Mythen des Alltags
Einkaufszettel
Über die Poesie von Listen
»2 Schnitzel, Wurst/Schinken, 1 Milch. Ananas«, geschrieben auf einem Apotheken-Zettel. Wer hat diesen Einkaufszettel geschrieben? Jemand der Nahrungsmittel als Medizin wahrnimmt? Ein Fleischliebhaber mit Hang zu Exotischem? Ein anderer Zettel, auf dem anfänglich sehr säuberlich geschrieben steht: »Zucchini, Joghurt, Camembert, Rucola, Zutaten für Ratatouille, Orangen, 8 Butter, Clopapier, Kütü.« Nach den Orangen wird die Schrift hektisch und bizarr. Wer braucht so viel Butter, und was wird damit wohl gemacht? Was passiert plötzlich mit der Rechtschreibung und was bitte ist »Kütü«?
Auf einem anderen, nicht lesbaren Zettel, hat der Verfasser bei seinem Einkauf die einzelnen Wörter wild durchgestrichen. Der Zettel gleicht einem kunstvollen Schriftstück, dessen heftige Nutzspuren den Eindruck erwecken, als käme es aus einer anderen Zeit.
Wenn es um Einkaufszettel geht, legen die meisten Menschen offenbar keinen Wert auf Ästhetik, Sorgfalt und Rechtschreibung. Schnell wird etwas auf Papier gekritzelt, Hauptsache der Verfasser kann das lesen. Literatur, die quasi nur für einen selbst verfasst wurde.
Der Einkauf im Supermarkt ist je nach Tag und Uhrzeit eine äußert freudlose Angelegenheit. Wer einmal die Woche einkaufen geht, verbringt durchschnittlich 168 Stunden im Jahr damit.[1] Für manchen Einkäufer ist diese Prozedur mit Stress verbunden, da während des Ganges durch den Markt unzählige Entscheidungen getroffen werden müssen, das fällt nicht immer leicht. Die meisten Menschen gehen abends nach der Arbeit einkaufen, um die einkaufenden Massen am Wochenende zu meiden. Allerdings herrscht am Ende eines Tages oft eine gewisse Entscheidungsmüdigkeit, daher schreiben sehr viele Menschen ihren Einkaufsplan auf einen Zettel, um es sich leichter zu machen. Man trifft die Entscheidungen im Voraus. Und ein guter Einkaufszettel kann dabei helfen, den eigenen Konsum einzuschränken und, salopp gesagt, seine Sinne beisammen zu halten.
Das Interessante an Einkaufszetteln ist, dass – sobald der Einkauf getätigt wurde – die Zettel schnell aus dem Gedächtnis und aus dem eigenem Leben verschwinden. Sie werden weggeschmissen oder am Ort des Geschehens zurückgelassen und vom Verfasser nie mehr wieder beachtet. Ist je ein Einkaufszettel mehr als ein Mal benutzt worden? Zusammengeknüllt im Einkaufskorb oder eingeklemmt zwischen den Metallstangen des Kindersitzes im Einkaufswagen, sind diese Zettel kleine Hinweise auf den ehemaligen Besitzer, und wenn man einen findet, sollte man einen Moment inne halten und diesem Beachtung schenken. Einkaufszettel anderer Menschen können äußerst kurios und amüsant sein. Ein Einkaufszettel ermöglicht einen winzig kleinen, jedoch äußerst authentischen Einblick in die Persönlichkeit eines Menschen. Gleichzeitig entstehen viele Fragen, wenn man sich den Konsum anderer Personen ansieht: Beziehungsstatus, bevorstehende Verabredungen, gesundheitliche Verfassung oder sogar der Intelligenzquotient sind durch die kleinen Listen zu erahnen. Manchmal ist die Mischung aus Nahrungsmitteln und nicht essbarer Konsumgüter so skurril, dass man sich fragt, was wohl im Leben des Autors gerade los ist.
Der Fernsehmoderator Wigald Boning war so begeistert von den kleinen Schriftstücken, dass er sogar ein Buch über seine Sammlung von Einkaufszetteln schrieb.[2] Ein Studie[3] verrät ganz konkrete Fakten über die kleinen Zettel. Zum Beispiel, dass die Mehrheit der Einkäufer mit Einkaufszetteln weiblich ist und Konsumenten ohne Einkaufszettel häufig keine Kinder haben. Das Berliner Institut für Innovationsforschung hat in einer repräsentativen Umfrage[4] herausgefunden, dass 83 % aller Konsumenten ihre Liste noch auf Papier schreiben. Apps für Einkaufslisten sind jedoch stark im Kommen und werden vor allem von der jüngeren Generation genutzt. Schade. Ein digitaler Einkaufszettel lässt sich nur sehr schwer finden. Es gibt da allerdings noch eine andere interessante Fundsache im Supermarkt – vergessene, liegen gelassene oder verlorene Kassenbons. Seitdem es ab dem Jahr 2020 eine generelle Bonpflicht gibt, wird man diese wahrscheinlich in Zukunft häufiger finden. Und diese Zettel verraten uns dann die ganze ungeschminkte Wahrheit über den Konsum eines Menschen.
- [1] laut »ze.tt«, einem Partner-Magazin der Zeit; https://ze.tt/am-flughafen-beim-arzt-und-am-pc-so-viel-zeit-verbringt-ihr-im-leben-nur-mit-warten/, Stand 2.2.2020.
- [2] Boning, Wigald: Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten. Rowohlt Verlag, 2018.
- [3] Thomas, Art; Garland, Ron: Supermarket shopping lists: their effect on consumer expenditure. https://www.emerald.com/insight/content/doi/10.1108/09590559310028040/full/html, Stand 2.2.2020.
- [4] https://etailment.de/news/stories/Eingekauft-wird-einmal-die-Woche-16417, Stand 2.2.2020.
Mythen des Alltags
Kleider-Stuhl
Die Ergänzung des Kleiderschranks
Jeans aus, Jogginghose an — Bluse aus, kuscheligen Pullover an. Und nun? Wohin mit der Jeans, die in der Mittagspause einen kleinen Kaffeeklecks abbekam. Eigentlich nicht mehr frisch, aber der Fleck ging ja raus. In die Wäsche muss sie noch nicht. Und die Bluse, die heute Morgen frisch gewaschen aus der Schublade des feinsäuberlich aufgeräumten Kleiderschranks kam? Riecht etwas nach Kantine, aber einmal anziehen und dann wieder in die Wäsche, wäre doch schade.
Ein leichtes Schmunzeln breitet sich aus, als ihr Blick auf ihren Stuhl fällt. Wie konnten all ihre Klamotten im Laufe der Woche bloß wieder auf ihrem Schreibtischstuhl landen? Und warum macht sie sich die Mühe, diesen großen Haufen an »halbfrischer« Kleidung täglich vom Stuhl aufs Bett umzuladen, sobald sie sich auf den Stuhl setzen möchte und andersherum?
