Buchbesprechung
»Ich sieze nur Menschen, die ich nicht mag«
Johannes Erlers visuelle Biografie über Erik Spiekermann
Durch eingestanzte Löcher im neonfarbigen Umschlag dieses wuchtigen Buches blickt Erik Spiekermann den Leser an. Und auch im Buchinneren wird’s gleich persönlich: »Hallo, ich bin Erik! Wir duzen uns doch? Ich sieze nur Menschen, die ich nicht mag.« (S. 4) Erler zitiert den berühmten Typografen und Gestalter und bringt den Leser auf Augenhöhe. Diese typische »Spiekermann-Begrüßung« verleiht der Biografie ihren Titel, und ihr lockerer Umgangston führt wie ein roter Faden durch das gesamte Werk. Johannes Erler nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in die »ganz spezielle Spiekermann-Welt« (ebd.): seine Kindheit und Jugend, seine persönlichen Höhen und Tiefen, seine bisherigen Aufträge und zukünftige Projekte.
Eine Besonderheit des größten Kapitels »Werkschau« ist die emotionale Darstellung der Entstehungsgeschichten von Spiekermanns Werken. Gezeigt werden zum Beispiel erste Skizzen einer Schrift, handschriftliche Korrekturen und Details der Schrift. Der Leser erfährt, in welcher Beziehung Spiekermann zu seinen Schriften steht: »Schau dir mal das kleine a der ›FF Meta Bold‹ und ›Black‹ an. Ist das nicht niedlich? Es sieht aus, als wenn es mit dickem Bauch da sitzt und sagt: ›Ich bin das kleine, dicke a und habe zuviel gegessen.‹« (S. 152) Die Geschichten werden durch persönliche Anekdoten von Kollegen und Partnern verstärkt. Neville Brody bezeichnet Spiekermann als »großen Bruder«, der ihn auch mal während einer Live-Übertragung zurechtweist, als Brody behauptet, Kerning sei nicht weiter wichtig für die Allgemeinheit. Für Andrej Kupetz ist Spiekermann der »letzte wahre Humanist« (S. 199). Spiekermanns Leidenschaft, Menschen aufklären zu wollen, wirkt sich in ständigem Vermitteln aus. Diese Leidenschaft des Vermittelns sieht Kupetz als Antrieb für Spiekermanns Erfolg (ebd.). Wally Olins veranschaulicht die Sprache Spiekermanns: »Seine perfekte englische Umgangssprache, kombiniert mit einem starken deutschen Akzent und einer kraftvoll-direkten, um nicht zu sagen, aggressiven Art der Kommunikation, ist witzig, einmalig, unvergesslich.« (S. 47) Der Leser bekommt das Gefühl, Erik Spiekermann bereits zu kennen.
Der Autor nennt die wichtigsten Inspirationsquellen Spiekermanns und leitet daraus die Gründe seines Erfolgs ab: »Den Willen zur Modernität eines Herbert Bayer, die Systematiken und Regeln des Jan Tschichold, den Ungehorsam von Willy Fleckhaus und das Sendungsbewusstsein Otl Aichers.« (S. 5) Darüber hinaus habe Spiekermann seine eigene Herangehensweise an Aufträge: Zuerst stellt er sich vor, wie er über den Inhalt des Auftrags spricht oder ihn jemandem erklärt. Diese Kommunikation nimmt er als Ausgangspunkt für die Schriftgestaltung. Die Schrift diene als Grundlage für das Gestaltungssystem, das letztendlich zum Produkt führe (ebd.). »Kommunikationsdesign ist die Gestaltung von Kommunikation. Informationssysteme entwickelt man, um zu informieren, nicht, um anderen zu gefallen. Was nicht bedeutet, dass sie nicht trotzdem gut aussehen sollten. […] Kommunikation wird Schrift wird Design.« (S. 4)
Auf über 300 Seiten versammeln sich zahlreiche Gastbeiträge, Interviews, Bilder aus Fotoalben und eine umfangreiche Dokumentation der wichtigsten Arbeiten von Erik Spiekermann. Das Buch kann gelesen werden, um einen Eindruck von Spiekermanns Persönlichkeit zu erhalten oder um alle seine wichtigen Arbeiten chronologisch zu betrachten. Man sieht, welche Erfahrungen seine Arbeiten prägten und erhält immer wieder Insiderwissen. Wer hat gewusst, warum Spiekermann in seiner Kindheit nur mit roter Farbe druckte? Und dass er eigentlich Hans-Erich Spiekermann hieß? Wer weniger Details erfahren will, kann die visuelle Biografie auch nur als »Bilderbuch« lesen, da die Bildunterschriften die wichtigsten Informationen und Zusammenhänge verständlich zusammenfassen.
