Buchbesprechungen

»Fraktur stand neben Futura«

Andreas Koop über das Design im Nationalsozialismus

Wie viel bezahl­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten eigent­lich für ein Logo? War die Frak­tur­schrift wirk­lich die bevor­zug­te Schrift? Was ver­än­der­te sich das Haken­kreuz im Lauf der Zeit gestalterisch?

Andre­as Koop beleuch­tet in sei­nem Buch »NSCI – Das visu­el­le Erschei­nungs­bild des Natio­nal­so­zia­lis­mus 1920–1945«, wie das NS-Regime Pro­pa­gan­da und Design nutz­te, um sei­ne Ideo­lo­gie zu ver­brei­ten und zu fes­ti­gen. Sei­ne Ana­ly­se bleibt nüch­tern und sach­lich – der Begriff Cor­po­ra­te Iden­ti­ty (CI) wirkt aller­dings irre­füh­rend, denn tref­fen­der wäre hier eher die Bezeich­nung »Cor­po­ra­te Design Manu­al«. Behan­delt wird hier das äuße­re Erschei­nungs­bild des Natio­nal­so­zia­lis­mus und nicht die kom­plet­te Iden­ti­tät. Aus der Sicht eines Desi­gners sam­melt und ana­ly­siert Andre­as Koop die Gestal­tung der Natio­nal­so­zia­lis­ten aus einem neu­en Blickwinkel.

Seit Jah­ren beschäf­tigt sich Koop mit der visu­el­len Design­for­schung und ver­öf­fent­lich­te bereits zahl­rei­che Bücher. »NSCI – Das visu­el­le Erschei­nungs­bild des Natio­nal­so­zia­lis­mus 1920–1945« erschien 2008 im Her­mann Schmidt Ver­lag und liegt mitt­ler­wei­le in der drit­ten Auf­la­ge vor.

Über­ra­schend für so man­chen, der die Nazis mit einem geord­ne­ten, stren­gen Sys­tem in Ver­bin­dung bringt, mag die Erkennt­nis sein, dass das visu­el­le Erschei­nungs­bild viel chao­ti­scher und unge­ord­ne­ter war, als man ver­mu­ten wür­de. Denn Hit­ler und sei­ne Hel­fer bedien­ten sich bei ver­schie­de­nen Quel­len. Beson­ders in den frü­hen Jah­ren des Regimes war die Außen­wir­kung eher unauf­fäl­lig, um inter­na­tio­na­le Kri­tik zu ver­mei­den. Erst 1936 kam es zu einer weit­ge­hen­den Ver­ein­heit­li­chung der visu­el­len Dar­stel­lung, die jedoch wei­ter­hin von gestal­te­ri­schem Wild­wuchs geprägt war.

Die rote Far­be über­nahm man bei­spiels­wei­se von den Sozia­lis­ten, beim Haken­kreuz bedien­te er sich eines alten bud­dhis­ti­schen Glücks­sym­bols und lud es mit einer neu­en Bedeu­tung von Angst und Ter­ror auf. Die Uni­for­men über­nahm das Regime zunächst von der Reichs­wehr, wäh­rend die Frak­tur­schrift als Sym­bol deut­schen Kul­tur­guts bei­be­hal­ten wurde.

Wel­che Rol­le spiel­te das Cor­po­ra­te Design bei der Mani­fes­ta­ti­on der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie? Koop baut sein Buch wie ein Design Manu­al auf, um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten. Vom Haken­kreuz über die Typo­gra­fie bis zum öffent­li­chen Raum wer­den die Gestal­tungs­mit­tel unter die Lupe genom­men und unter­sucht, wie sie die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie unterstützten.

Dabei gelingt es dem Autor, die Stra­te­gien des NS-Regimes zu ana­ly­sie­ren, ohne sie zu glo­ri­fi­zie­ren, und ein fun­dier­tes Ver­ständ­nis für die Mecha­nis­men von Pro­pa­gan­da zu schaffen.
Ein Schwach­punkt des Buches ist die Grö­ße der Abbil­dun­gen: Für ein Design-Buch, das sich auf visu­el­le Ana­ly­sen stützt, sind die­se lei­der oft zu klein, um Details klar nach­voll­zie­hen zu kön­nen. Ins­ge­samt ist das Buch eine wert­vol­le, über­sicht­li­che Zusam­men­fas­sung der visu­el­len Iden­ti­tät der Natio­nal­so­zia­lis­ten und per­fekt für jeden, der sich mit der Wir­kung von Gestal­tung auf die Gesell­schaft und Ideo­lo­gie aus­ein­an­der­set­zen möchte.

Buchbesprechungen

»Du wirst hier rauskommen – frei!«

Tief bewegend: Art Spiegelmans Graphic Novel »Maus«

Wie erin­nert man an eine Ver­gan­gen­heit, die kaum zu begrei­fen ist? »Maus« von Art Spie­gel­mann ist eine bio­gra­fi­sche und his­to­ri­sche Gra­phic Novel, die den Holo­caust aus der Per­spek­ti­ve des Über­le­ben­den Vla­dek Spie­gel­man, der Vaters des Autors, erzählt. Gleich­zei­tig doku­men­tiert die Gra­phic Novel die belas­te­te Bezie­hung zwi­schen Art und sei­nem Vater.

Die Geschich­te wech­selt zwi­schen zwei Zeit­ebe­nen: den Erleb­nis­sen Vla­deks wäh­rend des Holo­causts und den Gesprä­chen zwi­schen Vater und Sohn in den 1980er-Jah­ren, in denen Art Spie­gel­mann ver­sucht, die Erin­ne­run­gen sei­nes Vaters fest­zu­hal­ten. Die­se Struk­tur ermög­licht es dem Leser, auf 293 Sei­ten von den düs­te­ren Berich­ten der Ver­gan­gen­heit hin zu den oft schwie­ri­gen, von Kon­flik­ten gepräg­ten Inter­ak­tio­nen in der Gegen­wart zu wech­seln. Dies inten­si­viert den Zugang zur Geschich­te, zeigt aber auch gleich­zei­tig die gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­den Aus­wir­kun­gen des Holocaust.

Spie­gel­man nutzt dabei einen beson­de­ren Stil: Die Juden wer­den als Mäu­se, die Nazis als Kat­zen und die Polen als Schwei­ne dar­ge­stellt. Die­se Tier­me­ta­pher ver­leiht der Erzäh­lung eine zusätz­li­che sym­bo­li­sche Ebe­ne, die die The­men von Ver­fol­gung und Macht anschau­lich ver­deut­licht. Spie­gel­mann sagt selbst über die Wahl der Dar­stel­lung als Mäu­se, dass dies für ihn gut zum Bild der Nazis von den Juden als Unge­zie­fer, pas­se.[1] Die Illus­tra­tio­nen in Schwarz-Weiß ohne Schat­tie­run­gen unter­strei­chen die düs­te­re Atmo­sphä­re und len­ken den Fokus auf die Inhalte.