Es ist Freitag, und schon wieder wandern die noch nicht definierten Klamotten der Woche vom sogenannten »Kleider-Stuhl« systematisch in den Wäschekorb oder in den Kleiderschrank zurück. Aber warum nicht gleich so? Warum werden sie wöchentlich erneut auf dem Schreibtischstuhl zwischengeparkt oder auf dem Balkon von Essensgerüchen ausgelüftet, um im Endeffekt dann doch wieder »nur« im Wäschekorb zu landen oder, als »nicht mehr ganz frisches« Kleidungsstück abgestempelt, nur noch zuhause getragen zu werden? Und woher kommt diese scheinbar gewollte »Unordnung«?
Jeder Mensch definiert Ordnung individuell.[1] Termine werden in Kalendern organisiert, Klamotten nach Farben im Kleiderschrank arrangiert, und der Wocheneinkauf wird mithilfe einer gut organisierten Einkaufsliste erledigt.[2] Auch Umberto Eco befasste sich in seinem Buch »Die unendliche Liste«[3] mit großen Werken der Weltliteratur, der Kunst und der Philosophie und setzte sich mit dem Begriff der Liste auseinander. Dabei wurde ihm während seiner Recherche bewusst, wie schwindelerregend groß die Ausbeute an Listen ist und dass diese niemals vollkommen erfasst werden können. Eine Vielzahl an Listen existiert aufgrund der Meinung von Menschen, dass mit Ordnung und Auflistung Verständnis einhergeht — was jedoch oft nicht der Fall ist.[4]
Diese Denkweise liegt an der Funktionsweise unseres Gehirns. Es ist darauf programmiert, in neuen Umgebungen eine mentale Landkarte anzulegen. Das passiert mit allem, sei es beim Lesen von Texten, beim Betrachten von Bildern oder eben beim Blick in den Kleiderschrank. Das Gehirn wird immer versuchen, Informationen in passenden Karten abzuspeichern, um sie später leichter abrufen zu können.[5] Auch im Tierreich kommt dieses Phänomen vor. Eichhörnchen sortieren Eicheln, Haselnüsse, Walnüsse und Mandeln und bewahren diese getrennt voneinander auf. Und so geschieht es auch bei uns, dass wir unsere »halbfrische« Kleidung in mentalen Landkarten organisieren – auf dem Kleiderstuhl.
Aber woher kommt nun das Phänomen des »Kleider-Stuhls«? Der Ursprung lässt sich auf den damaligen »Herrendiener«, auch »stummer Diener« genannt, zurückführen. Er wurde dafür konzipiert, Kleidung für den nächsten Tag bereits am Vorabend herzurichten. Der Platz war hauptsächlich auf Jackett, Hose, Krawatte, Schuhe und Hemd des Mannes begrenzt.[6] Warum der »stumme Diener« jedoch nicht bis heute überlebte, lässt sich zum einen auf die nur begrenzbare Menge an Kleidung zurückführen. Was bringt dieser Aufbewahrungs-Gegenstand, wenn er nur limitierten Platz für wenig Kleidungsstücke zulässt? Von der Kippgefahr bei Überladung ganz zu schweigen. Zum anderen scheint dieses erstmals für Männerkleidung konzipierte Möbelstück weitestgehend aus der Mode gekommen zu sein, denn hierfür kann ebenfalls ein normaler Kleiderständer mit Bügeln oder eben doch unser »Kleider-Stuhl« verwendet werden.
Wie kann nun aber dem wöchentlichen Problem des überfrachteten »Kleider-Stuhls« effektiv vorgebeugt werden? Ist eine schonende Wäsche nach jedem Tragen die Lösung? Oder sollte doch eine extra Kleiderstange für halbfrische Kleidung angeschafft werden? Eine Lösung bietet der sogenannte Dampfreiniger, der sich zum Auffrischen und Bügeln eignet und darüber hinaus Gerüche bekämpft. So wird das Parken auf dem Kleider-Stuhl umgangen, die Klamotten haben die Möglichkeit, die Woche unbeschwert im Schrank neben all den anderen frischen Kleidern zu verbringen. Wer das nicht will, muss versuchen, sein Gehirn vor der Bildung mentaler Landkarten zu bewahren, damit eine Separierung der Kleidung bewusst nicht mehr stattfindet. So entlastet er den Stuhl von den Zusatzfunktionen des Entlüftens und der Aufbewahrung zurück zur Funktion »einfach mal nur sitzen« …
- [1] Anderson, John R.: Kognitive Psychologie. Heidelberg 1996.
- [2] Goldstone, Robert L.; Kersten, Alan: Concepts and categorization. In: Weiner, Irving B. (Hg.): Handbook of psychology. Volume IV: Experimental Psychology. New Jersey: Wiley 2003. S. 597—621.
- [3] Eco, Umberto: Die unendliche Liste. München: Dtv, 2011.
- [4] Teutsch, Katharina: Die Welt ist eine Liste. URL: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2009-12/umberto-eco-liste?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F, Stand 3.12.2021.
- [5] Kuchinke, Lars; Dickmann, Frank; Edler, Dennis; Bordewieck, Martin; Bestgen, Anne-Kathrin: The processing and integration of map elemets during a recognition memory task is mirrored in eye-movement patterns. In: Journal of environmental psychology 2016, Volume 47, S. 213—222.
- [6] Zajonz, Michael: Stumme Diener. URL: https://www.tagesspiegel.de/kultur/stumme-diener/809366.html (Stand 3.12.2021).
Mythen des Alltags
Abwasch
Thema eines jeden Haushalts
An sich weiß jeder, was zu tun ist, wenn die Rede vom Abwaschen ist – in der Ausführung meint jedoch jeder etwas anderes. Gibt es eigentlich eine Definition für den Abwasch? Im Duden findet man:
Abwasch, der
Bedeutungen:
1) das Abwaschen
Beispiele: den Abwasch übernehmen, erledigen - machst du den Abwasch?
Wendungen, Redensarten, Sprichwörter: das ist ein Abwasch; das geht, das machen wir in einem Abwasch (Aufwasch)
2) zu spülendes bzw. gespültes Geschirr
Beispiel: wir lassen den Abwasch im Becken stehen[1]
Beim Abwaschen geht es darum, benutzte Geschirrteile zu reinigen – logisch, nur ist das schon wieder relativ, denn jeder hat eine andere Vorgehensweise und mitunter eine andere Vorstellung von Sauberkeit. Da gibt es einerseits den Typ Wenn wir’s machen, dann aber richtig. Der Typ lässt zuerst das warme Wasser ins Spülbecken laufen, um anschließend einen Schuss Spülmittel hinzuzufügen. In einem schönen Schaumbad werden dann die einzelnen Geschirrteile nach und nach mit dem »Reinigungselement« vom Schmutz befreit. Bevor das jeweilige Teil dann zum Trocknen abgestellt wird, wird es noch einmal mit heißem Wasser abgespült, um mögliche Reste oder Schaum schlussendlich zu beseitigen. Dieser Abwasch-Typ ist also äußerst gründlich unterwegs.
