Buchbesprechung

Computerspiele – die Flegeljahre einer jungen Kunstform

Björn Blankenheim untersucht das Game Design

Wer an den Begriff »Kunst« denkt, der asso­zi­iert damit mit hoher Wahr­schein­lich­keit die Male­rei, Bild­haue­rei, Lite­ra­tur, Musik oder auch Film. An Com­pu­ter­spie­le denkt ver­mut­lich nicht jeder als Ers­tes. Von man­chen noch immer als recht sinn­lo­ser Zeit­ver­treib belä­chelt, waren Com­pu­ter­spie­le nicht immer der gigan­ti­sche Sek­tor auf dem Enter­tain­ment-Markt, der sie heu­te sind. Die ers­ten Jahr­zehn­te der gera­de ent­stan­de­nen Bran­che waren geprägt von wage­mu­ti­gen Kon­zep­ten, Rück­schlä­gen und Neu­an­fän­gen. Gen­res bil­de­ten sich nach und nach her­aus, von denen es eini­ge bereits seit gut 30 Jah­ren prak­tisch nicht mehr gibt. Die Macher und Ver­le­ger der Spie­le stell­ten sich schon früh die Fra­ge, wodurch ihre Tätig­keit eigent­lich genau zu defi­nie­ren sei, wel­che Ansprü­che und wel­ches Selbst­ver­ständ­nis die Bran­che für sich selbst fin­den soll­te. Dabei griff man nicht nur wie­der­holt auf die his­to­ri­sche Ent­wick­lung der Kunst­form Film zurück, son­dern schloss auch an his­to­ri­sche Kunst­li­te­ra­tur – ins­be­son­de­re der Anti­ke und der Renais­sance – an.

In sei­nem Buch »Die Kunst des Com­pu­ter Game Design. Zur Pro­duk­ti­ons­äs­the­tik von Com­pu­ter­spie­len (1982—1996) im Spie­gel der his­to­ri­schen Kunst­li­te­ra­tur« befasst sich Björn Blan­ken­heim mit die­ser höchst frucht­ba­ren und fas­zi­nie­ren­den Pha­se der Com­pu­ter­spiel­ge­schich­te. Der Autor legt zunächst auf über­zeu­gen­de Wei­se offen, wodurch gera­de der gewähl­te Zeit­rah­men für den Unter­su­chungs­ge­gen­stand so bedeut­sam ist, ehe er aus­führ­lich auf die Geschich­te der Selbst­theo­re­ti­sie­rung in der Kunst ein­geht, wobei ins­be­son­de­re dem téchnē-Begriff eine gro­ße Rol­le zuteil­wird. Der téchnē-Begriff ist es auch, der den Bogen zum Com­pu­ter­spiel spannt, denn die Her­aus­ar­bei­tung einer theo­re­ti­schen Grund­la­ge des Game Design und damit ein­her­ge­hen­de Fra­gen nach der Defi­ni­ti­on des eige­nen Tuns eröff­ne­te in der jun­gen Bran­che ab den 1980ern einen leb­haf­ten Diskurs.

Blan­ken­heim zeich­net dar­an anschlie­ßend im Haupt­teil sei­ner Arbeit nach, wie die Bran­che ab Anfang der 1980er Jah­re ein eige­nes Kunst­ver­ständ­nis zu ent­wi­ckeln such­te und sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­ze, wie »ech­te Kunst« durch Com­pu­ter­spie­le ent­ste­hen kön­ne. Hier wer­den auch eini­ge der bedeu­tends­ten Prot­ago­nis­ten in Blan­ken­heims Unter­su­chung ein­ge­führt, allen vor­an Chris Craw­ford, Grün­der der Game Deve­lo­pers Con­fe­rence und Autor des weg­wei­sen­den Buches The Art of Com­pu­ter Game Design. Der star­ke Fokus auf Craw­ford mag zunächst ver­wun­dern, da die­ser sich bereits rela­tiv früh (1991) weit­ge­hend vom akti­ven Game Design ver­ab­schie­de­te und fort­an eher als Kolum­nist und auf Kon­fe­ren­zen in Erschei­nung trat. Blan­ken­heim arbei­tet jedoch über­zeu­gend her­aus, wes­halb Craw­fords Stim­me für die Com­pu­ter­spiel­bran­che wäh­rend des Unter­su­chungs­zeit­raums von solch gro­ßer Bedeu­tung war. Den oft bemüh­ten Ver­glei­chen von Com­pu­ter­spie­len zu ande­ren Medi­en wird ein gan­zes Kapi­tel gewid­met, in dem der Autor anhand ent­spre­chen­der Unter­ka­pi­tel für jedes Medi­um – Lite­ra­tur, Kino, Thea­ter – dar­legt, wie eini­ge Spie­le­ent­wick­ler ihre eige­nen künst­le­ri­schen Ein­flüs­se in die neue Kunst­form zu über­set­zen such­ten, ande­re hin­ge­gen sich klar davon distan­zier­ten, ein­fach nur inter­ak­ti­ve Varia­tio­nen bereits exis­tie­ren­der Medi­en zu ent­wi­ckeln. Die­ses über­aus inter­es­san­te Kapi­tel ist ver­hält­nis­mä­ßig kurz, dafür gerät der Teil zur Ent­wick­lung der Rol­le und des Selbst­ver­ständ­nis­ses von Game Desi­gnern zum umfang­reichs­ten der Arbeit, der sich manch­mal etwas in Details zu ver­lie­ren droht. Fra­gen nach Wesen und Eigen­schaf­ten des Com­pu­ter­spiels, sei­ner Gat­tun­gen, sei­ner Geschichts­schrei­bung und (in den 90ern unge­wis­sen) Zukunft been­den schließ­lich den Haupt­teil von Blan­ken­heims Arbeit. Im Abschluss­ka­pi­tel legt der Autor dann auf höchst span­nen­de Wei­se dar, wie sei­tens ande­rer Dis­zi­pli­nen ver­sucht wur­de, Com­pu­ter­spie­le für sich zu ver­ein­nah­men und wes­halb all die­se Ver­su­che dem neu­en Medi­um nicht gerecht wer­den konn­ten. Auch die­ser Teil hät­te ger­ne noch etwas aus­führ­li­cher behan­delt wer­den können.

Blan­ken­heims Mono­gra­phie erweist sich ins­ge­samt als ein mög­li­cher »Game­ch­an­ger« in der Geschichts­schrei­bung des Game Design und des die­sem zugrun­de lie­gen­den, lan­ge dis­ku­tier­ten Kunst­ver­ständ­nis­ses der Bran­che. Wie der Autor wie­der­holt deut­lich macht, man­gelt es sämt­li­chen in Fra­ge kom­men­den Dis­zi­pli­nen an wirk­lich umfas­sen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit zen­tra­len Aspek­ten des Game Design – gleich, ob es um die Selbst­theo­re­ti­sie­rung oder kon­kre­te prak­ti­sche Fra­gen der Pro­duk­ti­on geht. Blan­ken­heims Arbeit lie­fert hier eine bedeu­ten­de, gründ­lich recher­chier­te und über­zeu­gend argu­men­tier­te Grund­la­ge für eine wei­ter­füh­ren­de Aus­ein­an­der­set­zung mit einem hoch­kom­ple­xen und viel­schich­ti­gen Unter­su­chungs­ge­gen­stand. Dass man­che inter­es­san­ten Punk­te etwas knapp behan­delt wur­den, schmä­lert den Gesamt­ein­druck dabei nicht, kann der Bei­trag der Arbeit zur Erschlie­ßung des Gegen­stan­des schließ­lich nicht hoch genug ein­ge­schätzt wer­den. Soll­te immer noch jemand der Ansicht sein, Com­pu­ter­spie­le bedür­fen kei­ner ernst­haf­ten wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung – hier wird er zwei­fel­los eines Bes­se­ren belehrt.