Vla­deks Bericht beginnt in Polen, wo er ein erfolg­rei­cher Geschäfts­mann war, bevor die Nazis ein­mar­schier­ten. Vla­dek erzählt von den zuneh­men­den Ein­schrän­kun­gen, der Flucht und den Ver­ste­cken, bis er schließ­lich mit sei­ner Frau Anja nach Ausch­witz depor­tiert wird. Trotz unvor­stell­ba­rer Qua­len über­lebt Vla­dek das Konzentrationslager.

Ein wesent­li­ches The­ma von »Maus« ist die gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­de Wir­kung des Holo­causts. Vla­dek ist nicht nur durch sei­ne trau­ma­ti­schen Erleb­nis­se geprägt, son­dern auch durch den Ver­lust sei­ner Frau Anja, die den Holo­caust über­leb­te, sich jedoch spä­ter das Leben nahm. Dies hat nicht nur Vla­dek, son­dern auch sei­nen Sohn Art tief geprägt (S. 100—105). Art kämpft sein Leben lang mit Schuld- und Verantwortungsgefühlen.

Eine Sze­ne, die beson­ders in Erin­ne­rung bleibt, zeigt Art nach einem anstren­gen­den Tag mit sei­nem Vater. Wäh­rend Art auf der Ter­ras­se sitzt, ver­treibt er Mücken mit Insek­ten­spray und kom­men­tiert dies mit »läs­ti­ges Vieh­zeug«. Die­se Bemer­kung steht kurz nach einer Schil­de­rung der Grau­sam­kei­ten in den Gas­kam­mern und zeigt sub­til die Par­al­le­len von Ent­mensch­li­chung und Gewalt (S. 232).

Bewe­gend ist außer­dem, wie die Geschich­te die Bezie­hung zwi­schen Art und Vla­dek beleuch­tet. Die Gesprä­che der bei­den spie­geln nicht nur die Unter­schie­de ihrer Gene­ra­tio­nen wider, son­dern auch, wie schwer es für Nach­ge­bo­re­ne sein kann, die Last der Ver­gan­gen­heit zu tra­gen. Art ist einer­seits Chro­nist der Geschich­te, ande­rer­seits selbst Betrof­fe­ner, der unter der Schwe­re der Erzäh­lung und der schwie­ri­gen Bezie­hung zu sei­nem Vater lei­det. Dabei zeigt das Buch ein­drucks­voll, wie der Holo­caust nicht nur die Über­le­ben­den, son­dern auch die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen geprägt hat.

Ver­öf­fent­licht wur­de »Maus« 1989, in einer Zeit, in der das Bewusst­sein für den Holo­caust wuchs, aber die gesell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung damit noch nicht so umfas­send war wie heu­te. Die Gra­phic Novel wur­de viel­fach aus­ge­zeich­net, dar­un­ter 1992 mit dem Pulit­zer-Preis, als ers­te Gra­phic Novel über­haupt.[2] Die inno­va­ti­ve Ver­bin­dung von his­to­ri­scher Rea­li­tät, per­sön­li­cher Erzäh­lung und gra­fi­scher Kunst macht das Werk zu einem Mei­len­stein der Lite­ra­tur und der Holo­caust-Auf­ar­bei­tung. Der Kon­stan­zer Illus­tra­tor und Pro­fes­sor Thi­lo Roth­acker bringt es tref­fend auf den Punkt: »Da die­se Kata­stro­phen sich unse­rem Ver­stand ent­zie­hen, ist solch eine Art der Annä­he­rung ein gutes Mittel.«

Das Buch »Maus« hat eine tief­grei­fen­de Wir­kung und hin­ter­lässt einen nach­hal­ti­gen Ein­druck. Die unvor­stell­ba­ren Gräu­el­ta­ten der Nazis wer­den durch die Dar­stel­lung in die­sem Werk auf eine Wei­se spür­bar, die nur weni­gen ande­ren Büchern oder Fil­men gelingt. Die per­sön­li­che Per­spek­ti­ve ver­leiht dem Buch den Cha­rak­ter eines wert­vol­len Zeit­zeu­gen­do­ku­ments, des­sen Rele­vanz heu­te eben­so groß ist wie vor 40 Jah­ren und zeigt ein­drück­lich, wie Kunst das Unbe­greif­li­che ver­mit­teln und zugäng­lich machen kann.

Buchbesprechung

»[…] es ist, als wenn man im Nebel geht.« 

Ecos Roman: »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana«

Ist das, was uns aus­macht, unse­re Erin­ne­rung? Und was, wenn wir die­se Erin­ne­run­gen ver­lie­ren? Umber­to Ecos illus­trier­ter Roman »Die geheim­nis­vol­le Flam­me der Köni­gin Loa­na« aus dem Jahr 2004 han­delt von eben die­sen Fra­gen. Der Prot­ago­nist der Geschich­te, ein ita­lie­ni­scher Anti­quar namens Giam­bat­tis­ta Bodo­ni – nicht mit dem Desi­gner der Schrift­art Bodo­ni zu ver­wech­seln – ver­liert durch einen Unfall sein auto­bio­gra­fi­sches Gedächt­nis. Was ihm bleibt, ist sein »Papier­ge­dächt­nis« und all sein lite­ra­ri­sches Wis­sen, das er über sei­ne 60 Lebens­jah­re hin­weg gesam­melt hat. Doch was nützt es, Gedich­te und Pas­sa­gen aus bekann­ten Büchern rezi­tie­ren zu kön­nen, wenn man sei­ne eige­ne Fami­lie nicht wie­der­erkennt? Mit einem unge­heu­ren Detail­reich­tum beschreibt Umber­to Eco auf 495 Sei­ten, wie Bodo­ni ver­sucht, mit Hil­fe von Büchern und Gegen­stän­den sei­ner Kind­heit, sein Gedächt­nis wiederzufinden.