Ganz anderer Meinung ist der Abwasch-Typ Ach, so dreckig ist das doch gar nicht. Er ist der Überzeugung, dass es ausreicht, die Sachen unter fließendem Wasser mal eben und ganz fix abzuspülen. An guten Tagen huscht dann vielleicht doch mal ein »Reinigungselement« samt Spülmittel über die Geschirrteile und zack – fertig. Da werden die Außenseiten von Tassen, Schüsseln oder Pfannen schon mal vernachlässigt, und Spülmittel gilt oftmals als überbewertet – war ja eh nur innen benutzt und auch gar nicht so dreckig.
Nicht ganz unwichtig ist die Wahl des »Reinigungselements«. Da gibt es einerseits die Verfechter des Schwamms – schließlich kann man mit ihm selbst die hartnäckigsten Verschmutzungen gut wegschrubben – so sieht’s der Abwasch-Typ Schrubber. Es gibt aber auch die Abwascher, die ein Schwammtuch oder Lappen bevorzugen, mit dem man dann ganz feinfühlig über die Geschirrteile wischen kann – der Abwasch-Typ Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und zu guter Letzt glaubt ein weiterer Abwasch-Typ, Der pure Finger(-nagel) regelt das. Er pult mit bloßen Fingern die Reste von den Tellern, schließlich könne man die Verschmutzung des Geschirrs im direkten Kontakt, Haut auf Porzellan, am besten spüren und beseitigen. Übrigens, »nur 4 % der Deutschen spülen gern«.[2]
Die tatsächliche Sauberkeit des Geschirrs mal außen vor gelassen, stellt sich die Anschlussfrage: abtrocknen oder an der Luft trocknen lassen? Auch hier scheiden sich die Geister: Manche sind der Ansicht, dass Abtrocknen vertane Lebenszeit wäre und die Sachen schon automatisch trocken werden. Andere wiederum trocknen ihre Habseligkeiten ab und polieren das Silber so gut es nur geht, damit man bloß keine Wasserflecken sieht.
Eine letzte wichtige Frage ist die nach dem Zeitpunkt: Gleich nach dem Essen abwaschen oder doch später? Gleich-Abwascher oder Wir-sammeln-erstmal-und-machen-das-später-Abwascher? An sich sind beide Positionen verständlich – kritisch wird’s, wenn sich im auf dem dreckigen Geschirr eigene Lebenswelten entwickeln …
Abwaschen geht aber auch anders: In Deutschland besitzen mittlerweile 73 % aller privaten Haushalte eine Spülmaschine.[3] Sie nimmt nicht nur die Arbeit des Spülens ab, sondern verbraucht dabei durchschnittlich 50 % weniger Wasser und 28 % weniger Energie als das Spülen von Hand.[4] Was für ein super Teil! Man stellt die benutzten Sachen einfach rein – manch eher pingelig veranlagter Einräumer spült die einzelnen Elemente unter dem Wasserhahn noch kurz vor (was übrigens laut Studien und Tests eigentlich gar nicht notwendig ist) – und dann kann’s auch schon losgehen mit dem Spülgang. Eh man sich versieht, ist alles sauber und so gut wie trocken. Aber so traumhaft das klingen mag, auch die Spülmaschine wirft Fragen auf: Wer räumt sie ein? Wer räumt sie aus? Räumt man sie direkt ein, oder parkt man die Sachen erst mal auf der Arbeitsfläche darüber? Wie räumt man sie ein? Darf das überhaupt in die Spülmaschine? Geht man noch mal mit einem Geschirrtuch über die gespülten Sachen? Ach, und muss sie nicht auch mal gereinigt werden?
Fragen über Fragen, die es wohl schon genau so lange gibt wie die Spülmaschine an sich – nämlich seit 1929. Damals brachte »Miele« den ersten Geschirrspüler Europas auf den Markt, und seit den 1960er-Jahren ist sie auch in mehr und mehr privaten Haushalten als tatkräftige Unterstützung mit am Start.[5] Deshalb gelten »Spülmichel«, »Spülfred« oder »Spülsabine«, wie sie liebevoll genannt werden, den meisten Haushalten als unverzichtbar. Gibt es die ultimative Lösung für den Abwasch? Das ist Typ-Sache …
- [1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Abwasch_Geschirr_Geschirrspuelen, Stand 19.12.2021.
- [2] https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/geschirr-spuelmaschine-umwelt-100.html, Stand 19.12.2021.
- [3] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Ausstattung-Gebrauchsgueter/Tabellen/a-haushaltsgeraete-d-lwr.html, Stand 19.12.2021.
- [4] https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/geschirr-spuelmaschine-umwelt-100.html, Stand 19.12.2021.
- [5] https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/geschirr-spuelmaschine-umwelt-100.html, Stand 19.12.2021.
Mythen des Alltags
Sinfonie vorm Fenster
Wenn die Fußgängerzone zum Resonanzkörper wird
Klack, klack, klack, klack
bruuuub - tipp, tipp - bruuuub - tipp.
Dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong.
»ICH HAAB KEINEE GEBÄÄÄHRMUTTER MEEEHR!!!«
»Die Besten Hits von heute!«
raaa -- rumms … raaa -- rumms … raaa- …- rumms.
---
Dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong, dong,
klirr.
Die erste Zeit in einer neuen Wohnung ist oft deshalb so aufreibend, weil alte Gewohnheiten aufgebrochen werden und neue erst entstehen. Das Klima ist ein anderes, es riecht ungewohnt und die Räume müssen noch mit Leben befüllt werden. Etwas, das uns besonders viel über die Umgebung, den Standort und die Leute in unmittelbarer Nähe verrät, sind die Umgebungsgeräusche. Ein zur Fußgängerzone ausgerichtetes Fenster kann dabei Fluch und Segen zugleich sein. Ungefiltert dringt alles, was der Resonanzkörper einer eng bebauten Gasse verspricht, in das Innere der Wohnung.
Wenn man die vielen akustischen Szenarien jedoch nicht als Störfaktor, sondern als Teile des Gesamten, als Kapitel eines Hörbuchs, als Sätze eines Konzertes aufnimmt, so bekommen die darin vorkommenden Akteure einen ganz anderen Stellenwert. Die Straße wird zur Konzerthalle, das Fenster zur Tribüne, die Fußgänger zu Musikern. Jeden Morgen beginnt aufs Neue eine einmalige Vorstellung, zu der jeder Bewohner der Straße eingeladen ist. Im Lauf des Tages entsteht eine Sinfonie, geformt von einem Orchester das sich seiner Rolle gar nicht bewusst ist.
Der Vorhang geht auf.
Erster Satz.
Das Klackern und Trappeln von vielen Schuhpaaren auf dem Kopfsteinpflaster wird langsam lauter. crescendo.