Wer in dieser Biografie rationale Informationen sucht, wird enttäuscht. Leser dagegen, die Erik Spiekermann kennenlernen möchten und sich gerne emotional berieseln lassen, werden in »Hallo, ich bin Erik« eine amüsante Lektüre finden.
Buchbesprechung
»Designtheorie … nicht gerade das begehrteste Thema«
Frederic C. Erasmus ruft zum freien Denken auf
Wer beim Begriff »Designtheorie« nervös mit der Augenbraue zuckt, weil er an ermüdende Lektüre denkt, wird von Frederic C. Erasmus‹ Ausführungen in »no no position« überrascht sein. Wie der Autor selbst bemerkt, handelt es sich um eine Tatsache: »Designtheorie ist für Designer im ersten Moment nicht gerade das begehrteste Thema.« (S. 14). Bereits auf den nächsten Seiten räumt er aber mit den bekannten Vorurteilen auf. Anschaulich erklärt Erasmus, was es mit der Theoriephobie unter Designern auf sich hat und warum wir dieser Angst endlich ins Auge blicken müssen. Unterteilt in die Bereiche »Die Designer«, »Der Designer«, »Das Design« beleuchtet das Werk die Profession, den einzelnen Akteur und die Disziplin selbst.
Erasmus analysiert die Zusammenhänge in sachlicher Weise, untermalt Ausführungen mit bildhaften Beispielen und fügt jeder Erörterung einen persönlichen Standpunkt hinzu. Dabei ist er stets darauf bedacht, den Leser zum selbstständigen Denken anzuregen und Position zu beziehen.
Zur grundlegenden Betrachtung wird die Frage geklärt, was den Designberuf ausmacht. Der Autor befasst sich mit der Vielfalt der Profession, der Problematik der ungeschützten Berufsbezeichnung und erläutert, welche Fähigkeiten den Designer vom Amateur unterscheiden.
Vor allem dem Einfluss sowie der Verantwortung des Designers widmet dieses Buch große Aufmerksamkeit. Kann ein Designer durchweg seine eigene Handschrift anwenden? Zu welchen Teilen ist er Autor des Ergebnisses? Wie viel Mitspracherecht bietet ein Auftrag? Inwieweit kann ein Designer in Inhalte eingreifen? Kann es überhaupt Designer mit reinem Gewissen geben? Anhand dreier Ethikmodelle versucht Erasmus der Moral auf den Grund zu gehen und stellt dabei die Frage nach der Verantwortung. Der Verantwortung für den Erfolg, für die Wahl der Mittel, für die Praktiken der Auftraggeber und für die Auswirkungen der Arbeit. Für eine umfassende Beurteilung wird der Designer im Kontext von Kapitalismus und Konsum, von sozialer Kommunikation, Kultur und der Logik des Marktes betrachtet.