Book Review

teachers tend to listen less often”

Sven Ingmar Thies writes on a teching introspective

Von Brian Switzer


A jour­ney. A care­er is a jour­ney that lea­ves its mark on each if us. Tea­ching is a jour­ney for the tea­cher and the stu­dent. Both aspects can be cle­ar­ly felt in Sven Ing­mar Thies’ book “tea­ching gra­phic design, approa­ches, insights, the role of lis­tening and 24 inter­views with inspi­ra­tio­nal edu­ca­tors.” One feels his jour­ney through his care­er as a stu­dent in Ger­ma­ny and Eng­land (Lon­don), then as a prac­ti­tio­ner for lar­ge bran­ding agen­ci­es in Lon­don, and final­ly as an aca­de­mic in Japan and Vien­na. Along the way the aut­hor was for­med and picked up fri­ends, col­le­agues and acquain­tances which are now inter­view part­ners. The journey—just as the list of interviewees—is impres­si­ve, inter­na­tio­nal, cross-disci­pli­na­ry and high caliber.

The book is struc­tu­red into four sec­tions. The first sec­tion sets the sce­ne and defi­nes the term gra­phic design (which I thought was gre­at choice, as it is also my favo­ri­te term for the field). Here Thies defends this posi­ti­on in his balan­ced fashion: “Due to this con­ti­nuous expan­si­on, the wish to rena­me gra­phic design has come up again and again, which seems under­stan­da­ble at first. After all a new term seeks to cap­tu­re and reflect the latest deve­lo­p­ments. At the same time, howe­ver, it seems a bit like inven­ting new pro­fes­sio­nal titles so that every sin­gle employee has an indi­vi­du­al posi­ti­on to show on their busi­ness card. … Why insist on new nomen­cla­tu­re when tech­no­lo­gi­cal chan­ge gives rise to new media and forms of com­mu­ni­ca­ti­on, but the sub­s­tance remains the same?” (p. 23) The next sec­tion ela­bo­ra­tes the author’s point of view on tea­ching, the third section—interviews—is by far the lar­gest (taking up two-thirds of the book) and richest sec­tion in the book. The fourth part of the book is a small coll­ec­tion of sam­ple assignments.

Thies’ obvious­ly win­ning per­so­na­li­ty shows in the long list of inter­views, in his enthu­si­asm and open­ness on the sub­ject of tea­ching, and also through his por­trait on page two. His love of lis­tening or per­haps for dia­lo­gue is pre­va­lent in the lin­gu­i­stic style of the book. Many parts of the book are struc­tu­red like a con­ver­sa­ti­on bet­ween the aut­hor and hims­elf. For exam­p­le: “Is the­re any action that tea­chers tend to employ less con­scious­ly? Is it the asking, lis­tening, spea­king, rethin­king or let­ting a per­son do some­thing? My expe­ri­ence from obser­va­tions and con­ver­sa­ti­ons with tea­chers and stu­dents is that tea­chers tend to lis­ten less often.” (p. 50) This is a clear strength of the book, the atti­tu­de of I am curious, and have a lot to learn, is ever pre­sent and chal­lenges one to reflect on their own tea­ching. The aut­hor breaks tea­ching down to the nit­ty-grit­ty from: punc­tua­li­ty, for­mats, assess­ment, feed­back, and the ever-pre­sent lis­tening. By unpack­ing tea­ching into smal­ler parts, Thies gives the rea­der an oppor­tu­ni­ty to reflect bit by bit on their own tea­ching methods and habits. It would be desi­ra­ble if the­re was a column for taking notes as you read.

The coll­ec­tion of assign­ments are also excel­lent, as they pro­vi­de a dif­fe­rent view into the tea­ching style of their ori­gi­na­tors. Obvious­ly the­re are books which have lar­ger coll­ec­tions of assign­ments (for exam­p­le: Tea­ching Gra­phic Design, Cour­se Offe­rings and Class Pro­jects from the Lea­ding Under­gra­dua­te and Gra­dua­te Pro­grams, Ste­ven Hel­ler, ed., 2003; The Edu­ca­ti­on of a Gra­phic Desi­gner, Ste­ven Hel­ler, ed., 1998) but they pro­vi­de an excel­lent con­trast to the con­ver­sa­ti­ons or inter­views, and round out the book a who­le. The inter­views are the best part of the book, a gre­at coll­ec­tion of design edu­ca­tors with very dif­fe­rent back­grounds, disci­pli­nes and strengths. Thies lets them speak, and encou­ra­ges them to talk about their tea­ching phi­lo­so­phy, suc­ces­ses and fail­ures. The alpha­be­ti­cal order keeps the mix colorful and inte­res­t­ing, and also hides how cle­ar­ly the peo­p­le con­nect to his own journey.

Unfort­u­na­te­ly, the book also has weak­ne­s­ses. As a nati­ve spea­k­er, I felt that the lan­guage was some­ti­mes a bit woo­den, and would have encou­ra­ged a more idio­ma­tic trans­la­ti­on style. Make no mista­ke, trans­la­ti­on is dif­fi­cult even in the best of times. Here we have peo­p­le from very dif­fe­rent cul­tures, making it har­der to get the style and the cul­tu­ral nuan­ces right. And alt­hough it is not a book about book design, the book is design-wise dis­ap­poin­ting, and the cover feels down­right nasty. This sur­pri­sed me the most. Here is an aut­hor with an illus­trious care­er, a mem­ber of one of the grea­test design uni­ver­si­ties in Euro­pe (that is not lack­ing in funds or talent), the design should have been spec­ta­cu­lar. Compa­re it to Adri­an Shaughnessy’s “How to be a Gra­phic Desi­gner Wit­hout Loo­sing Your Soul” or Micha­el Bierut’s “79 Short Essays on Design” and it is found wan­ting. Finally—and this is a minor point—I would have enjoy­ed a reflec­tion by the aut­hor on the inter­views, and what he took away from them at the end of the book.

In the final ana­ly­sis, the con­tents out weigh the for­mal nega­ti­ves. Thies’ book on tea­ching gra­phic design has a lot to offer many design edu­ca­tors, in terms of inspi­ra­ti­on, oppor­tu­ni­ties for reflec­tion, and the ever so important jour­ney out­side of one’s own bubble.

Illustration

Seriös Souverän Süffisant

Uwe Göbel spielt und provoziert mit seiner Kunst

 


Uwe Göbel hat als Pro­fes­sor für visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on an der Fach­hoch­schu­le Bie­le­feld lan­ge Zeit ange­hen­de Deig­ner an ihr Metier her­an­ge­führt. Der gebür­ti­ge Esse­ner ist Mit­glied im wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat von »Spra­che für die Form«. Inzwi­schen ist Göbel eme­ri­tiert und wid­met sich ins­be­son­de­re sei­ner Pla­kat­kunst. Im Som­mer 2024 zeig­te das »Jager­haus Muse­um Gmund« am Tegern­see eine umfang­rei­che Schau sei­ner Wer­ke. Eine Aus­wahl davon prä­sen­tiert »Spra­che für die Form« an die­ser Stel­le. Die ein­füh­ren­de Eröff­nungs­re­de zur Aus­stel­lung in Gmund hielt der Her­aus­ge­ber von »Spra­che für die Form«, Vol­ker Fried­rich. (Hier lässt sich das Manu­skript der Rede ein­se­hen.)