Die Klänge verraten den Schauplatz der Handlung: Wir befinden uns in einer Altstadt. Ohne viele Worte kommen die Menschen miteinander aus, es ist noch früh am Morgen. Die Taube tritt auf die Bühne. Mit ihren Füßchen kratzt sie laut gurrend und unrhythmisch über das metallene Fensterbrett. Ihr skurriler Tanz lässt das Orchester in den Hintergrund treten.
Zweiter Satz.
Kirchenglocken schlagen zwölf Mal. Sie läuten den dynamischen Teil des Stückes ein. fortissimo.
»ICH HAAB KEINEE GEBÄÄÄHRMUTTER MEEEHR!!!« schreit der Solist vorwurfsvoll klagend aus seiner heiseren Männerkehle. Etwas entfernter hört man eine aufgeregte Radiostimme das nächste Lied ankündigen.
Ein lautes, schnell wummerndes Scheppern unterbricht es nach den ersten zwei Sekunden. Es klingt, als würde Metall auf Stein klopfen; ein tiefer Bass und ein grelles Klirren schmettern ein Duett. Motorengeräusche werden lauter. Tür auf - Tür zu, Tür auf - … irgendwo klingelt es, - Tür zu, wieder der Motor. Viele Instrumente setzen ein, bis es fast unerträglich hektisch und laut auf der Bühne ist.
Dritter Satz.
Dann plötzlich: Stille. piano.
Nur ein einzelnes Paar Schuhe entfernt sich dumpf.
Acht Glockenschläge. Ein hohes Klirren von sich berührenden Glasflaschen. Im ersten Stock wird aus Gemurmel Stimmen, aus Stimmen Gelächter.
Es klingelt an der Tür.
An meiner Tür!
Ich schließe das Fenster, mache den Vorhang zu und betrete die Bühne.
Mythen des Alltags
Verniedlichung
Der Säugling ist kein Sauger
Wir verwenden täglich Verniedlichungsformen ohne darüber tiefer nachzudenken, geschweige denn darüber zu reflektieren. »Na, mein Bärchen? Mausi, Schnucki, Liebling, Häschen, Schatzi, Darling, Spatzl …« und so weiter und so fort. So wollen sich Paare Zuneigung zeigen. Sobald jedoch der richtige Vorname des anderen vom Partner ausgesprochen wird, kann sich das bereits wie eine Bedrohung anhören. Psychologisch betrachtet sind dies Automatismen, auf die schon in der Kindheit zurückgegriffen wurden, z. B. als die Mutter Kosenamen benutzte, um ihre Liebe auszudrücken.
Wenn die Verniedlichungsform genau betrachtet wird, so kann der Kontext ad absurdum geführt werden. Beispielsweise kann jemand sich die Ohrläppchen reiben, wenn ihm kalt sein sollte, damit die Durchblutung angeregt und es etwas wärmer wird. Der Begriff »Ohrläppchen« ist in unseren Sprachgebrauch eingegangen und hat sich verselbstständigt. Kaum jemand wird seinen Ohrlappen reiben wollen; das Wort »Ohrlappen« weckt eher die Vorstellung einer Abnormalität, die unterhalb unseres Gehörgangs herauswächst und unästhetisch aussehen könnte …
Alles, was wir als klein und süß empfinden, wird von uns verniedlicht. Bei allem, was uns nah und vertraut ist, vermischen wir dessen Identität mit unserem emotionalen Eindruck und verändern so auch unsere Sprache über diese Dinge, seien es Menschen, Tiere, Beobachtungen oder Eindrücke. Wir würden nicht darauf kommen, den »Säugling« als »Sauger« zu bezeichnen. Die Assoziation mit dem Wort »Sauger« entspricht nicht einem kleinen Baby – schon eher einem Staubsauger oder einem recht sperrigen, industriellen Ding, das mehrere Tonnen Flüssigkeiten von einer Stelle zur anderen transportiert. Wir können uns mit der Bezeichnung »Säugling« für das Neugeborene besser arrangieren, weil das zu unserer subjektiven Empfindung eher passt und weil wir unseren instinktiven Gefühlen dem Baby gegenüber somit sprachlich zum Ausdruck verhelfen können.
Verniedlichende Wörter, von der Sprachwissenschaft »Diminutive« genannt, verkleinern oder verringern etwas. Ein Dimunitiv ist die Verkleinerungsform eines Substantivs und lässt sich aus vielen Wörtern als Koseform oder Abwertung bilden. Wird aus einem großen »Haus« ein »Häuschen«, findet eine Silbendopplung mit Kürzung des ursprünglichen Substantivs statt. Gleichzeitig wird ein verniedlichendes Suffix angehangen, in diesem Fall »-chen«. Dieses grammatikalische Prinzip funktioniert im Deutschen auch mit anderen Wörtern: Aus einem »Hund« wird ein »Hünd-chen« oder »Hund-i«. Im Deutschen wird im Zuge der Verniedlichung der Vokal des ursprünglichen Substantivs oftmals zum Umlaut: Aus einem »Sack« wird ein »Säckchen«.
Aber nicht nur im gegenwärtigen Sprachgebrauch stößt man auf Verkleinerungen, auch bei unseren Urahnen, die sich auf ihren Instinkt verlassen mussten, um das große Brüllen von dem kleinen Piepsen zu unterscheiden. Hat sich damals ein kleines harmloses Tier im Gebüsch versteckt, so war der kleine Laut, den es von sich gegeben hat, nicht weiter gefährlich. Befand sich ein großes Raubtier in der Nähe, konnte schnell das Weite gesucht werden. Anscheinend können wir auch instinktiv entscheiden, was groß oder klein sein kann. Den schriftsprachlich von uns festgehaltenen Tierlaut »pieps« verbinden wir wohl eher mit einem kleinen zwitschernden Vogel, ein »roaar« dagegen mit einem großen brüllenden Löwen.
Müssen sich alle kleinen Dinge klein anhören und Große groß? In einem Gedicht spielt Michael Ende damit, dass beim »Lindwurm« und beim »Schmetterling« die zugehörigen Objekte nicht zur klanglichen Ebene der Worte passen und macht aus dem Drachen einen »Schmetterwurm« und aus dem Insekt einen »Lindling«. Die Etymologie des Wortes »Schmetterling« erklärt der »Duden« so: »Das ursprünglich obersächsische Wort (16. Jahrhundert) hat sich erst seit dem 18. Jahrhundert in der Schriftsprache ausgebreitet, in der es heute neben Falter steht. Es gehört wohl zu ostmitteldeutsch Schmetten (Sahne), einem Lehnwort aus gleichbedeutend tschechisch smetana. Nach altem Volksglauben fliegen Hexen in Schmetterlingsgestalt, um Milch und Sahne zu stehlen (daher auch mundartliche Bezeichnungen des Schmetterlings wie »Molkendieb« und »Buttervogel« und altenglisch butorflēge, englisch butterfly).«[1] Damit wird deutlich, dass der Schmetterling in früheren Zeiten eher als eine Bedrohung und nicht wie heutzutage als hübscher Falter wahrgenommen wurde. Wie sich ein Wort verändert, ist, bei etymologischer Betrachtung, eine spannende Reise in die Vergangenheit.
