Buchbesprechungen
»Fraktur stand neben Futura«
Andreas Koop über das Design im Nationalsozialismus
Wie viel bezahlten die Nationalsozialisten eigentlich für ein Logo? War die Frakturschrift wirklich die bevorzugte Schrift? Was veränderte sich das Hakenkreuz im Lauf der Zeit gestalterisch?
Andreas Koop beleuchtet in seinem Buch »NSCI – Das visuelle Erscheinungsbild des Nationalsozialismus 1920–1945«, wie das NS-Regime Propaganda und Design nutzte, um seine Ideologie zu verbreiten und zu festigen. Seine Analyse bleibt nüchtern und sachlich – der Begriff Corporate Identity (CI) wirkt allerdings irreführend, denn treffender wäre hier eher die Bezeichnung »Corporate Design Manual«. Behandelt wird hier das äußere Erscheinungsbild des Nationalsozialismus und nicht die komplette Identität. Aus der Sicht eines Designers sammelt und analysiert Andreas Koop die Gestaltung der Nationalsozialisten aus einem neuen Blickwinkel.
Seit Jahren beschäftigt sich Koop mit der visuellen Designforschung und veröffentlichte bereits zahlreiche Bücher. »NSCI – Das visuelle Erscheinungsbild des Nationalsozialismus 1920–1945« erschien 2008 im Hermann Schmidt Verlag und liegt mittlerweile in der dritten Auflage vor.
Überraschend für so manchen, der die Nazis mit einem geordneten, strengen System in Verbindung bringt, mag die Erkenntnis sein, dass das visuelle Erscheinungsbild viel chaotischer und ungeordneter war, als man vermuten würde. Denn Hitler und seine Helfer bedienten sich bei verschiedenen Quellen. Besonders in den frühen Jahren des Regimes war die Außenwirkung eher unauffällig, um internationale Kritik zu vermeiden. Erst 1936 kam es zu einer weitgehenden Vereinheitlichung der visuellen Darstellung, die jedoch weiterhin von gestalterischem Wildwuchs geprägt war.
Die rote Farbe übernahm man beispielsweise von den Sozialisten, beim Hakenkreuz bediente er sich eines alten buddhistischen Glückssymbols und lud es mit einer neuen Bedeutung von Angst und Terror auf. Die Uniformen übernahm das Regime zunächst von der Reichswehr, während die Frakturschrift als Symbol deutschen Kulturguts beibehalten wurde.
Welche Rolle spielte das Corporate Design bei der Manifestation der nationalsozialistischen Ideologie? Koop baut sein Buch wie ein Design Manual auf, um diese Frage zu beantworten. Vom Hakenkreuz über die Typografie bis zum öffentlichen Raum werden die Gestaltungsmittel unter die Lupe genommen und untersucht, wie sie die nationalsozialistische Ideologie unterstützten.
Dabei gelingt es dem Autor, die Strategien des NS-Regimes zu analysieren, ohne sie zu glorifizieren, und ein fundiertes Verständnis für die Mechanismen von Propaganda zu schaffen.
Ein Schwachpunkt des Buches ist die Größe der Abbildungen: Für ein Design-Buch, das sich auf visuelle Analysen stützt, sind diese leider oft zu klein, um Details klar nachvollziehen zu können. Insgesamt ist das Buch eine wertvolle, übersichtliche Zusammenfassung der visuellen Identität der Nationalsozialisten und perfekt für jeden, der sich mit der Wirkung von Gestaltung auf die Gesellschaft und Ideologie auseinandersetzen möchte.
Buchbesprechungen
»Du wirst hier rauskommen – frei!«
Tief bewegend: Art Spiegelmans Graphic Novel »Maus«
Wie erinnert man an eine Vergangenheit, die kaum zu begreifen ist? »Maus« von Art Spiegelmann ist eine biografische und historische Graphic Novel, die den Holocaust aus der Perspektive des Überlebenden Vladek Spiegelman, der Vaters des Autors, erzählt. Gleichzeitig dokumentiert die Graphic Novel die belastete Beziehung zwischen Art und seinem Vater.
Die Geschichte wechselt zwischen zwei Zeitebenen: den Erlebnissen Vladeks während des Holocausts und den Gesprächen zwischen Vater und Sohn in den 1980er-Jahren, in denen Art Spiegelmann versucht, die Erinnerungen seines Vaters festzuhalten. Diese Struktur ermöglicht es dem Leser, auf 293 Seiten von den düsteren Berichten der Vergangenheit hin zu den oft schwierigen, von Konflikten geprägten Interaktionen in der Gegenwart zu wechseln. Dies intensiviert den Zugang zur Geschichte, zeigt aber auch gleichzeitig die generationenübergreifenden Auswirkungen des Holocaust.
Spiegelman nutzt dabei einen besonderen Stil: Die Juden werden als Mäuse, die Nazis als Katzen und die Polen als Schweine dargestellt. Diese Tiermetapher verleiht der Erzählung eine zusätzliche symbolische Ebene, die die Themen von Verfolgung und Macht anschaulich verdeutlicht. Spiegelmann sagt selbst über die Wahl der Darstellung als Mäuse, dass dies für ihn gut zum Bild der Nazis von den Juden als Ungeziefer, passe.[1] Die Illustrationen in Schwarz-Weiß ohne Schattierungen unterstreichen die düstere Atmosphäre und lenken den Fokus auf die Inhalte.
Vladeks Bericht beginnt in Polen, wo er ein erfolgreicher Geschäftsmann war, bevor die Nazis einmarschierten. Vladek erzählt von den zunehmenden Einschränkungen, der Flucht und den Verstecken, bis er schließlich mit seiner Frau Anja nach Auschwitz deportiert wird. Trotz unvorstellbarer Qualen überlebt Vladek das Konzentrationslager.
