Mythen des Alltags

Einkaufszettel

Über die Poesie von Listen

Von Sophie-Lotte Rempen


»2 Schnit­zel, Wurst/Schinken, 1 Milch. Ana­nas«, geschrie­ben auf einem Apo­the­ken-Zet­tel. Wer hat die­sen Ein­kaufs­zet­tel geschrie­ben? Jemand der Nah­rungs­mit­tel als Medi­zin wahr­nimmt? Ein Fleisch­lieb­ha­ber mit Hang zu Exo­ti­schem? Ein ande­rer Zet­tel, auf dem anfäng­lich sehr säu­ber­lich geschrie­ben steht: »Zuc­chi­ni, Joghurt, Camem­bert, Ruco­la, Zuta­ten für Rata­touille, Oran­gen, 8 But­ter, Clo­pa­pier, Kütü.« Nach den Oran­gen wird die Schrift hek­tisch und bizarr. Wer braucht so viel But­ter, und was wird damit wohl gemacht? Was pas­siert plötz­lich mit der Recht­schrei­bung und was bit­te ist »Kütü«?

Auf einem ande­ren, nicht les­ba­ren Zet­tel, hat der Ver­fas­ser bei sei­nem Ein­kauf die ein­zel­nen Wör­ter wild durch­ge­stri­chen. Der Zet­tel gleicht einem kunst­vol­len Schrift­stück, des­sen hef­ti­ge Nutz­spu­ren den Ein­druck erwe­cken, als käme es aus einer ande­ren Zeit.

Wenn es um Ein­kaufs­zet­tel geht, legen die meis­ten Men­schen offen­bar kei­nen Wert auf Ästhe­tik, Sorg­falt und Recht­schrei­bung. Schnell wird etwas auf Papier gekrit­zelt, Haupt­sa­che der Ver­fas­ser kann das lesen. Lite­ra­tur, die qua­si nur für einen selbst ver­fasst wurde.

Der Ein­kauf im Super­markt ist je nach Tag und Uhr­zeit eine äußert freud­lo­se Ange­le­gen­heit. Wer ein­mal die Woche ein­kau­fen geht, ver­bringt durch­schnitt­lich 168 Stun­den im Jahr damit.[1] Für man­chen Ein­käu­fer ist die­se Pro­ze­dur mit Stress ver­bun­den, da wäh­rend des Gan­ges durch den Markt unzäh­li­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den müs­sen, das fällt nicht immer leicht. Die meis­ten Men­schen gehen abends nach der Arbeit ein­kau­fen, um die ein­kau­fen­den Mas­sen am Wochen­en­de zu mei­den. Aller­dings herrscht am Ende eines Tages oft eine gewis­se Ent­schei­dungs­mü­dig­keit, daher schrei­ben sehr vie­le Men­schen ihren Ein­kaufs­plan auf einen Zet­tel, um es sich leich­ter zu machen. Man trifft die Ent­schei­dun­gen im Vor­aus. Und ein guter Ein­kaufs­zet­tel kann dabei hel­fen, den eige­nen Kon­sum ein­zu­schrän­ken und, salopp gesagt, sei­ne Sin­ne bei­sam­men zu halten.

Das Inter­es­san­te an Ein­kaufs­zet­teln ist, dass – sobald der Ein­kauf getä­tigt wur­de – die Zet­tel schnell aus dem Gedächt­nis und aus dem eige­nem Leben ver­schwin­den. Sie wer­den weg­ge­schmis­sen oder am Ort des Gesche­hens zurück­ge­las­sen und vom Ver­fas­ser nie mehr wie­der beach­tet. Ist je ein Ein­kaufs­zet­tel mehr als ein Mal benutzt wor­den? Zusam­men­ge­knüllt im Ein­kaufs­korb oder ein­ge­klemmt zwi­schen den Metall­stan­gen des Kin­der­sit­zes im Ein­kaufs­wa­gen, sind die­se Zet­tel klei­ne Hin­wei­se auf den ehe­ma­li­gen Besit­zer, und wenn man einen fin­det, soll­te man einen Moment inne hal­ten und die­sem Beach­tung schen­ken. Ein­kaufs­zet­tel ande­rer Men­schen kön­nen äußerst kuri­os und amü­sant sein. Ein Ein­kaufs­zet­tel ermög­licht einen win­zig klei­nen, jedoch äußerst authen­ti­schen Ein­blick in die Per­sön­lich­keit eines Men­schen. Gleich­zei­tig ent­ste­hen vie­le Fra­gen, wenn man sich den Kon­sum ande­rer Per­so­nen ansieht: Bezie­hungs­sta­tus, bevor­ste­hen­de Ver­ab­re­dun­gen, gesund­heit­li­che Ver­fas­sung oder sogar der Intel­li­genz­quo­ti­ent sind durch die klei­nen Lis­ten zu erah­nen. Manch­mal ist die Mischung aus Nah­rungs­mit­teln und nicht ess­ba­rer Kon­sum­gü­ter so skur­ril, dass man sich fragt, was wohl im Leben des Autors gera­de los ist.

Der Fern­seh­mo­de­ra­tor Wigald Boning war so begeis­tert von den klei­nen Schrift­stü­cken, dass er sogar ein Buch über sei­ne Samm­lung von Ein­kaufs­zet­teln schrieb.[2] Ein Stu­die[3] ver­rät ganz kon­kre­te Fak­ten über die klei­nen Zet­tel. Zum Bei­spiel, dass die Mehr­heit der Ein­käu­fer mit Ein­kaufs­zet­teln weib­lich ist und Kon­su­men­ten ohne Ein­kaufs­zet­tel häu­fig kei­ne Kin­der haben. Das Ber­li­ner Insti­tut für Inno­va­ti­ons­for­schung hat in einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge[4] her­aus­ge­fun­den, dass 83 % aller Kon­su­men­ten ihre Lis­te noch auf Papier schrei­ben. Apps für Ein­kaufs­lis­ten sind jedoch stark im Kom­men und wer­den vor allem von der jün­ge­ren Genera­ti­on genutzt. Scha­de. Ein digi­ta­ler Ein­kaufs­zet­tel lässt sich nur sehr schwer fin­den. Es gibt da aller­dings noch eine ande­re inter­es­san­te Fund­sa­che im Super­markt – ver­ges­se­ne, lie­gen gelas­se­ne oder ver­lo­re­ne Kas­sen­bons. Seit­dem es ab dem Jahr 2020 eine gene­rel­le Bon­pflicht gibt, wird man die­se wahr­schein­lich in Zukunft häu­fi­ger fin­den. Und die­se Zet­tel ver­ra­ten uns dann die gan­ze unge­schmink­te Wahr­heit über den Kon­sum eines Menschen.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 19 und 20, Frühjahr 2022