Mythen des Alltags

Die drei Fragezeichen

Keine gute Nacht ohne sie

Rein ins Bett und unter die Decke.
»Also ver­ehr­te Herr­schaf­ten, der Fall ist gelöst.« »Wel­cher Fall?«[1]
Die Bett­de­cke hoch bis zur Nasen­spit­ze ziehen –
»Nun, wenn ich ihnen mei­ne Kar­te geben dürf­te, Madame« – »Die drei Detektive …«
sich auf die ande­re Sei­te dre­hen und eine beque­me­re Schlaf­po­si­ti­on suchen,
»… wir über­neh­men jeden Fall …«
die Augen schließen.
»Ich habe die Jun­gen enga­giert, weil ich befürch­te, dass jemand in mei­nem Umfeld der Kon­kur­renz Infor­ma­tio­nen zuspielt.«
Die Atmung wird ruhiger.
»Her­ein.– Ach, seid ihr die Jun­gen aus Rocky Beach, die Hen­ry ange­kün­digt hat?«
Alle Mus­keln ent­span­nen sich.
»… doch dann ist er plötz­lich ver­schwun­den, ohne eine Spur zu hinterlassen.«
Leich­tes Wegdämmern.
»… und was hal­tet ihr von der Mög­lich­keit, dass das W für Wat­son ste­hen könnte?«
Eingeschlafen.

Am nächs­ten Abend dann die Über­le­gung: Ab wel­cher Stel­le war man nicht mehr auf­merk­sam dabei gewe­sen? Und so kommt es vor, dass für eine Fol­ge gut und ger­ne fünf Aben­de benö­tigt wer­den. Bei 224 Fol­gen, Stand Novem­ber 2023, sind das umge­rech­net etwa drei Jah­re Hör­ma­te­ri­al, bevor wie­der von vor­ne begon­nen wer­den muss. Beru­hi­gend. Hin­zu kom­men jedes Jahr vier neue Fol­gen, plus Son­der­fol­gen. Die nächs­ten Jah­re sind geret­tet. Will­kom­men in der Welt der »drei Fra­ge­zei­chen« und der Hörer, die ihnen ihren Schlaf schulden.

»Die drei Fra­ge­zei­chen«, das sind Jus­tus Jonas, 1. Detek­tiv, der Chef, Schlau­ber­ger und ein wan­deln­des Lexi­kon mit Hang zu leich­tem Über­ge­wicht. Peter Shaw, 2. Detek­tiv, gut aus­se­hend, sport­lich, jedoch eher ängst­lich. Bob Andrew, zustän­dig für Recher­chen und Archiv. Die drei leben in Rocky Beach, einer fik­ti­ven Klein­stadt Nähe Los Ange­les in Kali­for­ni­en.[2] Sie altern kaum, sta­gnie­ren etwa beim Alter von 17 Jah­ren, haben nie Schul­stress, gefühlt eher immer Feri­en, und stets neue Fäl­le, die gelöst wer­den müs­sen. Die Zen­tra­le der drei Jungs ist ein aus­ran­gier­ter Wohn­wa­gen, der auf dem Gebraucht­wa­ren­cen­ter von T. Jonas, Jus­tus’ Onkel, steht, ver­steckt unter allem mög­li­chen Schrott mit meh­re­ren Geheimein­gän­gen.[3] Pro­ble­me mit Eltern oder der Tan­te und dem Onkel gibt es nicht. Was für ein tol­les Leben.

»Sie wol­len Titus fest­neh­men!« … »Mis­ter Jonas hat Die­bes­gut auf dem Schrott­platz ver­steckt. Der Han­del mit gestoh­le­ner Ware gilt als Heh­le­rei und wird mit Gefäng­nis bestraft.«

Seit 1979 begeis­tern sie mit immer neu­en Hör­spiel-Fäl­len ihre Fans. Rät­sel­haft, gru­se­lig, mys­te­ri­ös und manch­mal etwas abge­fah­ren, heisst es Fol­ge um Fol­ge: »Wir drei sind Detek­ti­ve. Darf ich ihnen unse­re Kar­te geben?« Jedem Hör­spiel vor­aus erscheint ein Buch. Ihren Ursprung haben die Geschich­ten in Ame­ri­ka. Robert Arthur schrieb ab 1964 »The Three Inves­ti­ga­tors«.[4] Die Geschich­ten wur­den welt­weit beliebt und fan­den vor allem in Deutsch­land und Ban­gla­desch einen hohen Absatz. Arthur war gro­ßer Fan von Arthur Conan Doyle und des­sen Erzäh­lun­gen über Sher­lock Hol­mes. So ähnelt der Cha­rak­ter des ers­ten Detek­tivs Jus­tus dem von Sher­lock Hol­mes. Oft insze­niert Jus­tus sei­ne intel­lek­tu­el­le Über­le­gen­heit und lässt die ande­ren neben sich eher dumm aus­se­hen.[5]

Wie haben die drei Kult­sta­tus erreicht? Immer­hin zäh­len »Die drei Fra­ge­zei­chen« mit über 50 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Ton­trä­gern zu den belieb­tes­ten Hör­spie­len der Welt.[6] Sie begeis­tern eine Fan­ge­mein­de, die sich aus allen Alters­grup­pen zusam­men­setzt. Dass ihnen auch so vie­le Erwach­se­nen­fans treu geblie­ben sind, liegt unter ande­rem dar­an, dass die Prot­ago­nis­ten der Serie seit Beginn an von den glei­chen Spre­chern gespro­chen wer­den: Oli­ver Rohr­beck – Jus­tus, Jens Wawrc­zeck – Peter, Andre­as Fröh­lich – Bob. Vie­le der erwach­se­nen Hörer sind mit den drei­en auf­ge­wach­sen und ver­bin­den mit ihnen ihre Kind­heit. Abends im Bett noch eine Kas­set­te hören, dann wird geschla­fen. Die meis­ten erwach­se­nen Fans nut­zen die Geschich­ten heu­te zum Ein­schla­fen, als Ent­span­nung und zum Abschal­ten. Die Geschich­ten besit­zen Kon­ti­nui­tät, sie sind ver­traut und ver­läss­lich. Am Ende wird immer alles gut. Sie bie­ten eine Flucht aus dem All­tag. Der Schlaf­for­scher Pro­fes­sor Ingo Fiet­ze ist der Mei­nung, das Hören von Geschich­ten zum Ein­schla­fen sei eine gute Idee.[7] Er sagt, für die Ein­schla­fen­den sei es beson­ders attrak­tiv, wenn die Stim­me eine gewis­se Mono­to­nie besä­ße. Dies spricht für die Män­ner­stim­men hier im Hör­spiel. Sie sind nicht schrill und piep­sig. Wei­ter meint er, dass Hör­spie­le aus der Kind­heit Gebor­gen­heit simu­lie­ren kön­nen. So lässt sich fol­gern, war­um sich gera­de die alten Hör­spie­le aus der Kind­heit einer sol­chen Beliebt­heit erfreuen.