Er arbei­tet sich durch Ber­ge von Comics, Pla­ka­ten, Mode­zeit­schrif­ten, Aben­teu­er­ro­ma­nen und alten Schul­hef­ten auf der Suche nach einem ganz bestimm­ten Gefühl: die­ser geheim­nis­vol­len Flam­me, die sich immer wie­der in sei­nem Inners­ten ent­zün­det, wenn er sich an etwas Per­sön­li­ches zu erin­nern scheint. Erst durch die Zeug­nis­se sei­ner Kind­heit, die auf dem Dach­bo­den des Hau­ses, in dem er auf­ge­wach­sen ist, ver­räumt wur­den, kann er sei­ne Erin­ne­run­gen zurück­ge­win­nen. Nicht die Lite­ra­tur ret­tet ihn, son­dern tri­via­le Geschich­ten. Er fin­det einen Comic mit dem Titel: »La mis­te­rio­sa fiam­ma del­la regi­na Loa­na. Nuo­ve aven­ture di Cino e Fran­co«. Dort, im Titel des Comics »Die geheim­nis­vol­le Flam­me der Köni­gin Loa­na« fin­det Bodo­ni die vie­len mys­te­riö­sen Flam­men wie­der, die immer wie­der etwas in ihm aus­lö­sen (S. 278). Dabei geht es nicht etwa um die Geschich­te des Comics, die ihm so bekannt vor­kommt. Viel­mehr hat­te er die belang­lo­se Erzäh­lung in sei­ner kind­li­chen Fan­ta­sie zum Mythos gemacht. So kann der Titel der Geschich­te immer wie­der aus dem Nebel sei­ner ver­lo­re­nen Erin­ne­rung an Bodo­ni her­an­tre­ten. Und Eco macht den Titel des Comics zum Titel des Romans.

Das Beson­de­re an die­sem Roman ist, dass nicht nur ver­bal, son­dern auch visu­ell erzählt wird. »Die geheim­nis­vol­le Flam­me der Köni­gin Loa­na« ist ein illus­trier­ter Roman, gespickt mit Bil­dern und Illus­tra­tio­nen der Gegen­stän­de, die Bodo­ni auf sei­nem Dach­bo­den fin­det. Als Leser­schaft kann man so noch tie­fer in die Geschich­te und in das Leben des Anti­quars blicken.

Ecos Roman ist eine nost­al­gi­sche Hom­mage an die Medi­en sei­ner Kind­heit und an bedeu­ten­de lite­ra­ri­sche Wer­ke. Das Buch erzählt eine sehr per­sön­li­che und spe­zi­fi­sche Geschich­te, mit der nicht jeder etwas anfan­gen kann. Der Inhalt des Romans han­gelt sich an ganz spe­zi­el­len Gegen­stän­den aus den 30er- und 40er-Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts ent­lang. Und man muss sich so beim Lesen dar­auf ein­stel­len, mit Inhal­ten kon­fron­tiert zu wer­den, die den meis­ten erst ein­mal nichts sagen. Im Gegen­zug bekommt man einen span­nen­den Ein­blick in die dama­li­ge faschis­ti­sche Prä­gung Italiens.

Die Lek­tü­re legt den Gedan­ken nah, dass die eige­ne Iden­ti­tät nur auf den Medi­en, die man kon­su­miert, basiert. Doch besteht unse­re Iden­ti­tät wirk­lich aus so tri­via­len Din­gen wie den alten Ziga­ret­ten­schach­teln unse­rer Väter, den Comics, die wir als Kind gele­sen haben, oder den Schall­plat­ten, die wir frü­her gehört haben? Oder gibt es etwas, unab­hän­gig von Medi­en, was unse­re Iden­ti­tät aus­macht? Natür­lich wäre es etwas kurz gedacht zu sagen, dass aus­schließ­lich unse­re Kon­sum­gü­ter unse­re Iden­ti­tät schaf­fen. Je nach­dem, wo wir auf­wach­sen sind und in wel­cher Zeit wir leben, sind Nor­men, Wer­te und Über­zeu­gun­gen ganz anders geprägt.

Aus Umber­to Ecos Buch kann der Leser vie­le Din­ge mit­neh­men. Vor allem aber, geht es um unse­re Iden­ti­tät. Was macht uns aus und wie viel Ein­fluss haben wir wirk­lich darauf?

Mythen des Alltags

Flanieren

Der Spaziergang als Forschungsmethode

»Fla­nie­ren ist eine Art Lek­tü­re der Stadt, wobei Men­schen­ge­sich­ter, Aus­la­gen, Schau­fens­ter, Café­ter­ras­sen, Bah­nen, Autos, Bäu­me zu lau­ter gleich­be­rech­tig­ten Buch­sta­ben wer­den, die zusam­men Wor­te, Sät­ze und Sei­ten eines immer neu­en Buches erge­ben.«[1]

Fla­nie­ren, Spa­zie­ren, Bum­meln, Pro­me­nie­ren oder Lust­wan­deln – all die­se Begrif­fe beschrei­ben einen ähn­li­chen Vor­gang: Unter frei­em Him­mel an der fri­schen Luft einen Fuß vor den ande­ren set­zen. Meist in einer eher gemä­ßig­ten Geschwin­dig­keit. Allein, zu zweit oder in einer Grup­pe. Der Spa­zier­gang lässt sich auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se gestal­ten. Doch wie unter­schei­den sich die­se Begrif­fe von­ein­an­der? Was unter­schei­det das Fla­nie­ren vom Spa­zie­ren, Bum­meln, Pro­me­nie­ren oder Lustwandeln?

Fla­nie­ren, wie im Zitat von Franz Hes­sel, beschreibt eine ganz bestimm­te Art und Wei­se durch die Land­schaft zu gehen. Einen ganz bestimm­ten Typus Mensch: den Fla­neur. Anders als sein Pen­dant, der Wan­de­rer, oder der Spa­zier­gän­ger, ist der Fla­neur eine lite­ra­ri­sche Figur, die nicht etwa zur Ent­span­nung an die fri­sche Luft geht. Der Fla­neur ist intel­lek­tu­ell, streift ziel­los in der Groß­stadt umher, nimmt nicht Teil an sei­ner Umge­bung und erschafft durch rei­ne Beob­ach­tung einen Pro­zess der Refle­xi­on.[2] Der Fla­neur, als lite­ra­ri­sche Figur, wur­de von Charles Bau­de­lai­re, als jemand, der »in der Mas­se zuhau­se ist, im Wogen­den, in der Bewe­gung, im Flüch­ti­gen und Unend­li­chen«, beschrie­ben.[3] Das Fla­nie­ren hat sei­nen Höhe­punkt im Pari­ser Bou­le­vard-Leben des 20. Jahr­hun­derts. Genau damit beschäf­tig­te sich auch Wal­ter Ben­ja­min in sei­nem »Pas­sa­gen-Werk«. Mit den dama­li­gen ers­ten soge­nann­ten Pas­sa­gen, die Vor­gän­ger der heu­ti­gen Fuß­gän­ger­zo­nen, begann auch die Idee des Fla­nie­rens.[4] Das Fla­nie­ren schärft die Wahr­neh­mung für die Din­ge um uns her­um. Durch Beob­ach­tung set­zen wir Ele­men­te zusam­men und schaf­fen ein ganz­heit­li­ches Bild der Orte, an denen wir uns befin­den. Ein Baum, der sei­ne Blät­ter ver­liert, ein Kau­gum­mi, der auf dem Asphalt klebt, die vom Regen benetz­ten Spinn­we­ben an der Later­ne. Din­ge, die man nur zu Fuß ent­de­cken kann.

