (S. 13).

Die vier Ebe­nen der »Espres­sostra­te­gie« sind mit Sein, Haben, Sagen und Tun benannt. Jeder Ebe­ne sind meh­re­re Kapi­tel im Buch gewid­met. In ihnen wird aus­führ­lich beschrie­ben, wel­che Schrit­te Gestal­ter gehen soll­ten, um sich zu gestal­ten­den Bera­tern wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Im ers­ten Schritt »Sein« geht es zunächst dar­um, für sich selbst zu klä­ren, ob man die Anfor­de­run­gen, die an Bera­ter gestellt wer­den, erfüllt; ein Fra­ge­bo­gen hilft bei der Selbst-Ein­schät­zung. Neben per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten wie Kon­flikt­be­reit­schaft, Aus­dau­er, Geduld, Inter­es­se für Men­schen und zwi­schen­mensch­li­che Dyna­mi­ken sind auch betriebs­wirt­schaft­li­ches Den­ken, Ver­ständ­nis des jewei­li­gen Fach­be­reichs, Mode­ra­ti­ons- und Media­ti­ons­fä­hig­kei­ten und Pro­jekt­ma­nage­ment-Erfah­rung nötig. Außer­dem gilt es her­aus­zu­ar­bei­ten, was die eige­nen Zie­le sind und was einen antreibt. Mart­schen­ko nennt es: das eige­ne War­um fin­den (S. 63), das der Motor der Moti­va­ti­on ist. Eine Kern­fra­ge, da man erst nach der Defi­ni­ti­on der eige­nen Moti­va­ti­on auch begrün­den kann, war­um Auf­trag­ge­ber eine Bera­tung buchen soll­ten. Für die Selbst­ein­schät­zung stellt Mart­schen­ko in der »Tool­box Sein« noch wei­te­re Tech­ni­ken zur Ver­fü­gung: zum Bei­spiel die »Love-Show­er« (S. 62), bei der man Feed­back von zufrie­de­nen Kun­den ein­holt und sich so die eige­nen Stär­ken bewusst macht. Wei­te­re Tool­bo­xen mit Fra­ge­bö­gen, Tipps und Pro­jekt­ma­nage­ment-Werk­zeu­gen gibt es für die Berei­che »Haben«, »Sagen« und »Tun«.

Um von der Gestal­tung in die Bera­tung zu kom­men, sei es für Gestal­ter wich­tig, in eini­gen Punk­ten umzu­den­ken: Anstatt ein fer­ti­ges Pro­dukt zu ver­kau­fen wie ein Logo oder ein Pla­kat, steht nun der ergeb­nis­of­fe­ne Pro­zess im Vor­der­grund: »Das Gute ist: wenn Sie kei­ne Ergeb­nis­se ver­kau­fen, rückt der Pro­zess auto­ma­tisch in Vor­der­grund.« (S. 50) Die Arbeit wird nicht mehr für den Kun­den gemacht, son­dern mit ihm: »Die krea­ti­ve Leis­tung bei die­sem Pro­zess liegt idea­ler­wei­se viel mehr bei den Auf­trag­ge­ben­den (…).« (S. 51) Anders als der Desi­gner ist der Bera­ter für den Pro­zess ver­ant­wort­lich, nicht für das Ergeb­nis. Es geht dar­um, gemein­sam mit den Auf­trag­ge­bern die bes­ten Ant­wor­ten auf die anfangs gestell­ten Fra­gen zu finden.