»Kol­le­gen, wer auch immer die­ser Moria­ty ist, er muss ziem­lich ein­fluss­reich sein. Er hat nicht nur hei­ßes Die­bes­gut auf dem Schrott­platz ver­ste­cken las­sen, son­dern auch fal­sche Zeu­gen ange­heu­ert, denen die Poli­zei rück­halt­los vertraut.«

1924 kamen die ers­ten Hör­spie­le im Radio. Es man­gel­te jedoch an Autoren und wur­de daher noch von den Rund­funk­mit­ar­bei­tern selbst initi­iert.[8] Auch gab es noch kein Ver­trau­en, dass die­se Art des »nur Hörens« funk­tio­niert, waren doch die Licht­spie­le popu­lär. In der Zeit­schrift »Der Deut­sche Rund­funk« von 1925 schreibt Wils­berg zur Dra­ma­tur­gie des Hör­spiels: »Das Hör­spiel als art­ei­ge­ne künst­le­ri­sche Aus­drucks­form dra­ma­ti­schen Erle­bens wirkt, wie schon der Name kund­gibt, nur durch das Ohr auf die See­le des Mit­er­le­bens, im Gegen­satz zum Licht­spiel, das nur durch das Auge hin­durch den Weg in die See­le fin­det.«[9] Ab 1928 gewann das Hör­spiel immer mehr an Bedeu­tung. Neue tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten wur­den ein­ge­setzt, und so ent­fal­te­te es mehr an künst­le­ri­scher Wir­kung. Jedoch waren die Hör­spie­le anfangs noch »lite­ra­risch-ästhe­tisch anspruchs­voll, inhalt­lich beleh­rend oder belang­los unter­hal­tend«[10].

»Es – nein – es tut mir leid, es wird nie wie­der vor­kom­men. Wirk­lich.« »Stellt ihn auf die­se Sei­te der Brü­cke und fes­selt ihm die Hän­de. Er wird bestraft.« »Nein, nein Sir, nein, bit­te – ich, ich tue alles was sie wollen!«

Heu­te sind Hör­spie­le in Kin­der­zim­mer gang und gäbe. Im ste­ti­gen Wan­del ist nur das Medi­um. Die ers­ten 30 Fol­gen der »drei Fra­ge­zei­chen« erschie­nen sowohl auf Schall­plat­te als auch auf MC-Kas­set­te, ab 2001 zusätz­lich auf CD, seit 2008 als MP3. Ab 2012 stell­te Euro­pa die Kas­set­ten­pro­duk­ti­on ein, außer bei den drei Fra­ge­zei­chen, wegen der hohen Nach­fra­ge.[11] Längst haben sich die Strea­ming-Diens­te in vie­ler­lei Hin­sicht durch­ge­setzt. »Die drei Fra­ge­zei­chen« las­sen sich aber nach wie vor auf Kas­set­te und sogar wie­der auf Schall­plat­te kau­fen. Hier gewinnt die Nostalgie.

Oli­ver Rohr­beck sag­te in der Talk-Show bei Mar­kus Lanz, dass er glau­be, die Kas­set­ten­kin­der von damals, die abends im Bett zum Ein­schla­fen noch eine Fol­ge hören durf­ten, und die, die es heu­te noch gleich tun, bis heu­te die Enden der Fol­gen nicht ken­nen, da man selig nach dem Wen­den der Kas­set­te ein­ge­schlum­mert war.[12] Denn man war sich sicher: Die drei lösen den Fall schon. Strö­men des­halb jähr­lich zehn­tau­sen­de Men­schen zu den Events der »drei Fra­ge­zei­chen« in Mes­se­hal­len, um bei vol­lem Bewusst­sein live und in echt das Ende mit­zu­er­le­ben? Von allen wird man es nicht erfah­ren, aber aus dem pri­va­ten Umfeld der Autorin die­ser Zei­len hat eine Umfra­ge erge­ben: Die meis­ten ken­nen die Enden der Geschich­ten doch. Natür­lich wer­den die Fol­gen zum Ein­schla­fen genutzt, doch ist man gleich­zei­tig auch Fan der Geschich­ten und möch­te erfah­ren, wer der Übel­tä­ter ist.

»Ich den­ke, das reicht. Good­win, abführen …«

Und so wer­den die Fol­gen wei­ter gehört; Abend für Abend, bis auch das Ende mit­er­lebt wird. Der Fan wünscht sich: Lie­ber Oli­ver, lie­ber Jens und lie­ber Andre­as, bit­te bleibt so lan­ge wie mög­lich »die drei Fra­ge­zei­chen« – damit das Ein­schla­fen der unzäh­li­gen treu­en Zuhö­rer eine Kon­stan­te in ihrem all­täg­li­chen Leben bleibt.

»Oh, Mann, Jus­tus.« »Ers­ter!« »Und wir dach­ten schon, wir hät­ten dich für immer ver­lo­ren.« »Ich bin halt wie Hol­mes Zwei­ter; ich kom­me immer wieder.«

Essay

Kampfbegriff »Disruption«

Mit Begriffen Krisen einfangen oder auslösen

Dis­rup­ti­ve inno­va­ti­on is a theo­ry about why busi­nesses fail. It’s not more than that. It doesn’t explain chan­ge. It’s not a law of natu­re. It’s an arti­fact of histo­ry, an idea, for­ged in time; it’s the manu­fac­tu­re of a moment of upset­ting and edgy uncer­tain­ty. Trans­fi­xed by chan­ge, it’s blind to con­ti­nui­ty. It makes a very poor pro­phet.”[1]

Ein­lei­tung: Zwei Wei­sen des Miss­brauchs von Begriffen

Zunächst sei­en zwei Strän­ge betrach­tet, ent­lang derer man eine Umdeu­tung bis hin zur miss­bräuch­li­chen Ver­wen­dung von Begrif­fen beob­ach­ten kann. Der ers­te Strang führt zur Umdeu­tung von Beschrei­bun­gen durch Euphe­mis­men, also schön­fär­be­ri­schen Aus­drü­cken, die die Här­te der zu beschrei­ben­den Umstän­de ver­schlei­ern sol­len. So benutz­te man in den 80er Jah­ren statt der ver­ständ­li­chen Bezeich­nung »alters­be­ding­tes Nach­las­sen der Arbeits­kraft« den Aus­druck »leis­tungs­ge­wan­delt«. Der zwei­te Strang bezieht sich auf das, was ich Begriffs­dieb­stahl nen­nen möch­te, also die Ver­wen­dung von Begrif­fen, die in einem bestimm­ten, meist fach­li­chen Kon­text, eine wohl defi­nier­te Bedeu­tung haben, in einem völ­lig ande­ren Kon­text. Der Effekt besteht dann dar­in, dass die Bedeu­tung des ursprüng­li­chen Begriffs ver­ne­belnd mit­schwingt und auf den Rezi­pi­en­ten ein­drucks­voll wir­ken soll.