In der Pro­me­n­a­do­lo­gie, der Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft, beschreibt man Spa­zier­gän­ge als »Metho­de und Erkennt­nis­mit­tel«.[5] Die Pro­me­n­a­do­lo­gie, oder eng­lisch »Strol­lo­lo­gy« »grün­det sich auf die The­se, dass die Umwelt nicht wahr­nehm­bar sei, und wenn doch, dann auf­grund von Bild­vor­stel­lun­gen, die sich im Kopf des Beob­ach­ters bil­den und schon gebil­det haben.«.[6] Spa­zier­gangs­for­scher fin­den beson­de­res Inter­es­se an der Ästhe­tik des Spa­zie­ren­ge­hens. Es ist nicht etwa nur das Spa­zie­ren, das erforscht wird, das Gehen ist viel­mehr ein For­schungs­in­stru­ment, mit dem wir Men­schen beob­ach­ten und ent­de­cken. Die Spa­zier­gangs­for­schung beschäf­tigt sich vor allem damit, wie sich Land­schafts­bil­der ent­wi­ckeln und wel­chen Sze­nen man als Spa­zier­gän­ger Auf­merk­sam­keit schenkt. Denn unse­re Auf­merk­sam­keit ist – auch beim Spa­zie­ren­ge­hen – nicht immer line­ar. Sie lässt manch­mal nach, kehrt sich nach innen und wird dann wie­der auf etwas Neu­es gelenkt.[7] Spa­zie­ren ist Übungs­sa­che. Laut Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Schmitz sol­le man für bekann­te Wege statt des Autos, das Fahr­rad neh­men.[8] Das sei eine Mög­lich­keit, die eige­ne Wahr­neh­mung zu trai­nie­ren und sich durch Beob­ach­tung einen Raum zu erschlie­ßen.[9]

Auch wenn es die Pro­me­n­a­do­lo­gie, die von Luci­us Bur­chardt begrün­det wur­de, erst seit den 1980er-Jah­ren gibt und sie damit eine sehr jun­ge Wis­sen­schaft ist, wur­de das Spa­zie­ren schon viel frü­her zu einer wich­ti­gen Metho­de, die eige­ne Wahr­neh­mung zu schär­fen.[10] Das Spa­zie­ren kam genau­er gesagt schon seit dem 18. Jahr­hun­dert in Mode und zahl­rei­che Künst­ler und Schrift­stel­ler sind fas­zi­niert davon. So ent­stan­den berühm­te Gemäl­de wie Cas­par David Fried­richs »Der Wan­de­rer über dem Nebel­meer«.[11]

Ein Spa­zier­gang muss also kein Ziel haben, um ein Spa­zier­gang zu sein. Wenn man spa­ziert, rein aus der Lust am Gehen, übt man sich dar­in, das eige­ne Umfeld anders zu betrach­ten. Kön­nen wir uns also etwas vom Fla­neur oder den Erkennt­nis­sen der Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft abschauen?

Wie sieht das heu­te aus? Gehen die Men­schen heut­zu­ta­ge eher spa­zie­ren oder fla­nie­ren? Die Grün­de für einen Spa­zier­gang – wie es zu bezeich­nen heu­te gang und gäbe ist – sind viel­fäl­tig. Kör­per­li­che Ertüch­ti­gung nach einem lan­gen Tag im Büro, tief­grei­fen­de Gesprä­che bei einem roman­ti­schen Herbst­spa­zier­gang, ein Ver­dau­ungs­spa­zier­gang, um das Mit­tag­essen zu ver­ar­bei­ten oder ein­fach nur den eige­nen Gedan­ken frei­en Lauf zu las­sen. Spa­zie­ren ist für vie­le Men­schen ein nicht weg­zu­den­ken­der Bestand­teil des All­tags. In ers­ter Linie soll der Spa­zier­gang ent­span­nen oder einen bestimm­ten Ort als Ziel haben. Die meis­ten Anläs­se für einen Spa­zier­gang sind also eher Fla­neur-unty­pisch. Ein alt­mo­di­scher Trend ist das Spa­zie­ren nicht. Der soge­nann­te »Hot Girl Walk«, ein »Tiktok«-Trend aus dem Jahr 2021, beschreibt eine ganz bestimm­te Art des Spa­zier­gangs. Ein »Hot Girl Walk« ist eine Vier-Mei­len-Wan­de­rung, bei der man an drei Din­ge den­ken soll. Die Din­ge, für die man dank­bar ist, die eige­nen Zie­le und wie man sie errei­chen will und wie »hot«, also wie attrak­tiv, man ist. Das Gan­ze ist eine Art Moti­va­tions-Spa­zier­gang, der vor allem Frau­en dabei hel­fen soll, ihr psy­chi­sches und phy­si­sches Wohl­be­fin­den zu ver­bes­sern.[12]

Das Spa­zie­ren oder auch Fla­nie­ren ist also nicht nur das simp­le Gehen oder Lau­fen. Es ist eine Art, sich eine Aus­zeit zu neh­men und zu ent­schleu­ni­gen. Gedan­ken wahr­zu­neh­men, zu reflek­tie­ren und zu sor­tie­ren, bis sie ein kla­res Bild erge­ben. Ob man nun beim Spa­zie­ren forscht, sich mit sich selbst aus­ein­an­der­setzt oder Kon­ver­sa­ti­on betreibt; ein Spa­zier­gang ist immer eine gute Idee, um die Sei­ten eines Buches zu füllen.

Mythen des Alltags

»Girl Math«

Rechnen für das gute Gewissen

»Geil, der Kaf­fee ist mal wie­der umsonst!«, denkt sich Char­lot­te, wäh­rend sie acht­los ein paar Mün­zen auf den Tre­sen legt, die sie zufäl­lig in ihrer Jacken­ta­sche gefun­den hat. Ohne ein schlech­tes Gefühl nimmt sie ihren klei­nen, schwar­zen Kaf­fee für 8 Euro und star­tet beschwingt in den Tag.