Ein wesentliches Thema von »Maus« ist die generationenübergreifende Wirkung des Holocausts. Vladek ist nicht nur durch seine traumatischen Erlebnisse geprägt, sondern auch durch den Verlust seiner Frau Anja, die den Holocaust überlebte, sich jedoch später das Leben nahm. Dies hat nicht nur Vladek, sondern auch seinen Sohn Art tief geprägt (S. 100—105). Art kämpft sein Leben lang mit Schuld- und Verantwortungsgefühlen.
Eine Szene, die besonders in Erinnerung bleibt, zeigt Art nach einem anstrengenden Tag mit seinem Vater. Während Art auf der Terrasse sitzt, vertreibt er Mücken mit Insektenspray und kommentiert dies mit »lästiges Viehzeug«. Diese Bemerkung steht kurz nach einer Schilderung der Grausamkeiten in den Gaskammern und zeigt subtil die Parallelen von Entmenschlichung und Gewalt (S. 232).
Bewegend ist außerdem, wie die Geschichte die Beziehung zwischen Art und Vladek beleuchtet. Die Gespräche der beiden spiegeln nicht nur die Unterschiede ihrer Generationen wider, sondern auch, wie schwer es für Nachgeborene sein kann, die Last der Vergangenheit zu tragen. Art ist einerseits Chronist der Geschichte, andererseits selbst Betroffener, der unter der Schwere der Erzählung und der schwierigen Beziehung zu seinem Vater leidet. Dabei zeigt das Buch eindrucksvoll, wie der Holocaust nicht nur die Überlebenden, sondern auch die nachfolgenden Generationen geprägt hat.
Veröffentlicht wurde »Maus« 1989, in einer Zeit, in der das Bewusstsein für den Holocaust wuchs, aber die gesellschaftliche Auseinandersetzung damit noch nicht so umfassend war wie heute. Die Graphic Novel wurde vielfach ausgezeichnet, darunter 1992 mit dem Pulitzer-Preis, als erste Graphic Novel überhaupt.[2] Die innovative Verbindung von historischer Realität, persönlicher Erzählung und grafischer Kunst macht das Werk zu einem Meilenstein der Literatur und der Holocaust-Aufarbeitung. Der Konstanzer Illustrator und Professor Thilo Rothacker bringt es treffend auf den Punkt: »Da diese Katastrophen sich unserem Verstand entziehen, ist solch eine Art der Annäherung ein gutes Mittel.«
Das Buch »Maus« hat eine tiefgreifende Wirkung und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Die unvorstellbaren Gräueltaten der Nazis werden durch die Darstellung in diesem Werk auf eine Weise spürbar, die nur wenigen anderen Büchern oder Filmen gelingt. Die persönliche Perspektive verleiht dem Buch den Charakter eines wertvollen Zeitzeugendokuments, dessen Relevanz heute ebenso groß ist wie vor 40 Jahren und zeigt eindrücklich, wie Kunst das Unbegreifliche vermitteln und zugänglich machen kann.
- [1] Knoben, Martina: »Den Holocaust mit Mäusen und Katzen erzählt«, https://www.sueddeutsche.de/kultur/art-spiegelman-wird-70-den-holocaust-mit-maeusen-und-katzen-erzaehlt-1.3867115, Stand: 14.11.2024
- [2] Weier, Sabine: »Aus die Maus« https://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-09/comic-art-spiegelman-siegfried-unseld-preis/seite-2#:~:text=Für%20Maus%20erhielt%20er%201992,größer%20als%20er%20selbst%20geworden, Stand: 14.11.2024
Buchbesprechung
»[…] es ist, als wenn man im Nebel geht.«
Ecos Roman: »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana«
Ist das, was uns ausmacht, unsere Erinnerung? Und was, wenn wir diese Erinnerungen verlieren? Umberto Ecos illustrierter Roman »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana« aus dem Jahr 2004 handelt von eben diesen Fragen. Der Protagonist der Geschichte, ein italienischer Antiquar namens Giambattista Bodoni – nicht mit dem Designer der Schriftart Bodoni zu verwechseln – verliert durch einen Unfall sein autobiografisches Gedächtnis. Was ihm bleibt, ist sein »Papiergedächtnis« und all sein literarisches Wissen, das er über seine 60 Lebensjahre hinweg gesammelt hat. Doch was nützt es, Gedichte und Passagen aus bekannten Büchern rezitieren zu können, wenn man seine eigene Familie nicht wiedererkennt? Mit einem ungeheuren Detailreichtum beschreibt Umberto Eco auf 495 Seiten, wie Bodoni versucht, mit Hilfe von Büchern und Gegenständen seiner Kindheit, sein Gedächtnis wiederzufinden.
Er arbeitet sich durch Berge von Comics, Plakaten, Modezeitschriften, Abenteuerromanen und alten Schulheften auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gefühl: dieser geheimnisvollen Flamme, die sich immer wieder in seinem Innersten entzündet, wenn er sich an etwas Persönliches zu erinnern scheint. Erst durch die Zeugnisse seiner Kindheit, die auf dem Dachboden des Hauses, in dem er aufgewachsen ist, verräumt wurden, kann er seine Erinnerungen zurückgewinnen. Nicht die Literatur rettet ihn, sondern triviale Geschichten. Er findet einen Comic mit dem Titel: »La misteriosa fiamma della regina Loana. Nuove aventure di Cino e Franco«. Dort, im Titel des Comics »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana« findet Bodoni die vielen mysteriösen Flammen wieder, die immer wieder etwas in ihm auslösen (S. 278). Dabei geht es nicht etwa um die Geschichte des Comics, die ihm so bekannt vorkommt. Vielmehr hatte er die belanglose Erzählung in seiner kindlichen Fantasie zum Mythos gemacht. So kann der Titel der Geschichte immer wieder aus dem Nebel seiner verlorenen Erinnerung an Bodoni herantreten. Und Eco macht den Titel des Comics zum Titel des Romans.