Im nächs­ten Teil »Haben« geht es dar­um, wie ein »Magnet­pro­dukt« ent­wi­ckelt wird. Ein Pro­to­typ des neu­en Bera­tungs­an­ge­bots, das die eige­nen Leis­tun­gen »mit den Unter­neh­mens­zie­len der idea­len Auf­trag­ge­ber­schaft ver­knüpft« (S. 96). Auf­trag­ge­ber beur­teilt Mart­schen­ko mit­hil­fe der »Design-Lei­ter«, die vom »Dansk Design Cen­ter« ent­wi­ckelt wur­de. Es geht dar­um, wie viel Design-Ver­ständ­nis in den jewei­li­gen Fir­men schon vor­han­den ist. Kurz gesagt: je mehr, des­to bes­ser. Da es sehr wich­tig ist, den Wert des ange­bo­te­nen Pro­dukts zu ken­nen, gibt Mart­schen­ko prak­ti­sche Hin­wei­se, wie die­ser Wert sau­ber zu kal­ku­lie­ren sei.

»Sagen« beschreibt, wie die frisch geba­cke­nen Bera­ter über sich und ihre Fähig­kei­ten berich­ten kön­nen. Auch wenn »netz­wer­ken« etwas nega­tiv kon­no­tiert sein kann, geht es genau dar­um: Gleich­ge­sinn­te fin­den, mit Ent­schei­dern ins Gespräch kom­men, sich selbst als Exper­te ins Gespräch brin­gen. Mart­schen­ko emp­fiehlt statt eines Port­fo­li­os lie­ber Fall­stu­di­en zu zei­gen und »Sto­rytel­ling« statt Akqui­se zu betrei­ben. So kön­nen über ana­lo­ge und digi­ta­le Kanä­le die eige­ne Hal­tung trans­por­tiert wer­den, Ver­trau­en auf­ge­baut und Authen­ti­zi­tät bewie­sen werden.

Der letz­te Teil »Tun« kom­pri­miert noch­mal die Inhal­te der vor­an­ge­gan­ge­nen Tei­le und fasst zusam­men, wie man tat­säch­lich als gestal­ten­der Bera­ter in klei­nen, kon­kre­ten Schrit­ten ins Tun kommt. Abschlie­ßend zählt Mart­schen­ko in einer Not-to-do-list auf, was man bes­ser sein lässt, wie zum Bei­spiel: »Füh­ren Sie kei­ne Akqui­se­ge­sprä­che mehr mit Men­schen, die ohne Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz auf stra­te­gi­scher Ebe­ne sind.« (S. 157) Dann fin­det man direkt bei den Men­schen Gehör, die über Stra­te­gie und Bud­get ent­schei­den können. 

Das Buch ist lesens­wert für Desi­gner, die sich in Rich­tung Bera­tung wei­ter­ent­wi­ckeln möch­ten und eine kon­kre­te Stra­te­gie suchen, wie sie das errei­chen kön­nen – so dass sie nicht mehr erst am Ende etwas »hübsch machen« sol­len, son­dern viel frü­her als Bera­ter in den Ent­wick­lungs­pro­zess ein­ge­bun­den werden.

Buchbesprechung

»Narrationen der Zukunft«

Olga Tokarczuk über das Weben von Geschichten

Wel­ches Erleb­nis hat Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Olga Tok­ar­c­zuk zum Erzäh­len gebracht? War­um zeugt die Ich-Erzäh­lung von der Rat­lo­sig­keit der heu­ti­gen Autoren? Wie ver­än­dern Seri­en die Art, wie erzählt wird, und was bedeu­tet das für die Nar­ra­tio­nen der Zukunft? Tok­ar­c­zuk nimmt den Leser in ihrer Rede zur Lite­ra­tur­no­bel­preis­ver­lei­hung mit auf eine Rei­se durch die Welt des Erzäh­lens, des­sen Wich­tig­keit, Ver­än­de­rung und Ent­wick­lung, und sie beschreibt ihren Traum einer neu­en Erzählart.