Zum ers­ten Strang: Das Poten­ti­al der Ver­lo­gen­heit bei euphe­mis­ti­schen Begrif­fen ist hin­läng­lich bekannt. Drei Bei­spie­le mögen genü­gen: Russ­lands Krieg gegen die Ukrai­ne wird in Russ­land mit dem straf­recht­lich durch­ge­setz­ten Begriff der »mili­tä­ri­schen Spe­zi­al­ope­ra­ti­on« ver­harm­lost. Die Orga­ni­sa­ti­on der Mor­de an mehr als sechs Mil­lio­nen Juden durch das »Drit­te Reich« wur­de auf der berüch­tig­ten Wann­see­kon­fe­renz »End­lö­sung« genannt. Erfah­rungs­ge­mäß spricht bei Krie­gen der jewei­li­ge mili­tä­ri­sche Angrei­fer von »Ver­tei­di­gung« und nimmt damit das Nar­ra­tiv eines gerech­ten Krie­ges für sich in Anspruch.[2]

Weni­ger krie­ge­risch geht es in der Öko­no­mie zu, doch auch hier las­sen sich ver­harm­lo­sen­de Begrif­fe fin­den – so die »schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung«, ein Begriff, der von dem Öko­no­men Josef Schum­pe­ter stammt. Dort bezeich­net er in deskrip­ti­ver Absicht den Umstand, dass bei wirt­schaft­li­chen, orga­ni­sa­to­ri­schen und tech­no­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen neue Struk­tu­ren auf­ge­baut und zwangs­läu­fig alte Struk­tu­ren besei­tigt wer­den.[3] Man kann es auch anders aus­drü­cken: Jede Inno­va­ti­on, die eine bis­her funk­tio­nie­ren­de tech­nisch-orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tur ver­bes­sert oder ersetzt, eli­mi­niert zumin­dest Tei­le die­ser Struk­tur, auch wenn zuwei­len alte und neue Tech­no­lo­gien par­al­lel exis­tie­ren. In die­sen Struk­tu­ren sind aller­dings Men­schen tätig, d. h. es wird bei sol­chen Vor­gän­gen immer Gewin­ner und Ver­lie­rer geben. Im betriebs­wirt­schaft­li­chen Neu­sprech wird statt von »Per­so­nal­ma­nage­ment« von »Human Res­sour­ce Manage­ment« gespro­chen, Ent­las­sun­gen wer­den mit Voka­beln wie »Aus­stel­lun­gen« oder »Frei­set­zun­gen« verschönt.

Beim zwei­ten Strang ist die Usur­pa­ti­on von Begrif­fen aus einem Fach­ge­biet oder sozio­sprach­li­chen Kon­text in den eige­nen Sprach­be­reich Anlass hef­ti­ger Ver­wir­rung. Die­se bekom­men vor allem die­je­ni­gen zu spü­ren, die sich dem mühe­vol­len Unter­fan­gen inter­dis­zi­pli­nä­rer Arbeit wid­men. Die­se Usur­pa­ti­on ist durch­aus gegen­sei­tig. So hat schon die frü­he Psy­cho­lo­gie die tech­ni­sche »Dampfmaschinen«-Metapher zur Erklä­rung von psy­chi­schen Span­nun­gen und psy­chi­schen »Druck« benutzt.[4] Die All­tags­psy­cho­lo­gie spricht bei Erschöp­fungs­zu­stän­den von der Not­wen­dig­keit, die »Bat­te­rien wie­der auf­zu­la­den«, und die Tie­fen­psy­cho­lo­gie wie die Sozio­lo­gie haben Begrif­fe aus der Mathe­ma­tik und den Natur­wis­sen­schaf­ten über­nom­men und fröh­lich umge­deu­tet. Da die­se Umdeu­tun­gen durch eine vie­ler­orts bemerk­ba­re man­geln­de Defi­ni­ti­ons­be­reit­schaft der ein­schlä­gi­gen Autoren vie­len Rezi­pi­en­ten nicht klar gemacht wer­den, toben ab die­sem Zeit­punkt der »Über­nah­me« die Begriffskriege.

Ein bekann­tes Bei­spiel ist Nic­las Luh­mann, der in sei­ner sozio­lo­gi­sche »Sys­tem­theo­rie« mit Begrif­fen wie Kom­ple­xi­tät, Red­un­danz, Sta­bi­li­tät, Rück­kopp­lung, Inter­pe­ne­tra­ti­on, Infor­ma­ti­on etc.[5] han­tiert, die zum Teil aus der mathe­ma­ti­schen Sys­tem­theo­rie und Rege­lungs­theo­rie stam­men und dort wohl­de­fi­niert sind. Luh­mann defi­niert die­se Begrif­fe um, aber die­se Defi­ni­tio­nen ver­än­dern sich im Lau­fe sei­ner Über­le­gun­gen, getreu dem Hegel­schen Mot­to von der »Bewe­gung des Begriffs«.[6] Die sog. Sokal-Affä­re[7] hat gezeigt, wie man sich in psy­cho­ana­ly­ti­schen, sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen und femi­nis­ti­schen Theo­rien sol­cher mathe­ma­ti­scher und natur­wis­sen­schaft­li­cher Begriffs­bil­dun­gen ger­ne bedient. Sie wer­den ent­kon­tex­tua­li­siert, umge­deu­tet und es wird der Anschein erweckt, dass die­se Begrif­fe auch in die­sem Kon­text noch ihre ursprüng­li­che Bedeu­tungs­schwe­re, begriff­li­che Digni­tät und seman­ti­sche Prä­zi­si­on wie im ursprüng­li­chen Kon­text hät­ten. Dar­in besteht ihr Missbrauch.

Umge­kehrt ver­wen­det die Mathe­ma­tik unbe­schol­ten Begrif­fe aus dem All­tag und defi­niert sie um, aller­dings prä­zi­se: Grup­pe, Ring, Kör­per, Pfad, Raum, Ste­tig­keit, Kon­ti­nui­tät, ratio­nal, irra­tio­nal, ima­gi­när oder Kate­go­rie, um nur eini­ge zu nen­nen.[8] Da die »Um«-Definitionen schon immer gemacht wur­den, wur­den sie Bestand­teil des mathe­ma­ti­schen Voka­bu­lars, und damit besteht hier weder eine begriff­li­che Unklar­heit noch gibt es seman­ti­sche Mit­nah­me­ef­fek­te aus dem Ursprungs­be­reich der Begriffe.

Essay

Künstliche Intelligenz ist (k)eine Naturgewalt

Über gestalterische Subjekte und neue Utopien

In Dave Eggers bekann­tem dys­to­pi­schen Roman The Cir­cle (2013) wird gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit im Wesent­li­chen durch den gleich­na­mi­gen Tech-Kon­zern Cir­cle geprägt. Die Welt in Eggers Roman wird zu einer voll­kom­men in Nul­len und Ein­sen auf­ge­hen­den Rechen­ein­heit, die Mit­ar­bei­ter des Kon­zerns wer­den 24 Stun­den am Tag über­wacht; Trans­pa­renz ist das Ide­al. Das Pri­va­te, als klan­des­ti­ne Keim­zel­le unlau­te­rer Machen­schaf­ten, soll voll­stän­dig abge­schafft wer­den. Prot­ago­nis­tin Mae hin­ter­fragt die­se Ideo­lo­gie nicht und wird schließ­lich zum ersetz­ba­ren Räd­chen im Getrie­be einer schier über­mäch­ti­gen Maschi­ne­rie, für die sie die­je­ni­gen opfert, die sich die­ser Ideo­lo­gie ent­ge­gen­stel­len wollen.