Das Besondere an diesem Roman ist, dass nicht nur verbal, sondern auch visuell erzählt wird. »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana« ist ein illustrierter Roman, gespickt mit Bildern und Illustrationen der Gegenstände, die Bodoni auf seinem Dachboden findet. Als Leserschaft kann man so noch tiefer in die Geschichte und in das Leben des Antiquars blicken.
Ecos Roman ist eine nostalgische Hommage an die Medien seiner Kindheit und an bedeutende literarische Werke. Das Buch erzählt eine sehr persönliche und spezifische Geschichte, mit der nicht jeder etwas anfangen kann. Der Inhalt des Romans hangelt sich an ganz speziellen Gegenständen aus den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts entlang. Und man muss sich so beim Lesen darauf einstellen, mit Inhalten konfrontiert zu werden, die den meisten erst einmal nichts sagen. Im Gegenzug bekommt man einen spannenden Einblick in die damalige faschistische Prägung Italiens.
Die Lektüre legt den Gedanken nah, dass die eigene Identität nur auf den Medien, die man konsumiert, basiert. Doch besteht unsere Identität wirklich aus so trivialen Dingen wie den alten Zigarettenschachteln unserer Väter, den Comics, die wir als Kind gelesen haben, oder den Schallplatten, die wir früher gehört haben? Oder gibt es etwas, unabhängig von Medien, was unsere Identität ausmacht? Natürlich wäre es etwas kurz gedacht zu sagen, dass ausschließlich unsere Konsumgüter unsere Identität schaffen. Je nachdem, wo wir aufwachsen sind und in welcher Zeit wir leben, sind Normen, Werte und Überzeugungen ganz anders geprägt.
Aus Umberto Ecos Buch kann der Leser viele Dinge mitnehmen. Vor allem aber, geht es um unsere Identität. Was macht uns aus und wie viel Einfluss haben wir wirklich darauf?
Mythen des Alltags
Flanieren
Der Spaziergang als Forschungsmethode
»Flanieren ist eine Art Lektüre der Stadt, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Caféterrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.«[1]
Flanieren, Spazieren, Bummeln, Promenieren oder Lustwandeln – all diese Begriffe beschreiben einen ähnlichen Vorgang: Unter freiem Himmel an der frischen Luft einen Fuß vor den anderen setzen. Meist in einer eher gemäßigten Geschwindigkeit. Allein, zu zweit oder in einer Gruppe. Der Spaziergang lässt sich auf verschiedene Art und Weise gestalten. Doch wie unterscheiden sich diese Begriffe voneinander? Was unterscheidet das Flanieren vom Spazieren, Bummeln, Promenieren oder Lustwandeln?
Flanieren, wie im Zitat von Franz Hessel, beschreibt eine ganz bestimmte Art und Weise durch die Landschaft zu gehen. Einen ganz bestimmten Typus Mensch: den Flaneur. Anders als sein Pendant, der Wanderer, oder der Spaziergänger, ist der Flaneur eine literarische Figur, die nicht etwa zur Entspannung an die frische Luft geht. Der Flaneur ist intellektuell, streift ziellos in der Großstadt umher, nimmt nicht Teil an seiner Umgebung und erschafft durch reine Beobachtung einen Prozess der Reflexion.[2] Der Flaneur, als literarische Figur, wurde von Charles Baudelaire, als jemand, der »in der Masse zuhause ist, im Wogenden, in der Bewegung, im Flüchtigen und Unendlichen«, beschrieben.[3] Das Flanieren hat seinen Höhepunkt im Pariser Boulevard-Leben des 20. Jahrhunderts. Genau damit beschäftigte sich auch Walter Benjamin in seinem »Passagen-Werk«. Mit den damaligen ersten sogenannten Passagen, die Vorgänger der heutigen Fußgängerzonen, begann auch die Idee des Flanierens.[4] Das Flanieren schärft die Wahrnehmung für die Dinge um uns herum. Durch Beobachtung setzen wir Elemente zusammen und schaffen ein ganzheitliches Bild der Orte, an denen wir uns befinden. Ein Baum, der seine Blätter verliert, ein Kaugummi, der auf dem Asphalt klebt, die vom Regen benetzten Spinnweben an der Laterne. Dinge, die man nur zu Fuß entdecken kann.
In der Promenadologie, der Spaziergangswissenschaft, beschreibt man Spaziergänge als »Methode und Erkenntnismittel«.[5] Die Promenadologie, oder englisch »Strollology« »gründet sich auf die These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann aufgrund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben.«.[6] Spaziergangsforscher finden besonderes Interesse an der Ästhetik des Spazierengehens. Es ist nicht etwa nur das Spazieren, das erforscht wird, das Gehen ist vielmehr ein Forschungsinstrument, mit dem wir Menschen beobachten und entdecken. Die Spaziergangsforschung beschäftigt sich vor allem damit, wie sich Landschaftsbilder entwickeln und welchen Szenen man als Spaziergänger Aufmerksamkeit schenkt. Denn unsere Aufmerksamkeit ist – auch beim Spazierengehen – nicht immer linear. Sie lässt manchmal nach, kehrt sich nach innen und wird dann wieder auf etwas Neues gelenkt.[7] Spazieren ist Übungssache. Laut Spaziergangswissenschaftler Martin Schmitz solle man für bekannte Wege statt des Autos, das Fahrrad nehmen.[8] Das sei eine Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung zu trainieren und sich durch Beobachtung einen Raum zu erschließen.[9]
Auch wenn es die Promenadologie, die von Lucius Burchardt begründet wurde, erst seit den 1980er-Jahren gibt und sie damit eine sehr junge Wissenschaft ist, wurde das Spazieren schon viel früher zu einer wichtigen Methode, die eigene Wahrnehmung zu schärfen.[10] Das Spazieren kam genauer gesagt schon seit dem 18. Jahrhundert in Mode und zahlreiche Künstler und Schriftsteller sind fasziniert davon. So entstanden berühmte Gemälde wie Caspar David Friedrichs »Der Wanderer über dem Nebelmeer«.[11]
Ein Spaziergang muss also kein Ziel haben, um ein Spaziergang zu sein. Wenn man spaziert, rein aus der Lust am Gehen, übt man sich darin, das eigene Umfeld anders zu betrachten. Können wir uns also etwas vom Flaneur oder den Erkenntnissen der Spaziergangswissenschaft abschauen?