Egal ob im Café, im Super­markt oder beim Online­shop­ping, vie­le Men­schen den­ken und han­deln bei ihren täg­li­chen Aus­ga­ben wie Char­lot­te. Bes­ser bekannt als »Girl Math« ist die­se Denk­wei­se vor allem durch sozia­le Medi­en wie Tik­Tok groß gewor­den.[1]  Tag­täg­lich pos­ten hier Men­schen, meist aus der Gene­ra­ti­on Z, kur­ze Vide­os, in denen sie zei­gen, wie viel sie denn heu­te schon durch »Girl Math« gespart hät­ten und was sie sich von dem gespar­ten Geld jetzt gön­nen.[2]

Doch war­um das alles? Der Psy­cho­lo­ge und geschäfts­füh­ren­de Direk­tor von YMW Advi­sors, Brad Klontz, erklärt den Trend in einem Inter­view mit CNBC wie folgt: »›Girl Math‹ ist nur die jüngs­te Vari­an­te, mit der wir ver­su­chen, finan­zi­el­le Ver­hal­tens­wei­sen zu ratio­na­li­sie­ren, von denen wir wis­sen, dass wir sie nicht tun soll­ten.«[3] Mit Mathe­ma­tik, wie man es ange­sichts des Begriffs »Girl Math« – zu Deutsch »Mäd­chen-Mathe« – ver­mu­ten könn­te, hat das Gan­ze also nichts zu tun. Viel­mehr sind es krea­ti­ve Gedan­ken­spie­le, die die Men­schen nut­zen, um ihre Kon­sum­aus­ga­ben zu ver­harm­lo­sen und vor sich selbst zu recht­fer­ti­gen.[4]

»Girl Math« kann nicht nur wie im Fall von Char­lot­te dafür sor­gen, dass Bar­zah­lun­gen »umsonst« sind, son­dern bie­tet auch vie­le ande­re Mög­lich­kei­ten, die Aus­ga­ben schön­zu­rech­nen.[5] So wird ein Pro­dukt auch immer güns­ti­ger, je öfter es genutzt wird, in dem die Per­son den Ein­kaufs­preis durch die Anzahl der Tage teilt, an denen sie das Pro­dukt nut­zen wird. Eben­so ist ein Arti­kel im Ange­bot die per­fek­te Grund­la­ge, um »Girl Math« anzu­wen­den. Neben dem gespar­ten Geld, das der Käu­fer schon durch das Ange­bot erhält, bekommt er mit »Girl Math« das gespar­te Geld »geschenkt« und kann sich hier­für beden­ken­los wie­der etwas Neu­es kau­fen.[6]

Auf den ers­ten Blick erscheint »Girl Math« weder pro­ble­ma­tisch noch gefähr­lich, da der Trend meist sehr über­trie­ben und scherz­haft in den sozia­len Medi­en dar­ge­stellt wird. Wenn die­se Iro­nie jedoch nicht ver­stan­den wird, kann der Inter­net­trend zu einer Gefahr wer­den. Vor allem jun­ge Men­schen, die wenig Erfah­rung im rich­ti­gen Umgang mit Geld besit­zen und sich leicht durch die sozia­len Medi­en beein­flus­sen las­sen, kön­nen hier schnell in eine Fal­le tap­pen. Da sie das Gezeig­te nicht ein­schät­zen kön­nen, über­neh­men sie das Kon­sum­ver­hal­ten, ohne es zu hin­ter­fra­gen.[7]

Obwohl »Girl Math« ein gewis­ses Risi­ko­po­ten­zi­al mit sich bringt, eröff­net der Trend in man­chen Situa­tio­nen auch Chan­cen, sich selbst etwas Gutes zu tun, ohne dabei das Gefühl zu haben, unnö­tig Geld aus­ge­ge­ben zu haben.[8] »Manch­mal ist ›Girl Math‹ die per­fek­te Mathe­ma­tik«, so Klontz im Inter­view mit CNBC. Wenn man bedenkt, wie oft man einen Gegen­stand benut­zen oder tra­gen wird, hilft das, »den emo­tio­na­len Teil des Gehirns zu beru­hi­gen und den ratio­na­len Teil des Gehirns ein­zu­schal­ten.«[9]

»Girl Math« soll­te nicht die Lösung aller Ein­käu­fe sein, kann in man­chen Situa­tio­nen aber das Gewis­sen ent­las­ten und somit auch den Tag ver­sü­ßen. Den­noch ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Aus­ga­ben trotz der genann­ten posi­ti­ven Dar­stel­lung getä­tigt wer­den und somit auch rea­le finan­zi­el­le Aus­wir­kun­gen haben. Wenn der klei­ne schwar­ze Kaf­fee 8 Euro kos­tet, ist das nicht schlimm, sofern man sich des Prei­ses bewusst ist und der die eige­nen Mit­tel nicht über­steigt. Um das Risi­ko für jun­ge Men­schen zu mini­mie­ren, emp­fiehlt es sich, die­se über den Inter­net­trend auf­zu­klä­ren, um sie vor finan­zi­el­ler Ver­schul­dung zu schützen.

  1. [1] Klem­mer, Fran­zis­ka: Titel Girl Math: Das steckt hin­ter dem Tik­Tok-Trend URL: https://www.wmn.de/job/business/geld/girl-math-das-steckt-hinter-dem-tiktok-trend-id730526 (Stand: 13.11.2024)
  2. [2] Kaindl, Fran­zis­ka: Schön­rech­ne­rei der Gen Z – was steckt hin­ter dem Begriff „Girl Math“? URL: https://www.merkur.de/leben/geld/beschoenigen-tiktok-trend-girl-math-generation-z-finanzen-ausgaben-zr-92589861.html (Stand: 17.01.2024)
  3. [3] Klontz, Brad in CNBC, zitiert nach Dick­ler, Jes­si­ca: Shop­pers embrace ›girl math‹ to jus­ti­fy luxu­ry purcha­ses — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
  4. [4] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hin­ter dem neu­en Tik­Tok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
  5. [5] Kaindl, Fran­zis­ka: Schön­rech­ne­rei der Gen Z – was steckt hin­ter dem Begriff „Girl Math“? URL: https://www.merkur.de/leben/geld/beschoenigen-tiktok-trend-girl-math-generation-z-finanzen-ausgaben-zr-92589861.html (Stand: 17.01.2024)
  6. [6] Dick­ler, Jes­si­ca: Shop­pers embrace ›girl math‹ to jus­ti­fy luxu­ry purcha­ses — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
  7. [7] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hin­ter dem neu­en Tik­Tok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
  8. [8] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hin­ter dem neu­en Tik­Tok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
  9. [9] Klontz, Brad in CNBC zitiert nach Dick­ler, Jes­si­ca: Shop­pers embrace ›girl math‹ to jus­ti­fy luxu­ry purcha­ses — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)

Mythen des Alltags

Kopfhörer

Zwischen Individualität und Isolation

Ein hek­ti­scher Tag, Bus ver­passt, Prü­fung ver­hau­en, Kopf­schmer­zen – den Kopf vol­ler Gedan­ken, die Stadt vol­ler Lärm – ein Griff in die Jacken­ta­sche, Kopf­hö­rer ins Ohr, Musik an. Die Welt wird ruhi­ger, fokus­sier­ter. Durch­at­men, Kopf sortieren.