An dieser Stelle kehrt der Autor zurück zu den Vorzügen des reflektierten und methodischen Arbeitens. Als bebilderter Abschnitt steht das niederländische Naaldboom-System im Mittelpunkt des Werkes – entwickelt von Volker van Eizmann, Eljan Reeden und Frederic C. Erasmus selbst. Statt dem Designer direkte Vorgaben aufzuzwingen, legt das System in Nadelbaum-Optik eine Vielzahl von Möglichkeiten offen. Von den Wurzeln bis zur Baumkronenspitze werden dem Designer in fünf übersichtlichen Stufen unter anderem Definitionshilfen, Recherchemethoden, Entwurfstechniken, Gestaltungsprinzipien, Kreativitätstechniken und Bewertungsfilter vorgestellt. Erasmus erklärt die Vorteile des systematischen Arbeitens: »Es macht die Arbeit eines Designers professionell, unterstützt die Team-Arbeit und dient nicht zuletzt dem Selbstbewusstsein.« (S. 206)
Ein Buch über Designtheorie wäre wohl kein Buch über Designtheorie, würde es nicht auf den in der Branche heiß diskutierten Ausspruch »form follows function« eingehen. Darauf aufbauend wird die Frage nach gutem und schlechtem Design gestellt. Dabei mag es zunächst befremdlich wirken, dass Erasmus Bildzeitung, RTL II, Kik und Co als Beispiele für gelungenes Design anführt. »Durch eine bewusst niedrig gewählte Gestaltungshöhe wird die Botschaft richtig dargestellt und der Kommunikationszweck auf ›ehrliche‹ Art und Weise erfüllt.« (S. 216)
Ebenso interessant dürfte für alle Designer die altbekannte Frage nach dem Unterschied zwischen Design und Kunst sein. Anhand verschiedener Kriterien prüft der Autor die Unterschiede auf ihre Allgemeingültigkeit und stellt anschaulich dar, dass die Disziplinen nicht immer klar voneinander trennbar sind. Zur Unterstützung seiner These fügt er zwei Unterscheidungsmodelle an: Die »Kunst-Design-Matrix« nach Danilow und den »Ideenwertcharakter« nach Gernot Fenninger.
Schließlich: Inwiefern kann Design überhaupt beurteilt werden? Spätestens im Designstudium stellt sich die Frage nach einer objektiven Bewertbarkeit. Erasmus ist entschieden gegen das Notensystem. »Noten geben keinerlei Hinweis darauf, was gut war oder besser gemacht werden könnte.« (S. 238) »Noten sollten durch aussagekräftige Bewertungsschreiben ersetzt werden. Die Studenten würden von individuellen Einschätzungen profitieren (…)« (S. 239) Und er geht sogar noch weiter und untersucht, ob Design überhaupt lehrbar ist. Da Erasmus selbst Gastdozent an deutschen und niederländischen Designhochschulen ist, kann er auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und erklärt, was ein Designstudium leisten sollte. Im Vordergrund steht auch hier der reflektierte Designer, der die Komplexität seiner Profession versteht.
»no no position« schließt mit einem Manifest, das sich gegen den Theoriemangel der Designpraxis ausspricht. Gegen Amateurdesign und Dumpingservices. Gegen fehlende Antworten und eine rein technische Designausbildung, die kein tieferes Verständnis vermittelt. Das Manifest plädiert für ein neues Verantwortungsbewusstsein, ein Verständnis des komplexen Kontexts. Für eine reflektierte, engagierte Designpraxis, für die Auseinandersetzung mit offenen Fragen. Für ein Weitertragen des Wissens und der Komplexität und für die Weiterentwicklung der Profession.
Dieses Buch ist mehr als nur eine Sammlung von Wissen. Es aktiviert den Leser, frei und vor allem weiter zu denken. Erasmus gelingt es, auch den letzten Theoriemuffel für dieses Thema zu begeistern, indem er die Wichtigkeit von Designtheorie tiefgründig, spannend und anschaulich vermittelt. Auch wenn »no no position« mit designrelevanten Fachbegriffen aufwartet, kann das Werk bereits zu Beginn des Grundstudiums eine Bereicherung für jeden Designstudenten sein. Kreative in den verschiedensten Ausbildungs- und Berufsstadien werden ebenso von der Lektüre profitieren. Für neue Perspektiven ist es nie zu spät.