Wie sieht das heute aus? Gehen die Menschen heutzutage eher spazieren oder flanieren? Die Gründe für einen Spaziergang – wie es zu bezeichnen heute gang und gäbe ist – sind vielfältig. Körperliche Ertüchtigung nach einem langen Tag im Büro, tiefgreifende Gespräche bei einem romantischen Herbstspaziergang, ein Verdauungsspaziergang, um das Mittagessen zu verarbeiten oder einfach nur den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen. Spazieren ist für viele Menschen ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Alltags. In erster Linie soll der Spaziergang entspannen oder einen bestimmten Ort als Ziel haben. Die meisten Anlässe für einen Spaziergang sind also eher Flaneur-untypisch. Ein altmodischer Trend ist das Spazieren nicht. Der sogenannte »Hot Girl Walk«, ein »Tiktok«-Trend aus dem Jahr 2021, beschreibt eine ganz bestimmte Art des Spaziergangs. Ein »Hot Girl Walk« ist eine Vier-Meilen-Wanderung, bei der man an drei Dinge denken soll. Die Dinge, für die man dankbar ist, die eigenen Ziele und wie man sie erreichen will und wie »hot«, also wie attraktiv, man ist. Das Ganze ist eine Art Motivations-Spaziergang, der vor allem Frauen dabei helfen soll, ihr psychisches und physisches Wohlbefinden zu verbessern.[12]
Das Spazieren oder auch Flanieren ist also nicht nur das simple Gehen oder Laufen. Es ist eine Art, sich eine Auszeit zu nehmen und zu entschleunigen. Gedanken wahrzunehmen, zu reflektieren und zu sortieren, bis sie ein klares Bild ergeben. Ob man nun beim Spazieren forscht, sich mit sich selbst auseinandersetzt oder Konversation betreibt; ein Spaziergang ist immer eine gute Idee, um die Seiten eines Buches zu füllen.
- [1] Hessel, Franz: Spazieren in Berlin. Erscheinungsort: Verlag Dr. Hans Epstein, 1929.
- [2] Koutnik, Katharina: Flanerie à Paris. Spurensuche zu einer (Denk-)Figur der Moderne. Erscheinungsort: Wien, 2015.
- [3] https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/bild_und_raum/detail/der_flaneur.html?utm_source=chatgpt.com Stand 26.01.2025
- [4] Yacavone, Kathrin : Arcades and Loggias: Walter Benjamin’s Flâneur in Paris and Berlin. 2014.
- [5] https://spaceflaneur.wordpress.com/2008/09/22/spaziergange-aus-sicht-der-promenadologie/, Stand 8.11.2024.
- [6] https://www.deutschlandfunk.de/querfeldein-denken-mit-lucius-burckhardt-1-3-von-der-100.html, Stand 18.11.2024.
- [7] https://taz.de/!792161/, Stand 8.11.2024.
- [8] https://spaceflaneur.wordpress.com/2008/09/22/spaziergange-aus-sicht-der-promenadologie/, Stand 8.11.2024.
- [9] https://www.zeit.de/arbeit/2022-10/spaziergangswissenschaft-professor-umweltwahrnehmung-promenadologie, Stand 8.11.2024.
- [10] Weisshaar, Bertram: Collage – Zeitschrift für Raumentwicklung. Aktuell wie eh – Spaziergangswissenschaft von Lucius Burckhardt. Fachverband Schweizer Raumplaner, 2011.
- [11] https://online-sammlung.hamburger-kunsthalle.de/en/objekt/HK-5161, Stand 18.11.2024.
- [12] https://hotgirlwalk.com/ Stand 8.11.2024.
Mythen des Alltags
»Girl Math«
Rechnen für das gute Gewissen
»Geil, der Kaffee ist mal wieder umsonst!«, denkt sich Charlotte, während sie achtlos ein paar Münzen auf den Tresen legt, die sie zufällig in ihrer Jackentasche gefunden hat. Ohne ein schlechtes Gefühl nimmt sie ihren kleinen, schwarzen Kaffee für 8 Euro und startet beschwingt in den Tag.