Kopf­hö­rer sind für vie­le Men­schen mehr als ein tech­ni­sches Gad­get: Sie sind Rück­zugs­ort, ein Mit­tel zur Kon­zen­tra­ti­on oder ein Aus­druck von kom­mu­ni­ka­ti­vem Des­in­ter­es­se, und sie gehö­ren für vie­le Men­schen selbst­ver­ständ­lich zum All­tag. Sie kön­nen dabei hel­fen, sich beim Sport zu moti­vie­ren, die Außen­welt abzu­gren­zen, den Abwasch dank eines Pod­casts inter­es­san­ter zu gestal­ten und ein Tele­fo­nat ganz ein­fach auf dem Fahr­rad zu führen.
Gleich­zei­tig sor­gen sie immer wie­der für Dis­kus­sio­nen: Wenn sich jeder nur noch auf sich kon­zen­triert, wo bleibt das Mit­ein­an­der? Und gera­de dar­auf soll­ten wir heut­zu­ta­ge beson­ders acht­ge­ben, oder?

Die Geschich­te der Kopf­hö­rer beginnt im spä­ten 19. Jahr­hun­dert, als sie haupt­säch­lich in pro­fes­sio­nel­len Berei­chen wie der Tele­gra­phie, Funk­tech­nik und in Tele­fon­zen­tra­len genutzt wur­den.[1] Der gro­ße Durch­bruch kam 1980 mit dem Walk­man, der das Musik­hö­ren revo­lu­tio­nier­te, indem er Kopf­hö­rer von einer tech­ni­schen Not­wen­dig­keit zu einem frei zugäng­li­chen Zube­hör mach­te.[2]

In den letz­ten Jahr­zehn­ten erleb­ten Kopf­hö­rer durch kabel­lo­se Tech­no­lo­gien und Smart­phones eine neue Blü­te­zeit. Noi­se-Can­cel­ling-Model­le (Gerä­te, wel­che Umge­bungs­ge­räu­sche fil­tern kön­nen) sor­gen nicht nur für Ruhe, son­dern bie­ten zusätz­lich eine Form von Kon­trol­le: Die Nut­zer ent­schei­den, was sie hören – und was nicht. Kabel­lo­se »In-Ear-Model­le« (die nicht auf das Ohr, son­dern direkt in das Ohr gesetzt wer­den) wie Bei­spiels­wei­se die Air­Pods vom ame­ri­ka­ni­schen Hard- und Soft­ware­ent­wick­ler »Apple« ent­wi­ckeln sich zu Sta­tus­sym­bo­len. Bemer­kens­wert ist dabei, dass eini­ge neue­re Model­le wie die Air­Pods Pro sogar als Hör­ge­rä­te genutzt wer­den kön­nen[3] – ein Bei­spiel für die fort­schrei­ten­de Ver­schmel­zung von Lebens­stil und Funktionalität.

Doch was sagen Kopf­hö­rer über uns als Gesell­schaft aus? Einer­seits bie­ten sie die Mög­lich­keit, sich in eine pri­va­te Klang­welt zurück­zu­zie­hen. Ande­rer­seits för­dern sie durch geteil­te Play­lists, Dis­kus­sio­nen über Pod­casts oder das gemein­sa­me Syn­chro­ni­sie­ren von Play­lis­ten auch digi­ta­le Ver­net­zung. Die Autorin und Repor­te­rin Anne Back­haus hat für den Deutsch­land­funk eine kla­re Posi­ti­on gefun­den: » … viel­leicht tra­gen sie [Kopf­hö­rer] häu­fig sogar zu einem bes­se­ren Mit­ein­an­der bei. Denn wir sind ja auch rück­sichts­voll, wenn wir uns gegen eine Boom-Box und für die Kopf­hö­rer ent­schei­den. Wir sind freund­lich, wenn wir lie­ber eine neue Pod­cast-Fol­ge hören als knis­tern­de Frau­en anzu­mau­len. Wir kon­su­mie­ren nicht ein­fach, wir pfle­gen unse­re Pri­vat­sphä­re, viel­leicht sogar unse­re See­le, wenn wir in lärm­re­du­zie­ren­de Kopf­hö­rer inves­tie­ren und den Welt­ton vor­über­ge­hend abschal­ten.«[4]

Die Nut­zung von Kopf­hö­rern wird von Kri­ti­kern aber auch oft als Sym­bol für Abgren­zung und feh­len­den zwi­schen­mensch­li­chen Aus­tausch gese­hen. So argu­men­tiert Micha­el Bull in sei­nem Buch »Sound­ing Out the City: Per­so­nal Ste­re­os and the Manage­ment of Ever­y­day Life«, dass per­sön­li­che Audio­ge­rä­te wie Walk­mans (und heu­te Kopf­hö­rer) es den Nut­zern ermög­lich­ten, sich von ihrer Umge­bung abzu­schot­ten und eine indi­vi­du­el­le Klang­welt zu schaf­fen, was zu einer Ver­rin­ge­rung spon­ta­ner sozia­ler Inter­ak­tio­nen füh­ren kön­ne.[5] »In einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge der Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se (TK) gab mit 68 Pro­zent die Mehr­heit der 18- bis 39-Jäh­ri­gen an, häu­fig oder zeit­wei­se ein­sam zu sein.«[6] Könn­te es bei den Ent­wick­lun­gen in der heu­ti­gen Zeit einen Zusam­men­hang geben?

Kopf­hö­rer ver­än­dern, wie wir Musik erle­ben und an ihr teil­ha­ben – und unse­re Umwelt. Die Mög­lich­keit, jeder­zeit und über­all Musik zu hören, hat den Über­gang von gemein­schaft­li­chen zu indi­vi­dua­li­sier­ten Hör­erfah­run­gen ver­än­dert. Laut einer Stu­die der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin führt das mobi­le Musik­hö­ren über Kopf­hö­rer dazu, dass Musik inten­si­ver wahr­ge­nom­men wird und Hörer gezielt ihre akus­ti­sche Umge­bung steu­ern[7]. Und was bedeu­tet das für unser Ver­hält­nis zur Musik? Auch die Art, wie wir Emo­tio­nen durch Musik steu­ern, hat sich ver­än­dert – Musik wird immer mehr als Mit­tel zur Stim­mungs­re­gu­la­ti­on genutzt, und ist somit oft eher funk­tio­nal als ein bewuss­ter Genuss[8].