Buchbesprechung
»Gebt dem Kind doch einfach einen Kakao«
300 Seiten sollen den »Maybes« Dampf machen
»Maybe you should go fuck yourself«, schreit es in schwarzen Lettern vom weißen Cover des gleichnamigen, 300 Seiten starken Taschenbuchs. Auf der Rückseite zeigt sich die Aussage in Form eines erhobenen Mittelfingers noch konkreter. »Die Schockstarre einer ganzen Gesellschaft« (S. 2) wollen die beiden Herausgeberinnen Johanna Dreyer und Katharina Weiß mit ihrem Buch bekämpfen und eine »Lösung für Maybes« (S. 3) finden.
Ein typischer Maybe ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Er kann sich nicht zwischen den unendlich vielen Optionen, die ihm tagtäglich begegnen, entscheiden, denn »eindeutige Antworten sind nicht [sein] Ding« (S. 10). Seine Zukunft besteht aus einem riesigen Fragezeichen, weil er mit unbezahlten Praktika sein Leben nicht planen kann. Als »digital native« verbringt er seine Freizeit online, und sein politisches Engagement beschränkt sich auf einen Klick auf den Facebook-Like-Button. Er wird durch die extreme Leistungsgesellschaft unter Druck gesetzt und will gleichzeitig alles genau so gut machen wie seine Eltern. Deswegen tut er lieber nichts, um nichts Falsches zu tun.
Nach einer kurzen Einleitung kann jeder durch einen Test herausfinden, ob er selbst zu der »Generation Maybe« gehört. Dadurch und mittels einer fotografischen Befragung sowie einigen Informationsgrafiken nähert sich der Leser spielerisch dem Thema. In den Abschnitten »Wo liegt der Hund begraben?« und »Den Stier bei den Hörnern packen« wechseln sich Interviews und Texte ab, die sich alle mit den Problemen und Chancen der »Twentysomethings« (S. 199) auseinandersetzen.
In der Einleitung erzählt Katharina Weiß, wie sie auf die Gruppe der Unentschlossenen aufmerksam wurde: Als der Zigarettenhersteller Marlboro mit seiner Kampagne »Don’t be a Maybe – be Marlboro« Deutschland mit Plakaten überflutete, erkannte die Autorin, dass sich Marlboro »eine aktuelle Problematik« (S. 3) zunutze machte, um neue Kunden zu aquirieren. Sie selbst sah sich als »Paradebeispiel eines Maybes« (S. 3), woraufhin die Idee für ein Buch entstand, das diesem Phänomen entgegenwirken sollte. Mit »Maybe you should go fuck yourself« parodierte ein Streetart-Künstler den Slogan der Kampagne. Dieses Statement gefiel den beiden Herausgeberinnen so gut, dass sie ihn als Buchtitel aufgriffen.
Johanna Dreyer und Katharina Weiß sprechen zunächst mit dem Journalisten Oliver Jeges, der 2012 einen umstrittenen Artikel zum Thema »Generation Maybe« veröffentlichte. Weitere Gesprächspartner sind zum Beispiel Fernsehmoderator Jan Böhmermann, die Fachärztin für Psychiatrie Dr. med. Gislind Wach-Leibl, der Mitautor der Shell-Jugendstudien Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, »Kleiderkreisel«-Gründerin Sophie Utikal und der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Piratenpartei Christopher Lauer. Die Fragen, die die beiden jungen Frauen ihren Interviewpartnern stellen, beschäftigen sich mit Themen wie »Entscheidungen treffen«, »erwachsen sein«, dem vorherrschenden »Individualzwang« (S. 71), Wertesystemen, Unsicherheit, Arbeitsmarkt, Politik, Erziehung und Internetnutzung.