Eggers Kri­tik liegt auf der Hand: Auch wir lau­fen Gefahr, wie Mae zu den Mario­net­ten der Sili­con-Val­ley-Kon­zer­ne zu dege­ne­rie­ren, deren Wer­te­sys­tem sich schlei­chend, im Gewand prak­ti­scher und schein­bar lebens­er­leich­tern­der Tech­no­lo­gien immer stär­ker aus­brei­tet – bis es viel­leicht zu spät ist. Anders als in The Cir­cle lässt sich jedoch nicht der eine Mega-Kon­zern als Schul­di­ger aus­ma­chen, gegen den sich folg­lich auch – zumin­dest in der Theo­rie – vor­ge­hen lie­ße. Tech­no­lo­gien ent­ste­hen nicht im luft­lee­ren Raum, son­dern stets in einem kom­ple­xen kul­tu­rel­len Sinn­ge­flecht, beein­flus­sen Kul­tur eben­so, wie Kul­tur Tech­no­lo­gie beein­flusst. Die Ideo­lo­gien, Impe­ra­ti­ve und Grund­an­nah­men, die mit den Tech­no­lo­gien ein­her­ge­hen, sind his­to­risch gewach­sen, wer­den durch ver­schie­de­ne Dis­kurs­teil­neh­mer aktua­li­siert und repro­du­ziert, und sind deut­lich schwie­ri­ger auf­zu­spü­ren als das Mis­si­on State­ment eines Kon­zerns. Im Fol­gen­den[1] soll es um die gesell­schaft­li­chen Selbst­be­ob­ach­tun­gen im Hin­blick auf die der­zeit ver­mut­lich bedeut­sams­te Tech­no­lo­gie gehen: Künst­li­che-Intel­li­genz-Sys­te­me. Dabei wird auch die Fra­ge eine Rol­le spie­len, was es für einen infor­mier­ten Umgang mit die­sen Tech­no­lo­gien braucht, um als Kol­lek­tiv nach uto­pi­schen Leer­stel­len suchen und gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit anders den­ken sowie gestal­ten zu können.

KI und die Geis­tes-, Sozi­al- und Kulturwissenschaften

In den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten herrscht Kon­sens dar­über, dass es wün­schens­wert ist, den Gra­ben zwi­schen den »zwei Kul­tu­ren« (Snow) Natur­wis­sen­schaf­ten und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten zu über­win­den und auf die­sem Wege die kom­ple­xen Fra­ge­stel­lun­gen unse­rer Gegen­wart bes­ser beleuch­ten zu kön­nen. Wenn kul­tur­wis­sen­schaft­lich For­schen­de sich mit KI beschäf­ti­gen wol­len, bege­ben sie sich ganz auto­ma­tisch in ein »fach­frem­des« Gebiet – hat KI sei­ne Ursprün­ge doch in den MINT-Fächern und han­delt es sich dabei doch um einen Gegen­stand, für des­sen prak­ti­sches Ver­ständ­nis ein hohes Maß an Infor­ma­tik- und Mathe­ma­tik-Kennt­nis­sen gefor­dert ist. Defi­ni­to­ri­sche Grenz­zie­hun­gen sind dabei stets Bedeu­tungs­kämp­fe, bei denen uns die Gren­ze und ihr Jen­seits womög­lich mehr über einen Gegen­stand ver­ra­ten als das, was die Gren­ze umschließt. Bei Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) lässt sich im Hin­blick auf die Arbeit am Begriff feststellen:

1. Künst­li­che Intel­li­genz ist ein, auch in den MINT-Fächern, umstrit­te­ner vager Dach­be­griff, der im Dis­kurs zumeist auf die Tech­no­lo­gie des Deep Lear­ning ver­kürzt wird und gera­de in den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten anhand der Figur des Algo­rith­mus erforscht wird.[2]

2. Die kul­tur­wis­sen­schaft­li­che KI-For­schung hat in den MINT-Fächern ein Akzep­tanz-Pro­blem, inso­fern ihr vor­ge­wor­fen wird, Begrif­fe zu weit zu den­ken und sie damit zu ver­wäs­sern.[3]

3. Die kul­tur­wis­sen­schaft­li­che KI-For­schung hat ein Wahr­neh­mungs­pro­blem, wenn Stim­men aus den MINT-Fächern laut wer­den, die nach der Erfor­schung von KI mit ihren gesell­schaft­li­chen Ver­stri­ckun­gen ver­lan­gen und dabei einen eta­blier­ten kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­strang igno­rie­ren, der genau dies bereits seit Jah­ren tu (vgl. Moats/Seaver 2019).

4. Auch inner­halb der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gibt es einen Bedeu­tungs­kampf um die ange­mes­se­ne Beschäf­ti­gung mit KI, inso­fern der kri­ti­schen kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung vor­ge­wor­fen wird, eine Erzäh­lung von einer gefähr­li­chen und Kul­tur äußer­li­chen Tech­no­lo­gie zu repro­du­zie­ren, die nur fin­det, was sie von vorn­her­ein zu fin­den gedenkt (vgl. dazu insb. Beer 2017; Gil­le­spie 2017).[4]

Die ver­schie­de­nen inter­dis­zi­pli­nä­ren Sicht­wei­sen auf KI und die mit ihnen ver­bun­de­nen Bedeu­tungs­kämp­fe kon­so­li­die­rend, schla­ge ich vor, Künst­li­che Intel­li­genz als schon immer Kul­tu­rel­les zu begrei­fen, das sich klein­tei­lig tech­nisch erfor­schen und anwen­den lässt, jedoch immer auch kul­tu­rel­le Effek­te zei­tigt und somit auch die Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten etwas angeht. Die­se Effek­te las­sen die Tech­no­lo­gie aus dem kul­tu­rel­len Gesamt­ge­flecht als das Beson­de­re, mit­un­ter das Frem­de, her­vor­tre­ten und zum Gegen­stand öffent­li­cher Dis­kur­se wer­den, deren Unter­su­chung von beson­de­rer Bedeu­tung für ein tie­fe­res Ver­ständ­nis gegen­wär­ti­ger gesell­schaft­li­cher Wirk­lich­keit ist.

Essay

Woran erkennen wir »Enten« in den Medien?

Über der Umgang mit Falschmeldungen

»Epi­men­i­des der Kre­ter sag­te: Alle Kre­ter sind Lügner.«
Bert­rand Rus­sell, 1908

I. Eine aktu­el­le Falschmeldung

Am 1. Juni 2023 über­rasch­te die »Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung« mit einem Arti­kel unter dem Titel »Deut­sche Fake News zur UN«[1]. Joa­chim Krau­se mach­te in sei­nem Arti­kel dar­auf auf­merk­sam, dass eine absur­de Falsch­mel­dung sich in eta­blier­ten Medi­en rasant ver­brei­tet hat­te, und stell­te die Fra­ge, wie dies mög­lich wer­den konnte.

Am 24. Mai 2023 wur­den in einer koor­di­nier­ten Akti­on Woh­nun­gen in ganz Deutsch­land durch­sucht, da man Bele­ge für die Auf­fas­sung fin­den woll­te, dass es sich bei der »Letz­ten Gene­ra­ti­on« um eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung han­deln wür­de, was im Nach­hin­ein meh­re­re Fra­gen auf­warf: War die­se Akti­on ver­hält­nis­mä­ßig oder die Kri­tik dar­an berech­tigt? Hat­te vor allem die Münch­ner Staats­an­walt­schaft recht­mä­ßig und ange­mes­sen gehan­delt? Das war eine in vie­len Krei­sen dis­ku­tier­te Fra­ge, und zumin­dest die Kri­ti­ker der Maß­nah­me freu­ten sich über Unter­stüt­zung von pro­mi­nen­ter Sei­te und schei­nen sich nicht mehr gefragt zu haben, ob die Ver­ein­ten Natio­nen die­ses Vor­ge­hen tat­säch­lich – so wie es vie­le Medi­en behaup­te­ten – miss­bil­ligt haben, son­dern nah­men die­se Bot­schaft ger­ne auf.