Kopf­hö­rer ste­hen für Indi­vi­dua­li­tät, Kon­trol­le und die Mög­lich­keit, in einer hek­ti­schen, lau­ten und vol­len Welt Ord­nung zu schaf­fen – sei es durch das, was wir hören, oder das, was wir aus­blen­den. Ihre Ent­wick­lung spie­gelt nicht nur tech­ni­sche Fort­schrit­te, son­dern auch Ver­än­de­run­gen in unse­rer Gesell­schaft. Ihr Ein­fluss wird sicher auch in Zukunft spür­bar blei­ben – in wel­cher Form, das wird sich noch zeigen.

Mythen des Alltags

Wohngemeinschaften

Zwischen Putzplan und Demokratie

Vor­ge­schich­te
Die rich­ti­gen Kla­mot­ten raus­ge­legt? Check.
Eige­ne Stär­ken und Schwä­chen ana­ly­siert? Check.
Rück­fra­gen vor­be­rei­tet? Check. 

Das WG-Cas­ting steht an.

Inner­halb einer Stun­de gilt es, die eige­ne Per­sön­lich­keit vor den poten­zi­el­len Mit­be­woh­nern in spe ins bes­te Licht der WG-Küche zu rücken. Wäh­rend des Gesprächs ver­hält man sich all­seits inter­es­siert und lässt die mit­ge­brach­te Mikro­wel­le immer wie­der ver­füh­re­risch auf­blit­zen … Und natür­lich ist man eher der »sau­be­re Typ«, treibt regel­mä­ßig Sport und hat neben Job und Stu­di­um immer Zeit für einen gemein­sa­men WG-Abend.

WG-Plät­ze sind in Uni­ver­si­täts­städ­ten heiß begehrt und die Prei­se, die Stu­die­ren­de bereit sind dafür zu zah­len, immer höher. 790 Euro für ein WG-Zim­mer in Mün­chen.[1] Wer sich das nicht leis­ten kann, muss nach Alter­na­ti­ven suchen: In Müns­ter bei­spiels­wei­se über­nach­te­ten 80 Stu­di­en­an­fän­ger in den ers­ten Tagen des Semes­ters in einer Turn­hal­le.[2]

Doch in die­sem Sze­na­rio läuft es anders. Beim Cas­ting eines erschwing­li­chen WG-Zim­mers hat man einen guten Ein­druck hin­ter­las­sen und das Objekt der Begier­de steht zum Ein­zug bereit. Vol­ler Vor­freu­de packen sich die Kof­fer wie von selbst und plötz­lich steht man da: in einer neu­en Woh­nung, vor drei Frem­den, in einer unbe­kann­ten Stadt.

Und los.
In den ers­ten Tagen bemerkt man, dass bei der Beschrei­bung des WG-Zustands doch der ein oder ande­re Euphe­mis­mus dabei war. Alle leben irgend­wie anders, als man es von zu Hau­se gewohnt ist. Doch genau das macht den Charme der schöns­ten Form des Zusam­men­le­bens im jun­gen Erwach­se­nen­al­ter aus. Cha­rak­te­re ler­nen sich ken­nen, die sich sonst wohl nie begeg­net wären oder es zumin­dest auf kein Wie­der­se­hen ange­legt hätten.

Im »Öko­sys­tem WG« beein­flus­sen sich die Bewoh­ner stän­dig gegen­sei­tig. Das pas­siert bewusst: indem man von neu­en Gerich­ten erfährt oder bemerkt, dass sich die Dusche gar nicht von selbst putzt. Und unbe­wusst: Men­schen sind zwar von Natur aus sozia­le Wesen, sozia­les Ver­hal­ten ist jedoch kein Attri­but, das bei der Geburt mit­ge­ge­ben wird. Es muss erlernt wer­den [3], durch ein Leben in Gesell­schaft.[4] Der All­tag in einer Wohn­ge­mein­schaft, in dem gleich­be­rech­tig­te Indi­vi­du­en mit unter­schied­lichs­ten Lebens­kon­zep­ten auf­ein­an­der­tref­fen, eig­net sich dafür per­fekt. Sowohl durch har­mo­ni­sche als auch kon­flikt­rei­che Pha­sen des Zusam­men­seins schu­len Mit­be­woh­ner sich in Kom­pro­miss­be­reit­schaft, Empa­thie und Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl [5] [6]. Eigen­schaf­ten, die unse­re Welt drin­gend braucht.

In den ers­ten (nicht ganz) eige­nen Wän­den bekommt man das schö­ne Gefühl, allein auf eige­nen Bei­nen ste­hen zu kön­nen, ohne dabei allein sein zu müs­sen. Die Schnitt­men­ge aus indi­vi­du­el­ler Frei­heit und demo­kra­ti­scher Gesellschaft.

Wohn­ge­mein­schaf­ten schaf­fen es, aus Frem­den Freun­de zu machen, aus einem kaput­ten Hän­ge­schrank ein »Pro­jekt für Bast­ler« und aus einem häss­li­chen Wand-Tat­too den Beweis für Sozialkompetenz.

Mythen des Alltags

Die Autobahn

Frust der Freiheit

Nein, Hit­ler hat die Auto­bahn nicht erfun­den. Der Traum einer gro­ßen, brei­ten Stra­ße ohne Kreu­zun­gen und Ampeln exis­tier­te bereits in den 1920-Jah­ren.[1] Unge­ach­tet des­sen ris­sen die Natio­nal­so­zia­lis­ten die Auto­bahn an sich, pro­pa­gier­ten sie als Aus­druck von Macht, Stär­ke und Fort­schritt. Kurz: das Wirt­schafts­wun­der Auto­bahn. Dass die­ses »Wun­der« auf Zwangs­ar­beit von aus­ge­beu­te­ten Men­schen beruh­te, dass die­se Plä­ne schon vor­her fest­stan­den, dass Hit­ler selbst anfangs gegen die Auto­bahn war und sie als Spie­le­rei der Super­rei­chen bezeich­ne­te, wur­de unter den Tisch gekehrt. Wer gegen die schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen pro­tes­tier­te, den schick­te man zur »Umer­zie­hung« ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Sta­tis­ti­ken zur Stei­ge­rung der Arbeits­lo­sig­keit wur­den beschö­nigt, Bil­der der Bau­stel­len in allen Zei­tun­gen gefei­ert. Ein Spek­ta­kel der Lügen, ein Bei­spiel der Pro­pa­gan­da der Natio­nal­so­zia­lis­ten.[2]