Die Texte nehmen die Themen und Thesen aus den Gesprächen auf und bringen diese mit den Gedanken der jeweiligen Autorin in Verbindung. Untermalt werden die Aussagen durch knallige, intelligente Illustrationen. Ein Hauptthema der beiden Autorinnen ist die Unfähigkeit der jungen Erwachsenen sich zu entscheiden. Sie haben immer »Angst, eine Chance, eine Option auszulassen« (S. 87). »Aufwachen, liebe Maybes!« (S. 94), ruft Katharina Weiß, denn »können wir uns nicht entscheiden, welche Zeitung wir lesen sollen, bleiben wir uninformiert« (S. 94). Laut Oliver Jeges könnte die »antiautoritäre Erziehung« (S. 79) der Eltern ein Auslöser für das Verhalten der »Maybes« sein. Die stünden mit ihren Kindern in der Eisdiele und fragten: »Marius-Jonas, welches Eis möchtest du denn? Möchtest du Rhabarber-Möhren-Melonen-Eis oder vielleicht doch lieber Ingwer-Zitrone-Minze-Eis?« (S. 79f.) »Gebt dem Kind doch einfach einen Kakao« (S.80), so die sarkastische Antwort des Journalisten.
Zur Erziehung hinzu komme eine wachsende Unsicherheit. Jede Entscheidung müsse individuell reflektiert werden, da keine einheitliche Ideologie oder Religion vorgibt, was zu tun ist. Doch: »Wir zeigen der Unsicherheit den Mittelfinger« (S.120), versucht Johanna Dreyer den Leser zum Handeln zu motivieren und gibt gleichzeitig der provokativen Covergestaltung eine Bedeutung. Der ständig auch online aktive »Maybe« leide unter einem hohen sozialen Stress, denn »abschalten ist nicht« (S. 183). Außerdem entwickelt er sich dadurch zu einem »gläsernen Menschen« (ebd.), im Gegensatz zu den Systemen in denen er lebt. »Man will ja nicht die Katze im Sack kaufen, viele gehen daher lieber gar nicht wählen« (S. 188), wodurch die jungen Menschen unpolitisch wirken.
»Statt uns in unserer Unentschlossenheit zu suhlen, sollten wir uns auf die Vorteile unserer Zeit besinnen« (S. 248), fordert Johanna Dreyer schließlich von allen »Maybes« und auch von sich selbst. Das Nachwort von Silke Burmester stimmt den Leser positiv. Es soll Mut machen, trotz unsicherer Zukunft etwas zu wagen. Man sei ja nicht die erste Generation mit diesen Problemen. Ob man nun zu der Gruppe der »Maybes« gehört oder nicht – das Buch regt zum Nachdenken und Reflektieren an, über das eigene Handeln und den aktuellen Zeitgeist. Denn es werden nicht nur die Probleme der jungen Erwachsenen besprochen, auch die der zukünftigen und vergangenen Generation werden beleuchtet.
Allerdings ist das Buch selbst zuweilen ein bisschen »maybe«: Die Ergebnisse der Umfrage werden von Vorneherein als nicht repräsentativ präsentiert. Die Überschriften sind zu großen Teilen aus einem anderen Buch übernommen. »Maybe you should go fuck yourself« ist eine subjektive Gesellschaftsanalyse. Dennoch ist es lesenswert, weil es dem Problem der Unentschlossenheit, das jeder Mensch manchmal hat, auf den Grund geht und einer Generation den Spiegel vorhält. Es motiviert dazu, eigene Entscheidungen zu treffen. Selbst ernste Themen werden in einfacher und lockerer Sprache erörtert.
Inwiefern die Autorinnen ihr Ziel – der »Schockstarre« entgegenzuwirken – erreicht haben, sei dahingestellt. Aber zumindest präsentieren sie viele interessante Lösungsansätze und Denkanstöße, die um einiges intelligenter sind als die Idee der Kampagne des Zigarettenherstellers: »Viel rauchen und zwar ausschließlich Marlboro.« (S. 4)
Tagung »text | text | text« | Illustrationen
Beflügelte Bücher
Über das Verhältnis von Prominenten zu Schreiben und Lesen
An der Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« wurden Bilder des international bekannten Illustrators Thomas Fuchs ausgestellt, die sich mit dem Schreiben und Büchern und dem Verhältnis von Prominenten dazu befassen. Wir zeigen einige dieser Illustrationen.