Egal ob im Café, im Supermarkt oder beim Onlineshopping, viele Menschen denken und handeln bei ihren täglichen Ausgaben wie Charlotte. Besser bekannt als »Girl Math« ist diese Denkweise vor allem durch soziale Medien wie TikTok groß geworden.[1] Tagtäglich posten hier Menschen, meist aus der Generation Z, kurze Videos, in denen sie zeigen, wie viel sie denn heute schon durch »Girl Math« gespart hätten und was sie sich von dem gesparten Geld jetzt gönnen.[2]
Doch warum das alles? Der Psychologe und geschäftsführende Direktor von YMW Advisors, Brad Klontz, erklärt den Trend in einem Interview mit CNBC wie folgt: »›Girl Math‹ ist nur die jüngste Variante, mit der wir versuchen, finanzielle Verhaltensweisen zu rationalisieren, von denen wir wissen, dass wir sie nicht tun sollten.«[3] Mit Mathematik, wie man es angesichts des Begriffs »Girl Math« – zu Deutsch »Mädchen-Mathe« – vermuten könnte, hat das Ganze also nichts zu tun. Vielmehr sind es kreative Gedankenspiele, die die Menschen nutzen, um ihre Konsumausgaben zu verharmlosen und vor sich selbst zu rechtfertigen.[4]
»Girl Math« kann nicht nur wie im Fall von Charlotte dafür sorgen, dass Barzahlungen »umsonst« sind, sondern bietet auch viele andere Möglichkeiten, die Ausgaben schönzurechnen.[5] So wird ein Produkt auch immer günstiger, je öfter es genutzt wird, in dem die Person den Einkaufspreis durch die Anzahl der Tage teilt, an denen sie das Produkt nutzen wird. Ebenso ist ein Artikel im Angebot die perfekte Grundlage, um »Girl Math« anzuwenden. Neben dem gesparten Geld, das der Käufer schon durch das Angebot erhält, bekommt er mit »Girl Math« das gesparte Geld »geschenkt« und kann sich hierfür bedenkenlos wieder etwas Neues kaufen.[6]
Auf den ersten Blick erscheint »Girl Math« weder problematisch noch gefährlich, da der Trend meist sehr übertrieben und scherzhaft in den sozialen Medien dargestellt wird. Wenn diese Ironie jedoch nicht verstanden wird, kann der Internettrend zu einer Gefahr werden. Vor allem junge Menschen, die wenig Erfahrung im richtigen Umgang mit Geld besitzen und sich leicht durch die sozialen Medien beeinflussen lassen, können hier schnell in eine Falle tappen. Da sie das Gezeigte nicht einschätzen können, übernehmen sie das Konsumverhalten, ohne es zu hinterfragen.[7]
Obwohl »Girl Math« ein gewisses Risikopotenzial mit sich bringt, eröffnet der Trend in manchen Situationen auch Chancen, sich selbst etwas Gutes zu tun, ohne dabei das Gefühl zu haben, unnötig Geld ausgegeben zu haben.[8] »Manchmal ist ›Girl Math‹ die perfekte Mathematik«, so Klontz im Interview mit CNBC. Wenn man bedenkt, wie oft man einen Gegenstand benutzen oder tragen wird, hilft das, »den emotionalen Teil des Gehirns zu beruhigen und den rationalen Teil des Gehirns einzuschalten.«[9]
»Girl Math« sollte nicht die Lösung aller Einkäufe sein, kann in manchen Situationen aber das Gewissen entlasten und somit auch den Tag versüßen. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass die Ausgaben trotz der genannten positiven Darstellung getätigt werden und somit auch reale finanzielle Auswirkungen haben. Wenn der kleine schwarze Kaffee 8 Euro kostet, ist das nicht schlimm, sofern man sich des Preises bewusst ist und der die eigenen Mittel nicht übersteigt. Um das Risiko für junge Menschen zu minimieren, empfiehlt es sich, diese über den Internettrend aufzuklären, um sie vor finanzieller Verschuldung zu schützen.
- [1] Klemmer, Franziska: Titel Girl Math: Das steckt hinter dem TikTok-Trend URL: https://www.wmn.de/job/business/geld/girl-math-das-steckt-hinter-dem-tiktok-trend-id730526 (Stand: 13.11.2024)
- [2] Kaindl, Franziska: Schönrechnerei der Gen Z – was steckt hinter dem Begriff „Girl Math“? URL: https://www.merkur.de/leben/geld/beschoenigen-tiktok-trend-girl-math-generation-z-finanzen-ausgaben-zr-92589861.html (Stand: 17.01.2024)
- [3] Klontz, Brad in CNBC, zitiert nach Dickler, Jessica: Shoppers embrace ›girl math‹ to justify luxury purchases — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
- [4] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hinter dem neuen TikTok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
- [5] Kaindl, Franziska: Schönrechnerei der Gen Z – was steckt hinter dem Begriff „Girl Math“? URL: https://www.merkur.de/leben/geld/beschoenigen-tiktok-trend-girl-math-generation-z-finanzen-ausgaben-zr-92589861.html (Stand: 17.01.2024)
- [6] Dickler, Jessica: Shoppers embrace ›girl math‹ to justify luxury purchases — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
- [7] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hinter dem neuen TikTok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
- [8] Suer, Nina: Girl Math: Was steckt hinter dem neuen TikTok-Trend? URL: https://www.gofeminin.de/erfolg-finanzen/girl-math-tiktok-trend-s5388640.html (Stand: 10.12.2024)
- [9] Klontz, Brad in CNBC zitiert nach Dickler, Jessica: Shoppers embrace ›girl math‹ to justify luxury purchases — here’s how it works. URL: https://www.cnbc.com/2023/08/12/girl-math-how-cash-strapped-consumers-justify-luxury-purchases.html (Stand: 10.12.2024)
Mythen des Alltags
Kopfhörer
Zwischen Individualität und Isolation
Ein hektischer Tag, Bus verpasst, Prüfung verhauen, Kopfschmerzen – den Kopf voller Gedanken, die Stadt voller Lärm – ein Griff in die Jackentasche, Kopfhörer ins Ohr, Musik an. Die Welt wird ruhiger, fokussierter. Durchatmen, Kopf sortieren.
Kopfhörer sind für viele Menschen mehr als ein technisches Gadget: Sie sind Rückzugsort, ein Mittel zur Konzentration oder ein Ausdruck von kommunikativem Desinteresse, und sie gehören für viele Menschen selbstverständlich zum Alltag. Sie können dabei helfen, sich beim Sport zu motivieren, die Außenwelt abzugrenzen, den Abwasch dank eines Podcasts interessanter zu gestalten und ein Telefonat ganz einfach auf dem Fahrrad zu führen.
