Buchbesprechung

»Ich sieze nur Menschen, die ich nicht mag«

Johannes Erlers visuelle Biografie über Erik Spiekermann

Eine Rezension von Didem Gezginci


Durch ein­ge­stanz­te Löcher im neon­far­bi­gen Umschlag die­ses wuch­ti­gen Buches blickt Erik Spie­ker­mann den Leser an. Und auch im Buch­in­ne­ren wird’s gleich per­sön­lich: »Hal­lo, ich bin Erik! Wir duzen uns doch? Ich sie­ze nur Men­schen, die ich nicht mag.« (S. 4) Erler zitiert den berühm­ten Typo­gra­fen und Gestal­ter und bringt den Leser auf Augen­hö­he. Die­se typi­sche »Spie­ker­mann-Begrü­ßung« ver­leiht der Bio­gra­fie ihren Titel, und ihr locke­rer Umgangs­ton führt wie ein roter Faden durch das gesam­te Werk. Johan­nes Erler nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in die »ganz spe­zi­el­le Spie­ker­mann-Welt« (ebd.): sei­ne Kind­heit und Jugend, sei­ne per­sön­li­chen Höhen und Tie­fen, sei­ne bis­he­ri­gen Auf­trä­ge und zukünf­ti­ge Pro­jek­te.

Eine Beson­der­heit des größ­ten Kapi­tels »Werk­schau« ist die emo­tio­na­le Dar­stel­lung der Ent­ste­hungs­ge­schich­ten von Spie­ker­manns Wer­ken. Gezeigt wer­den zum Bei­spiel ers­te Skiz­zen einer Schrift, hand­schrift­li­che Kor­rek­tu­ren und Details der Schrift. Der Leser erfährt, in wel­cher Bezie­hung Spie­ker­mann zu sei­nen Schrif­ten steht: »Schau dir mal das klei­ne a der ›FF Meta Bold‹ und ›Black‹ an. Ist das nicht nied­lich? Es sieht aus, als wenn es mit dickem Bauch da sitzt und sagt: ›Ich bin das klei­ne, dicke a und habe zuviel geges­sen.‹« (S. 152) Die Geschich­ten wer­den durch per­sön­li­che Anek­do­ten von Kol­le­gen und Part­nern ver­stärkt. Nevil­le Bro­dy bezeich­net Spie­ker­mann als »gro­ßen Bru­der«, der ihn auch mal wäh­rend einer Live-Über­tra­gung zurecht­weist, als Bro­dy behaup­tet, Ker­ning sei nicht wei­ter wich­tig für die All­ge­mein­heit. Für Andrej Kupetz ist Spie­ker­mann der »letz­te wah­re Huma­nist« (S. 199). Spie­ker­manns Lei­den­schaft, Men­schen auf­klä­ren zu wol­len, wirkt sich in stän­di­gem Ver­mit­teln aus. Die­se Lei­den­schaft des Ver­mit­telns sieht Kupetz als Antrieb für Spie­ker­manns Erfolg (ebd.). Wal­ly Olins ver­an­schau­licht die Spra­che Spie­ker­manns: »Sei­ne per­fek­te eng­li­sche Umgangs­spra­che, kom­bi­niert mit einem star­ken deut­schen Akzent und einer kraft­voll-direk­ten, um nicht zu sagen, aggres­si­ven Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on, ist wit­zig, ein­ma­lig, unver­gess­lich.« (S. 47) Der Leser bekommt das Gefühl, Erik Spie­ker­mann bereits zu ken­nen.

Der Autor nennt die wich­tigs­ten Inspi­ra­ti­ons­quel­len Spie­ker­manns und lei­tet dar­aus die Grün­de sei­nes Erfolgs ab: »Den Wil­len zur Moder­ni­tät eines Her­bert Bay­er, die Sys­te­ma­ti­ken und Regeln des Jan Tschi­chold, den Unge­hor­sam von Wil­ly Fleck­haus und das Sen­dungs­be­wusst­sein Otl Aichers.« (S. 5) Dar­über hin­aus habe Spie­ker­mann sei­ne eige­ne Her­an­ge­hens­wei­se an Auf­trä­ge: Zuerst stellt er sich vor, wie er über den Inhalt des Auf­trags spricht oder ihn jeman­dem erklärt. Die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on nimmt er als Aus­gangs­punkt für die Schrift­ge­stal­tung. Die Schrift die­ne als Grund­la­ge für das Gestal­tungs­sys­tem, das letzt­end­lich zum Pro­dukt füh­re (ebd.). »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign ist die Gestal­tung von Kom­mu­ni­ka­ti­on. Infor­ma­ti­ons­sys­te­me ent­wi­ckelt man, um zu infor­mie­ren, nicht, um ande­ren zu gefal­len. Was nicht bedeu­tet, dass sie nicht trotz­dem gut aus­se­hen soll­ten. […] Kom­mu­ni­ka­ti­on wird Schrift wird Design.« (S. 4)

Auf über 300 Sei­ten ver­sam­meln sich zahl­rei­che Gast­bei­trä­ge, Inter­views, Bil­der aus Foto­al­ben und eine umfang­rei­che Doku­men­ta­ti­on der wich­tigs­ten Arbei­ten von Erik Spie­ker­mann. Das Buch kann gele­sen wer­den, um einen Ein­druck von Spie­ker­manns Per­sön­lich­keit zu erhal­ten oder um alle sei­ne wich­ti­gen Arbei­ten chro­no­lo­gisch zu betrach­ten. Man sieht, wel­che Erfah­run­gen sei­ne Arbei­ten präg­ten und erhält immer wie­der Insi­der­wis­sen. Wer hat gewusst, war­um Spie­ker­mann in sei­ner Kind­heit nur mit roter Far­be druck­te? Und dass er eigent­lich Hans-Erich Spie­ker­mann hieß? Wer weni­ger Details erfah­ren will, kann die visu­el­le Bio­gra­fie auch nur als »Bil­der­buch« lesen, da die Bild­un­ter­schrif­ten die wich­tigs­ten Infor­ma­tio­nen und Zusam­men­hän­ge ver­ständ­lich zusam­men­fas­sen.

Wer in die­ser Bio­gra­fie ratio­na­le Infor­ma­tio­nen sucht, wird ent­täuscht. Leser dage­gen, die Erik Spie­ker­mann ken­nen­ler­nen möch­ten und sich ger­ne emo­tio­nal berie­seln las­sen, wer­den in »Hal­lo, ich bin Erik« eine amü­san­te Lek­tü­re fin­den.


»Sprache für die Form«, Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016