Buchbesprechung
»Wohnst du noch, oder zerstörst du schon?«
Harald Welzer plädiert für: »Selbst Denken«
»Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.« Das sagte Albert Einstein. »Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand«, widmet sich der Frage wie ein solches Leben aussehen sollte. Harald Welzer beschäftigt sich mit nichts Geringerem als der Gestaltung der Zukunft. Wem jetzt Bilder von neuartigen Interfaces und futuristischen Automobilen in den Kopf schießen, wird jedoch enttäuscht. Nicht das Erscheinungsbild zukünftigen Designs ist Gegenstand des Interesses, sondern der Entwurf eines zukunftsfähigen Gesellschaftsmodells.
Harald Welzer ist Soziologe, Direktor von »Futurzwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit« und Professor für Transformationdesign an der Universität Flensburg. Er ist Co-Autor des 2014 im Oekom-Verlag München erschienen Buches »Transformationdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne«. Die Zukunft ist sozusagen sein Metier.
Die Gesellschaft unseres Typs habe ihre Zukunft verloren, so Welzer, ganz im Gegensatz zu den 1960er-Jahren, als die Zukunft noch als »Labor von Möglichkeiten«(S.10) gegolten habe. Mit diesem deutlichen Statement eröffnet Harald Welzer seine Ausführungen. Angesichts vorherrschender Umweltprobleme – Klimawandel, Atomkraft, Überfischung und Verschmutzung der Meere – und mangelnder Lösungsansätze, scheinen Sorgen durchaus berechtigt. Schonungslos führt Welzer dem Leser diese Probleme und ihre Ursachen vor Augen, um anschließend zu zeigen, wie es künftig besser laufen kann.
Anhand von Beispielen deckt er zukunftsschädliche, wenig nachhaltige Geschäftsmodelle auf. Dem Möbel-Riesen Ikea widmet Welzer sogar ein eigenes Kapitel: »Wohnst du noch, oder zerstörst du schon?«. Denn die kurze Lebensdauer der Produkte und die damit verbundene Ressourcenverschwendung mache das Ikea-Möbel zum Sinnbild der modernen Wegwerfgesellschaft. Energisch hält er dem Leser den Spiegel vor, indem er ihn direkt adressiert – zum Teil sogar provoziert – und erreicht so, dass sich der Leser als Teil des Problems versteht. Jeder ist beides: Geschädigter und Mittäter. Die Tatsache, dass sich der Autor selbst einbezieht, hindert einen jedoch daran, das Buch beleidigt beiseite zu legen.
Darüber hinaus versteht Welzer es, durch die Mischung von wissenschaftlichen Fakten und privaten Anekdoten auch Leser ohne Vorkenntnisse abzuholen. Er veranschaulicht anhand bildhafter Sprache, treffender Vergleiche und eines sarkastischen Untertons, dass der Glaube, heute bereits nachhaltig zu leben, eine Illusion ist. Besonders treffendes Beispiel ist die Kaffeekapsel, die auch in ihrer Ökoversion die Umweltbilanz nicht schönen kann: »Schwupps konnte ein Produkt als umweltfreundlich gelten, das es vor kurzem noch gar nicht gab und das ausschließlich aufgrund seiner Inexistenz umweltfreundlich war«(S.27). So paradox ist sie, unsere Konsumwelt.
Nach einer Vielzahl an Augenöffnern liefert Welzer Beispiele für nachhaltiges Wirtschaften. Er motiviert den Leser, nicht länger Teil des Problems zu sein, sondern Teil der Lösung zu werden. Bestes Mittel dafür sei die Reduktion. Einfacher gesagt als getan, weiß auch der Autor: »Die emotionale Sexyness der Aufforderung ›Lasst uns weniger haben!‹ ist arg begrenzt in einer Kultur, die in jeder Faser auf Expansion geeicht ist«(S.146). Herausforderung sei es deshalb, die Haltung des »Weniger« salonfähig zu machen. Um das zu erreichen ist ein Umdenken unvermeidlich. Dazu gehöre auch, sich die Zukunft als eine »konkrete Utopie« vorzustellen. Sprich: Die Menschen sollten sich lieber ausmalen, wie ihre Zukunft aussehen soll, nicht, wie sie nicht aussehen darf.