Neben der Rede ist auch das Essay »Wie Über­set­zer die Welt ret­ten« in dem Buch zu fin­den. Hier beschäf­tigt sich Tok­ar­c­zuk mit der Bedeu­tung von Über­set­zun­gen sowie mit Spra­che und Lite­ra­tur. Die letz­ten 32 Sei­ten des Buches bestehen aus einer chro­no­lo­gi­schen Abhand­lung über Tok­ar­c­zuks Erleb­nis­se und den Gescheh­nis­sen seit der Ver­kün­dung des Lite­ra­tur­no­bel­prei­ses bis zu des­sen Ver­lei­hung. Es folgt eine bio­gra­fi­sche Notiz und Bibliografie.

In dem Essay »Der lie­be­vol­le Erzäh­ler« steigt Tok­ar­c­zuk mit einem Erleb­nis aus ihrer Kind­heit ein, das ihr die Grund­la­ge für die Fähig­keit, zu erzäh­len, geschaf­fen haben soll. Mit einer bild­haf­ten Nach­er­zäh­lung die­ses Moments lei­tet sie in eine Geschich­te über das Erzäh­len ein. Der figu­ra­ti­ve Schreib­stil zieht sich durch die gesam­te Rede.

Sie äußert ihre Unzu­frie­den­heit über die häu­fi­ge Ver­wen­dung des »Ich-Erzäh­lers« und das dar­aus fol­gen­de Stim­men­ge­wirr, das den Lite­ra­tur­markt über­schwem­me. »Was uns fehlt, ist – so scheint es – die para­bo­li­sche Dimen­si­on der Erzäh­lung.« (S. 20) Also Geschich­ten, die durch das Ver­wen­den von Para­beln den Leser in einen »psy­cho­lo­gisch anspruchs­vol­len Vor­gang« (S. 21) zwin­gen und damit der Erfah­rung beim Lesen eine Uni­ver­sa­li­tät ver­lei­hen. Es sei ihr wich­tig, mehr als nur das Schick­sal einer Ein­zel­per­son dar­zu­stel­len. Dass die Men­schen die engen Bezie­hun­gen zum Rest der Welt ver­lo­ren haben, bedau­ert Tok­ar­c­zuk stark: »Die Ich-Erzäh­lung ist über­aus bezeich­nend für unse­ren gegen­wär­ti­gen Blick auf die Welt, bei dem der ein­zel­ne Mensch die Stel­lung eines sub­jek­ti­ven Mit­tel­punkts ein­nimmt.« (S. 17) Mit­hil­fe einer neu­en Erzähl­wei­se möch­te sie die Bezie­hung zwi­schen Leser und Welt stär­ken. Tok­ar­c­zuk möch­te so erzäh­len, dass die Welt wie­der zu einer leben­di­gen Ein­heit wird und der Leser sei­nen Platz in ihr ver­steht und sein Han­deln über­denkt. Für sie bedeu­tet »der lie­be­vol­le Blick […], ein ande­res Sein anzu­neh­men und auf­zu­neh­men, in sei­ner Zer­brech­lich­keit, sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit, sei­ner Wehr­lo­sig­keit gegen Lei­den und das Wir­ken der Zeit.« (S. 60)

Der Strea­ming­se­rie ord­net sie »eine neue Form des Welt-Erzäh­lens« (S. 23) zu. Eine alte Erzähl­form wür­de hier mit­hil­fe neu­er Ele­men­te zu einem gro­ßen Ein­fluss »auf die kol­lek­ti­ven Vor­stel­lungs­wel­ten« (S. 24) wer­den. Die Art, mit der Seri­en den Zuschau­er so lan­ge wie mög­lich in ihrem Bann hal­ten sol­len, kri­ti­siert sie zwar indi­rekt, aber hier wer­de tat­säch­lich an »den Nar­ra­tio­nen der Zukunft gear­bei­tet« (S. 26) und es gäbe eine »Anpas­sung der Erzähl­wei­se an eine neue Rea­li­tät« (S. 26). So sehr Tok­ar­c­zuk auch von der Lite­ra­tur über­zeugt ist, kann sie sich jedoch vor­stel­len, dass »der Roman und die Lite­ra­tur schlicht und ein­fach zu nar­ra­ti­ven Rand­er­schei­nun­gen wer­den. Dass die bild­haf­te Dar­stel­lung, die neu­en For­men direk­ter Erfah­rungs­ver­mitt­lung – Kino, Foto­gra­fie, Vir­tu­al Rea­li­ty, Aug­men­ted Rea­li­ty – eine wirk­li­che Alter­na­ti­ve zum klas­si­schen Lesen dar­stel­len wer­den.« (S. 34)