Die Mel­dung war schluss­end­lich in eta­blier­ten Pres­se­or­ga­nen zu lesen. Krau­se zitier­te aus »Spiegel.de«, »Welt online«, aber auch aus der »Bild­zei­tung«. Der Tenor in all die­sen Medi­en ist ein­deu­tig: Die UN als Unter­stüt­zer der »Letz­ten Gene­ra­ti­on«. Viel­leicht woll­ten vie­le Men­schen dies auch ger­ne glau­ben. Dadurch, dass die Nach­richt nun ein­mal in den Medi­en war, wur­de sie wei­ter­ge­tra­gen. So schrieb die »Frank­fur­ter Rund­schau« am 27. Mai laut Krau­se: »Nach der Raz­zia gegen die ›Letz­te Gene­ra­ti­on‹ mel­den sich die Ver­ein­ten Natio­nen und Amnes­ty Inter­na­tio­nal. Sie unter­stüt­zen die Pro­test­grup­pe.« Dar­auf­hin folg­te: »Die Tages­schau 24 vom 26. Mai brach­te einen Bericht mit dem Titel ›Raz­zi­en gegen ‚Letz­te Gene­ra­ti­on‘: UN for­dern Schutz von Kli­ma­ak­ti­vis­ten«.«[2]

Joa­chim Krau­se zitier­te wei­te­re Bele­ge aus­führ­lich, bis er die Aus­sa­ge eines Ver­tre­ters der Gewerk­schaft der Poli­zei in der Sen­dung von »Welt TV« auf­griff: »Der Mann hat­te voll­kom­men recht. Tat­säch­lich war die Auf­ge­regt­heit in der deut­schen Medi­en­welt (…) die Fol­ge einer Falsch­mel­dung der Deut­schen Pres­se-Agen­tur (dpa), die in den deut­schen Medi­en nicht wei­ter auf ihren Wahr­heits­ge­halt über­prüft wur­de, son­dern Anlass gab, immer neue Ver­mu­tun­gen und Anschul­di­gun­gen aufzubringen.«

Joa­chim Krau­se ist Direk­tor des Insti­tuts für Sicher­heits­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Kiel und steht nun ganz und gar nicht im Ver­dacht, laut­stark »Lügen­pres­se« zu schrei­en, schon gar nicht in der FAZ. Viel­mehr ist es ihm ein Anlie­gen, dar­über auf­zu­klä­ren, wie es zu einer sol­chen Falsch­mel­dung, ich benut­ze den alten Begriff »Ente«, kom­men konnte.

»Enten« ste­hen umgangs­sprach­lich für Falsch­mel­dun­gen, die sowohl bewusst oder auch irr­tüm­lich in Medi­en ver­brei­tet wer­den. Wie kommt es zu die­sem Begriff? Auch dar­über kur­sie­ren Gerüch­te. Sei es nun das »non testa­tum«, »nt«, also nicht geprüft, oder die The­se, der Aus­druck käme aus dem Frank­reich des 19. Jahr­hun­derts, also dem Beginn des Zei­tungs­we­sens, da es dort den Aus­druck gibt »don­ner des canard«, Enten geben – gleich lügen.

Die Fra­ge, die sich nun stellt ist, was also war im Hin­blick auf die UN-Falsch­mel­dung gesche­hen? Es reicht nicht zu über­le­gen, dass es extrem unwahr­schein­lich ist, dass sich das Sekre­ta­ri­at der UN der­ma­ßen äußern wür­de. Tat­säch­lich wur­de der Gene­ral­se­kre­tär der UN Ste­pha­ne Dujar­ric auf einer Pres­se­kon­fe­renz von der Fra­ge über­rascht und mach­te deut­lich, dass er kei­ne Details ken­nen wür­de. Er äußer­te sich salo­mo­nisch, was heißt, er beton­te die Not­wen­dig­keit fried­li­cher Pro­tes­te und die Pflicht, Geset­ze ein­zu­hal­ten.[3]

Essay

Zeit auf dem »Zauberberg«

Erzählstrategien in Thomas Manns Roman

»Es war ein­mal ein klei­ner Jun­ge, dem wur­de von sei­nem Leh­rer auf­ge­tra­gen, ein Bild zu malen. Auf dem Bild soll­te der klei­ne ­Jun­ge sich selbst malen – als Mann, als Erwach­se­ner, wie er dann aus­sä­he, was er dann mache, wel­chem Beruf er nachginge.–
Der klei­ne Jun­ge zöger­te nicht, nahm einen gro­ßen Block und die Was­ser­far­ben und mach­te sich ans Werk. Er mal­te und mal­te und mal­te. Und auf dem gro­ßen Bogen ent­stand, Pin­sel­strich um ­Pin­sel­strich, ein gro­ßes Zim­mer. Vor des­sen Wän­den stan­den ­Rega­le, voll mit Büchern bis zur Decke. Mit­ten im Raum stand ein ­schwe­rer Schreib­tisch, auf dem stand eine Schreib­ma­schi­ne, an der ein bär­ti­ger Mann saß und tipp­te. Die­ser bär­ti­ge, tip­pen­de Mann rauch­te Pfei­fe. Der Leh­rer besah sich das Bild lan­ge schwei­gend, bis er schließ­lich frag­te: ›Und was möch­test Du nun werden?
Der Jun­ge sah ihn erstaunt an und sagte – «

An die­ser Stel­le soll­te ich die­se Geschich­te wohl unter­bre­chen, schließ­lich soll es in die­sem Essay über die »Zeit auf dem Zau­ber­berg« gehen, also um Tho­mas Manns gro­ßen Roman »Der Zau­ber­berg«, der 1924, vor 100 Jah­ren erschie­nen ist. Und es soll dar­um gehen, wie Zeit erzählt und somit Wir­kung auf einen Leser erzeugt wer­den kann. Das zu tun, hat­te Mann sich mit dem Roman selbst auf­ge­ge­ben: »Der Zau­ber­berg« sei »ein Zeit­ro­man im dop­pel­ten Sinn: ein­mal his­to­risch, indem er das inne­re Bild einer Epo­che, der euro­päi­schen Vor­kriegs­zeit, zu ent­wer­fen ver­sucht, dann aber, weil die rei­ne Zeit sein Gegen­stand ist, den er nicht nur durch die Erfah­rung sei­nes Hel­den, son­dern auch in und durch sich selbst behan­delt«[1].

Wird die­ser Roman, wird der »Der Zau­ber­berg« noch gele­sen? Und wer liest noch Tho­mas Mann? Man soll ja die Hoff­nung nie fah­ren las­sen … Wer­fen wir des­halb Bli­cke auf das Leben von Tho­mas Mann und auf sein Werk. Sodann fah­ren wir auf den »Zau­ber­berg«, schau­en uns an, was dort von wem gespielt wird, betrach­ten also die Hand­lung des ­Romans und sei­ne wich­tigs­ten Figu­ren. Von dort aus gehen wir noch ein paar Schrit­te wei­ter zu den ­phi­lo­so­phi­schen Weg­mar­ken des Wer­kes und fra­gen, was es mit der Zeit und die­sem Roman auf sich hat.

Unse­re letz­te Sta­ti­on wird weit höher im Gebir­ge der Spe­ku­la­ti­on lie­gen, viel­leicht errei­chen wir sie aber auch nur nach einer ­Steil­fahrt hin­un­ter in die Nie­de­run­gen schrift­stel­le­ri­scher Über­legungen. Wie auch immer: Wir wer­den dort Aus­schau hal­ten nach dem ­Erzäh­len und danach, was das Erzäh­len mit der Zeit zu tun hat und mit ihr macht. Da sind wir dann schon nicht mehr auf dem Zau­ber­berg des Tho­mas Mann, son­dern ste­hen vor den ent­zauberten Wirk­lich­kei­ten eines Hoch­schul­leh­rers, der das ­Schrei­ben leh­ren soll …

Fah­ren wir also zur ers­ten Sta­ti­on, zum Autor und sei­nem Werk.