Gleichzeitig sorgen sie immer wieder für Diskussionen: Wenn sich jeder nur noch auf sich konzentriert, wo bleibt das Miteinander? Und gerade darauf sollten wir heutzutage besonders achtgeben, oder?
Die Geschichte der Kopfhörer beginnt im späten 19. Jahrhundert, als sie hauptsächlich in professionellen Bereichen wie der Telegraphie, Funktechnik und in Telefonzentralen genutzt wurden.[1] Der große Durchbruch kam 1980 mit dem Walkman, der das Musikhören revolutionierte, indem er Kopfhörer von einer technischen Notwendigkeit zu einem frei zugänglichen Zubehör machte.[2]
In den letzten Jahrzehnten erlebten Kopfhörer durch kabellose Technologien und Smartphones eine neue Blütezeit. Noise-Cancelling-Modelle (Geräte, welche Umgebungsgeräusche filtern können) sorgen nicht nur für Ruhe, sondern bieten zusätzlich eine Form von Kontrolle: Die Nutzer entscheiden, was sie hören – und was nicht. Kabellose »In-Ear-Modelle« (die nicht auf das Ohr, sondern direkt in das Ohr gesetzt werden) wie Beispielsweise die AirPods vom amerikanischen Hard- und Softwareentwickler »Apple« entwickeln sich zu Statussymbolen. Bemerkenswert ist dabei, dass einige neuere Modelle wie die AirPods Pro sogar als Hörgeräte genutzt werden können[3] – ein Beispiel für die fortschreitende Verschmelzung von Lebensstil und Funktionalität.
Doch was sagen Kopfhörer über uns als Gesellschaft aus? Einerseits bieten sie die Möglichkeit, sich in eine private Klangwelt zurückzuziehen. Andererseits fördern sie durch geteilte Playlists, Diskussionen über Podcasts oder das gemeinsame Synchronisieren von Playlisten auch digitale Vernetzung. Die Autorin und Reporterin Anne Backhaus hat für den Deutschlandfunk eine klare Position gefunden: » … vielleicht tragen sie [Kopfhörer] häufig sogar zu einem besseren Miteinander bei. Denn wir sind ja auch rücksichtsvoll, wenn wir uns gegen eine Boom-Box und für die Kopfhörer entscheiden. Wir sind freundlich, wenn wir lieber eine neue Podcast-Folge hören als knisternde Frauen anzumaulen. Wir konsumieren nicht einfach, wir pflegen unsere Privatsphäre, vielleicht sogar unsere Seele, wenn wir in lärmreduzierende Kopfhörer investieren und den Weltton vorübergehend abschalten.«[4]
Die Nutzung von Kopfhörern wird von Kritikern aber auch oft als Symbol für Abgrenzung und fehlenden zwischenmenschlichen Austausch gesehen. So argumentiert Michael Bull in seinem Buch »Sounding Out the City: Personal Stereos and the Management of Everyday Life«, dass persönliche Audiogeräte wie Walkmans (und heute Kopfhörer) es den Nutzern ermöglichten, sich von ihrer Umgebung abzuschotten und eine individuelle Klangwelt zu schaffen, was zu einer Verringerung spontaner sozialer Interaktionen führen könne.[5] »In einer repräsentativen Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) gab mit 68 Prozent die Mehrheit der 18- bis 39-Jährigen an, häufig oder zeitweise einsam zu sein.«[6] Könnte es bei den Entwicklungen in der heutigen Zeit einen Zusammenhang geben?
Kopfhörer verändern, wie wir Musik erleben und an ihr teilhaben – und unsere Umwelt. Die Möglichkeit, jederzeit und überall Musik zu hören, hat den Übergang von gemeinschaftlichen zu individualisierten Hörerfahrungen verändert. Laut einer Studie der Technischen Universität Berlin führt das mobile Musikhören über Kopfhörer dazu, dass Musik intensiver wahrgenommen wird und Hörer gezielt ihre akustische Umgebung steuern[7]. Und was bedeutet das für unser Verhältnis zur Musik? Auch die Art, wie wir Emotionen durch Musik steuern, hat sich verändert – Musik wird immer mehr als Mittel zur Stimmungsregulation genutzt, und ist somit oft eher funktional als ein bewusster Genuss[8].
Kopfhörer stehen für Individualität, Kontrolle und die Möglichkeit, in einer hektischen, lauten und vollen Welt Ordnung zu schaffen – sei es durch das, was wir hören, oder das, was wir ausblenden. Ihre Entwicklung spiegelt nicht nur technische Fortschritte, sondern auch Veränderungen in unserer Gesellschaft. Ihr Einfluss wird sicher auch in Zukunft spürbar bleiben – in welcher Form, das wird sich noch zeigen.
- [1] Stamp, Jimi: A Partial History of Headphones. URL: https://www.smithsonianmag.com/arts-culture/a-partial-history-of-headphones-4693742/ (Stand: 11.2.2025)
- [2] Weber, Heike: Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy. Bielefeld 15.7.2025
- [3] https://support.apple.com/de-de/120992 Stand 10.2.2025
- [4] Backhaus, Anne: Kopfhörer Boom. Warum wir uns von der Welt abschotten. URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/kopfhoerer-bomm-100.html (Stand 18.1.2025)
- [5] Bull, Michael: Sounding Out the City: Personal Stereos and the Management of Everyday Life. 1.6.2000
- [6] Fenker, Iven Yorick: Vor allem junge Erwachsene fühlen sich laut einer Studie einsam. URL:
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2024-12/einsamkeit-studie-homeoffice-gesundheit-deutschland (13.12.2025) - [7] Jerratsch, Johann Jacob. Masterarbeit: Musikhören unterwegs – Untersuchen der Wahrnehmungsveränderung durch Musik. TU Berlin, https://www.static.tu.berlin/fileadmin/www/10002020/Dokumente/Abschlussarbeiten/Jerratsch_MasA.pdf?utm_source=chatgpt.com 2016 (Stand 11.2.2025)
- [8] https://www.ardalpha.de/wissen/psychologie/musik-forschung-psychologie-emotion-100.html (Stand 10.2.2025)
Mythen des Alltags
Wohngemeinschaften
Zwischen Putzplan und Demokratie
Vorgeschichte
Die richtigen Klamotten rausgelegt? Check.