So oder so kann es manchmal beruhigend sein, etwas zu verkleinern, dann wird daraus ein Problemchen, das man nur ab und zu hat …
Mythen des Alltags
Lastenrad
Leiser Transporter mit Muskelkraft und Ökostrom
Wie ein Walhai zwischen Putzerfischen gleitet das üppig beladene »Cargobike« zwischen den anderen Fahrrädern auf dem Radweg dahin. Es wirkt durch seine Größe eher behäbig, biegt dafür überraschend schnell in eine Straße ein, wo es direkt vor dem Eingang einer Kita parkt und drei kleine Kinder aus dem Lastenkorb klettern.– Kein ganz neues Bild, aber immer häufiger zu beobachten: Lastenfahrräder, die das Familienauto ersetzen oder zumindest ergänzen. Bei immerhin 120 kg Zuladung können locker drei Kinder und der Wocheneinkauf verstaut werden. Nicht nur Familien kommen auf den Geschmack, eine Konstanzer Fahrradhändlerin erkennt ein neues Lebensgefühl rund um die »Cargobikes«. Ihre Kunden sind oft junge, umweltbewusste Menschen, die noch nie ein Auto hatten und auch keines wollen. Sie transportieren einfach alles mit den Bikes: Hunde, Bierkästen, Umzugskartons, Zimmerpflanzen, Instrumente, Matratzen — und später vielleicht auch mal Kinder.
Nachdem Lastenräder Ende des 19. Jahrhunderts ihren ersten Hype hatten, gerieten sie durch die zunehmende Motorisierung des Straßenverkehrs beinahe in Vergessenheit. In Dänemark überlebten sie als »Long Johns«[1] und »Christiana-Bikes«[2], in den Niederlanden als »Bakfietsen«. Hier sind sie erst seit den 2000ern wieder im Kommen. Richtig Fahrt aufgenommen hat die neue »Cargobike«-Begeisterung durch die Ausstattung der Lastenräder mit Elektromotor. Eine stufenlos einstellbare Unterstützung bis 25 km/h macht das Fahren von Anfang an sehr leicht und angenehm. Fehlende Ausdauer braucht man so nicht zu fürchten. Selbst wenn der Korb mit dem Liebsten, einem Picknickkorb und zusätzlich dem dicken Hund beladen ist, kann man unbeschwert losbrausen.
Mit einem Lastenrad ist man in der Stadt deutlich unabhängiger und günstiger unterwegs als mit einem Auto. Zudem fällt die nervenraubende Parkplatzsuche weg; geparkt wird einfach genau da, wo man hin will. Der Akku kann an jeder Steckdose geladen werden, vorzugsweise natürlich mit grünem Strom. Das kostet pro Akkuladung etwa 20 Cent, Steuer- und Versicherungskosten fallen keine an.
Nur die Anschaffung eines Cargobikes ist mit rund 8000 Euro ziemlich teuer. Das hindert die Deutschen jedoch nicht daran, immer mehr Transporträder zu kaufen: Laut des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV)[3] sind die Verkaufszahlen von Cargobikes in Deutschland im Jahr 2020 auf über 100000 Stück angestiegen. Die oben erwähnte Fahrradhändlerin kann diesen Trend bestätigen. Durch die »Lockdowns« während der Corona-Pandemie sind offenbar viele Menschen wieder aufs Fahrrad gestiegen, besonders Lastenräder sind beliebt. Sie berichtet von überglücklichen Menschen, die gar nicht glauben können, dass sie jemals freiwillig auf das belebende Fahrradfahr-Gefühl verzichtet haben. Vielleicht ist das die neue Freiheit: Fahrtwind in den Haaren und Ökostrom unterm Hintern.
- [1] »Der Long John ist ein besonderer Typ des Lastenfahrrads. Er wurde in Dänemark vermutlich um 1930 entwickelt. Im Unterschied zu anderen Lastenfahrrädern befindet sich beim Long John zwischen Lenksäule und Vorderrad eine tief liegende Lastenfläche, die mit bis zu 100 kg beladen werden kann.« Quelle: Mobile Welten e.V.. (2021−11−26). Transportrad Long John. URL: https://nds.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=43170 (Stand: 9.2.2022)
- [2] 1984 in der Freistadt Christiania in Dänemark entwickelt, ursprünglich für den Transport von Kindern. Zwischen den beiden Vorderrädern befindet sich eine robuste Holzkiste. Christiania Bikes Aps, URL: https://www.christianiabikes.com/uk/about-us/our-history/ (Stand: 10.2.2022)
- [3] Zweirad-Industrie-Verband, URL: https://www.ziv-zweirad.de/uploads/media/PM_2021_10.03._Fahrrad-_und_E-Bike_Markt_2020.pdf (Stand: 8.2.2022)
Buchbesprechung
»Design ist politisch, weil …«
Friedrich von Borries über Design und Gesellschaft
Im Vergleich zu anderen Disziplinen gibt es in der Designbranche wenige wissenschaftliche Auseinandersetzungen und theoretische Abhandlungen. Friedrich von Borries, studierter Architekt, lehrt das noch junge Fach Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Er beschäftigt sich mit der Beziehung von Gestaltung und gesellschaftlicher Entwicklung. So erschien 2016 sein Buch »Weltentwerfen – Eine politische Designtheorie«.
Darin stellt von Borries ein Bewertungsraster für Design unter politischen Aspekten vor. Für ihn hat jedes Design heutzutage eine politische Aussage: »Design ist politisch, weil Design in die Beschaffenheit der Welt eingreift.« (S. 31) Bei der Bewertung von Design seien »politische und ethische Kriterien (…) lange abgelehnt« (S. 34) worden. Diese Thesen könnten die Dringlichkeit und Wichtigkeit seines Buches untermauern – allerdings ist zu erwähnen, dass die politische Dimension von Design durchaus von beispielsweise Victor Papanek, den er selbst zitiert (vgl. S.20), betrachtet wurde oder auch von Andreas Koop.– Als weitere Grundlage teilt der Autor mit, dass seine Theorie auf Gedanken der Kulturwissenschaften aufbaut. Im Laufe des Buches bezieht er sich daher auf Philosophen, Anthropologen oder Soziologen wie Martin Heidegger, Vilém Flusser, Arnold Gehlen, Günther Anders, Giorgio Agamben, Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau oder Peter Sloterdijk.