Welzers konkrete Utopie zeigt eine Gesellschaft in der es als »cool« gilt »nur noch so viel wie nötig und so wenig wie möglich zu haben«(S.154). Und die Logik ist auf seiner Seite: »Was man nicht hat, braucht keinen Raum, […]kann nicht geklaut werden, […]braucht nicht umziehen, […]kostet nichts«(S.154). Natürlich ist dem renommiertesten Lehrmeister der Republik klar, dass man Menschen nicht durch Belehrungen motiviert, was ihn jedoch nicht an einem Versuch hindert. Immerhin bedürfe es keiner Mehrheiten, um eine Gesellschaft zu verändern, sondern »Minderheiten aus allen relevanten sozialen Schichten«(S.185). Und diesen Minderheiten sei gesagt: »[…] zunächst werden die sogenannten ›first movers‹ als Spinner betrachtet, dann als Avantgarde, dann als Vorbilder«(S.185). Das macht doch Mut. Also worauf warten wir noch? Es ist höchste Zeit für Veränderung.
Buchbesprechung
»Design hat so viel zu erforschen«
Eine Einführung in die Designtheorie und -forschung
Wer sich mit dem Thema Designforschung auseinandersetzen möchte, hat im großen Bücherregal des aktuellen Buchmarktes bisher nur eine relativ eingeschränkte Auswahl. Noch schwerer wird es, eine allgemeine Einführung zu finden. In der UTB-Lehrbuchreihe erschien im Jahr 2009 eine Einführung in die »Designtheorie und Designforschung«, geschrieben und herausgegeben von Experten aus der Disziplin: Uta Brandes, Michael Erlhoff und Nadine Schemmann. Allesamt aus der Riege der »Köln International School of Design« (KISD). Nadine Schemmann, Absolventin der KISD, ist heute als Grafikerin und Illustratorin international tätig. Uta Brandes, inzwischen emeritiert, war bis August 2015 an der KISD Professorin für Gender und Design. Michael Erlhoff, Gründungsdekan des »Kölner Fachbereich Design« (heute: KISD) war von 1991 bis 2012 Professor für Designtheorie und -geschichte. Brandes und Erlhoff veröffentlichten in ihren Fachgebieten bereits zahlreiche Werke. So ist das »Wörterbuch Design«, das Michael Erlhoff zusammen mit Tim Marshall publizierte, vermutlich vielen Designern ein Begriff.
Die Autoren kündigen bereits im Vorwort an, dass das Lehrbuch keiner starr belehrenden Funktion nachgehen soll, sondern dazu geschrieben wurde, um »auf ein Studium im Kontext von Design-Forschung und Design-Theorie[1]« (S. 8) vorzubereiten, »Intentionen und Gedanken und auch Einblicke in theoretische Streitigkeiten« (S. 8) zu vermitteln. Letztendlich soll es dazu anregen, »sich intensiver mit Design-Forschung und Design-Theorie auseinanderzusetzen« (S. 8). Den Lesern wird mit dieser Lektüre ein grober Überblick über die wichtigsten Eckpfeiler, Aspekte und Methoden der Designtheorie und -forschung verschafft.
Design und Theorie
Zum Einstieg werden die Grundbegriffe des Buchtitels zunächst in ihre einzelnen Bedeutungen zerlegt. »Theorie«, »Forschung« und »Design« werden etymologisch hergeleitet und beschrieben. Designtheorie und Designforschung unterscheidet von älteren Disziplinen, dass sie Methoden und Theorien anderer Wissenschaften aufnehmen. Deshalb werden im ersten Abschnitt des Buches, der sich mit »Design und Theorie« befasst, diejenigen Theorien beschrieben, die eng mit Gestaltung und Design verbunden sind: die Harmonie-Lehre, Ästhetik, Wahrnehmung, die Bauhaus-Lehre etc. Anschließend werden sogenannte »multidisziplinäre Theorie-Gebäude« angeführt, die für das Design »brauchbar« sein können oder es beeinflussen: die Hermeneutik, Semiotik, Rhetorik, Psychoanalyse. Ein Großteil dieser Theorien könnte den meisten Lesern bereits aus Studium oder Alltag geläufig sein. Die Autoren zeigen dabei auf, wie die Zusammenhänge innerhalb der Theorien zu verstehen sind und welche Aspekte der jeweiligen Theorie für das Design eine wichtige Rolle spielen.