Essay

Wissenschaft anders erzählt

Das »Science Notes Magazin« geht neue Wege

Die Dia­gno­se steht längst fest: Kri­se. Die Zei­tun­gen, ja der gan­ze Jour­na­lis­mus ist in der Kri­se und der Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ins­be­son­de­re – und unwei­ger­lich sind somit auch die Jour­na­lis­ten in der Kri­se. Gera­de auch der Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus hat zu kämp­fen, wer­den doch vor allem auf loka­ler Ebe­ne immer weni­ger ech­te Wis­sen­schafts­re­dak­tio­nen unter­hal­ten und Wis­sen­schafts­jour­na­lis­ten beschäf­tigt. An die­ser Stel­le sol­len die ver­schie­de­nen Ursa­chen und Aus­wir­kun­gen die­ser Kri­se nicht noch ein­mal beschrie­ben wer­den. Auch soll die Dia­gno­se kei­nes­falls ange­zwei­felt wer­den. Viel­mehr soll ein mög­li­cher Weg für den Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus vor­ge­stellt wer­den, den eine klei­ne Redak­ti­on aus Tübin­gen nun seit gut sechs Jah­ren geht; ein Weg, der sei­ne ganz eige­nen Her­aus­for­de­run­gen hat, der aber gang­bar ist und vor­an­führt: den stif­tungs­fi­nan­zier­ten Wissenschaftsjournalismus.

Im Febru­ar 2018 ist das ers­te »Sci­ence Notes Maga­zin« erschie­nen. In die­sem Maga­zin will die Redak­ti­on Geschich­ten aus der und über die Wis­sen­schaft erzäh­len, inhalt­lich akku­rat und qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig in Text und Gestal­tung. Wich­tig ist den Her­aus­ge­bern, nicht nur Ergeb­nis­se zu prä­sen­tie­ren, son­dern auch die Pro­zes­se und Cha­rak­te­re zu beschrei­ben, die dahin­ter­ste­cken. Es sol­len nicht ein­fach die Ant­wor­ten über­nom­men wer­den, die die Wis­sen­schaft anbie­tet, son­dern das Maga­zin will Fra­gen an die Wis­sen­schaft stel­len, die sich aus der Gesell­schaft und dem Zeit­geist her­aus ent­wi­ckeln. Seit der im Sep­tem­ber 2018 erschie­ne­nen zwei­ten Aus­ga­be trägt das Heft daher auch den Unter­ti­tel »Maga­zin für Wis­sen und Gesell­schaft«. Das Maga­zin rich­tet sich an Men­schen, die Geschich­ten und Repor­ta­gen mögen und die sich grund­sätz­lich für Wis­sen­schaft inter­es­sie­ren, sich aber nicht die typi­schen Wis­sen­schafts-Maga­zi­ne kau­fen wür­den: jene Hef­te also, deren Titel­sei­ten meist Welt­raum­fo­tos oder Auf­nah­men aus dem Elek­tro­nen­mi­kro­skop zei­gen. Auch will das »Sci­ence Notes Maga­zin« kei­nen Ser­vice­jour­na­lis­mus bie­ten mit Gesund­heits­the­men oder Life-Hacks. Im Grun­de will das Maga­zin ein­fach neu­gie­rig machen – auf den Pro­zess, das Aben­teu­er Wissenschaft.

Die­sen Grund­ge­dan­ken hat das Maga­zin über­nom­men von der gleich­na­mi­gen Ver­an­stal­tung, die seit 2013 in zahl­rei­chen deut­schen Städ­ten statt­fin­det: Bei den »Sci­ence Notes« stel­len fünf renom­mier­te Wis­sen­schaft­ler ihre Arbeit in je 15 Minu­ten vor, in ange­sag­ten Clubs und ent­spann­ter Atmo­sphä­re, zu kal­ten Geträn­ken und elek­tro­ni­scher Musik. Die Wis­sen­schaft, so die Idee, kommt her­aus aus den Labors und Biblio­the­ken hin zu den Men­schen. Und das funk­tio­niert: Egal ob in Hei­del­berg, Ham­burg, Ber­lin, Leip­zig oder Tübin­gen, fast alle Sci­ence Notes sind prop­pen­voll, oft müs­sen Besu­cher vor den Türen war­ten, weil es kei­nen Platz mehr gibt. Das Publi­kum ist bunt gemischt; die Nach­fra­ge nach span­nend auf­be­rei­te­ten Infor­ma­tio­nen aus der Wis­sen­schaft ist also quer durch die Gesell­schaft deut­lich vorhanden.

Die Ver­an­stal­tung ent­stand als Pro­jekt am Semi­nar für All­ge­mei­ne Rhe­to­rik der Uni­ver­si­tät Tübin­gen und wird von Anfang an unter­stützt von der Klaus Tschi­ra Stif­tung. »Die Klaus Tschi­ra Stif­tung för­dert Natur­wis­sen­schaf­ten, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik – mit den Schwer­punk­ten Bil­dung, For­schung und Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on«, heißt es in deren Leit­bild. Und wei­ter: »Um mög­lichst vie­len Bürger:innen Anteil an Wis­sen­schaft sowie Zugang zu qua­li­fi­zier­ten, ver­trau­ens­wür­di­gen Infor­ma­tio­nen zu ermög­li­chen, för­dern wir Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on inkl. Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus.« Nach­dem die Ver­an­stal­tung auf reges Inter­es­se gesto­ßen war, kam die Idee auf, das Kon­zept auf ande­re Kanä­le zu über­tra­gen – etwa in Form eines Maga­zins. Klar war, dass dar­in nicht die For­scher und Wis­sen­schaft­le­rin­nen selbst über ihre Arbeit berich­ten soll­ten, son­dern dass die Publi­ka­ti­on einen unab­hän­gi­gen, objek­ti­ven Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus betrei­ben will, der sich auch kri­tisch posi­tio­nie­ren darf.

Hördatei

»Eine gelungene Ausstellung ist immer hart erkämpft!«

Claudia Emmert kuratiert mit gesellschaftlichem Anspruch

Von Julia Valter


Im »Zep­pe­lin Muse­um Fried­richs­ha­fen« kom­men Kunst und Tech­nik zusam­men – die Mög­lich­keit, inter­dis­zi­pli­när zu arbei­ten, sieht die Muse­ums­lei­te­rin Clau­dia Emmert als einen gro­ßen Vor­teil an: Kunst­lie­ber wie Tech­nik­in­ter­es­sier­te kön­nen glei­cher­ma­ßen ange­lockt wer­den. Viru­len­te, aktu­el­le The­men wer­den aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf­ge­ar­bei­tet, legt Clau­die Emmert im Inter­view dar.

Mit den Aus­stel­lun­gen sol­le auch eine »Dis­kur­s­äs­the­tik« ent­wi­ckelt wer­den, das Publi­kum wer­de in viel­fäl­ti­ger Wei­se ein­ge­bun­den und betei­ligt, dem Besu­cher sol­le die Mög­lich­keit gebo­ten wer­den, sei­ne Hal­tun­gen zu hin­ter­fra­gen: »Die Vor­stel­lung von einer guten Aus­stel­lung hat sich kom­plett geändert.«

 

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