Der Essay »Wie Über­set­zer die Welt ret­ten« schließt im Buch direkt an ihre Rede zur Nobel­preis­ver­lei­hung an. Tok­ar­c­zuk geht dar­in auf die Wich­tig­keit der Über­set­zer in Bezug auf die zivi­li­sier­te Welt ein. Ihr Argu­ment eröff­net sie mit den ara­bi­schen Kali­fen, die in ihrer Haupt­stadt Bag­dad eine Aka­de­mie für Über­set­zun­gen gegrün­det hat­ten und dort Wer­ke von Geo­gra­phen, Astro­no­men, Medi­zi­nern und Astro­lo­gen gesam­melt und über­setzt hat­ten. Mit dem Nie­der­gang des Römi­schen Rei­ches sind vie­le Ori­gi­na­le zer­stört wor­den, die Kopien in der Aka­de­mie jedoch sicher ver­wahrt gewe­sen. Das wie­der­hol­te sich im Mit­tel­al­ter in Spa­ni­en mit der Recon­quis­ta – dem bewaff­ne­ten Kampf der Chris­ten gegen die Mau­ren – und den Kreuz­zü­gen. Nach der Erobe­rung ara­bi­scher Städ­te wur­den die dort gefun­de­nen Wer­ke wie­der ins Latei­ni­sche über­setzt. Dies stieß eine »Wen­de in der mit­tel­al­ter­li­chen Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie« (S. 80) an. Durch die Über­set­zun­gen aus dem Ara­bi­schen, das eine deut­lich plas­ti­sche­re Spra­che ist, ent­stand außer­dem eine Viel­zahl an neu­en Begrif­fen, die der Wes­ten zuvor nicht kann­te. Dies zeigt die Qua­li­tät einer guten Über­set­zung, meint Tok­ar­c­zuk. Der Über­set­zer leis­tet eine unge­mei­ne »geis­ti­ge Vor­ar­beit« (S. 84), indem er das Geschrie­be­ne bereits ein­mal ver­ar­bei­tet, bevor er es in einer ande­ren Spra­che wie­der zu Papier bringt. Hier­mit wird nicht nur Wis­sen gesi­chert, son­dern auch ver­ein­facht und in moder­ne­rer Spra­che wie­der­ge­ge­ben. Lite­ra­tur beginnt für Tok­ar­c­zuk immer mit dem Autor, denn mit dem Wie­der­ge­ben der eige­nen Spra­che macht die­ser das Pri­va­te öffent­lich. Die pri­va­te Spra­che sieht Tok­ar­c­zuk als etwas ganz Beson­de­res und Ein­zig­ar­ti­ges an. Kul­tur ver­steht sie als einen Akt des »Aus­ta­rie­rens zwi­schen pri­va­ten und kol­lek­ti­ven Spra­chen« (S.92). Über­set­zer machen das Ver­ste­hen frem­der Wel­ten möglich.

Das Buch emp­fiehlt sich jedem, der in die Welt von Olga Tok­ar­c­zuk ein­tau­chen und einen Blick in ihre Art zu Den­ken wer­fen möch­te. In ihrer Rede zur Lite­ra­tur­no­bel­preis­ver­lei­hung gibt sie klei­ne Denk­an­stö­ße, denen der Leser gut fol­gen kann. Durch die Klar­heit ihrer Spra­che flicht sie auch ver­ständ­lich ihre Vor­stel­lung eines neu­en Erzäh­lens ein.

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