Eigene Stärken und Schwächen analysiert? Check.
Rückfragen vorbereitet? Check.
Das WG-Casting steht an.
Innerhalb einer Stunde gilt es, die eigene Persönlichkeit vor den potenziellen Mitbewohnern in spe ins beste Licht der WG-Küche zu rücken. Während des Gesprächs verhält man sich allseits interessiert und lässt die mitgebrachte Mikrowelle immer wieder verführerisch aufblitzen … Und natürlich ist man eher der »saubere Typ«, treibt regelmäßig Sport und hat neben Job und Studium immer Zeit für einen gemeinsamen WG-Abend.
WG-Plätze sind in Universitätsstädten heiß begehrt und die Preise, die Studierende bereit sind dafür zu zahlen, immer höher. 790 Euro für ein WG-Zimmer in München.[1] Wer sich das nicht leisten kann, muss nach Alternativen suchen: In Münster beispielsweise übernachteten 80 Studienanfänger in den ersten Tagen des Semesters in einer Turnhalle.[2]
Doch in diesem Szenario läuft es anders. Beim Casting eines erschwinglichen WG-Zimmers hat man einen guten Eindruck hinterlassen und das Objekt der Begierde steht zum Einzug bereit. Voller Vorfreude packen sich die Koffer wie von selbst und plötzlich steht man da: in einer neuen Wohnung, vor drei Fremden, in einer unbekannten Stadt.
Und los.
In den ersten Tagen bemerkt man, dass bei der Beschreibung des WG-Zustands doch der ein oder andere Euphemismus dabei war. Alle leben irgendwie anders, als man es von zu Hause gewohnt ist. Doch genau das macht den Charme der schönsten Form des Zusammenlebens im jungen Erwachsenenalter aus. Charaktere lernen sich kennen, die sich sonst wohl nie begegnet wären oder es zumindest auf kein Wiedersehen angelegt hätten.
Im »Ökosystem WG« beeinflussen sich die Bewohner ständig gegenseitig. Das passiert bewusst: indem man von neuen Gerichten erfährt oder bemerkt, dass sich die Dusche gar nicht von selbst putzt. Und unbewusst: Menschen sind zwar von Natur aus soziale Wesen, soziales Verhalten ist jedoch kein Attribut, das bei der Geburt mitgegeben wird. Es muss erlernt werden [3], durch ein Leben in Gesellschaft.[4] Der Alltag in einer Wohngemeinschaft, in dem gleichberechtigte Individuen mit unterschiedlichsten Lebenskonzepten aufeinandertreffen, eignet sich dafür perfekt. Sowohl durch harmonische als auch konfliktreiche Phasen des Zusammenseins schulen Mitbewohner sich in Kompromissbereitschaft, Empathie und Verantwortungsgefühl [5] [6]. Eigenschaften, die unsere Welt dringend braucht.
In den ersten (nicht ganz) eigenen Wänden bekommt man das schöne Gefühl, allein auf eigenen Beinen stehen zu können, ohne dabei allein sein zu müssen. Die Schnittmenge aus individueller Freiheit und demokratischer Gesellschaft.
Wohngemeinschaften schaffen es, aus Fremden Freunde zu machen, aus einem kaputten Hängeschrank ein »Projekt für Bastler« und aus einem hässlichen Wand-Tattoo den Beweis für Sozialkompetenz.
- [1] Moses Mendelssohn Institut: Hochschulstädtescoring Wintersemester 2024/2025. https://moses-mendelssohn-institut.de/aktuelles/hochschulstaedtescoring-wintersemester-2024-2025/ (Stand: 10.10.2024).
- [2] Brönstrup, Petra: Wohnungsnot in Münster: Studierende müssen in Turnhalle übernachten. https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/erstsemester-notquartier-turnhalle-100.html (Stand: 10.10.2024).
- [3] Hobmair, Hermann; Altenthan, Sophia; Betscher-Ott, Sylvia; Dirrigl, Werner; Gotthardt,Wilfried; Ott, Wilhelm: Psychologie. 3. Auflage, korrigierter Nachdruck. Troisdorf:Bildungsverlag EINS 2003.
- [4] Faix G., Werner; Laier, Angelika: Soziale Kompetenz. Wiesbaden 2012.
- [5] Carrere, Juli, Reyes, Alexia, Oliveras, Laura et al.(2020): The effects of cohousing model on people’s health and wellbeing: a scoping review. In: Public Health Rev, 41, Artikel 22
- [6] Wang, Jingjing; Hadjri1, Karim; Bennett Stephen; Morris, David (2020): The role of cohousing in social communication and sustainable living environments. In: WITPress, 193, 247—258.