Zu Beginn definiert von Borries den Begriff »Design« und stellt damit eine gemeinsame Basis her. Er versteht Design nicht nur als die Gestaltung von Dingen oder Gegenständen, sondern vielmehr als das Entwerfen von Prozessen, gesellschaftlichen Systemen und der Selbstgestaltung. Dabei lehnt er sich an einen bekannten Satz Immanuel Kants an: »Entwerfen ist der Ausgang des Menschen aus seiner Unterworfenheit.« (S. 15) Weiterhin erklärt er: »Design kann damit als Ausdruck von Normen, aber auch von Ängsten und Hoffnungen verstanden werden.« (S. 18)
Aus dieser weit gefassten und politischen Betrachtung von Design entwickelt von Borries vier Kategorien: Überlebensdesign, Sicherheitsdesign, Gesellschaftsdesign und Selbstdesign. »Sie stehen gleichberechtigt nebeneinander, treten miteinander in Beziehung, bauen aufeinander auf, um sich schließlich ineinander aufzulösen.« (S. 33 f.) Im Hauptteil des Buches definiert er ebendiese vier Kategorien und zeigt anhand von aktuellen, interessanten, gesellschaftsrelevanten Beispielen auf, wieso etwas als gut oder schlecht verstanden werden kann. Gut bedeutet für ihn entwerfendes Design, das Freiheiten und neue Möglichkeiten schafft. Schlecht bedeutet für ihn unterwerfendes Design, das Zwänge kreiert oder zu Machtzwecken instrumentalisiert wird. »Entwerfendem Design steht unterwerfendes Design gegenüber. Die Grenzen sind fließend.« (S. 20) Genau diese Wechselbeziehung von Entwerfen und Unterwerfen »bürdet Designern die Verpflichtung auf, sich immer wieder mit den Verwertungskontexten (…) ihrer Arbeit auseinanderzusetzen.« (S. 21) Daraus folgt auch von Borries‹ Appell, jeder Designer müsse sich selbst und sich innerhalb seiner Arbeiten politisch positionieren.
Das Buch ist angenehm fordernd zu lesen und erweist sich als gute Lektüre für Gestalter, die Interesse an politischen und philosophischen Design-Fragestellungen haben. Friedrich von Borries hat sich umfassend mit geisteswissenschaftlicher Literatur auseinandergesetzt und stellt spannende, teils bekannte Brücken zwischen Design und Politik her. Seine vier gesetzten Kategorien analysiert er Schritt für Schritt und untersucht sie nach ent- und unterwerfenden, also nach guten und schlechten Aspekten. Die Beispiele umfassen dabei die Gestaltung der Wasser- und Nahrungsverteilung, die Debatte um die Balance von Freiheit und Sicherheit, Probleme, die sich aus Big Data ergeben, oder die Frage, wie man Freitod kategorisieren könnte. Da er selbst – konsequenterweise – politisch Position einnimmt, baut seine Theorie sehr auf seiner westlichen, liberalen Sicht auf die Dinge auf.
Schlussendlich folgert er, dass hinter jedem gestalteten Gegenstand und Prozess ein Stück Weltentwerfen steckt: »Im Anthropozän ist die Welt gleichzeitig Gegenstand und Ergebnis von Design.« (S. 119) Und nicht zuletzt lüftet er das Geheimnis um die ominöse Türklinke, die es auf das Buchcover geschafft hat. Inwieweit ist ihre Gestaltung ein politischer Ausdruck?
Buchbesprechung
»Die Kunst soll unfrei werden«
Hanno Rauterberg über einen neuen Kulturkampf
In seinem Essay »Wie frei ist die Kunst?« zielt Hanno Rauterberg in jedem der sechs aufeinander aufbauenden Kapiteln auf die Beantwortung einer Leitfrage ab, die der Frage nach der Kunstfreiheit untergeordnet ist. Rauterberg zufolge sei schon öfter zu beobachten gewesen, dass die Unfreiheit der Kunst in Kauf genommen wird, wenn sich »Minderheiten (…) auf ihre Ängste und unguten Gefühle berufen« (S. 16), sobald sie sich von der Kunst bedroht oder eingeschränkt fühlen. Die Frage darum, wie frei denn die Kunst tatsächlich ist, ist laut Rauterberg zu einem »Kulturkampf entbrannt« (S. 11), in dem nicht nur das »Sag- und Zeigbare« (S. 20), sondern auch der Freiheitsbegriff neu definiert werden muss.
Er sensibilisiert die Leser anhand von realen Fallbeispielen für die Thematik und schreitet verbal die »Frontverläufe dieses Kulturkampfs« (S. 12) ab. Dabei nimmt er vielfältige, authentische Blickwinkel von Protagonisten ein und lässt Stimmen unterschiedlicher Akteure erklingen, deren Bewegründe nachvollziehbar und plausibel erscheinen. In der ausführlichen dargelegten hitzigen Debatte um das Gemälde von Dana Schutz »Open Casket« zeigt Rauterberg deutlich auf, dass heute im Prinzip »jede diskriminierte Gruppe ein Ausdrucks- und Zugriffsverbot verlangen« (S. 28) kann. Im Falle der Künstlerin Dana Schutz wurde ihr praktisch das Recht auf »eine ästhetische Auseinandersetzung mit der schwarzen Leidensgeschichte« (S. 28) abgesprochen, obwohl es doch seit jeher im künstlerischen Tun auch um das Hineindenken in andere Menschen und andere Zeiten geht. Vor allem in den sozialen Netzwerken »fanden sich zahlreiche Unterstützer« (S. 32), die – vom »Verlangen nach Gerechtigkeit« (S. 33) oder »im Namen der Gleichberechtigung« (S. 35) getrieben – sich selbstverständlich für das Verbot des Gemäldes auf Kosten der Kunstfreiheit aussprachen.
Der Künstler Sam Durant soll sogar seine Eigentumsrechte an seiner Skulptur abgegeben haben, die kurz darauf von neuen Besitzern »vergraben« (S. 42) wurde, so sehr hatte die Kunst aufgewühlt. Rauterberg deckt aber auch gleichzeitig auf, dass erst aufgrund der Bemühungen um das »Verbergen (…) die Werke deutlich« hervortreten (S. 85). Der Perspektivwechsel von »Makro- und Mikrokonflikten« (S. 19) ist keineswegs störend, vielmehr betont er die Brisanz des Themas und versucht, die Gesamtheit zu erfassen.
Rauterberg beleuchtet für den Leser Hintergründe und stellt Motive, Mechanismen und wertvolle Kernwerte der Debatte heraus. Immer wieder tauchen erfrischende Umschreibungen, Metaphern oder Wortneuschöpfungen auf, wie z. B. »Klicktivismus« (S. 14) oder »Entsetzensstürme« (S. 17). Ihm gelingt es, komplexe Themen anhand von Streitfällen für den Leser auf den Punkt zu bringen. Mittels dieser Streitfälle zeigt Hanno Rauterberg gedankliche Spannungsfelder auf und gibt immer wieder Denkanstöße: »Die Kritik an der Künstlerin und ihren Werken ebenfalls als Angriff zu werten, blieb in dem Konflikt undiskutiert.« (S. 57)
Zwar setzt der Essay von Rauterberg ein grundlegendes Interesse an der Kunst voraus, doch er hält das, was er auf dem Klappentext verspricht: Er verschafft auf 141 Seiten einen guten Überblick über die aktuelle Lage der Kunst und ihre hitzige Debatte um Moral und Ästhetik. Betrachtet man beide Seiten, Künstler und Minderheit, so findet auch der Autor in seinem Essay noch keine Antwort auf die Frage, wer eigentlich bestimmt, »wessen Gefühle die verletzteren sind.« (S. 44) In einer verständlichen und erfrischend lebhaften Sprache führt Rauterberg tief durchdacht in diese Themen ein.