Design und Forschung
Der zweite Teil des Lehrbuches befasst sich mit Designforschung. Es werden Unterscheidungen zwischen der Forschung »im«, »über«, »mit und durch Design« hervorgehoben, quantitativer von qualitativer Forschung unterschieden und die Entstehung der empirischen Forschung erläutert – eben all das, was ein Student für den Einstieg in den Bereich der Designforschung grundsätzlich wissen sollte. Im letzten Abschnitt des Teils über Designforschung wird eine alphabetische Sammlung von Designforschungsmethoden aufgeführt, die – ähnlich den Designtheorien – ursprünglich aus anderen Disziplinen stammen. Vor allem aus den Sozial- und Kulturwissenschaften habe sich die Designer einiges abgeschaut.
Von A wie Aktionsforschung über Grounded Theory und Trendforschung bis zu W wie Wicked Problems werden 30 Designforschungsmethoden beschrieben, deren Durchführung erklärt und ihre Ursprünge und Entstehung erläutert. Die Methodensammlung ist auf farblich abgehobenen Seiten gedruckt und kann somit beim Nachschlagen leichter gefunden werden.
Design-Theorie und Design-Forschung studieren
Auf den letzten Seiten des Lehrbuches befindet sich ein hilfreiches Verzeichnis von Hochschulen im deutschsprachigen Raum, die Designtheorie oder -forschung in ihrem Curriculum anbieten. Auch ein weiteres Verzeichnis von aktuellen Webadressen deutschsprachiger
Institutionen im Bereich der Designforschung ist vorhanden.
Wie bereits erwähnt wurde, ist die optische Abhebung der Designforschungsmethoden sehr nutzerfreundlich gestaltet. Die Ausführungen der Autoren sind jedoch häufig umständlich und unpräzise geschrieben. Beachtet man darüber hinaus die Zielgruppe dieses Buches – Designer, die oft großen Wert auf Ästhetik legen, und die Gestalter unter ihnen, deren Herz für Typografie schlägt –, so tragen zwar die Illustrationen jeder Doppelseite zu einer guten visuellen Unterstützung der Inhalte bei, durch diverse Schreibfehler und typografische Fauxpas allerdings könnten die Autoren bei den Lesern schnell in Ungnade fallen. Da wäre zum Beispiel ein durch den Blocksatz verursachter, viel zu geringer Wortabstand, der den Leser fast dazu zwingt, die Zeile als zusammenhängendes Wort zu sehen (z. B. S. 60, 3. Abschnitt) – und das nicht nur einmal. Eine ausgefeiltere Überschriften-Hierarchie wäre ebenfalls nützlich für eine leichtere Unterscheidung der Textrelevanz, was zwangsläufig auch zu einer besseren Orientierung im Buch führte.
Fazit
»Designtheorie und Designforschung« zeigt auf, warum ein wissenschaftlicher Ansatz des Designs längst überfällig war und welche Potentiale sich in dieser jungen Disziplin verbergen: »Das Design hat so viel zu erforschen – und darin, so müssen wir festhalten, auch viel nachzuholen.« (S. 192) Völlig ohne Vorkenntnisse ist dieses Buch allerdings schwer zu lesen, da Einsteiger durch die abstrakten Ausführungen der Autoren in Verbindung mit dem komplizierten Schreibstil schnell überfordert werden können. Ein klarer und einfacher Schreibstil wäre für eine Neuauflage also sehr wünschenswert und würde vor allem der Zielgruppe junger Designstudenten entsprechen.