Mythen des Alltags
Die Autobahn
Frust der Freiheit
Nein, Hitler hat die Autobahn nicht erfunden. Der Traum einer großen, breiten Straße ohne Kreuzungen und Ampeln existierte bereits in den 1920-Jahren.[1] Ungeachtet dessen rissen die Nationalsozialisten die Autobahn an sich, propagierten sie als Ausdruck von Macht, Stärke und Fortschritt. Kurz: das Wirtschaftswunder Autobahn. Dass dieses »Wunder« auf Zwangsarbeit von ausgebeuteten Menschen beruhte, dass diese Pläne schon vorher feststanden, dass Hitler selbst anfangs gegen die Autobahn war und sie als Spielerei der Superreichen bezeichnete, wurde unter den Tisch gekehrt. Wer gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierte, den schickte man zur »Umerziehung« ins Konzentrationslager. Statistiken zur Steigerung der Arbeitslosigkeit wurden beschönigt, Bilder der Baustellen in allen Zeitungen gefeiert. Ein Spektakel der Lügen, ein Beispiel der Propaganda der Nationalsozialisten.[2]
Die Deutschen und die Autobahn, das ist also eine gar nicht allzu lange Geschichte. Dennoch ist die Asphalt-Ader eines der wichtigsten nationalen Symbole, wenn über Deutschland geredet wird. Bier, Oktoberfest, Autos … und die Autobahn. Täglich verbindet sie Millionen von Menschen, beansprucht über 13200 Kilometer Strecke, verteilt in alle Himmelsrichtungen von Deutschland.[3] Für manche ein Ausdruck von Freiheit, für andere der pure Frust, wenn man mal wieder zwei Stunden still im Stau stehen muss. Für manche ist es der Traum, das Gaspedal komplett durchzudrücken, für andere bedeutet es Stress, Lautstärke, Umweltverschmutzung und Zerstörung. Selten gibt es ein Thema, das so viele Diskussionen und leidenschaftliche Fans hervorgebracht hat – von einer eigenen Action-Serie »Alarm für Cobra 11«, die seit 1996 auf RTL läuft,[4] bis zum Klassiker der Musikgruppe »Kraftwerk«, die ihr Album »Autobahn« nannte – inklusive gleichnamiger Single. Ein internationaler Erfolg.[5] Heute steht die Autobahn vor allem für Freiheit und Mobilität. In der Hoffnung, Staus und Verkehrschaos zu verringern, wird das Netz weiter ausgebaut, auch wenn sich in der Vergangenheit eines gezeigt hat: Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.[6] In Deutschland gibt es weder Maut für Pkw noch ein Tempolimit – das ist im weltweiten Vergleich durchaus eine Seltenheit. Mit Stolz wehren sich viele – ob in der Politik oder privat – gegen die Einführung eines Tempolimits, obwohl zahlreiche Studien belegen, dass ein verringertes Tempo Unfälle und Staus reduzieren und in puncto Klimaschutz helfen könnte.[7] Lieber aber brettert man mit seinem SUV mit Tempo 170 über den Asphalt und ruft dabei »Freiheit!« als einen sauberen Planeten zu hinterlassen.
Aber was ist die Alternative? Die deutsche Bahn, deren Züge zu vermutlich 50 Prozent zu spät kommen oder gar ausfallen?[8] Oft wird als Alternative das E-Auto genannt, aber auch das braucht eine Straße, braucht Platz, Ressourcen und Geld.[9] Die Lösung kann nicht darin liegen, noch mehr Autos auf die Straßen zu bringen.[10] Verbote und Verzichte hören sich unsexy an. Stattdessen muss Mobilität nachhaltig gedacht werden. Die Bedürfnisse der Pendler müssen wahrgenommen werden. Flexible Homeoffice-Optionen gehören gefördert und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs vorangetrieben. Carsharing ist eine ernstzunehmende Alternative, muss den Menschen aber schmackhaft gemacht werden. Für die Deutschen und ihre Autobahn ist es an der Zeit, die Verkehrsregeln neu zu definieren. Vielleicht ist das der Moment, sich ein neues Statussymbol zu suchen, für das man in der Welt bekannt ist – eines, das zeitgemäß ist und für das es sich wirklich lohnt, mit Stolz geradezustehen.
- [1] Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen; Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein; Wirtschaftsministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern; Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung des Landes Brandenburg; 2005. Neubau der Autobahn A20 Lübeck (A1)—Stettin (A11). Verfügbar unter: https://www.deges.de/wp-content/uploads/2019/08/2005_A20_Dokumentation.pdf?type=original
- [2] http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/das-maerchen-von-der-autobahn-73113.html (Zugriff am 7.11.2024)
- [3] Bundesministerium für Digitales und Verkehr, 2021, Aus- und Neubau von Straßen, 30.9.2021. https://bmdv.bund.de/SharedDocs/DE/Artikel/StB/aus-und-neubau-von-strassen.html (Zugriff am 7.11.2024)
- [4] https://www.rtl.de/cms/25-jahre-alarm-fuer-cobra-11-deutschlands-actionserie-feiert-geburtstag-4720433.html (Zugriff am 7.11.2024)
- [5] https://www.swr.de/swr1/rp/meilensteine/kraftwerk-autobahn-100.html (Zugriff am 12.12.2024)
- [6] Kunze, Conrad, 2022. Deutschland als Autobahn. 1. Auflage, transcript Verlag, Bielefeld. ISBN 9783837659436
- [7] Friedrich, Markus; Bawidamann, Jürgen; Schmaus, Matthias, 2024. Modellierung der Umweltwirkung von Tempolimit-Maßnahmen auf Autobahnen und Außerorts. Umweltbundesamt. ISSN 1862–480
- [8] https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/deutsche-bahn-puenktlichkeit-100.html (Zugriff am 7.11.2024)
- [9] Öko-Institut, 2017: Strategien für die nachhaltige Rohstoffversorgung der Elektromobilität. Synthesepapier zum Rohstoffbedarf für Batterien und Brennstoffzellen.Studie im Auftrag von Agora Verkehrswende.
- [10] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/mobilitaet/mobilitaet_a20_kosten_studie.pdf (Zugriff am 10.2.2025)