Buchbesprechung
»Nehmen Sie den Auftrag an?«
Maren Martschenko über gestaltende Beratung
Die Markenberaterin Maren Martschenko zeigt in ihrem Werk »Design ist mehr als schnell mal schön«, wie Kommunikationsdesigner sich zu gestaltenden Beratern weiterentwickeln können. Sie hat die sogenannte »Espressostrategie« entwickelt. Die soll, wie der italienische Kaffee, »klein, stark, auf das Wesentliche konzentriert« (S. 23) sein. Anhand der vier Schritte der »Espressostrategie« zeigt Martschenko, wie diese Entwicklung aussehen kann.
Die Weiterentwicklung zur gestaltenden Beratung ist aus Sicht der Autorin nötig, weil sich Designer aktuell in einem »Design-Dilemma« wiederfinden. Das Dilemma entsteht zum einen durch demokratisierende Design-Software, die vermeintlich jeden zum Designer macht. Dadurch hat sich bei Auftraggebern der Anspruch nach Design verstärkt, das vor allem schnell und billig sein soll. Dazu kommt, dass Designer ihre Arbeit eher als Gesamtprodukt verkaufen, zum Beispiel als Corporate Design, und nicht als den zeitaufwendigen Design-Prozess, der es tatsächlich ist. Das führt dazu, dass Design nicht die Wertschätzung und nicht die Entlohnung erfährt, die Designer sich wünschen.
Das Buch richtet sich an Kommunikationsdesigner, die es einerseits satthaben über Honorare zu verhandeln, und andererseits nicht mehr mit Auftraggebern auf der Ebene von »gefällt« oder »gefällt nicht« über ihre Entwürfe debattieren möchten. Gestaltende Berater haben laut Martschenko folgende Vorteile gegenüber Grafikdesignern: Die beratende Leistung wird in Zukunft eher nicht durch KI ersetzt, die Berater werden wesentlich früher in den Prozess eingebunden, nicht erst wenn etwas gestaltet werden soll, sie agieren mit den Auftraggebern auf Augenhöhe, die Bezahlung ist besser und sie »werden fürs Denken und Fragen stellen bezahlt« (S. 13).
Die vier Ebenen der »Espressostrategie« sind mit Sein, Haben, Sagen und Tun benannt. Jeder Ebene sind mehrere Kapitel im Buch gewidmet. In ihnen wird ausführlich beschrieben, welche Schritte Gestalter gehen sollten, um sich zu gestaltenden Beratern weiterzuentwickeln. Im ersten Schritt »Sein« geht es zunächst darum, für sich selbst zu klären, ob man die Anforderungen, die an Berater gestellt werden, erfüllt; ein Fragebogen hilft bei der Selbst-Einschätzung. Neben persönlichen Eigenschaften wie Konfliktbereitschaft, Ausdauer, Geduld, Interesse für Menschen und zwischenmenschliche Dynamiken sind auch betriebswirtschaftliches Denken, Verständnis des jeweiligen Fachbereichs, Moderations- und Mediationsfähigkeiten und Projektmanagement-Erfahrung nötig. Außerdem gilt es herauszuarbeiten, was die eigenen Ziele sind und was einen antreibt. Martschenko nennt es: das eigene Warum finden (S. 63), das der Motor der Motivation ist. Eine Kernfrage, da man erst nach der Definition der eigenen Motivation auch begründen kann, warum Auftraggeber eine Beratung buchen sollten. Für die Selbsteinschätzung stellt Martschenko in der »Toolbox Sein« noch weitere Techniken zur Verfügung: zum Beispiel die »Love-Shower« (S. 62), bei der man Feedback von zufriedenen Kunden einholt und sich so die eigenen Stärken bewusst macht. Weitere Toolboxen mit Fragebögen, Tipps und Projektmanagement-Werkzeugen gibt es für die Bereiche »Haben«, »Sagen« und »Tun«.
Um von der Gestaltung in die Beratung zu kommen, sei es für Gestalter wichtig, in einigen Punkten umzudenken: Anstatt ein fertiges Produkt zu verkaufen wie ein Logo oder ein Plakat, steht nun der ergebnisoffene Prozess im Vordergrund: »Das Gute ist: wenn Sie keine Ergebnisse verkaufen, rückt der Prozess automatisch in Vordergrund.« (S. 50) Die Arbeit wird nicht mehr für den Kunden gemacht, sondern mit ihm: »Die kreative Leistung bei diesem Prozess liegt idealerweise viel mehr bei den Auftraggebenden (…).« (S. 51) Anders als der Designer ist der Berater für den Prozess verantwortlich, nicht für das Ergebnis. Es geht darum, gemeinsam mit den Auftraggebern die besten Antworten auf die anfangs gestellten Fragen zu finden.
Im nächsten Teil »Haben« geht es darum, wie ein »Magnetprodukt« entwickelt wird. Ein Prototyp des neuen Beratungsangebots, das die eigenen Leistungen »mit den Unternehmenszielen der idealen Auftraggeberschaft verknüpft« (S. 96). Auftraggeber beurteilt Martschenko mithilfe der »Design-Leiter«, die vom »Dansk Design Center« entwickelt wurde. Es geht darum, wie viel Design-Verständnis in den jeweiligen Firmen schon vorhanden ist. Kurz gesagt: je mehr, desto besser. Da es sehr wichtig ist, den Wert des angebotenen Produkts zu kennen, gibt Martschenko praktische Hinweise, wie dieser Wert sauber zu kalkulieren sei.
»Sagen« beschreibt, wie die frisch gebackenen Berater über sich und ihre Fähigkeiten berichten können. Auch wenn »netzwerken« etwas negativ konnotiert sein kann, geht es genau darum: Gleichgesinnte finden, mit Entscheidern ins Gespräch kommen, sich selbst als Experte ins Gespräch bringen. Martschenko empfiehlt statt eines Portfolios lieber Fallstudien zu zeigen und »Storytelling« statt Akquise zu betreiben. So können über analoge und digitale Kanäle die eigene Haltung transportiert werden, Vertrauen aufgebaut und Authentizität bewiesen werden.
Der letzte Teil »Tun« komprimiert nochmal die Inhalte der vorangegangenen Teile und fasst zusammen, wie man tatsächlich als gestaltender Berater in kleinen, konkreten Schritten ins Tun kommt. Abschließend zählt Martschenko in einer Not-to-do-list auf, was man besser sein lässt, wie zum Beispiel: »Führen Sie keine Akquisegespräche mehr mit Menschen, die ohne Entscheidungskompetenz auf strategischer Ebene sind.« (S. 157) Dann findet man direkt bei den Menschen Gehör, die über Strategie und Budget entscheiden können.