Die Deut­schen und die Auto­bahn, das ist also eine gar nicht all­zu lan­ge Geschich­te. Den­noch ist die Asphalt-Ader eines der wich­tigs­ten natio­na­len Sym­bo­le, wenn über Deutsch­land gere­det wird. Bier, Okto­ber­fest, Autos … und die Auto­bahn. Täg­lich ver­bin­det sie Mil­lio­nen von Men­schen, bean­sprucht über 13200 Kilo­me­ter Stre­cke, ver­teilt in alle Him­mels­rich­tun­gen von Deutsch­land.[3] Für man­che ein Aus­druck von Frei­heit, für ande­re der pure Frust, wenn man mal wie­der zwei Stun­den still im Stau ste­hen muss. Für man­che ist es der Traum, das Gas­pe­dal kom­plett durch­zu­drü­cken, für ande­re bedeu­tet es Stress, Laut­stär­ke, Umwelt­ver­schmut­zung und Zer­stö­rung. Sel­ten gibt es ein The­ma, das so vie­le Dis­kus­sio­nen und lei­den­schaft­li­che Fans her­vor­ge­bracht hat – von einer eige­nen Action-Serie »Alarm für Cobra 11«, die seit 1996 auf RTL läuft,[4] bis zum Klas­si­ker der Musik­grup­pe »Kraft­werk«, die ihr Album »Auto­bahn« nann­te – inklu­si­ve gleich­na­mi­ger Sin­gle. Ein inter­na­tio­na­ler Erfolg.[5] Heu­te steht die Auto­bahn vor allem für Frei­heit und Mobi­li­tät. In der Hoff­nung, Staus und Ver­kehrs­chaos zu ver­rin­gern, wird das Netz wei­ter aus­ge­baut, auch wenn sich in der Ver­gan­gen­heit eines gezeigt hat: Wer Stra­ßen sät, wird Ver­kehr ern­ten.[6] In Deutsch­land gibt es weder Maut für Pkw noch ein Tem­po­li­mit – das ist im welt­wei­ten Ver­gleich durch­aus eine Sel­ten­heit. Mit Stolz weh­ren sich vie­le – ob in der Poli­tik oder pri­vat – gegen die Ein­füh­rung eines Tem­po­li­mits, obwohl zahl­rei­che Stu­di­en bele­gen, dass ein ver­rin­ger­tes Tem­po Unfäl­le und Staus redu­zie­ren und in punc­to Kli­ma­schutz hel­fen könn­te.[7] Lie­ber aber bret­tert man mit sei­nem SUV mit Tem­po 170 über den Asphalt und ruft dabei »Frei­heit!« als einen sau­be­ren Pla­ne­ten zu hinterlassen.

Aber was ist die Alter­na­ti­ve? Die deut­sche Bahn, deren Züge zu ver­mut­lich 50 Pro­zent zu spät kom­men oder gar aus­fal­len?[8] Oft wird als Alter­na­ti­ve das E-Auto genannt, aber auch das braucht eine Stra­ße, braucht Platz, Res­sour­cen und Geld.[9] Die Lösung kann nicht dar­in lie­gen, noch mehr Autos auf die Stra­ßen zu brin­gen.[10] Ver­bo­te und Ver­zich­te hören sich unse­xy an. Statt­des­sen muss Mobi­li­tät nach­hal­tig gedacht wer­den. Die Bedürf­nis­se der Pend­ler müs­sen wahr­ge­nom­men wer­den. Fle­xi­ble Home­of­fice-Optio­nen gehö­ren geför­dert und der Aus­bau des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs vor­an­ge­trie­ben. Car­sha­ring ist eine ernst­zu­neh­men­de Alter­na­ti­ve, muss den Men­schen aber schmack­haft gemacht wer­den. Für die Deut­schen und ihre Auto­bahn ist es an der Zeit, die Ver­kehrs­re­geln neu zu defi­nie­ren. Viel­leicht ist das der Moment, sich ein neu­es Sta­tus­sym­bol zu suchen, für das man in der Welt bekannt ist – eines, das zeit­ge­mäß ist und für das es sich wirk­lich lohnt, mit Stolz geradezustehen.

  1. [1] Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr, Bau- und Woh­nungs­we­sen; Minis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, Wirt­schaft und Ver­kehr des Lan­des Schles­wig-Hol­stein; Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern; Minis­te­ri­um für Infra­struk­tur und Raum­ord­nung des Lan­des Bran­den­burg; 2005. Neu­bau der Auto­bahn A20 Lübeck (A1)—Stettin (A11). Ver­füg­bar unter: https://www.deges.de/wp-content/uploads/2019/08/2005_A20_Dokumentation.pdf?type=original
  2. [2] http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/das-maerchen-von-der-autobahn-73113.html (Zugriff am 7.11.2024)
  3. [3] Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Digi­ta­les und Ver­kehr, 2021, Aus- und Neu­bau von Stra­ßen, 30.9.2021. https://bmdv.bund.de/SharedDocs/DE/Artikel/StB/aus-und-neubau-von-strassen.html (Zugriff am 7.11.2024)
  4. [4] https://www.rtl.de/cms/25-jahre-alarm-fuer-cobra-11-deutschlands-actionserie-feiert-geburtstag-4720433.html (Zugriff am 7.11.2024)
  5. [5] https://www.swr.de/swr1/rp/meilensteine/kraftwerk-autobahn-100.html (Zugriff am 12.12.2024)
  6. [6] Kun­ze, Con­rad, 2022. Deutsch­land als Auto­bahn. 1. Auf­la­ge, tran­script Ver­lag, Bie­le­feld. ISBN 9783837659436 
  7. [7] Fried­rich, Mar­kus; Bawi­da­mann, Jür­gen; Schmaus, Mat­thi­as, 2024. Model­lie­rung der Umwelt­wir­kung von Tem­po­li­mit-Maß­nah­men auf Auto­bah­nen und Außer­orts. Umwelt­bun­des­amt. ISSN 1862–480
  8. [8] https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/deutsche-bahn-puenktlichkeit-100.html (Zugriff am 7.11.2024)
  9. [9] Öko-Insti­tut, 2017: Stra­te­gien für die nach­hal­ti­ge Roh­stoff­ver­sor­gung der Elek­tro­mo­bi­li­tät. Syn­the­se­pa­pier zum Roh­stoff­be­darf für Bat­te­rien und Brennstoffzellen.Studie im Auf­trag von Ago­ra Verkehrswende. 
  10. [10] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/mobilitaet/mobilitaet_a20_kosten_studie.pdf (Zugriff am 10.2.2025)
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