Das Buch ist lesenswert für Designer, die sich in Richtung Beratung weiterentwickeln möchten und eine konkrete Strategie suchen, wie sie das erreichen können – so dass sie nicht mehr erst am Ende etwas »hübsch machen« sollen, sondern viel früher als Berater in den Entwicklungsprozess eingebunden werden.
Buchbesprechung
»Narrationen der Zukunft«
Olga Tokarczuk über das Weben von Geschichten
Welches Erlebnis hat Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zum Erzählen gebracht? Warum zeugt die Ich-Erzählung von der Ratlosigkeit der heutigen Autoren? Wie verändern Serien die Art, wie erzählt wird, und was bedeutet das für die Narrationen der Zukunft? Tokarczuk nimmt den Leser in ihrer Rede zur Literaturnobelpreisverleihung mit auf eine Reise durch die Welt des Erzählens, dessen Wichtigkeit, Veränderung und Entwicklung, und sie beschreibt ihren Traum einer neuen Erzählart.
Neben der Rede ist auch das Essay »Wie Übersetzer die Welt retten« in dem Buch zu finden. Hier beschäftigt sich Tokarczuk mit der Bedeutung von Übersetzungen sowie mit Sprache und Literatur. Die letzten 32 Seiten des Buches bestehen aus einer chronologischen Abhandlung über Tokarczuks Erlebnisse und den Geschehnissen seit der Verkündung des Literaturnobelpreises bis zu dessen Verleihung. Es folgt eine biografische Notiz und Bibliografie.
In dem Essay »Der liebevolle Erzähler« steigt Tokarczuk mit einem Erlebnis aus ihrer Kindheit ein, das ihr die Grundlage für die Fähigkeit, zu erzählen, geschaffen haben soll. Mit einer bildhaften Nacherzählung dieses Moments leitet sie in eine Geschichte über das Erzählen ein. Der figurative Schreibstil zieht sich durch die gesamte Rede.
Sie äußert ihre Unzufriedenheit über die häufige Verwendung des »Ich-Erzählers« und das daraus folgende Stimmengewirr, das den Literaturmarkt überschwemme. »Was uns fehlt, ist – so scheint es – die parabolische Dimension der Erzählung.« (S. 20) Also Geschichten, die durch das Verwenden von Parabeln den Leser in einen »psychologisch anspruchsvollen Vorgang« (S. 21) zwingen und damit der Erfahrung beim Lesen eine Universalität verleihen. Es sei ihr wichtig, mehr als nur das Schicksal einer Einzelperson darzustellen. Dass die Menschen die engen Beziehungen zum Rest der Welt verloren haben, bedauert Tokarczuk stark: »Die Ich-Erzählung ist überaus bezeichnend für unseren gegenwärtigen Blick auf die Welt, bei dem der einzelne Mensch die Stellung eines subjektiven Mittelpunkts einnimmt.« (S. 17) Mithilfe einer neuen Erzählweise möchte sie die Beziehung zwischen Leser und Welt stärken. Tokarczuk möchte so erzählen, dass die Welt wieder zu einer lebendigen Einheit wird und der Leser seinen Platz in ihr versteht und sein Handeln überdenkt. Für sie bedeutet »der liebevolle Blick […], ein anderes Sein anzunehmen und aufzunehmen, in seiner Zerbrechlichkeit, seiner Einzigartigkeit, seiner Wehrlosigkeit gegen Leiden und das Wirken der Zeit.« (S. 60)
Der Streamingserie ordnet sie »eine neue Form des Welt-Erzählens« (S. 23) zu. Eine alte Erzählform würde hier mithilfe neuer Elemente zu einem großen Einfluss »auf die kollektiven Vorstellungswelten« (S. 24) werden. Die Art, mit der Serien den Zuschauer so lange wie möglich in ihrem Bann halten sollen, kritisiert sie zwar indirekt, aber hier werde tatsächlich an »den Narrationen der Zukunft gearbeitet« (S. 26) und es gäbe eine »Anpassung der Erzählweise an eine neue Realität« (S. 26). So sehr Tokarczuk auch von der Literatur überzeugt ist, kann sie sich jedoch vorstellen, dass »der Roman und die Literatur schlicht und einfach zu narrativen Randerscheinungen werden. Dass die bildhafte Darstellung, die neuen Formen direkter Erfahrungsvermittlung – Kino, Fotografie, Virtual Reality, Augmented Reality – eine wirkliche Alternative zum klassischen Lesen darstellen werden.« (S. 34)
Der Essay »Wie Übersetzer die Welt retten« schließt im Buch direkt an ihre Rede zur Nobelpreisverleihung an. Tokarczuk geht darin auf die Wichtigkeit der Übersetzer in Bezug auf die zivilisierte Welt ein. Ihr Argument eröffnet sie mit den arabischen Kalifen, die in ihrer Hauptstadt Bagdad eine Akademie für Übersetzungen gegründet hatten und dort Werke von Geographen, Astronomen, Medizinern und Astrologen gesammelt und übersetzt hatten. Mit dem Niedergang des Römischen Reiches sind viele Originale zerstört worden, die Kopien in der Akademie jedoch sicher verwahrt gewesen. Das wiederholte sich im Mittelalter in Spanien mit der Reconquista – dem bewaffneten Kampf der Christen gegen die Mauren – und den Kreuzzügen. Nach der Eroberung arabischer Städte wurden die dort gefundenen Werke wieder ins Lateinische übersetzt. Dies stieß eine »Wende in der mittelalterlichen Wissenschaft und Philosophie« (S. 80) an. Durch die Übersetzungen aus dem Arabischen, das eine deutlich plastischere Sprache ist, entstand außerdem eine Vielzahl an neuen Begriffen, die der Westen zuvor nicht kannte. Dies zeigt die Qualität einer guten Übersetzung, meint Tokarczuk. Der Übersetzer leistet eine ungemeine »geistige Vorarbeit« (S. 84), indem er das Geschriebene bereits einmal verarbeitet, bevor er es in einer anderen Sprache wieder zu Papier bringt. Hiermit wird nicht nur Wissen gesichert, sondern auch vereinfacht und in modernerer Sprache wiedergegeben. Literatur beginnt für Tokarczuk immer mit dem Autor, denn mit dem Wiedergeben der eigenen Sprache macht dieser das Private öffentlich. Die private Sprache sieht Tokarczuk als etwas ganz Besonderes und Einzigartiges an. Kultur versteht sie als einen Akt des »Austarierens zwischen privaten und kollektiven Sprachen« (S.92). Übersetzer machen das Verstehen fremder Welten möglich.
Das Buch empfiehlt sich jedem, der in die Welt von Olga Tokarczuk eintauchen und einen Blick in ihre Art zu Denken werfen möchte. In ihrer Rede zur Literaturnobelpreisverleihung gibt sie kleine Denkanstöße, denen der Leser gut folgen kann. Durch die Klarheit ihrer Sprache flicht sie auch verständlich ihre Vorstellung eines neuen Erzählens ein.